Kriegszeitungen aus dem Besitz von Carl Popp, item 53
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6. daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
* * *
Kriegswirtschaftsfragen im Reichshaushaltsausschuß.
Eigener Drahtbericht des Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 2. Nov. 1916.
Hinsichtlich der Kriegerfamilien-Unterstützung for-
derte ein sozialdemokratischer Antrag: die Unterstützung solle mi-
destens betragen a. für die Ehefrau 20 M., b. für jedes Kind unter
15 Jahren monatlich 10 M. Die Gemeinde solle mindestens 50
Prozent Zuschlag zahlen. Ferner fordern die Antragsteller einen
Gesetzentwurf, der die Gewährung von Renten für Kriegsteilnehmer
und Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern vorsieht. Bis zur ge-
setzlichen Regelung sollten aus dem allgemeinen Pensionsfonds
freiwililge Zuwendungen unter Berücksichtigung des Arbeitsein-
kommens gewährt werden.
Ein Fortschrittler äußerte gegen Einzelheiten dieses An-
trages Bedenken, da sie zu weit gingen. Ministerialdirektor Dr.
Bewald erklärte, die Erwägungen des Bundesrates über die
Frage seien noch nicht abgeschlossen. In den bisherigen Verhand-
lungen sei allerdings der Gedanke vorherrschend gewesen, die
bisherigen Leistungen seien ausreichend. Die finanzielle Wirkung
des Antrages solle man nicht übersehen. Er würde eine Steige-
rung der Kosten um ein Viertel von 139 auf 168 Milli-
onen M. monatlich zur Folge haben. Den Gemeinden solle
vom Reiche ein Viertel ihrer Vorschuß-Leistungen - rund 500
Millionen M. - erstattet werden. Ferner solle die freiwillige
Kriegswohlfahrtspflege der Gemeinden aus Reichsmitteln mehr
unterstützt werden. Die Aufwendungen für diese sollen auf 30
Millionen M. monatlich erhöht werden, damit auf diesem Wege
das Ziel erreicht werden könne.
Zwei Zentrumsredner traten mit Entschiedenheit für
die beantragte Erhöhung der Unterstützungen
ein. Der Reichstag würde nicht auseinander gehen, bevor die Re-
gierung nicht eine zustimmende Erklärung abgegeben habe. Der
Geldwert sei erheblich gesunken, die Not vielfach groß. Eine Ab-
lehnung der Regierung würde unverantwortlich sein, sehr bedauer-
lich sei schon, daß sie nicht die Initiative ergriffen habe. Eine
generelle Regelung der Gemeinde-Zuschüsse auf mindestens
50 Prozent würde zu schablonenhaft sein. allein eine strenge Vor-
schrift für die Gemeinden sei eine absoluten Notwendigkeit.
Der Antrag betr. Zuschüsse an Kriegsverletzte und Hinter-
bliebene von Gefallenen wurde angenommen. General von
Vangerman erklärte in bezug auf die letzte Frage: Diese
Zuschüsse würden bereits gewährt. Die Berechnung sei folgende:
Es wird das Friedens- und das gegenwärtige Einkommen des
Kriegsverletzten festgestellt und die Differenz zu einem Drittel
ersetzt.
Ministerialdirektor Dr. Lewald erklärte dazu, eine Prüfung
sei im Gange. Eine Erhöhung der Reichsunterstützung könne leicht
eine Ermäßigung der Zuschüsse der Gemeinden und Lieferungs-
Verbände zur Folge haben. Beschäftigung und Verdienst der
Kriegerfrauen steigere sich. Daher müsse individuell vorgegangen
werden. In Frankreich seien bis Mai dieses Jahres schon von
4 950 000 Unterstützungs-Anträgen 900 000 abgelehnt worden.
Frankreich gebe rund 190 000 000 Frs. monatlich für die Unter-
stützung aus, dabei fielen aber Gemeinde-Zuschüsse fort. Die ganze
Angelegenheit werde nach Annahme der Anträge weiter geprüft
werden. Vom Zentrum der Deutschen Fraktion und den Natio-
nalliberalen wurde noch empfohlen, an Stelle des Gesetzesentwurfs
den Weg der Resolution zu wählen. Sie legten folgenden Re-
solutionsantrag vor, der eine große Mehrheit fand:
Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, im Bundesrat eine
Aenderung des Gesetzes über die Unterstützungen
von Familien in den Dienst eingetretener Mann-
schaften vom 28. Februar bis 4. August 1914 in der Fassung
des Gesetzes vom 30. September 1914 und 21. Januar 1915 dahin
herbeizuführen
1. daß im § 5 vom 1. November 1916 ab die Unterstützung für
die Ehefrau auf 20 M., für jedes Kind unter 15 Jahren, sowie
für jede der im § 2 Absatz 1 bezeichneten Personen auf 10 M.
monatlich festgesetzt wird,
2. daß eine Bestimmung in das Gesetz aufgenommen wird, nach
der die Gemeinden und Gemeindeverbände verpflichtet
werden, aus ihren Mitteln Zuschläge zu diesen Unterstützungen bis
zur Behebung der Bedürftigkeit zu gewähren, und daß sie zur Er-
füllung dieser Verpflichtung durch die Aufsichtsbehörde angehalten
werden.
Zur Frage der Kriegsteuerungszulagen für Reichs-
beamte, Arbeiter und Erwerbslose wurde folgende ge-
meinschaftliche Resolution aller Parteien einstimmig angenommen:
Den Reichskanzler zu ersuchen,
1. den Reichsbeamten, einschließlich der nicht etatsmäßig
angestellten, ständig gegen Entgelt beschäftigten Beamten und Be-
amtinnen, jedoch mit Ausschluß der nach den Kriegsbesoldungsvor-
schriften mit besonderen Zulagen bedachten Beamten des Reichs-
heeres und der Kaiserlichen Marine, soweit ihr Jahresgehalt das
Meistgehalt der Klassen 41- 43d der Besoldungsordnung nicht über-
steigt, sowie den in den Reichsbetrieben beschäftigten Angestellten
und Arbeitern, deren Einkommen während des Krieges keine we-
sentliche Erhöhung erfahren hat, einmalige Kriegsteuerungszulagen
bis zur Höhe eines Monatsgehaltes bzw. Montaslohnes zu ge-
währen;
2. den Ruhegehaltsempfängern und den Hinter-
bliebenen von Reichsbeamten einmalige Kriegsteuerungs-
zulagen nach Maßgabe ihrer wirtschaftlichen Bedürftigkeit, die
tunlichst unter Zugrundelegung ihres steuerlich festgesetzten Ein-
kommens zu ermitteln ist, zu bewilligen;
3. Die Familienunterstützung der Kriegsteilnehmer,
sowie die Unterstützung an Erwerbslose den Bezugsberechtigten im
Monat Dezember 1916 in doppelter Höhe aus Reichsmitteln zu
gewähren.
4. Spalte
Verwundete und Gefangene.
Schwerverwundetenaustausch.
WTB Konstanz, 2. Nov. 1916. (Drahtber.) Am 20. November
wird der Austausch Schwerverwundeter zwischen Deutschland und
Frankreich wieder aufgenommen. Zugleich sollen zu dieser Zeit
erholungsbedürftige Offiziere und Soldaten von Frankreich, England
und Deutschland als Internierte nach der Schweiz kommen, die
von der schweizerischen Aerztekommission untersucht werden. Ein-
sollen diesmal auch österreichische Zivilinternierte inFrankreich
, falls diese noch rechtzeitig von der schweizerischenAerztekommission zu erreichen sind. Frankreich hat seine Zustim-
mung dazu gegeben.
Die Gefangenen in Sibirien.
WTB Hamburg, 2. Nov. 1916 (Drahtber.) Vor einigen Tagen
ging durch die Presse eine Notiz der Basler Nachrichten, daß
die letzten Rücktransporte deutscher Kriegsgefangener aus Sibirien
gegenwärtig stattfinden, und daß im November kein Kriegs-
gefangener mehr in Sibirien sein würde. Der Ausschuß für
deutsche Kriegsgefangene des Hamburgischen Vereins vom Roten
Kreuz teilt hierzu mit, daß nach seinem Erachten diese Nachricht
nicht den Tatsachen entspricht, da sowohl Mitteilungen von Ge-
fangenen selbst als auch sonstige aus Rußland eintreffende Be-
richte sie als höchst unwahrscheinlich hinstellten.
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Inserate nicht transkribiert
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
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Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6. daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
* * *
Kriegswirtschaftsfragen im Reichshaushaltsausschuß.
Eigener Drahtbericht des Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 2. Nov. 1916.
Hinsichtlich der Kriegerfamilien-Unterstützung for-
derte ein sozialdemokratischer Antrag: die Unterstützung solle mi-
destens betragen a. für die Ehefrau 20 M., b. für jedes Kind unter
15 Jahren monatlich 10 M. Die Gemeinde solle mindestens 50
Prozent Zuschlag zahlen. Ferner fordern die Antragsteller einen
Gesetzentwurf, der die Gewährung von Renten für Kriegsteilnehmer
und Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern vorsieht. Bis zur ge-
setzlichen Regelung sollten aus dem allgemeinen Pensionsfonds
freiwililge Zuwendungen unter Berücksichtigung des Arbeitsein-
kommens gewährt werden.
Ein Fortschrittler äußerte gegen Einzelheiten dieses An-
trages Bedenken, da sie zu weit gingen. Ministerialdirektor Dr.
Bewald erklärte, die Erwägungen des Bundesrates über die
Frage seien noch nicht abgeschlossen. In den bisherigen Verhand-
lungen sei allerdings der Gedanke vorherrschend gewesen, die
bisherigen Leistungen seien ausreichend. Die finanzielle Wirkung
des Antrages solle man nicht übersehen. Er würde eine Steige-
rung der Kosten um ein Viertel von 139 auf 168 Milli-
onen M. monatlich zur Folge haben. Den Gemeinden solle
vom Reiche ein Viertel ihrer Vorschuß-Leistungen - rund 500
Millionen M. - erstattet werden. Ferner solle die freiwillige
Kriegswohlfahrtspflege der Gemeinden aus Reichsmitteln mehr
unterstützt werden. Die Aufwendungen für diese sollen auf 30
Millionen M. monatlich erhöht werden, damit auf diesem Wege
das Ziel erreicht werden könne.
Zwei Zentrumsredner traten mit Entschiedenheit für
die beantragte Erhöhung der Unterstützungen
ein. Der Reichstag würde nicht auseinander gehen, bevor die Re-
gierung nicht eine zustimmende Erklärung abgegeben habe. Der
Geldwert sei erheblich gesunken, die Not vielfach groß. Eine Ab-
lehnung der Regierung würde unverantwortlich sein, sehr bedauer-
lich sei schon, daß sie nicht die Initiative ergriffen habe. Eine
generelle Regelung der Gemeinde-Zuschüsse auf mindestens
50 Prozent würde zu schablonenhaft sein. allein eine strenge Vor-
schrift für die Gemeinden sei eine absoluten Notwendigkeit.
Der Antrag betr. Zuschüsse an Kriegsverletzte und Hinter-
bliebene von Gefallenen wurde angenommen. General von
Vangerman erklärte in bezug auf die letzte Frage: Diese
Zuschüsse würden bereits gewährt. Die Berechnung sei folgende:
Es wird das Friedens- und das gegenwärtige Einkommen des
Kriegsverletzten festgestellt und die Differenz zu einem Drittel
ersetzt.
Ministerialdirektor Dr. Lewald erklärte dazu, eine Prüfung
sei im Gange. Eine Erhöhung der Reichsunterstützung könne leicht
eine Ermäßigung der Zuschüsse der Gemeinden und Lieferungs-
Verbände zur Folge haben. Beschäftigung und Verdienst der
Kriegerfrauen steigere sich. Daher müsse individuell vorgegangen
werden. In Frankreich seien bis Mai dieses Jahres schon von
4 950 000 Unterstützungs-Anträgen 900 000 abgelehnt worden.
Frankreich gebe rund 190 000 000 Frs. monatlich für die Unter-
stützung aus, dabei fielen aber Gemeinde-Zuschüsse fort. Die ganze
Angelegenheit werde nach Annahme der Anträge weiter geprüft
werden. Vom Zentrum der Deutschen Fraktion und den Natio-
nalliberalen wurde noch empfohlen, an Stelle des Gesetzesentwurfs
den Weg der Resolution zu wählen. Sie legten folgenden Re-
solutionsantrag vor, der eine große Mehrheit fand:
Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, im Bundesrat eine
Aenderung des Gesetzes über die Unterstützungen
von Familien in den Dienst eingetretener Mann-
schaften vom 28. Februar bis 4. August 1914 in der Fassung
des Gesetzes vom 30. September 1914 und 21. Januar 1915 dahin
herbeizuführen
1. daß im § 5 vom 1. November 1916 ab die Unterstützung für
die Ehefrau auf 20 M., für jedes Kind unter 15 Jahren, sowie
für jede der im § 2 Absatz 1 bezeichneten Personen auf 10 M.
monatlich festgesetzt wird,
2. daß eine Bestimmung in das Gesetz aufgenommen wird, nach
der die Gemeinden und Gemeindeverbände verpflichtet
werden, aus ihren Mitteln Zuschläge zu diesen Unterstützungen bis
zur Behebung der Bedürftigkeit zu gewähren, und daß sie zur Er-
füllung dieser Verpflichtung durch die Aufsichtsbehörde angehalten
werden.
Zur Frage der Kriegsteuerungszulagen für Reichs-
beamte, Arbeiter und Erwerbslose wurde folgende ge-
meinschaftliche Resolution aller Parteien einstimmig angenommen:
Den Reichskanzler zu ersuchen,
1. den Reichsbeamten, einschließlich der nicht etatsmäßig
angestellten, ständig gegen Entgelt beschäftigten Beamten und Be-
amtinnen, jedoch mit Ausschluß der nach den Kriegsbesoldungsvor-
schriften mit besonderen Zulagen bedachten Beamten des Reichs-
heeres und der Kaiserlichen Marine, soweit ihr Jahresgehalt das
Meistgehalt der Klassen 41- 43d der Besoldungsordnung nicht über-
steigt, sowie den in den Reichsbetrieben beschäftigten Angestellten
und Arbeitern, deren Einkommen während des Krieges keine we-
sentliche Erhöhung erfahren hat, einmalige Kriegsteuerungszulagen
bis zur Höhe eines Monatsgehaltes bzw. Montaslohnes zu ge-
währen;
2. den Ruhegehaltsempfängern und den Hinter-
bliebenen von Reichsbeamten einmalige Kriegsteuerungs-
zulagen nach Maßgabe ihrer wirtschaftlichen Bedürftigkeit, die
tunlichst unter Zugrundelegung ihres steuerlich festgesetzten Ein-
kommens zu ermitteln ist, zu bewilligen;
3. Die Familienunterstützung der Kriegsteilnehmer,
sowie die Unterstützung an Erwerbslose den Bezugsberechtigten im
Monat Dezember 1916 in doppelter Höhe aus Reichsmitteln zu
gewähren.
4. Spalte
Verwundete und Gefangene.
Schwerverwundetenaustausch.
WTB Konstanz, 2. Nov. 1916. (Drahtber.) Am 20. November
wird der Austausch Schwerverwundeter zwischen Deutschland und
Frankreich wieder aufgenommen. Zugleich sollen zu dieser Zeit
erholungsbedürftige Offiziere und Soldaten von Frankreich, England
und Deutschland als Internierte nach der Schweiz kommen, die
von der schweizerischen Aerztekommission untersucht werden. Ein-
sollen diesmal auch österreichische Zivilinternierte inFrankreich
, falls diese noch rechtzeitig von der schweizerischenAerztekommission zu erreichen sind. Frankreich hat seine Zustim-
mung dazu gegeben.
Die Gefangenen in Sibirien.
WTB Hamburg, 2. Nov. 1916 (Drahtber.) Vor einigen Tagen
ging durch die Presse eine Notiz der Basler Nachrichten, daß
die letzten Rücktransporte deutscher Kriegsgefangener aus Sibirien
gegenwärtig stattfinden, und daß im November kein Kriegs-
gefangener mehr in Sibirien sein würde. Der Ausschuß für
deutsche Kriegsgefangene des Hamburgischen Vereins vom Roten
Kreuz teilt hierzu mit, daß nach seinem Erachten diese Nachricht
nicht den Tatsachen entspricht, da sowohl Mitteilungen von Ge-
fangenen selbst als auch sonstige aus Rußland eintreffende Be-
richte sie als höchst unwahrscheinlich hinstellten.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6. daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
* * *
Kriegswirtschaftsfragen im Reichshaushaltsausschuß.
Eigener Drahtbericht des Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 2. Nov. 1916.
Hinsichtlich der Kriegerfamilien-Unterstützung for-
derte ein sozialdemokratischer Antrag: die Unterstützung solle mi-
destens betragen a. für die Ehefrau 20 M., b. für jedes Kind unter
15 Jahren monatlich 10 M. Die Gemeinde solle mindestens 50
Prozent Zuschlag zahlen. Ferner fordern die Antragsteller einen
Gesetzentwurf, der die Gewährung von Renten für Kriegsteilnehmer
und Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern vorsieht. Bis zur ge-
setzlichen Regelung sollten aus dem allgemeinen Pensionsfonds
freiwililge Zuwendungen unter Berücksichtigung des Arbeitsein-
kommens gewährt werden.
Ein Fortschrittler äußerte gegen Einzelheiten dieses An-
trages Bedenken, da sie zu weit gingen. Ministerialdirektor Dr.
Bewald erklärte, die Erwägungen des Bundesrates über die
Frage seien noch nicht abgeschlossen. In den bisherigen Verhand-
lungen sei allerdings der Gedanke vorherrschend gewesen, die
bisherigen Leistungen seien ausreichend. Die finanzielle Wirkung
des Antrages solle man nicht übersehen. Er würde eine Steige-
rung der Kosten um ein Viertel von 139 auf 168 Milli-
onen M. monatlich zur Folge haben. Den Gemeinden solle
vom Reiche ein Viertel ihrer Vorschuß-Leistungen - rund 500
Millionen M. - erstattet werden. Ferner solle die freiwillige
Kriegswohlfahrtspflege der Gemeinden aus Reichsmitteln mehr
unterstützt werden. Die Aufwendungen für diese sollen auf 30
Millionen M. monatlich erhöht werden, damit auf diesem Wege
das Ziel erreicht werden könne.
Zwei Zentrumsredner traten mit Entschiedenheit für
die beantragte Erhöhung der Unterstützungen
ein. Der Reichstag würde nicht auseinander gehen, bevor die Re-
gierung nicht eine zustimmende Erklärung abgegeben habe. Der
Geldwert sei erheblich gesunken, die Not vielfach groß. Eine Ab-
lehnung der Regierung würde unverantwortlich sein, sehr bedauer-
lich sei schon, daß sie nicht die Initiative ergriffen habe. Eine
generelle Regelung der Gemeinde-Zuschüsse auf mindestens
50 Prozent würde zu schablonenhaft sein. allein eine strenge Vor-
schrift für die Gemeinden sei eine absoluten Notwendigkeit.
Der Antrag betr. Zuschüsse an Kriegsverletzte und Hinter-
bliebene von Gefallenen wurde angenommen. General von
Vangerman erklärte in bezug auf die letzte Frage: Diese
Zuschüsse würden bereits gewährt. Die Berechnung sei folgende:
Es wird das Friedens- und das gegenwärtige Einkommen des
Kriegsverletzten festgestellt und die Differenz zu einem Drittel
ersetzt.
Ministerialdirektor Dr. Lewald erklärte dazu, eine Prüfung
sei im Gange. Eine Erhöhung der Reichsunterstützung könne leicht
eine Ermäßigung der Zuschüsse der Gemeinden und Lieferungs-
Verbände zur Folge haben. Beschäftigung und Verdienst der
Kriegerfrauen steigere sich. Daher müsse individuell vorgegangen
werden. In Frankreich seien bis Mai dieses Jahres schon von
4 950 000 Unterstützungs-Anträgen 900 000 abgelehnt worden.
Frankreich gebe rund 190 000 000 Frs. monatlich für die Unter-
stützung aus, dabei fielen aber Gemeinde-Zuschüsse fort. Die ganze
Angelegenheit werde nach Annahme der Anträge weiter geprüft
werden. Vom Zentrum der Deutschen Fraktion und den Natio-
nalliberalen wurde noch empfohlen, an Stelle des Gesetzesentwurfs
den Weg der Resolution zu wählen. Sie legten folgenden Re-
solutionsantrag vor, der eine große Mehrheit fand:
Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, im Bundesrat eine
Aenderung des Gesetzes über die Unterstützungen
von Familien in den Dienst eingetretener Mann-
schaften vom 28. Februar bis 4. August 1914 in der Fassung
des Gesetzes vom 30. September 1914 und 21. Januar 1915 dahin
herbeizuführen
1. daß im § 5 vom 1. November 1916 ab die Unterstützung für
die Ehefrau auf 20 M., für jedes Kind unter 15 Jahren, sowie
für jede der im § 2 Absatz 1 bezeichneten Personen auf 10 M.
monatlich festgesetzt wird,
2. daß eine Bestimmung in das Gesetz aufgenommen wird, nach
der die Gemeinden und Gemeindeverbände verpflichtet
werden, aus ihren Mitteln Zuschläge zu diesen Unterstützungen bis
zur Behebung der Bedürftigkeit zu gewähren, und daß sie zur Er-
füllung dieser Verpflichtung durch die Aufsichtsbehörde angehalten
werden.
Zur Frage der Kriegsteuerungszulagen für Reichs-
beamte, Arbeiter und Erwerbslose wurde folgende ge-
meinschaftliche Resolution aller Parteien einstimmig angenommen:
Den Reichskanzler zu ersuchen,
1. den Reichsbeamten, einschließlich der nicht etatsmäßig
angestellten, ständig gegen Entgelt beschäftigten Beamten und Be-
amtinnen, jedoch mit Ausschluß der nach den Kriegsbesoldungsvor-
schriften mit besonderen Zulagen bedachten Beamten des Reichs-
heeres und der Kaiserlichen Marine, soweit ihr Jahresgehalt das
Meistgehalt der Klassen 41- 43d der Besoldungsordnung nicht über-
steigt, sowie den in den Reichsbetrieben beschäftigten Angestellten
und Arbeitern, deren Einkommen während des Krieges keine we-
sentliche Erhöhung erfahren hat, einmalige Kriegsteuerungszulagen
bis zur Höhe eines Monatsgehaltes bzw. Montaslohnes zu ge-
währen;
2. den Ruhegehaltsempfängern und den Hinter-
bliebenen von Reichsbeamten einmalige Kriegsteuerungs-
zulagen nach Maßgabe ihrer wirtschaftlichen Bedürftigkeit, die
tunlichst unter Zugrundelegung ihres steuerlich festgesetzten Ein-
kommens zu ermitteln ist, zu bewilligen;
3. Die Familienunterstützung der Kriegsteilnehmer,
sowie die Unterstützung an Erwerbslose den Bezugsberechtigten im
Monat Dezember 1916 in doppelter Höhe aus Reichsmitteln zu
gewähren.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6. daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
* * *
Kriegswirtschaftsfragen im Reichshaushaltsausschuß.
Eigener Drahtbericht des Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 2. Nov. 1916.
Hinsichtlich der Kriegerfamilien-Unterstützung for-
derte ein sozialdemokratischer Antrag: die Unterstützung solle mi-
destens betragen a. für die Ehefrau 20 M., b. für jedes Kind unter
15 Jahren monatlich 10 M. Die Gemeinde solle mindestens 50
Prozent Zuschlag zahlen. Ferner fordern die Antragsteller einen
Gesetzentwurf, der die Gewährung von Renten für Kriegsteilnehmer
und Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern vorsieht. Bis zur ge-
setzlichen Regelung sollten aus dem allgemeinen Pensionsfonds
freiwililge Zuwendungen unter Berücksichtigung des Arbeitsein-
kommens gewährt werden.
Ein Fortschrittler äußerte gegen Einzelheiten dieses An-
trages Bedenken, da sie zu weit gingen. Ministerialdirektor Dr.
Bewald erklärte, die Erwägungen des Bundesrates über die
Frage seien noch nicht abgeschlossen. In den bisherigen Verhand-
lungen sei allerdings der Gedanke vorherrschend gewesen, die
bisherigen Leistungen seien ausreichend. Die finanzielle Wirkung
des Antrages solle man nicht übersehen. Er würde eine Steige-
rung der Kosten um ein Viertel von 139 auf 168 Milli-
onen M. monatlich zur Folge haben. Den Gemeinden solle
vom Reiche ein Viertel ihrer Vorschuß-Leistungen - rund 500
Millionen M. - erstattet werden. Ferner solle die freiwillige
Kriegswohlfahrtspflege der Gemeinden aus Reichsmitteln mehr
unterstützt werden. Die Aufwendungen für diese sollen auf 30
Millionen M. monatlich erhöht werden, damit auf diesem Wege
das Ziel erreicht werden könne.
Zwei Zentrumsredner traten mit Entschiedenheit für
die beantragte Erhöhung der Unterstützungen
ein. Der Reichstag würde nicht auseinander gehen, bevor die Re-
gierung nicht eine zustimmende Erklärung abgegeben habe. Der
Geldwert sei erheblich gesunken, die Not vielfach groß. Eine Ab-
lehnung der Regierung würde unverantwortlich sein, sehr bedauer-
lich sei schon, daß sie nicht die Initiative ergriffen habe. Eine
generelle Regelung der Gemeinde-Zuschüsse auf mindestens
50 Prozent würde zu schablonenhaft sein. allein eine strenge Vor-
schrift für die Gemeinden sei eine absoluten Notwendigkeit.
Der Antrag betr. Zuschüsse an Kriegsverletzte und Hinter-
bliebene von Gefallenen wurde angenommen. General von
Vangerman erklärte in bezug auf die letzte Frage: Diese
Zuschüsse würden bereits gewährt. Die Berechnung sei folgende:
Es wird das Friedens- und das gegenwärtige Einkommen des
Kriegsverletzten festgestellt und die Differenz zu einem Drittel
ersetzt.
Ministerialdirektor Dr. Lewald erklärte dazu, eine Prüfung
sei im Gange. Eine Erhöhung der Reichsunterstützung könne leicht
eine Ermäßigung der Zuschüsse der Gemeinden und Lieferungs-
Verbände zur Folge haben. Beschäftigung und Verdienst der
Kriegerfrauen steigere sich. Daher müsse individuell vorgegangen
werden. In Frankreich seien bis Mai dieses Jahres schon von
4 950 000 Unterstützungs-Anträgen 900 000 abgelehnt worden.
Frankreich gebe rund 190 000 000 Frs. monatlich für die Unter-
stützung aus, dabei fielen aber Gemeinde-Zuschüsse fort. Die ganze
Angelegenheit werde nach Annahme der Anträge weiter geprüft
werden. Vom Zentrum der Deutschen Fraktion und den Natio-
nalliberalen wurde noch empfohlen, an Stelle des Gesetzesentwurfs
den Weg der Resolution zu wählen. Sie legten folgenden Re-
solutionsantrag vor, der eine große Mehrheit fand:
Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, im Bundesrat eine
Aenderung des Gesetzes über die Unterstützungen
von Familien in den Dienst eingetretener Mann-
schaften vom 28. Februar bis 4. August 1914 in der Fassung
des Gesetzes vom 30. September 1914 und 21. Januar 1915 dahin
herbeizuführen
1. daß im § 5 vom 1. November 1916 ab die Unterstützung für
die Ehefrau auf 20 M., für jedes Kind unter 15 Jahren, sowie
für jede der im § 2 Absatz 1 bezeichneten Personen auf 10 M.
monatlich festgesetzt wird,
2. daß eine Bestimmung in das Gesetz aufgenommen wird, nach
der die Gemeinden und Gemeindeverbände verpflichtet
werden, aus ihren Mitteln Zuschläge zu diesen Unterstützungen bis
zur Behebung der Bedürftigkeit zu gewähren, und daß sie zur Er-
füllung dieser Verpflichtung durch die Aufsichtsbehörde angehalten
werden.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6. daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
* * *
Kriegswirtschaftsfragen im Reichshaushaltsausschuß.
Eigener Drahtbericht des Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 2. Nov. 1916.
Hinsichtlich der Kriegerfamilien-Unterstützung for-
derte ein sozialdemokratischer Antrag: die Unterstützung solle mi-
destens betragen a. für die Ehefrau 20 M., b. für jedes Kind unter
15 Jahren monatlich 10 M. Die Gemeinde solle mindestens 50
Prozent Zuschlag zahlen. Ferner fordern die Antragsteller einen
Gesetzentwurf, der die Gewährung von Renten für Kriegsteilnehmer
und Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern vorsieht. Bis zur ge-
setzlichen Regelung sollten aus dem allgemeinen Pensionsfonds
freiwililge Zuwendungen unter Berücksichtigung des Arbeitsein-
kommens gewährt werden.
Ein Fortschrittler äußerte gegen Einzelheiten dieses An-
trages Bedenken, da sie zu weit gingen. Ministerialdirektor Dr.
Bewald erklärte, die Erwägungen des Bundesrates über die
Frage seien noch nicht abgeschlossen. In den bisherigen Verhand-
lungen sei allerdings der Gedanke vorherrschend gewesen, die
bisherigen Leistungen seien ausreichend. Die finanzielle Wirkung
des Antrages solle man nicht übersehen. Er würde eine Steige-
rung der Kosten um ein Viertel von 139 auf 168 Milli-
onen M. monatlich zur Folge haben. Den Gemeinden solle
vom Reiche ein Viertel ihrer Vorschuß-Leistungen - rund 500
Millionen M. - erstattet werden. Ferner solle die freiwillige
Kriegswohlfahrtspflege der Gemeinden aus Reichsmitteln mehr
unterstützt werden. Die Aufwendungen für diese sollen auf 30
Millionen M. monatlich erhöht werden, damit auf diesem Wege
das Ziel erreicht werden könne.
Zwei Zentrumsredner traten mit Entschiedenheit für
die beantragte Erhöhung der Unterstützungen
ein. Der Reichstag würde nicht auseinander gehen, bevor die Re-
gierung nicht eine zustimmende Erklärung abgegeben habe. Der
Geldwert sei erheblich gesunken, die Not vielfach groß. Eine Ab-
lehnung der Regierung würde unverantwortlich sein, sehr bedauer-
lich sei schon, daß sie nicht die Initiative ergriffen habe. Eine
generelle Regelung der Gemeinde-Zuschüsse auf mindestens
50 Prozent würde zu schablonenhaft sein. allein eine strenge Vor-
schrift für die Gemeinden sei eine absoluten Notwendigkeit.
Der Antrag betr. Zuschüsse an Kriegsverletzte und Hinter-
bliebene von Gefallenen wurde angenommen. General von
Vangerman erklärte in bezug auf die letzte Frage: Diese
Zuschüsse würden bereits gewährt. Die Berechnung sei folgende:
Es wird das Friedens- und das gegenwärtige Einkommen des
Kriegsverletzten festgestellt und die Differenz zu einem Drittel
ersetzt.
Ministerialdirektor Dr. Lewald erklärte dazu, eine Prüfung
sei im Gange. Eine Erhöhung der Reichsunterstützung könne leicht
eine Ermäßigung der Zuschüsse der Gemeinden und Lieferungs-
Verbände zur Folge haben. Beschäftigung und Verdienst der
Kriegerfrauen steigere sich. Daher müsse individuell vorgegangen
werden. In Frankreich seien bis Mai dieses Jahres schon von
4 950 000 Unterstützungs-Anträgen 900 000 abgelehnt worden.
Frankreich gebe rund 190 000 000 Frs. monatlich für die Unter-
stützung aus, dabei fielen aber Gemeinde-Zuschüsse fort. Die ganze
Angelegenheit werde nach Annahme der Anträge weiter geprüft
werden. Vom Zentrum der Deutschen Fraktion und den Natio-
nalliberalen wurde noch empfohlen, an Stelle des Gesetzesentwurfs
den Weg der Resolution zu wählen. Sie legten folgenden Re-
solutionsantrag vor, der eine große Mehrheit fand:
Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, im Bundesrat eine
Aenderung des Gesetzes über die Unterstützungen
von Familien in den Dienst eingetretener Mann-
schaften vom 28. Februar bis 4. August 1914 in der Fassung
des Gesetzes vom 30. September 1914 und 21. Januar 1915 dahin
herbeizuführen
xdes
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6. daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
* * *
Kriegswirtschaftsfragen im Reichshaushaltsausschuß.
Eigener Drahtbericht des Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 2. Nov. 1916.
Hinsichtlich der Kriegerfamilien-Unterstützung for-
derte ein sozialdemokratischer Antrag: die Unterstützung solle mi-
destens betragen a. für die Ehefrau 20 M., b. für jedes Kind unter
15 Jahren monatlich 10 M. Die Gemeinde solle mindestens 50
Prozent Zuschlag zahlen. Ferner fordern die Antragsteller einen
Gesetzentwurf, der die Gewährung von Renten für Kriegsteilnehmer
und Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern vorsieht. Bis zur ge-
setzlichen Regelung sollten aus dem allgemeinen Pensionsfonds
freiwililge Zuwendungen unter Berücksichtigung des Arbeitsein-
kommens gewährt werden.
Ein Fortschrittler äußerte gegen Einzelheiten dieses An-
trages Bedenken, da sie zu weit gingen. Ministerialdirektor Dr.
Bewald erklärte, die Erwägungen des Bundesrates über die
Frage seien noch nicht abgeschlossen. In den bisherigen Verhand-
lungen sei allerdings der Gedanke vorherrschend gewesen, die
bisherigen Leistungen seien ausreichend. Die finanzielle Wirkung
des Antrages solle man nicht übersehen. Er würde eine Steige-
rung der Kosten um ein Viertel von 139 auf 168 Milli-
onen M. monatlich zur Folge haben. Den Gemeinden solle
vom Reiche ein Viertel ihrer Vorschuß-Leistungen - rund 500
Millionen M. - erstattet werden. Ferner solle die freiwillige
Kriegswohlfahrtspflege der Gemeinden aus Reichsmitteln mehr
unterstützt werden. Die Aufwendungen für diese sollen auf 30
Millionen M. monatlich erhöht werden, damit auf diesem Wege
das Ziel erreicht werden könne.
Zwei Zentrumsredner traten mit Entschiedenheit für
die beantragte Erhöhung der Unterstützungen
ein. Der Reichstag würde nicht auseinander gehen, bevor die Re-
gierung nicht eine zustimmende Erklärung abgegeben habe. Der
Geldwert sei erheblich gesunken, die Not vielfach groß. Eine Ab-
lehnung der Regierung würde unverantwortlich sein, sehr bedauer-
lich sei schon, daß sie nicht die Initiative ergriffen habe. Eine
generelle Regelung der Gemeinde-Zuschüsse auf mindestens
50 Prozent würde zu schablonenhaft sein. allein eine strenge Vor-
schrift für die Gemeinden sei eine absoluten Notwendigkeit.
Der Antrag betr. Zuschüsse an Kriegsverletzte und Hinter-
bliebene von Gefallenen wurde angenommen. General von
Vangerman erklärte in bezug auf die letzte Frage: Diese
Zuschüsse würden bereits gewährt. Die Berechnung sei folgende:
Es wird das Friedens- und das gegenwärtige Einkommen des
Kriegsverletzten festgestellt und die Differenz zu einem Drittel
ersetzt.
Ministerialdirektor Dr. Lewald erklärte dazu, eine Prüfung
sei im Gange. Eine Erhöhung der Reichsunterstützung könne leicht
eine Ermäßigung der Zuschüsse der Gemeinden und Lieferungs-
Verbände zur Folge haben. Beschäftigung und Verdienst der
Kriegerfrauen steigere sich. Daher müsse individuell vorgegangen
werden. In Frankreich seien bis Mai dieses Jahres schon von
4 950 000 Unterstützungs-Anträgen 900 000 abgelehnt worden.
Frankreich gebe rund 190 000 000 Frs. monatlich für die Unter-
stützung aus, dabei fielen aber Gemeinde-Zuschüsse fort. Die ganze
Angelegenheit werde nach Annahme der Anträge weiter geprüft
werden. Vom Zentrum der Deutschen Fraktion und den Natio-
nalliberalen wurde noch empfohlen, an Stelle des Gesetzesentwurfs
den Weg der Resolution zu wählen. Sie legten folgenden Re-
solutionsantrag vor, der eine große Mehrheit fand:
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6. daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
* * *
Kriegswirtschaftsfragen im Reichshaushaltsausschuß.
Eigener Drahtbericht des Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 2. Nov. 1916.
Hinsichtlich der Kriegerfamilien-Unterstützung for-
derte ein sozialdemokratischer Antrag: die Unterstützung solle mi-
destens betragen a. für die Ehefrau 20 M., b. für jedes Kind unter
15 Jahren monatlich 10 M. Die Gemeinde solle mindestens 50
Prozent Zuschlag zahlen. Ferner fordern die Antragsteller einen
Gesetzentwurf, der die Gewährung von Renten für Kriegsteilnehmer
und Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern vorsieht. Bis zur ge-
setzlichen Regelung sollten aus dem allgemeinen Pensionsfonds
freiwililge Zuwendungen unter Berücksichtigung des Arbeitsein-
kommens gewährt werden.
Ein Fortschrittler äußerte gegen Einzelheiten dieses An-
trages Bedenken, da sie zu weit gingen. Ministerialdirektor Dr.
Bewald erklärte, die Erwägungen des Bundesrates über die
Frage seien noch nicht abgeschlossen. In den bisherigen Verhand-
lungen sei allerdings der Gedanke vorherrschend gewesen, die
bisherigen Leistungen seien ausreichend. Die finanzielle Wirkung
des Antrages solle man nicht übersehen. Er würde eine Steige-
rung der Kosten um ein Viertel von 139 auf 168 Milli-
onen M. monatlich zur Folge haben. Den Gemeinden solle
vom Reiche ein Viertel ihrer Vorschuß-Leistungen - rund 500
Millionen M. - erstattet werden. Ferner solle die freiwillige
Kriegswohlfahrtspflege der Gemeinden aus Reichsmitteln mehr
unterstützt werden. Die Aufwendungen für diese sollen auf 30
Millionen M. monatlich erhöht werden, damit auf diesem Wege
das Ziel erreicht werden könne.
Zwei Zentrumsredner traten mit Entschiedenheit für
die beantragte Erhöhung der Unterstützungen
ein. Der Reichstag würde nicht auseinander gehen, bevor die Re-
gierung nicht eine zustimmende Erklärung abgegeben habe. Der
Geldwert sei erheblich gesunken, die Not vielfach groß. Eine Ab-
lehnung der Regierung würde unverantwortlich sein, sehr bedauer-
lich sei schon, daß sie nicht die Initiative ergriffen habe. Eine
generelle Regelung der Gemeinde-Zuschüsse auf mindestens
50 Prozent würde zu schablonenhaft sein. allein eine strenge Vor-
schrift für die Gemeinden sei eine absoluten Notwendigkeit.
Der Antrag betr. Zuschüsse an Kriegsverletzte und Hinter-
bliebene von Gefallenen wurde angenommen. General von
Vangerman erklärte in bezug auf die letzte Frage: Diese
Zuschüsse würden bereits gewährt. Die Berechnung sei folgende:
Es wird das Friedens- und das gegenwärtige Einkommen des
Kriegsverletzten festgestellt und die Differenz zu einem Drittel
ersetzt.
Ministerialdirektor Dr. Lewald erklärte dazu, eine Prüfung
sei im Gange. Eine Erhöhung der Reichsunterstützung könne leicht
eine Ermäßigung der Zuschüsse der Gemeinden und Lieferungs-
Verbände zur Folge haben. Beschäftigung und Verdienst der
Kriegerfrauen steigere sich. Daher müsse individuell vorgegangen
werden. In Frankreich seien bis Mai dieses Jahres schon von
4 950 000 Unterstützungs-Anträgen 900 000 abgelehnt worden.
Frankreich gebe rund 190 000 000 Frs. monatlich für die Unter-
stützung aus, dabei fielen aber Gemeinde-Zuschüsse fort. Die ganze
Angelegenheit werde nach Annahme der Anträge weiter geprüft
werden. Vom Zentrum der Deutschen Fraktion und den Natio-
nalliberalen wurde noch empfohlen, an Stelle des Gesetzesentwurfs
den Weg der Resolution zu wählen. Sie legten folgenden Re-
solutionsantrag vor, der eine große Mehrheit fand:
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6. daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
* * *
Kriegswirtschaftsfragen im Reichshaushaltsausschuß.
Eigener Drahtbericht des Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 2. Nov. 1916.
Hinsichtlich der Kriegerfamilien-Unterstützung for-
derte ein sozialdemokratischer Antrag: die Unterstützung solle mi-
destens betragen a. für die Ehefrau 20 M., b. für jedes Kind unter
15 Jahren monatlich 10 M. Die Gemeinde solle mindestens 50
Prozent Zuschlag zahlen. Ferner fordern die Antragsteller einen
Gesetzentwurf, der die Gewährung von Renten für Kriegsteilnehmer
und Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern vorsieht. Bis zur ge-
setzlichen Regelung sollten aus dem allgemeinen Pensionsfonds
freiwililge Zuwendungen unter Berücksichtigung des Arbeitsein-
kommens gewährt werden.
Ein Fortschrittler äußerte gegen Einzelheiten dieses An-
trages Bedenken, da sie zu weit gingen. Ministerialdirektor Dr.
Bewald erklärte, die Erwägungen des Bundesrates über die
Frage seien noch nicht abgeschlossen. In den bisherigen Verhand-
lungen sei allerdings der Gedanke vorherrschend gewesen, die
bisherigen Leistungen seien ausreichend. Die finanzielle Wirkung
des Antrages solle man nicht übersehen. Er würde eine Steige-
rung der Kosten um ein Viertel von 139 auf 168 Milli-
onen M. monatlich zur Folge haben. Den Gemeinden solle
vom Reiche ein Viertel ihrer Vorschuß-Leistungen - rund 500
Millionen M. - erstattet werden. Ferner solle die freiwillige
Kriegswohlfahrtspflege der Gemeinden aus Reichsmitteln mehr
unterstützt werden. Die Aufwendungen für diese sollen auf 30
Millionen M. monatlich erhöht werden, damit auf diesem Wege
das Ziel erreicht werden könne.
Zwei Zentrumsredner traten mit Entschiedenheit für
die beantragte Erhöhung der Unterstützungen
ein. Der Reichstag würde nicht auseinander gehen, bevor die Re-
gierung nicht eine zustimmende Erklärung abgegeben habe. Der
Geldwert sei erheblich gesunken, die Not vielfach groß. Eine Ab-
lehnung der Regierung würde unverantwortlich sein, sehr bedauer-
lich sei schon, daß sie nicht die Initiative ergriffen habe. Eine
generelle Regelung der Gemeinde-Zuschüsse auf mindestens
50 Prozent würde zu schablonenhaft sein. allein eine strenge Vor-
schrift für die Gemeinden sei eine absoluten Notwendigkeit.
Der Antrag betr. Zuschüsse an Kriegsverletzte und Hinter-
bliebene von Gefallenen wurde angenommen. General von
Vangerman erklärte in bezug auf die letzte Frage: Diese
Zuschüsse würden bereits gewährt. Die Berechnung sei folgende:
Es wird das Friedens- und das gegenwärtige Einkommen des
Kriegsverletzten festgestellt und die Differenz zu einem Drittel
ersetzt.
Ministerialdirektor Dr. Lewald erklärte dazu, eine Prüfung
sei im Gange. Eine Erhöhung der Reichsunterstützung könne leicht
eine Ermäßigung der Zuschüsse der Gemeinden und Lieferungs-
Verbände zur Folge haben. Beschäftigung und Verdienst der
Kriegerfrauen steigere sich. Daher müsse individuell vorgegangen
werden. In Frankreich seien bis Mai dieses Jahres schon von
4 950 000 Unterstützungs-Anträgen 900 000 abgelehnt worden.
Frankreich gebe rund 190 000 000 Frs. monatlich für die Unter-
stützung aus, dabei fielen aber Gemeinde-Zuschüsse fort. ie ganze
Angelegenheit werde nach Annahme der Anträge weiter geprüft
werden. Vom Zentrum der Deutschen Fraktion und den Natio-
nalliberalen wurde noch empfohlen, an Stelle des Gesetzesentwurfs
den Weg der Resolution zu wählen. Sie legten folgenden Re-
solutionsantrag vor, der eine große Mehrheit fand:
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6. daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
* * *
Kriegswirtschaftsfragen im Reichshaushaltsausschuß.
Eigener Drahtbericht des Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 2. Nov. 1916.
Hinsichtlich der Kriegerfamilien-Unterstützung for-
derte ein sozialdemokratischer Antrag: die Unterstützung solle mi-
destens betragen a. für die Ehefrau 20 M., b. für jedes Kind unter
15 Jahren monatlich 10 M. Die Gemeinde solle mindestens 50
Prozent Zuschlag zahlen. Ferner fordern die Antragsteller einen
Gesetzentwurf, der die Gewährung von Renten für Kriegsteilnehmer
und Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern vorsieht. Bis zur ge-
setzlichen Regelung sollten aus dem allgemeinen Pensionsfonds
freiwililge Zuwendungen unter Berücksichtigung des Arbeitsein-
kommens gewährt werden.
Ein Fortschrittler äußerte gegen Einzelheiten dieses An-
trages Bedenken, da sie zu weit gingen. Ministerialdirektor Dr.
Bewald erklärte, die Erwägungen des Bundesrates über die
Frage seien noch nicht abgeschlossen. In den bisherigen Verhand-
lungen sei allerdings der Gedanke vorherrschend gewesen, die
bisherigen Leistungen seien ausreichend. Die finanzielle Wirkung
des Antrages solle man nicht übersehen. Er würde eine Steige-
rung der Kosten um ein Viertel von 139 auf 168 Milli-
onen M. monatlich zur Folge haben. Den Gemeinden solle
vom Reiche ein Viertel ihrer Vorschuß-Leistungen - rund 500
Millionen M. - erstattet werden. Ferner solle die freiwillige
Kriegswohlfahrtspflege der Gemeinden aus Reichsmitteln mehr
unterstützt werden. Die Aufwendungen für diese sollen auf 30
Millionen M. monatlich erhöht werden, damit auf diesem Wege
das Ziel erreicht werden könne.
Zwei Zentrumsredner traten mit Entschiedenheit für
die beantragte Erhöhung der Unterstützungen
ein. Der Reichstag würde nicht auseinander gehen, bevor die Re-
gierung nicht eine zustimmende Erklärung abgegeben habe. Der
Geldwert sei erheblich gesunken, die Not vielfach groß. Eine Ab-
lehnung der Regierung würde unverantwortlich sein, sehr bedauer-
lich sei schon, daß sie nicht die Initiative ergriffen habe. Eine
generelle Regelung der Gemeinde-Zuschüsse auf mindestens
50 Prozent würde zu schablonenhaft sein. allein eine strenge Vor-
schrift für die Gemeinden sei eine absoluten Notwendigkeit.
Der Antrag betr. Zuschüsse an Kriegsverletzte und Hinter-
bliebene von Gefallenen wurde angenommen. General von
Vangerman erklärte in bezug auf die letzte Frage: Diese
Zuschüsse würden bereits gewährt. Die Berechnung sei folgende:
Es wird das Friedens- und das gegenwärtige Einkommen des
Kriegsverletzten festgestellt und die Differenz zu einem Drittel
ersetzt.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6. daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
* * *
Kriegswirtschaftsfragen im Reichshaushaltsausschuß.
Eigener Drahtbericht des Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 2. Nov. 1916.
Hinsichtlich der Kriegerfamilien-Unterstützung for-
derte ein sozialdemokratischer Antrag: die Unterstützung solle mi-
destens betragen a. für die Ehefrau 20 M., b. für jedes Kind unter
15 Jahren monatlich 10 M. Die Gemeinde solle mindestens 50
Prozent Zuschlag zahlen. Ferner fordern die Antragsteller einen
Gesetzentwurf, der die Gewährung von Renten für Kriegsteilnehmer
und Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern vorsieht. Bis zur ge-
setzlichen Regelung sollten aus dem allgemeinen Pensionsfonds
freiwililge Zuwendungen unter Berücksichtigung des Arbeitsein-
kommens gewährt werden.
Ein Fortschrittler äußerte gegen Einzelheiten dieses An-
trages Bedenken, da sie zu weit gingen. Ministerialdirektor Dr.
Bewald erklärte, die Erwägungen des Bundesrates über die
Frage seien noch nicht abgeschlossen. In den bisherigen Verhand-
lungen sei allerdings der Gedanke vorherrschend gewesen, die
bisherigen Leistungen seien ausreichend. Die finanzielle Wirkung
des Antrages solle man nicht übersehen. Er würde eine Steige-
rung der Kosten um ein Viertel von 139 auf 168 Milli-
onen M. monatlich zur Folge haben. Den Gemeinden solle
vom Reiche ein Viertel ihrer Vorschuß-Leistungen - rund 500
Millionen M. - erstattet werden. Ferner solle die freiwillige
Kriegswohlfahrtspflege der Gemeinden aus Reichsmitteln mehr
unterstützt werden. Die Aufwendungen für diese sollen auf 30
Millionen M. monatlich erhöht werden, damit auf diesem Wege
das Ziel erreicht werden könne.
Zwei Zentrumsredner traten mit Entschiedenheit für
die beantragte Erhöhung der Unterstützungen
ein. Der Reichstag würde nicht auseinander gehen, bevor die Re-
gierung nicht eine zustimmende Erklärung abgegeben habe. Der
Geldwert sei erheblich gesunken, die Not vielfach groß. Eine Ab-
lehnung der Regierung würde unverantwortlich sein, sehr bedauer-
lich sei schon, daß sie nicht die Initiative ergriffen habe. Eine
generelle Regelung der Gemeinde-Zuschüsse auf mindestens
50 Prozent würde zu schablonenhaft sein. allein eine strenge Vor-
schrift für die Gemeinden sei eine absoluten Notwendigkeit.
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6. daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
* * *
Kriegswirtschaftsfragen im Reichshaushaltsausschuß.
Eigener Drahtbericht des Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 2. Nov. 1916.
Hinsichtlich der Kriegerfamilien-Unterstützung for-
derte ein sozialdemokratischer Antrag: die Unterstützung solle mi-
destens betragen a. für die Ehefrau 20 M., b. für jedes Kind unter
15 Jahren monatlich 10 M. Die Gemeinde solle mindestens 50
Prozent Zuschlag zahlen. Ferner fordern die Antragsteller einen
Gesetzentwurf, der die Gewährung von Renten für Kriegsteilnehmer
und Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern vorsieht. Bis zur ge-
setzlichen Regelung sollten aus dem allgemeinen Pensionsfonds
freiwililge Zuwendungen unter Berücksichtigung des Arbeitsein-
kommens gewährt werden.
Ein Fortschrittler äußerte gegen Einzelheiten dieses An-
trages Bedenken, da sie zu weit gingen. Ministerialdirektor Dr.
Bewald erklärte, die Erwägungen des Bundesrates über die
Frage seien noch nicht abgeschlossen. In den bisherigen Verhand-
lungen sei allerdings der Gedanke vorherrschend gewesen, die
bisherigen Leistungen seien ausreichend. Die finanzielle Wirkung
des Antrages solle man nicht übersehen. Er würde eine Steige-
rung der Kosten um ein Viertel von 139 auf 168 Milli-
onen M. monatlich zur Folge haben. Den Gemeinden solle
vom Reiche ein Viertel ihrer Vorschuß-Leistungen - rund 500
Millionen M. - erstattet werden. Ferner solle die freiwillige
Kriegswohlfahrtspflege der Gemeinden aus Reichsmitteln mehr
unterstützt werden. Die Aufwendungen für diese sollen auf 30
Millionen M. monatlich erhöht werden, damit auf diesem Wege
das Ziel erreicht werden könne.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6. daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
* * *
Kriegswirtschaftsfragen im Reichshaushaltsausschuß.
Eigener Drahtbericht des Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 2. Nov. 1916.
Hinsichtlich der Kriegerfamilien-Unterstützung for-
derte ein sozialdemokratischer Antrag: die Unterstützung solle mi-
destens betragen a. für die Ehefrau 20 M., b. für jedes Kind unter
15 Jahren monatlich 10 M. Die Gemeinde solle mindestens 50
Prozent Zuschlag zahlen. Ferner fordern die Antragsteller einen
Gesetzentwurf, der die Gewährung von Renten für Kriegsteilnehmer
und Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern vorsieht. Bis zur ge-
setzlichen Regelung sollten aus dem allgemeinen Pensionsfonds
freiwililge Zuwendungen unter Berücksichtigung des Arbeitsein-
kommens gewährt werden.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6. daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Re-
gierung zu erstreben, die bewirkt: 1. daß die trotz des im
Januar diese Jahres abgeschlossenen Auslieferungsvertrages noch
in Gefangenschaft zurückgehaltenen Frauen, Kinder
und über 55 Jahre alten oder kriegsuntauglichen
Männer baldigst freigegeben werden. 2. daß die in jenem Aus-
lieferungsvertrag festgesetzte Altersgrenze von 55
Jahren auf die für unsere Militärpflicht geltende Zahl so herab-
gesetzt werde, wie das von Seiten Englands in nächster Zeit zu er-
warten ist; 3. daß diejenigen, die weiter in Gefangenschaft ver-
harren müssen, vertragsgemäß den kriegsgefangenen Soldaten in#
jeder Hinsicht gleichgestellt werden; 4. daß noch zahlreicher als
noch vorher kranke Zivilgefangene zur Erholung in die Schweiz gesandt
werden; 5. daß die gegenseitige Verpflichtung, die über Militär-
personen verhängten Arrest- und Gefängnisstrafen bis Beendi-
gung des Krieges auszusetzen, auch auf die Zivilgefangenen aus-
gedehnt wird; 6.daß die schreienden Mißstände in verschiedenen
Gefangenenlagern, besondere in dem der Chartreuse pres Le
Puy, beseitigt werden.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
b. zu veranlassen, daß die Löhnung unserer Gefangenen
deren Angehörigen in allen Fällen gezahlt werde, wo dies zur
Unterstützung der Gefangenen notwendig erscheint;
c. eine Vereinbarung mit der französischen Regierung
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
a. durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer anderen neutralen Macht unter sämtlichen kriegführenden
Mächten alsbald in Kraft zu setzende Vereinbarungen zu schaffen,
durch welche 1. die Lage der Kriegsgefangenen wesentlich
verbessert wird, so daß in der Folge Vergeltungsmaßregeln aller
Art beseitigt werden können. 2. sämtliche Zivilgefangene
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf ihr Verlangen
in ihr Heimatland zurückbefördert werden gegen das ausdrückliche
Versprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzureihen.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
Folgende Resolutionen werden angenommen:
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die Erwartung, daß es dem
unermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
gelingen möge, eine Verständigung in der genannten Richtung
unter sämtlichen kriegführenden Mächten herbeizuführen. Ich
weiß, daß die deutsche Regierung nicht nur kein Hindernis in den
Weg legen wird, sondern daß sie freudig an dem Liebeswerk mit-
arbeiten wird. Daran knüpfen wir die weitere Hoffnung, daß
es Papst Benedikt beschieden sein möge, der Gesegnete zu sein,
der den Völkern Europas den allseitig ersehnten Frie-
den bald bringen möge. (Lebhafter Beifall.)
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
Der Deutsche Reichstag gibt sich der Hoffnung hin, daß in den
Parlamenten anderer Länder dieselbe Weitherzigkeit und das-
selbe Entgegenkommen für die Zivilgefangenen zum Ausdruck
gebracht werden möge, wie wir sie in Deutschland betätigen. Wir
knüpfen daran die
, daß es demunermüdlichen Eifer des Papstes Benedikt XV.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
3. Spalte
sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen und auf Verlangen in
ihre Heimat zurückbefördert werden gegen das allerheiligste Ver-
sprechen der einzelnen Staaten, die Entlassenen nicht in die
Wehrmacht einzuziehen. Anfänge auf diesem Gebiete sind be-
reits gemacht worden. Man sollte aber jetzt eine große endgültige
Regelung herbeiführen und sämtliche Zivilgefangenen freilassen.
Leider hat sich England demgegenüber ablehnend verhalten. Eng-
land hat hier Gelegenheit, zu zeigen, ob es geneigt und ge-
willt ist, auch im Kriege als Kulturnation angesehen zu werden.
(Sehr gut!) Ich richte von dieser Stelle und an das englische
Parlament den Appell, seine Regierung zu bewegen, der Anregung
auf völlige Freigabe aller Zivilgefangenen Unterstützung zu ver-
leihen.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist. Es sollten noch Abmachungen erstrebt
werden, daß
offene Städte von Fliegerangriffen verschont
bleiben. Deutschlands Schild ist in der Beziehung blank. Wir
wenden unsere herzliche Anteilnahme den Bewohnern von Frei-
burg, Karlsruhe, Stuttgart und Trier zu, die unter diesen modern-
sten Schecken des Weltkrieges schwer zu leiden hatten.
Ganz besonderen Wert legen wir darauf, daß
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
Die erforderlichen Garantien
für die strikte Innehaltung der Abmachungen sind natürlich von
den Mächten zu geben. Ist dies der Fall, dann können auch
Repressalien aller Art wegfallen. Kein Land kann auf Repressalien
verzichten, wenn es nicht seine eigenen Kriegsgefangenen schutzlos
preisgeben will. Deutschland muß Repressalien anwenden, um die
berechtigten Wünsche zu erzwingen. Es ist dies aber nur not-
gedrungen geschehen. Ein Verzicht ist nur möglich, wenn das Los
unserer Kriegsgefangenen gegen Willkür und ungerechte Behand-
lung sichergestellt ist.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnte, daß diejenigen
kriegsgefangenen Kranken ,
welche ihre völlige Herstellung im Heimatlande wieder erhoffen
können, in die Kurbäder und Heilanstalten des Mutterlandes
zurückbefördert werden. Jede Regierung kann die Verpflichtung
übernehmen, daß die so zurückbeförderten Soldaten nicht mehr
zum Heeresdienst verwandt werden. Eine große Wohltat würde
ferner denjenigen kriegsgefangenen Hospitalisierten zuteil, welche
ihre Gesundheit in der Schweiz bereits völlig wiedererlangt und sich
nach Beschäftigung sehnen. Auch für diese Truppen dürfte ein
gegenseitiger Austausch unter denselben Bedingungen zu erreichen
sein. Eine weitere Anregung des Heiligen Stuhles verdient
dankenswerte Unterstützung, nämlich die
Kriegsgefangenen, welche länger als 18 Monate
in Kriegsgefangenschaft weilen
und Vater von mindestens drei Kindern sind, in der Schweiz unter-
zubringen. Von Frankreich und Belgien sind Zustimmungen be-
reits eingetroffen; die nötigen Vorbereitungen in Deutschland sind
im Gange, hoffentlich gelingt auch dieses Werk bald. Ferner
wäre eine Verständigung über die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen
und über die notwendigen Ruhetage anzustreben.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Wahrheit
zwingt zu konstatieren, daß das leider nicht überall der
Fall ist, wenn auch im Laufe der Zeit sich manches zum Besseren
gewandt hat; aber es bleibt immer noch viel zu tun übrig. Es
würde aufrichtig begrüßt werden, wenn eine Verständigung durch
Vermittlung des Heiligen Stuhles darüber herbeigeführt werden
könnt.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
Nicht mit Klagen und Vorwürfen möchte ich nunmehr die Be-
gründung zu unserem Antrag einleiten.
Kein Mensch war auf die Masse von Kriegs-
gefangenen vorbereitet,
die dieser Krieg gezeitigt hat. Deutschland darf aber heute ohne
Selbstüberhebung sagen, daß es für die hohe Zahl der Kriegs-
gefangenen, die nahezu zwei Millionen beträgt, das denkbar
Möglichste geleistet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wir rufen es
in alle Welt hinaus, daß wir zufrieden sein würden, wenn die
deutschen Kriegsgefangenen überall so behandelt würden, wie bei
uns hier die fremden Kriegsgefangenen untergebracht, beschäftigt
und behandelt werden.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaisers, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte, weil
Frankreich keine Verpflichtung übernehmen wollte, die befreiten
100 französischen Geistlichen nicht in die Feuerlinie zu stellen,
so ist das bedauerlich. Umso weitherziger aber ist das Entgegen-
kommen unserer Regierung und vor allem unseres Kaises, wonach
die französischen Geistlichen in den Gefangenenlagern
den Offizieren gleich gestellt worden sind. Endlich sei erwähnt, daß
durch Vermittlung des Heiligen Stuhles die Sonntagruhe,
soweit angängig für unsere Kriegsgefangenen eingeführt worden
ist. Es kommt das Liebeswerk des Papstes Benedikt den An-
gehörigen aller kriegführenden Mächte zugute. Ein neues umfassendes
Werk war auf dem Balkan geplant. Es hätte auch durchgeführt werden
können, wenn Rumänien seine Neutralität beibehalten hätte.
Viele unserer Landsleute und Angehörige der österreichisch-
ungarischen Armee, die in Rußland in Gefangenschaft schmachteten,
sollten nach Vorbereitungen des Papstes in Rumänien unter-
gebracht werden.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafter Beifall.)
Wenn der Austausch der kriegsgefangenen französischen und
deutschen Geistlichen nicht durchgeführt werden konnte
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafte Beifall.)
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
kann von Deutschland aus nicht warm genug ausgesprochen werden.
Tausende deutsche Familien danken dem edlen Schweizer Volk
dafür, was es seinen Kriegsgefangenen jeden Tag leistet. (Leb-
hafte Beifall.)
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank gegenüber der Schweiz
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachter Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Seite alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
Im Mai dieses Jahres waren annähernd 9000 Franzosen und
3000 Deutsche in der Schweiz zur Pflege untergebracht. Die deutschen,
kriegsgefangenen Kranken in Davos und in der schönen Gegend
des Vierwaldstätter Sees erfahren unzählige gute Taten. Der
Dank
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachte Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
dürfen wir doch als Deutsche wiederum sagen, daß von unserer
Site alles geschehen ist, um diesen Vorschlägen zu allgemeiner
Anerkennung zu verhelfen. Frankreich hat auf diesem Gebiete
größeres Entgegenkommen gezeigt als England. Die im Dezember
1914 vom Papste angestrengte Hospitalisierung der kriegsgefangenen
Kranken ist im vollen Umfange durchgeführt worden.
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
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Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
Schon im Jahre 1915 trat Papst Benedikt mit mehreren Regie-
rungen in vertrauliche Verhandlungen, um den Austausch von
zwei Klassen in besonderen Lagern untergebrachte Zivilgefan-
gener anzuregen. Es sollten alle Kriegsuntauglichen ausge-
tauscht werden und dann alle die, welche die Altersgrenze über-
schritten hatten. Unendliche Schwierigkeiten waren zu überwinden.
Wenn das Werk auch nicht in vollem Umfange gelungen ist, so
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ver-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ve-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
Wenn die Anregung des Papstes auf eine allgemeine Waffen-
ruhe am Weihnachtsfeiertage zu keinem Erfolg geführt hat, so ist
das sehr zu bedauern. Es ist aber lediglich auf den Widerstand
Rußlands zurückzuführen. Volle und sofortige Billigung dagegen
hat die weitherzige Anregung des Papstes zum
Austausch dienstuntauglicher Kriegsgefangenen
gefunden, und Tausende unserer eigenen Landsleute haben, als
die Durchführung des Werkes gelang, beim Betreten des heimat-
lichen Bodens ihren Dank ausgesprochen, und was das schönste
an der Aktion ist, sie wirkt von Woche zu Woche, von Mont zu
Monat segensreich weiter.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben, daß sich die Ve-
mittelung des Heiligen Stuhles auf die Angehörigen aller Staaten
und Heere erstreckt hat. Ich stelle dabei fest, daß all den Aktionen,
die von Rom ausgegangen sind, die deutsche Regierung das denk-
bar weitgehendste Entgegenkommen geschenkt hat.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
die um so mehr geboten ist, als sämtliche internationale Ab-
machungen, die über die Behandlung der Kriegsgefangenen ge-
troffen worden sind, gegenüber der langen Dauer dieses Krieges
und gegenüber der großen Zahl der Kriegsgefangenen versagen
mußten. Kein Staat allein für sich kann an die Milderung und
Besserung des Loses der Kriegsgefangenen herantreten, denn unbe-
gründeter Edelmut auf diesem Gebiete würde eine sträfliche Ver-
nachlässigung der Kriegsgefangenen des eigenen Volkes sein. Aus
diesem Grunde ist die Vermittelung neutraler Staaten und Mächte
erforderlich. Wir haben in unserem Antrag zum Ausdruck ge-
bracht, daß diese Vermittelung durch den Heiligen Stuhl oder
andere neutrale Mächte geschehen soll. Wenn wir als Antrag-
steller den Heiligen Stuhl in den Vordergrund gerückt haben, so
tun wir das nicht nur als Katholiken,sondern auch als Deutsche,
weil die ganze Welt weiß, welche unendliche
Wohltaten durch die Vermittelung des Heiligen
Stuhles
in diesem Kriege geschaffen worden sind. Ich will nicht die zahl-
reichen, fast jeden Tag eingehenden Vermittelungen des Heiligen
Stuhles aufführen, wenn es sich um die Linderung des Schicksals
einzelner Personen handelt, nicht die zahlreichen Fälle von materi-
eller Hilfe, die der Papst den heimgesuchten Völkern und einzelnen
Personen hat zuteil werden lassen, nicht die zahlreichen Vermitte-
lungen, mit denen er an sämtliche Heerführer herangetreten ist um
Beseitigung oder Milderung harter Strafen. Es ist ein Gebot der
Dankbarkeit und Gerechtigkeit, hervorzuheben,
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
2. Spalte
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande
ist vielfach mäßig befriedigend. Wir haben bereits











Das ist heilige Pflicht
ihnen gegenüber, die für ihr Vaterland gekämpft und gelitten haben.
General Friedrich. Auch die Heeresverwaltung hofft, daß die an
sie gerichteten Wünsche erfüllt werden können. Bei dem nächsten
Zusammentritt wird wohl schon ein Teil dieser Wünsche erfüllt
werden können.
Abg. Erzberger (Zentr.) Die Resolution Nr. 1 betr. die Ge-
fangenenbehandlung ist auf unseren Antrag von der Kommission
angenommen worden. Das deutsche Volk kann auf diesem Gebiete
den ersten Schritt tun, weil wir die Gebenden sind. Deutschland
hat mehr Kriegsgefangenen (sic) als deutsche Soldaten sich gefangen in
anderen Ländern befinden. Das Los aller Kriegsgefangenen ohne
Unterschied der Nationalität zu bessern, ist
allgemeine Menschenpflicht,
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sicher-
lich ein Tag freudiger Bewegung und Erhebung. Das Zen-
trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken

ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Kriege. Wir können uns mit den Reso-
lutionen einverstanden erklären. In unserem Bestreben, das Los
der deutschen Gefangenen zu erleichtern, sind wir erfolgreich durch
den Heiligen Stuhl und insbesondere die Schweiz unter-
stützt worden. Diese menschenfreundlichen Bemühungen können wir
nicht hoch genug werten, und ich möchte an dieser Stelle unseren
lebhaften Dank dafür ausdrücken. Das Los unserer
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken

ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
Meine Herren, wollen wir davon lernen und nicht eben so
denken und noch viel schärfer daran denken
ihre Mittel noch zu übertreffen?
In dieser Richtung zu arbeiten, wird die nächste Zeit von mir
verlangen, und ich bitte Sie, mich in dieser für unser Vaterland
so wichtigen Arbeit zu unterstützen. (Lebhafter Beifall.)
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken

ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. Die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist - es sei
eine ungeheure Last, mit dem ungebildeten Pöbel zusammenleben
zu müssen. Alle Auslassungen schließen mit dem Gedanken: Trotz-
dem müssen wir dies wagen, weil der Staat und die Nation es
verlangen.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken

ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
Unsere Gegner, in erster Linie die Engländer, bringen mit
Hilfe der ganzen Welt alle erdenklichen Mittel zur Anwendung. Sie
wollen mit allem Nachdruck ihr Ziel erreichen. Aus Briefen und
Tagebüchern von gefallenen Engländern, besonders Leuten, die eine
gewisse Bildung haben, geht hervor, daß sie auf dem Standpunkt
stehen, daß der ihnen auferlegte Zwang und die Beeinträchtigung
ihrer Selbstbestimmung unerträglich seien, und dann wurde betont,
- was für unsere deutschen Soldaten unverständlich ist -
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken

ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
Kriegsminister von Stein. Sr. Majestät der Kaiser hat mich
hierher berufen.
Ich komme unmittelbar von der Somme,
um mich dem hohen Hause vorzustellen. Ich muß zunächst um
gütige Nachsicht bitten, bis ich mich in meine neue Arbeit eingelebt
habe. Die Eindrücke der gewaltigen Schlacht sind so stark,
daß man sich Mühe geben muß, auf den alten Standpunkt zurück-
zukommen. die lange Schlacht, in der ich meine Truppen führen
mußte, hat mich manches andere gelehrt, und das wird für meine
nächsten Aufgaben von Bedeutung sein. Mit einzelnen Fragen
kann ich mich noch nicht beschäftigen. Ich hatte noch nicht die
Allerhöchste Order für meine Ernennung in den Händen, als ich
Briefe von Privatleuten erhielt. Alle diese muß ich zurückstellen
hinter das,
was mich die Erfahrung der letzten Monate ge-
lehrt hat.
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken

ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
Der Ausschuß vertraut auf die Weisheit, das Entgegenkommen
und die Unparteilichkeit des Heiligen Stuhles, von dessen hohen
Eigenschaften während dieses schrecklichen Krieges schon so manche
Beweise gegeben sind, wenn an die Gefühle der Menschlichkeit appel-
liert wurde. Sollen doch diese Wohltaten allen Kriegführenden in
gleicher Weise zuteil werden.
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken

ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
Auf der Tagesordnung stehen mündliche Berichte des Haupt-
ausschusses. Zunächst wird über die Frage der
Gefangenenbehandlung
verhandelt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme einer Reihe von
Entschließungen. Durch Vermittlung des Heiligen Stuhles oder
einer neutralen Macht soll versucht werden, das Los der Kriegs-
gefangenen zu verbessern und die Freilassung der Zivilgefangenen
zu erreichen. Die Wohnung unserer Gefangenen soll den Angehörigen
überlassen werden u.s.w.
Abg. Prinz zu Schoenaich-Carolath (ntl., als Berichterstatter)
bat um Annahme der Beschlüsse: Die Behandlung unserer
Kriegsgefangenen im feindlichen Auslande ist vielfach unwürdig
und grausam, die Bewegungsfreiheit unzulänglich, die Kost schlecht
und knapp. Vor allem muß die körperliche Mißhandlung auf-
hören.
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken

ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
Deutscher Reichstag.
72. Sitzung vom 2.November 1916.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken

ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
* * *
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken

ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten geleistet und versucht hat. Es ist ein reiches,
herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken

ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten
und versucht hat. Es ist ein reiches,herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
-
Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken

ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten
und versucht hat. Es ist ein
,herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen. Er wollte die erste Ge-
legenheit erfassen, um sich dem Reichstage vorzustellen, auch als
Redner. Schnell füllte sich der Saal. Der neue Kriegsminister,
eine sympathische hohe Gestalt, sprach vom Redner-Pult aus.
Er redete frei aus seinen frischen Eindrücken heraus, ohne jedes
Manuskript, die Hand am Degen-Knauf, in strammer militä-
rischer Haltung, frisch und klar im Vortrag. Auch was er sagte,
und wie er es sagte, erweckte Beifall. Sein erstes rednerisches
Auftreten hat dem neuen Kriegsminister schon viele Sympathien
gewonnen. Wie er redet, das erinnert in seiner kurzen, kräftigen,
frischen Art an die berühmt gewordenen Generalstabsberichte
vom Kriegsschauplatz aus der Zeit, da General von Stein noch
General-Quartiermeister war.
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
____________________________________________________________________________________________________________________ 1. Spalte
Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage ganz im Mittelpunkt seiner Aus-
sprache über die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken

ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten
und versucht hat. Es ist ein
,herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
Die Aussprache über die Gefangenen-Fürsorge gab auch dem
neuen Kriegsminister Generalleutnant von Stein
Gelegenheit zu einigen kurzen Sätzen.
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
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Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage. Ganz im Mittelpunkt seiner
die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken 
ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten
und versucht hat. Es ist ein
,herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
Benedikt XV. aus. Auch der Reichstag mochte etwas von diesem
Hauche verspüren, als der Abgeordnete Erzberger mit dem Aus-
druck der Hoffnung schloß, daß Papst Benedikt XV. der Gesegnete
sei, der den Völkern Europas den allseitig ersehnte Frieden
bald bringen möge.
Da ergab sich ganz unwillkürlich ein Augenblick stillen Ge-
denkens an die Größe des Papsttums und an die Lichtgestalt
des jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XV., und diese Gedanken
vereinten sich mit dem starken Beifall, den die Mitglieder des
Hauses der schönen Rede Erzbergers ohne Unterschied des
Glaubens und der Partei zollten. Da mag der heutige Tag ein
Ruhmesblatt für das Papsttum und Papst Benedikt XV. in die
inhaltsreichen Annalen der Reichstags-Geschichte einfügen. Alle
Redner nannten rühmend seinen Namen.
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
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Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage. Ganz im Mittelpunkt seiner
die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken 
ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten
und versucht hat. Es ist ein
,herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte. Etwas
wie ein versöhnender Hauch geht inmitten des vielen Hasses
ringsum in der Welt von diesen Liebeswerken des Papstes
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
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Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage. Ganz im Mittelpunkt seiner
die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken 
ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
Bis weit in die Reihen der Linken hinein wurde ein Gefühl
der Dankbarkeit wach bei der Aufzählung all der Liebeswerke,
die der Heilige Vater in unermüdlichem persönlichen Bemühen
für das Los der Gefangenen in Uniform und Zivil, der Kranken
und Verwundeten
und versucht hat. Es ist ein
,herrliches Liebeswerk des Heiligen Vaters, das Abgeordneter
Erzberger hier im Deutschen Reichstage vor den Augen des
deutschen Volkes und der ganzen Welt aufbauen konnte.
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Nr 701 - Kriegs-Ausgabe. Kölnische Volkszeitung. Samstag, 4. November 1916
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Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage. Ganz im Mittelpunkt seiner
die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken 
ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begründete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
"Wenn wir den Heiligen Vater bei der Vermittlung zur
Besserung des Loses der Gefangenen in den Vordergrund
stellen, so geben wir diese Anregung nicht nur als Katholiken,
sondern auch als Deutsche, weil die ganze Welt weiß, wie unend-
lich viel Gutes durch die Vermittelung des Heiligen Stuhles
in harter Kriegszeit geschaffen worden ist." Dankbarer Bei-
fall folgte diesen Worten des Abg. Erzberger, und ein Gefühl
der Befriedigung ging durch den Saal bei der Feststellung, daß
gerade die deutsche Regierung in der Regel die erste gewesen sei,
welche zu den päpstlichen Vermittlungsvorschlägen und
zu den Aktionen des Heiligen Stuhles ihre Zustimmung ge-
geben habe.
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Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
Berlin, 3.Nov.1916
Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage. Ganz im Mittelpunkt seiner
die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken 
ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begruendete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
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Ein Ehrentag Papst Benedikt XV.
im Deutschen Reichstage.
Eigener Drahtbericht der Kölnischen Volkszeitung.
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Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage. Ganz im Mittelpunkt seiner
die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sehr
ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
trag des Zentrums war von der Kommission zum eigenen ge-
macht und mit großer Mehrheit angenommen worden. Das
Plenum des Reichstages folgte dem Beispiel des Ausschusses
und nahm den Antrag nahezu einstimmig an.
Abg. Erzberger begründete den Antrag des Zentrums
in Ausführungen, die sichtlich tiefen Eindruck machten. Laut-
lose fast feierliche Stille herrschte im ganzen Saale bei seinem
Worten über den Heiligen Vater. Mit einer gewissen Ehr-
furcht und stiller inneren Dankbarkeit nahm man auf allen
Fraktionsbänken heute Worte des Lobes für den Papst hin, ob
sie nun aus der begeisterten Dankrede Erzbergers oder aus
dem Munde der anderen Fraktionsredner kamen, die alle ohne
Ausnahme des päpstlichen Liebeswerkes für die Gefangenen
und Verwundeten gedachten. Es entsprach wirklich der Stimmung
des Hauses, wenn Abg. Erzberger den Antrag begruendete mit
den in Dankbarkeit dem Liebeswerk des Heiligen Vaters hul-
digenden Worten:
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stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage. Ganz im Mittelpunkt seiner
die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sehr
ein Tag freudiger
und Erhebung. Das Zen-trum hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzler
zu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen, wonach das Los der Kriegs-
gefangenen wesentlich verbessert und sämtliche Zivilgefangenen
ohne Unterschied des Alters freigelassen werden sollten. Der An-
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stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage. Ganz im Mittelpunkt seiner
die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken sehr
ein Tag freudiger
und Erhebung. Das
hatte im Ausschuß den Antrag gestellt, den Reichskanzlerzu ersuchen, durch Vermittelung des Heiligen Stuhles oder einer
anderen neutralen Macht Vereinbarungen unter sämtlichen
kriegführenden Mächten zu treffen,
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Vom Glanz der Caritas und edelster Liebeswerke umflossen
stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
dikt XV. vor dem Reichstage. Ganz im Mittelpunkt seiner
die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken
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stand heute das Bild des Heiligen Vaters, Papst Bene-
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die Gefangenenfürsorge. Für jeden Katholiken
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Lille, Frankreich
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Story location Lille, Frankreich
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- Contributor
- Uta Hentschel
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