Kriegszeitungen aus dem Besitz von Carl Popp, item 37
Transcription
Transcription history
-
Seite 934 Champagne-Kriegszeitung Nr. 145
Cap des Romains. Die alte Römerschanze bei Reims
Balgen sich nicht im Heu erwachsene Burschen und
Mädchen? Ein Singen, ein Lachen, ein Kichern, ein
Schrei. Es war ein Treiben in krausem Gewühl. Heut
formt es sich zu lieben, bleibenden, wertvollen
Erlebnissen.
Durch das Fenster schaut eine Dorfschöne neu-
gierig, aber dennoch vorsichtig hinter der Gardine
versteckt, hinaus. Ach ja, schaut nur, ihr Mädchen!
Beim Pfarrhaus beginnt der Gutsgarten, ein Park
zur Benutzung für jedermann im Dorf. An der Mauer,
unter zwei großen Lindenbäumen, steht einsam die
alte Bank. Saß da nicht oft genug ein Bursche und
neben ihm ein herziges Kind? — —
Nun aber läßt ein Heulen und Krachen ein-
schlagender Granaten gar flugs die Gedanken zer-
stieben, sie werden wieder eilends in das Frankreich
hineingezerrt, in die zermürbte Erde vor Verdun.—
Und als die Nacht heranschleicht, da huschen die
grellen Leuchtkugeln in die Höhe, zerflattern hoch oben
in kleine Sterne oder ballen sich zu leuchtenden Kugeln,
die langsam niederschweben und, flutende Helle ver-
breitend, über den Erdboden hüpfen.
Ob sie drüben merken, daß hier eine Ablösung
vor sich geht?
Ob sie gar unsere Truppen beneiden?
Denn daß die Unseren ihnen die Hölle heiß
machen, das beweisen sie mit ihrem mörderischen
Feuer, das sie auf unsere gesamte Stellung schier ver-
zweiflungsvoll schütten.
* * *
Heut' ist der Tag unser!
Um 4 Uhr morgens nimmt der Stab die Mel-
dungen entgegen, daß das Regiment ohne Verluste
aus der Stellung hinausgekommen sei. Um 5 Uhr
wollen wir folgen. Stehen indes und warten, denn
auf den alten französischen Drahtverhauen und selbst
auf dem Ausgang des Gefechtsstandes liegt fran-
zösisches Artillerie-Sperrfeuer.
Langsam wird es draußen
sichtiger.
Nun einzeln raus und im
Marsch-Marsch durch das
Drahtverhau und den lang-
weiligen Abhang hinunter.
Als erste gehen unser Regi-
mentskommandeur und des-
sen Adjutant. Von Minute zu
Minute wird die Artillerie-
tätigkeit lebhafter, denn
heute wird im linken Nach-
barabschnitt angegriffen. —
Warten. Unnötige Verluste
sollen vermieden werden.
Dann Einteilung. Immer zu
dreien über das Gelände,
das der Feind mit seinen
Fesselballons und seiner Ar-
tillerie beherrscht. Die Fran-
zosen erweisen nun einmal
dem einzelnen Feldgrauen,
wenn sie ihn sehen, die Ehre und schießen mit einer
ganzen Batterie auf ihn. — Bei der ersten Batteriestellung
stoßen wir wieder auf den Stab. Wir haben wohl drei
Kilometer zurückzulegen, ehe wir aus dem Feuer-
bereich kommen.
Nach dem Kalender muß die Natur sich doch
längst jungfräulich geschmückt haben. Drei Kilometer
im Umkreis ist davon aber nichts zu sehen. Hier ist
die Vernichtung grinsend über das Land gefegt und
hat jedes Stückchen Natur aus der Erde gerissen.
Und siehe, ehe wir die letzte Hügelkette überschreiten
wollen, bleiben wir staunend stehen, denn vor uns
im Tal grünt und blüht die Natur. Rückwärts ist sie
der Kriegsfurie von Verdun zum Opfer gefallen. Hier
aber stehen die Obstbäume wie weißgekleidete Jung-
frauen und beugen sich, und rechts und links drängeln
sich die Primeln und Veilchen in reicher Fülle in Reih
und Glied wie kleine Schulmädchen mit blauen Schleifen
im Haar, es ist, als hätten sie sich zu unserer Begrü-
ßung aufgestellt. Und jener große, stattliche Baum
in weißblühender Pracht scheint eine Rede zu halten:
Euch ist heute der große Tag beschieden. Ich begrüße
euch im Namen des Frühlings; euch, die ihr von einem
Gefilde des Todes kommt, ist das Glück widerfahren!
Da atmen wir wieder auf wie ein freier Wanders-
mann, und unser Adjutant rezitiert Schiller und Goethe.
Und melodramatisch schlagen hinter uns die Geschütze die
dumpfrollende Musik. —
Und eines Tages wandert ein Trupp fröhlich drein-
schauender Urlaubs-Soldaten nach der nächsten Bahn-
station und rollt im belgischen Eisenbahnwagen wohl
eine halbe Tagesreise mit D-Zugsgeschwindigkeit über
die französische Erde, eine weitere Strecke durch das
belgische Land, vorbei an den historisch gewordenen
Stätten Maubeuge — Namur — Lüttich, wo auf Ruinen
längst der grüne Rasen wuchert und die Spuren des
ersten Kriegsjahres versöhnend zu verwischen sucht,
bis zur Grenze: Herbesthal. Dann durch die Kaiser-
stadt Aachen, die uns beim Vormarsch den letzten
Description
Save description- 50.6293465||3.05707689999997||||1
Lille, Frankreich
Location(s)
Story location Lille, Frankreich
- ID
- 12998 / 199743
- Contributor
- Uta Hentschel
Login to edit the languages
Login to edit the fronts
- Western Front
Login to add keywords
- Propaganda






































































Login to leave a note