Kriegszeitungen aus dem Besitz von Carl Popp, item 13
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Weihnachten im Feld.
Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden
Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?
Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer
der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick
ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,
wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die
Arme um euch schlang, wie Kinderhaendchen zu
den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-
den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch
leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren
Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,
denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-
gangen?
Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im
engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-
scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr
fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-
wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen
und wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt
euch dessen nicht!
Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-
nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen
Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen
gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid
Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein
frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende
Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden
lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danken
wir dafuer Gott!
Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-
freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an
einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon
geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.
Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer
Heimatfluren!
Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.
Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-
list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. Noch
ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.
Darum heisst es Durchhalten bis der Feind voellig
zu Boden geworfen ist, damit die Zukunft unserer
deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen
seine boesen Anschlaege gesichert sei.
Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum
siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,
sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers
deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.
-
Zwischen Lille und Arras.
Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus
der Landeinwohner stark vlaemischen Einschlag, ja,
viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;
ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-
voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein
vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches
Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-
sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders
unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der
aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen
mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach
gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-
schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein
scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung
aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von
jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen
Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50
Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter
der Fahne. Geradezu verblueffend ist die Ergiebigkeit
des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-
stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,
die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,
und Immer noch in ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-
lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu
bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung
freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden
beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-
serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art
sind auf dem Felde und in Scheuern noch massenhaft
vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht
herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung
von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise
industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-
keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende
Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-
und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel-
felder beweisen.
Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von
der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir
dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions-
ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der
vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-
lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin
und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,
der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die
Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in
einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-
den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und
hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter
H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder
liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-
meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem
Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der
Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen
Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und
dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-
digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das
heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes
kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer-
den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge-
sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein
sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-
genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen
unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-
ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man
brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht
sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.
Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen
wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab
der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch
einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-
graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig
herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-
men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-
legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem
hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum
Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und
das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille
durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.
Alle wollten wir dabei sein, keiner wollte zurueck-
bleiben. Schleunigst wurden die naechsten besten
Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn
Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle
waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr
nachts unter meiner Fuehrung ab. Scharf schlug das
rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in
regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die
Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem
Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-
ausgang die Strasse nach M. in noerdlicher Richtung
abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere
Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame
Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir
mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die
Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte
Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant
B. mit dem Reitertrupp. So ging es mit gespanntem
Revolver und gespannten Sinnen in die dunkle Nacht
hinein auf unser Ziel los, dessen Kirchturm sich un-
gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und
Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbstuendigem Ritt
hatten wir den Suedostrand von M. erreicht. Als wir
vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit
Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den
Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-
zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns
vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-
ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso-
nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der
im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht-
signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes
hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.
Wir besetzten den Haupteingang der Kirche und den
Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die
Durchsuchung der Kirche leitete, uebernahm ich es,
zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden
Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der
Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:
"Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-
niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und
lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den
"Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,
zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-
willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus
ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen
mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und
zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,
die etwa in Frage kamen. Nichts war zu finden; hier
war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,
und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-
wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.
Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus
von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung
der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.
Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf
den Kirchturm bis in den Glockenstuhl zu steigen, und
von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-
raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das
war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des
Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an
irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten
Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-
erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer
-
nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be-
wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-
fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon
gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden
sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser
Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-
waerts lagen?
Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum
gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen,
und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an
ihnen Schmach und Scham in die Haende des
Feindes zu fallen.
Darueber brach der Abend herein. Mit seinen
Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches
der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber
jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist
getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi-
ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.
Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-
licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-
leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan abstrich,
unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen
des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder
ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt
trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,
auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind
zu Feind.
So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent-
schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver-
rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich
nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-
fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen
lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen
gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der
sie vor Unbilden des Wetters behuetete, ging ihre
Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen
Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-
mat fast.
Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm
huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder
das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-
fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen
in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-
lich aber sanken auch die letzten in erloesenden
Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der
Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-
rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.
Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die
wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei-
den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-
nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten
den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,
richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen
klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward
ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten
den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-
wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im
Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille
stehen.
Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-
fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-
der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe
Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"
Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur
der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist
nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich
sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust
die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der
Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,
dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch
nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang,
kein Pochen, kein Ruf.
Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-
den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er
drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-
wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung
schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,
-
Weihnachten im Feld.
Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden
Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?
Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer
der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick
ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,
wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die
Arme um euch schlang, wie Kinderhaendchen zu
den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-
den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch
leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren
Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,
denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-
gangen?
Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im
engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-
scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr
fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-
wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen
und wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt
euch dessen nicht!
Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-
nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen
Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen
gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid
Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein
frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende
Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden
lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danken
wir dafuer Gott!
Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-
freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an
einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon
geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.
Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer
Heimatfluren!
Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.
Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-
list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. Noch
ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.
Darum heisst es Durchhalten bis der Feind voellig
zu Boden geworfen ist, damit die Zukunft unserer
deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen
seine boesen Anschlaege gesichert sei.
Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum
siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,
sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers
deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.
-
Zwischen Lille und Arras.
Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus
der Landeinwohner stark vlaemischen Einschlag, ja,
viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;
ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-
voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein
vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches
Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-
sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders
unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der
aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen
mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach
gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-
schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein
scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung
aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von
jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen
Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50
Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter
der Fahne. Geradezu verblueffend ist die Ergiebigkeit
des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-
stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,
die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,
und Immer noch in ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-
lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu
bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung
freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden
beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-
serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art
sind auf dem Felde und in Scheuern noch massenhaft
vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht
herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung
von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise
industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-
keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende
Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-
und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel-
felder beweisen.
Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von
der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir
dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions-
ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der
vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-
lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin
und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,
der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die
Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in
einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-
den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und
hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter
H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder
liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-
meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem
Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der
Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen
Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und
dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-
digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das
heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes
kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer-
den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge-
sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein
sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-
genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen
unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-
ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man
brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht
sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.
Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen
wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab
der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch
einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-
graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig
herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-
men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-
legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem
hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum
Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und
das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille
durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.
Alle wollten wir dabei sein, keiner wollte zurueck-
bleiben. Schleunigst wurden die naechsten besten
Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn
Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle
waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr
nachts unter meiner Fuehrung ab. Scharf schlug das
rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in
regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die
Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem
Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-
ausgang die Strasse nach M. in noerdlicher Richtung
abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere
Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame
Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir
mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die
Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte
Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant
B. mit dem Reitertrupp. So ging es mit gespanntem
Revolver und gespannten Sinnen in die dunkle Nacht
hinein auf unser Ziel los, dessen Kirchturm sich un-
gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und
Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbstuendigem Ritt
hatten wir den Suedostrand von M. erreicht. Als wir
vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit
Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den
Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-
zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns
vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-
ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso-
nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der
im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht-
signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes
hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.
Wir besetzten den Haupteingang der Kirche und den
Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die
Durchsuchung der Kirche leitete, uebernahm ich es,
zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden
Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der
Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:
"Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-
niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und
lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den
"Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,
zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-
willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus
ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen
mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und
zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,
die etwa in Frage kamen. Nichts war zu finden; hier
war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,
und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-
wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.
Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus
von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung
der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.
Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf
den Kirchturm bis in den Glockenstuhl zu steigen, und
von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-
raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das
war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des
Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an
irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten
Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-
erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer
-
nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be-
wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-
fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon
gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden
sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser
Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-
waerts lagen?
Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum
gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen,
und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an
ihnen Schmach und Scham in die Haende des
Feindes zu fallen.
Darueber brach der Abend herein. Mit seinen
Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches
der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber
jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist
getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi-
ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.
Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-
licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-
leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan abstrich,
unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen
des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder
ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt
trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,
auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind
zu Feind.
So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent-
schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver-
rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich
nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-
fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen
lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen
gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der
sie vor Unbilden des Wetters bebuetete, ging ihre
Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen
Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-
mat fast.
Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm
huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder
das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-
fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen
in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-
lich aber sanken auch die letzten in erloesenden
Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der
Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-
rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.
Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die
wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei-
den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-
nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten
den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,
richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen
klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward
ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten
den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-
wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im
Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille
stehen.
Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-
fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-
der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe
Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"
Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur
der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist
nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich
sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust
die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der
Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,
dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch
nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang,
kein Pochen, kein Ruf.
Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-
den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er
drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-
wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung
schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,
-
Weihnachten im Feld.
Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden
Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?
Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer
der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick
ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,
wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die
Arme um euch schlang, wie Kinderhaendchen zu
den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-
den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch
leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren
Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,
denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-
gangen?
Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im
engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-
scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr
fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-
wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen
und wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt
euch dessen nicht!
Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-
nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen
Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen
gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid
Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein
frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende
Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden
lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danken
wir dafuer Gott!
Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-
freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an
einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon
geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.
Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer
Heimatfluren!
Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.
Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-
list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. Noch
ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.
Darum heisst es Durchhalten bis der Feind voellig
zu Boden geworfen ist, damit die Zukunft unserer
deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen
seine boesen Anschlaege gesichert sei.
Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum
siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,
sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers
deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.
-
Zwischen Lille und Arras.
Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus
der Landeinwohner stark vlaemischen Einschlag, ja,
viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;
ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-
voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein
vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches
Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-
sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders
unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der
aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen
mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach
gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-
schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein
scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung
aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von
jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen
Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50
Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter
der Fahne. Geradezu verblueffend ist die Ergiebigkeit
des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-
stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,
die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,
und Immer noch in ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-
lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu
bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung
freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden
beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-
serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art
sind auf dem Felde und in Scheuern noch massenhaft
vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht
herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung
von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise
industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-
keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende
Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-
und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel-
felder beweisen.
Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von
der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir
dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions-
ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der
vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-
lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin
und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,
der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die
Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in
einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-
den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und
hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter
H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder
liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-
meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem
Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der
Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen
Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und
dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-
digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das
heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes
kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer-
den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge-
sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein
sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-
genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen
unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-
ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man
brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht
sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.
Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen
wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab
der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch
einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-
graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig
herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-
men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-
legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem
hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum
Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und
das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille
durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.
Alle wollten wir dabei sein, keiner wollte zurueck-
bleiben. Schleunigst wurden die naechsten besten
Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn
Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle
waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr
nachts unter meiner Fuehrung ab. Scharf schlug das
rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in
regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die
Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem
Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-
ausgang die Strasse nach M. in noerdlicher Richtung
abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere
Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame
Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir
mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die
Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte
Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant
B. mit dem Reitertrupp. So ging es mit gespanntem
Revolver und gespannten Sinnen in die dunkle Nacht
hinein auf unser Ziel los, dessen Kirchturm sich un-
gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und
Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbstuendigem Ritt
hatten wir den Suedostrand von M. erreicht. Als wir
vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit
Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den
Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-
zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns
vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-
ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso-
nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der
im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht-
signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes
hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.
Wir besetzten den Haupteingang der Kirche und den
Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die
Durchsuchung der Kirche leitete, uebernahm ich es,
zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden
Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der
Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:
"Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-
niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und
lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den
"Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,
zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-
willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus
ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen
mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und
zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,
die etwa in Frage kamen. Nichts war zu finden; hier
war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,
und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-
wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.
Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus
von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung
der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.
Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf
den Kirchturm bis in den Glockenstuhl zu steigen, und
von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-
raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das
war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des
Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an
irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten
Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-
erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer
-
nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be-
wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-
fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon
gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden
sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser
Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-
waerts lagen?
Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum
gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen,
und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an
ihnen Schmach und Scham in die Haende des
Feindes zu fallen.
Darueber brach der Abend herein. Mit seinen
Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches
der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber
jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist
getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi-
ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.
Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-
licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-
leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan Abstrich,
unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen
des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder
ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt
trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,
auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind
zu Feind.
So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent-
schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver-
rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich
nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-
fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen
lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen
gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der
sie vor Unbilden des Wetters bebuetete, ging ihre
Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen
Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-
mat fast.
Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm
huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder
das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-
fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen
in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-
lich aber sanken auch die letzten in erloesenden
Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der
Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-
rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.
Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die
wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei-
den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-
nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten
den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,
richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen
klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward
ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten
den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-
wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im
Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille
stehen.
Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-
fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-
der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe
Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"
Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur
der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist
nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich
sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust
die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der
Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,
dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch
nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang,
kein Pochen, kein Ruf.
Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-
den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er
drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-
wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung
schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,
-
Weihnachten im Feld.
Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden
Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?
Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer
der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick
ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,
wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die
Arme um euch schlang, wie Kinderhaendchen zu
den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-
den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch
leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren
Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,
denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-
gangen?
Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im
engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-
scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr
fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-
wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen
und wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt
euch dessen nicht!
Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-
nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen
Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen
gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid
Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein
frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende
Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden
lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danken
wir dafuer Gott!
Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-
freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an
einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon
geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.
Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer
Heimatfluren!
Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.
Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-
list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. Noch
ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.
Darum heisst es Durchhalten bis der Feind voellig
zu Boden geworfen ist, damit die Zukunft unserer
deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen
seine boesen Anschlaege gesichert sei.
Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum
siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,
sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers
deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.
-
Zwischen Lille und Arras.
Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus
der Landeinwohner stark vlaemischen Einschlag, ja,
viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;
ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-
voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein
vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches
Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-
sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders
unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der
aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen
mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach
gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-
schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein
scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung
aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von
jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen
Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50
Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter
der Fahne. Geradezu verblueffend ist die Ergiebigkeit
des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-
stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,
die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,
und Immer noch in ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-
lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu
bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung
freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden
beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-
serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art
sind auf dem Felde und in Scheuern noch massenhaft
vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht
herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung
von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise
industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-
keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende
Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-
und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel-
felder beweisen.
Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von
der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir
dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions-
ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der
vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-
lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin
und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,
der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die
Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in
einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-
den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und
hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter
H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder
liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-
meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem
Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der
Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen
Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und
dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-
digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das
heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes
kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer-
den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge-
sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein
sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-
genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen
unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-
ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man
brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht
sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.
Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen
wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab
der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch
einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-
graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig
herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-
men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-
legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem
hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum
Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und
das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille
durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.
Alle wollten wir dabei sein, keiner wollte zurueck-
bleiben. Schleunigst wurden die naechsten besten
Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn
Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle
waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr
nachts unter meiner Fuehrung ab. Scharf schlug das
rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in
regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die
Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem
Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-
ausgang die Strasse nach M. in noerdlicher Richtung
abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere
Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame
Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir
mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die
Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte
Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant
B. mit dem Reitertrupp. So ging es mit gespanntem
Revolver und gespannten Sinnen in die dunkle Nacht
hinein auf unser Ziel los, dessen Kirchturm sich un-
gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und
Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbstuendigem Ritt
hatten wir den Suedostrand von M. erreicht. Als wir
vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit
Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den
Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-
zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns
vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-
ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso-
nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der
im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht-
signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes
hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.
Wir besetzten den Haupteingang der Kirche und den
Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die
Durchsuchung der Kirche leitete, uebernahm ich es,
zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden
Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der
Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:
"Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-
niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und
lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den
"Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,
zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-
willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus
ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen
mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und
zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,
die etwa in Frage kamen. Nichts war zu finden; hier
war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,
und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-
wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.
Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus
von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung
der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.
Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf
den Kirchturm bis ln den Glockenstuhl zu steigen, und
von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-
raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das
war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des
Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an
irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten
Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-
erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer
-
nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be-
wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-
fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon
gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden
sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser
Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-
waerts lagen?
Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum
gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen,
und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an
ihnen Schmach und Scham in die Haende des
Feindes zu fallen.
Darueber brach der Abend herein. Mit seinen
Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches
der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber
jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist
getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi-
ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.
Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-
licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-
leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan Abstrich,
unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen
des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder
ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt
trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,
auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind
zu Feind.
So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent-
schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver-
rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich
nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-
fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen
lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen
gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der
sie vor Unbilden des Wetters bebuetete, ging ihre
Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen
Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-
mat fast.
Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm
huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder
das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-
fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen
in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-
lich aber sanken auch die letzten in erloesenden
Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der
Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-
rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.
Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die
wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei-
den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-
nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten
den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,
richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen
klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward
ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten
den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-
wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im
Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille
stehen.
Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-
fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-
der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe
Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"
Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur
der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist
nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich
sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust
die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der
Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,
dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch
nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang,
kein Pochen, kein Ruf.
Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-
den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er
drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-
wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung
schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,
-
Weihnachten im Feld.
Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden
Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?
Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer
der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick
ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,
wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die
Arme um euch schlang, wie Kinderhaendchen zu
den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-
den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch
leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren
Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,
denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-
gangen?
Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im
engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-
scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr
fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-
wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen
und wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt
euch dessen nicht!
Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-
nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen
Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen
gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid
Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein
frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende
Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden
lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danken
wir dafuer Gott!
Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-
freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an
einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon
geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.
Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer
Heimatfluren!
Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.
Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-
list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. Noch
ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.
Darum heisst es Durchhalten bis der Feind voellig
zu Boden geworfen ist, damit die Zukunft unserer
deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen
seine boesen Anschlaege gesichert sei.
Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum
siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,
sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers
deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.
-
Zwischen Lille und Arras.
Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus
der Landeinwohner stark vlaemisehen Einschlag, ja,
viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;
ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-
voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein
vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches
Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-
sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders
unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der
aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen
mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach
gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-
schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein
scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung
aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von
jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen
Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50
Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter
der Fahne. Geradzu verblueffend ist die Ergiebigkeit
des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-
stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,
die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,
und Immer noch in Ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-
lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu
bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung
freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden
beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-
serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art
sind auf dem Felde und In Scheuern noch massenhaft
vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht
herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung
von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise
industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-
keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende
Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-
und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel-
felder beweisen.
Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von
der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir
dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions-
ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der
vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-
lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin
und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,
der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die
Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in
einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-
den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und
hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter
H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder
liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-
meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem
Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der
Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen
Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und
dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-
digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das
heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes
kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer-
den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge-
sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein
sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-
genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen
unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-
ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man
brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht
sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.
Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen
wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab
der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch
einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-
graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig
herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-
men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-
legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem
hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum
Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und
das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille
durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.
Alle wollten wir dabei sein, keienr wollte zurueck-
bleiben. Schleunigst wurden die naechstan besten
Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn
Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle
waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr
nachtsunter meiner Foehrung ab. Scharf schlug das
rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in
regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die
Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem
Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-
ausgang die Strasse noch M. in noerdlicher Richtung
abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere
Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame
Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir
mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die
Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte
Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant
B. mit dem Reitertupp. So ging ee mit gespanntem
Revolver und gespannten Sinnen in die dunkel Nacht
hinein auf unser Ziel los, dessen Kichturm sich un-
gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und
Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbetuendigem Ritt
hatten wir den Suedoetrand von M. erreicht. Als wir
vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit
Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den
Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-
zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns
vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-
ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso
nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der
im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht-
signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes
hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.
Wir besetzten den Hauptelngang der Kirche und den
Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die
Durchsuchung der Kirche leitete, uebemahm ich es,
zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden
Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der
Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:
"Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-
niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und
lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den
"Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,
zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-
willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus
ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen
mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und
zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,
die etwa In Frage kamen. Nichts war zu finden; hier
war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,
und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-
wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.
Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus
von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung
der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.
Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf
den Kirchturm bis ln den Glockenstuhl zu steigen, und
von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-
raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das
war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des
Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an
irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten
Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-
erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer
-
nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be-
wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-
fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon
gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden
sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser
Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-
waerts lagen?
Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum
gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen,
und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an
ihnen Schmach und Scham in die Haende des
Feindes zu fallen.
Darueber brach der Abend herein. Mit seinen
Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches
der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber
jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist
getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi-
ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.
Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-
licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-
leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan Abstrich,
unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen
des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder
ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt
trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,
auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind
zu Feind.
So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent-
schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver-
rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich
nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-
fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen
lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen
gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der
sie vor Unbilden des Wetters bebuetete, ging ihre
Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen
Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-
mat fast.
Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm
huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder
das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-
fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen
in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-
lich aber sanken auch die letzten in erloesenden
Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der
Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-
rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.
Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die
wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei-
den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-
nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten
den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,
richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen
klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward
ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten
den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-
wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im
Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille
stehen.
Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-
fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-
der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe
Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"
Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur
der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist
nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich
sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust
die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der
Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,
dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch
nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang,
kein Pochen, kein Ruf.
Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-
den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er
drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-
wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung
schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,
-
Weihnachten im Feld.
Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden
Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?
Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer
der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick
ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,
wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die
Arme um euch schlagn, wie Kinderhaendchen zu
den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-
den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch
leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren
Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,
denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-
gangen?
Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im
engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-
scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr
fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-
wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen
un wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt
euch dessen nicht!
Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-
nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen
Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen
gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid
Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein
frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende
Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden
lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danke
wir dafuer Gott!
Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-
freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an
einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon
geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.
Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer
Heimatfluren!
Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.
Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-
list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. NOch
ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.
Darum heisst es Durchhalten bsi der Fein voellig
zu Boden geworden ist, damit die Zukunft unserer
deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen
seine boesen Anschlaege gesichert sei.
Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum
siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,
sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers
deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.
-
Zwischen Lille und Arras.
Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus
der Landeinwohner stark vlaemisehen Einschlag, ja,
viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;
ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-
voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein
vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches
Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-
sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders
unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der
aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen
mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach
gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-
schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein
scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung
aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von
jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen
Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50
Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter
der Fahne. Geradzu verblueffend ist die Ergiebigkeit
des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-
stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,
die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,
und Immer noch in Ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-
lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu
bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung
freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden
beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-
serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art
sind auf dem Felde und In Scheuern noch massenhaft
vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht
herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung
von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise
industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-
keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende
Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-
und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel-
felder beweisen.
Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von
der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir
dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions-
ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der
vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-
lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin
und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,
der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die
Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in
einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-
den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und
hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter
H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder
liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-
meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem
Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der
Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen
Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und
dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-
digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das
heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes
kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer-
den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge-
sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein
sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-
genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen
unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-
ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man
brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht
sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.
Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen
wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab
der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch
einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-
graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig
herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-
men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-
legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem
hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum
Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und
das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille
durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.
Alle wollten wir dabei sein, keienr wollte zurueck-
bleiben. Schleunigst wurden die naechstan besten
Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn
Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle
waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr
nachtsunter meiner Foehrung ab. Scharf schlug das
rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in
regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die
Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem
Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-
ausgang die Strasse noch M. in noerdlicher Richtung
abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere
Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame
Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir
mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die
Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte
Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant
B. mit dem Reitertupp. So ging ee mit gespanntem
Revolver und gespannten Sinnen in die dunkel Nacht
hinein auf unser Ziel los, dessen Kichturm sich un-
gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und
Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbetuendigem Ritt
hatten wir den Suedoetrand von M. erreicht. Als wir
vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit
Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den
Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-
zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns
vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-
ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso
nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der
im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht-
signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes
hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.
Wir besetzten den Hauptelngang der Kirche und den
Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die
Durchsuchung der Kirche leitete, uebemahm ich es,
zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden
Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der
Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:
"Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-
niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und
lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den
"Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,
zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-
willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus
ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen
mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und
zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,
die etwa In Frage kamen. Nichts war zu finden; hier
war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,
und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-
wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.
Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus
von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung
der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.
Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf
den Kirchturm bis ln den Glockenstuhl zu steigen, und
von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-
raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das
war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des
Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an
irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten
Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-
erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer
-
nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be-
wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-
fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon
gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden
sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser
Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-
waerts lagen?
Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum
gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen,
und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an
ihnen Schmach und Scham in die Haende des
Feindes zu fallen.
Darueber brach der Abend herein. Mit seinen
Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches
der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber
jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist
getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi-
ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.
Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-
licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-
leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan Abstrich,
unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen
des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder
ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt
trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,
auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind
zu Feind.
So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent-
schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver-
rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich
nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-
fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen
lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen
gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der
sie vor Unbilden des Wetters bebuetete, ging ihre
Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen
Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-
mat fast.
Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm
huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder
das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-
fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen
in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-
lich aber sanken auch die letzten in erloesenden
Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der
Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-
rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.
Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die
wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei-
den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-
nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten
den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,
richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen
klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward
ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten
den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-
wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im
Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille
stehen.
Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-
fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-
der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe
Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"
Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur
der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist
nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich
sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust
die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der
Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,
dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch
nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang,
kein Pochen, kein Ruf.
Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-
den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er
drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-
wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung
schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,
-
Weihnachten im Feld.
Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden
Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?
Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer
der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick
ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,
wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die
Arme um euch schlagn, wie Kinderhaendchen zu
den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-
den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch
leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren
Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,
denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-
gangen?
Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im
engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-
scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr
fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-
wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen
un wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt
euch dessen nicht!
Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-
nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen
Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen
gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid
Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein
frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende
Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden
lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danke
wir dafuer Gott!
Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-
freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an
einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon
geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.
Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer
Heimatfluren!
Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.
Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-
list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. NOch
ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.
Darum heisst es Durchhalten bsi der Fein voellig
zu Boden geworden ist, damit die Zukunft unserer
deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen
seine boesen Anschlaege gesichert sei.
Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum
siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,
sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers
deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.
-
Zwischen Lille und Arras.
Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus
der Landeinwohner stark vlaemisehen Einschlag, ja,
viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;
ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-
voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein
vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches
Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-
sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders
unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der
aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen
mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach
gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-
schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein
scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung
aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von
jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen
Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50
Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter
der Fahne. Geradzu verblueffend ist die Ergiebigkeit
des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-
stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,
die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,
und Immer noch in Ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-
lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu
bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung
freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden
beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-
serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art
sind auf dem Felde und In Scheuern noch massenhaft
vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht
herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung
von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise
industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-
keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende
Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-
und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel-
felder beweisen.
Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von
der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir
dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions-
ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der
vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-
lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin
und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,
der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die
Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in
einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-
den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und
hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter
H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder
liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-
meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem
Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der
Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen
Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und
dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-
digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das
heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes
kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer-
den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge-
sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein
sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-
genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen
unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-
ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man
brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht
sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.
-
Weihnachten im Feld.
Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden
Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?
Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer
der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick
ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,
wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die
Arme um euch schlagn, wie Kinderhaendchen zu
den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-
den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch
leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren
Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,
denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-
gangen?
Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im
engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-
scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr
fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-
wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen
un wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt
euch dessen nicht!
Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-
nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen
Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen
gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid
Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein
frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende
Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden
lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danke
wir dafuer Gott!
Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-
freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an
einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon
geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.
Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer
Heimatfluren!
Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.
Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-
list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. NOch
ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.
Darum heisst es Durchhalten bsi der Fein voellig
zu Boden geworden ist, damit die Zukunft unserer
deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen
seine boesen Anschlaege gesichert sei.
Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum
siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,
sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers
deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.
-
Zwischen Lille und Arras.
Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus
der Landeinwohner stark vlaemisehen Einschlag, ja,
viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;
ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-
voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein
vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches
Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-
sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders
unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der
aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen
mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach
gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-
schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein
scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung
aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von
jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen
Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50
Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter
der Fahne. Geradzu verblueffend ist die Ergiebigkeit
des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-
stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,
die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,
und Immer noch in Ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-
lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu
bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung
freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden
beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-
serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art
sind auf dem Felde und In Scheuern noch massenhaft
vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht
herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung
von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise
industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-
keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende
Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-
und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel-
felder beweisen.
Description
Save description- 50.6293465||3.05707689999997||||1
Lille, Frankreich
Location(s)
Story location Lille, Frankreich
- ID
- 12998 / 199719
- Contributor
- Uta Hentschel
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- Western Front
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