Kriegszeitungen aus dem Besitz von Carl Popp, item 13

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Weihnachten im Feld.


 Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden

Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?

Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer

der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick

ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,

wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die 

Arme um euch schlang, wie Kinderhaendchen zu 

den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-

den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch

leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren 

Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,

denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-

gangen?

 Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im 

engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-

scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr

fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-

wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen 

und wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt

euch dessen nicht!

 Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-

nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen

Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen

gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid

Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein 

frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende

Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden

lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danken

wir dafuer Gott!

 Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-

freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an

einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon

geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.

Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer

Heimatfluren!

 Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.

Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-

list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. Noch 

ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.

 Darum heisst es Durchhalten bis der Feind voellig 

zu Boden geworfen ist, damit die Zukunft unserer

deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen

seine boesen Anschlaege gesichert sei.

 Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum

siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,

sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers

deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.


-


Zwischen Lille und Arras.

Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus

der Landeinwohner stark vlaemischen Einschlag, ja, 

viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;

ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-

voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein

vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches

Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-

sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders

unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der

aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen

mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach

gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-

­schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein

scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung

aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von

jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen

Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50

Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter

der Fahne. Geradezu verblueffend ist die Ergiebigkeit

des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-

stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,

die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,

und Immer noch in ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-

­lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu 

bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung

freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden

beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-

­serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art

sind auf dem Felde und in Scheuern noch massenhaft

vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht

herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung

von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise

industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-

keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende

Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-

und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel­-

felder beweisen.


 Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von

der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir

dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions­-

ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der

vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-

­lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin

und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,

der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die

Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in

einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-

den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und

hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter

H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder

liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-

­meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem

Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der

Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen

Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und

dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-

­digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das

heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes

kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer­-

den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge­-

sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein

sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-

­genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen 

unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-

ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man

brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht

sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.


Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen

wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab

der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch

einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-

graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig

herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-­

men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-

­legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem 

hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum

Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und

das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille

durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.


Alle wollten wir dabei sein, keiner wollte zurueck-

bleiben. Schleunigst wurden die naechsten besten

Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn

Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle

waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr

nachts unter meiner Fuehrung ab. Scharf schlug das

rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in

regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die

Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem

Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-

­ausgang die Strasse nach M. in noerdlicher Richtung

abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere

Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame

Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir

mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die

Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte

Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant

B. mit dem Reitertrupp. So ging es mit gespanntem

Revolver und gespannten Sinnen in die dunkle Nacht

hinein auf unser Ziel los, dessen Kirchturm sich un-

gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und

Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbstuendigem Ritt

hatten wir den Suedostrand von M. erreicht. Als wir

vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit

Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den

Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-

­zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns

vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-

ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso-

nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der

im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht­-

signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes

hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.

Wir besetzten den Haupteingang der Kirche und den

Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die

Durchsuchung der Kirche leitete, uebernahm ich es,

zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden

Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der

Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:

"Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-

­niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und

lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den

"Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,

zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-

willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus

ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen

mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und

zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,

die etwa in Frage kamen. Nichts war zu finden; hier

war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,

und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-

­wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.

Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus

von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung

der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.

Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf

den Kirchturm bis in den Glockenstuhl zu steigen, und

von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-

raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das

war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des

Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an

irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten

Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-

erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer


-


nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be­-

wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-

­fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon

gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden

sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser

Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-

waerts lagen?


Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum

gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen, 

und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an

ihnen Schmach und Scham in die Haende des 

Feindes zu fallen.


Darueber brach der Abend herein. Mit seinen

Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches

der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber

jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist

getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi­-

ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.

Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-

licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-

leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan abstrich,

unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen

des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder

ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt

trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,

auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind

zu Feind.


So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent­-

schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver­-

rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich

nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-

fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen

lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen

gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der

sie vor Unbilden des Wetters behuetete, ging ihre

Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen

Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-

­mat fast.

Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm

huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder

das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-

­fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen

in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-

­lich aber sanken auch die letzten in erloesenden

Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der

Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-

rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.


Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die

wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei­-

den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-

nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten

den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,

richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen

klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward

ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten

den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-

wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im

Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille

stehen.

Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-

fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-

der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe

Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"

 Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur

der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist

nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich

sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust

die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der

Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,

dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch

nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang, 

kein Pochen, kein Ruf.

 Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-

den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er

drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-

­wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung 

schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,


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Weihnachten im Feld.


 Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden

Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?

Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer

der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick

ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,

wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die 

Arme um euch schlang, wie Kinderhaendchen zu 

den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-

den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch

leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren 

Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,

denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-

gangen?

 Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im 

engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-

scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr

fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-

wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen 

und wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt

euch dessen nicht!

 Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-

nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen

Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen

gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid

Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein 

frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende

Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden

lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danken

wir dafuer Gott!

 Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-

freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an

einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon

geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.

Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer

Heimatfluren!

 Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.

Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-

list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. Noch 

ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.

 Darum heisst es Durchhalten bis der Feind voellig 

zu Boden geworfen ist, damit die Zukunft unserer

deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen

seine boesen Anschlaege gesichert sei.

 Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum

siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,

sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers

deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.


-


Zwischen Lille und Arras.

Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus

der Landeinwohner stark vlaemischen Einschlag, ja, 

viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;

ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-

voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein

vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches

Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-

sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders

unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der

aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen

mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach

gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-

­schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein

scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung

aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von

jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen

Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50

Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter

der Fahne. Geradezu verblueffend ist die Ergiebigkeit

des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-

stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,

die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,

und Immer noch in ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-

­lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu 

bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung

freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden

beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-

­serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art

sind auf dem Felde und in Scheuern noch massenhaft

vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht

herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung

von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise

industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-

keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende

Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-

und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel­-

felder beweisen.


 Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von

der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir

dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions­-

ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der

vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-

­lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin

und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,

der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die

Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in

einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-

den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und

hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter

H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder

liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-

­meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem

Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der

Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen

Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und

dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-

­digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das

heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes

kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer­-

den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge­-

sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein

sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-

­genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen 

unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-

ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man

brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht

sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.


Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen

wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab

der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch

einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-

graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig

herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-­

men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-

­legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem 

hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum

Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und

das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille

durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.


Alle wollten wir dabei sein, keiner wollte zurueck-

bleiben. Schleunigst wurden die naechsten besten

Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn

Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle

waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr

nachts unter meiner Fuehrung ab. Scharf schlug das

rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in

regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die

Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem

Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-

­ausgang die Strasse nach M. in noerdlicher Richtung

abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere

Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame

Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir

mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die

Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte

Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant

B. mit dem Reitertrupp. So ging es mit gespanntem

Revolver und gespannten Sinnen in die dunkle Nacht

hinein auf unser Ziel los, dessen Kirchturm sich un-

gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und

Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbstuendigem Ritt

hatten wir den Suedostrand von M. erreicht. Als wir

vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit

Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den

Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-

­zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns

vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-

ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso-

nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der

im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht­-

signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes

hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.

Wir besetzten den Haupteingang der Kirche und den

Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die

Durchsuchung der Kirche leitete, uebernahm ich es,

zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden

Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der

Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:

"Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-

­niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und

lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den

"Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,

zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-

willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus

ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen

mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und

zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,

die etwa in Frage kamen. Nichts war zu finden; hier

war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,

und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-

­wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.

Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus

von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung

der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.

Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf

den Kirchturm bis in den Glockenstuhl zu steigen, und

von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-

raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das

war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des

Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an

irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten

Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-

erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer


-


nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be­-

wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-

­fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon

gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden

sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser

Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-

waerts lagen?


Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum

gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen, 

und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an

ihnen Schmach und Scham in die Haende des 

Feindes zu fallen.


Darueber brach der Abend herein. Mit seinen

Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches

der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber

jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist

getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi­-

ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.

Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-

licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-

leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan abstrich,

unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen

des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder

ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt

trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,

auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind

zu Feind.


So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent­-

schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver­-

rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich

nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-

fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen

lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen

gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der

sie vor Unbilden des Wetters behuetete, ging ihre

Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen

Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-

­mat fast.

Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm

huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder

das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-

­fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen

in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-

­lich aber sanken auch die letzten in erloesenden

Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der

Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-

rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.


Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die

wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei­-

den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-

nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten

den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,

richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen

klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward

ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten

den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-

wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im

Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille

stehen.

Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-

fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-

der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe

Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"

 Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur

der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist

nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich

sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust

die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der

Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,

dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch

nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang, 

kein Pochen, kein Ruf.

 Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-

den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er

drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-

­wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung 

schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,



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  • June 28, 2017 22:55:21 Beate Jochem

    Weihnachten im Feld.


     Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden

    Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?

    Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer

    der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick

    ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,

    wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die 

    Arme um euch schlang, wie Kinderhaendchen zu 

    den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-

    den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch

    leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren 

    Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,

    denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-

    gangen?

     Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im 

    engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-

    scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr

    fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-

    wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen 

    und wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt

    euch dessen nicht!

     Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-

    nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen

    Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen

    gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid

    Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein 

    frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende

    Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden

    lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danken

    wir dafuer Gott!

     Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-

    freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an

    einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon

    geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.

    Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer

    Heimatfluren!

     Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.

    Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-

    list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. Noch 

    ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.

     Darum heisst es Durchhalten bis der Feind voellig 

    zu Boden geworfen ist, damit die Zukunft unserer

    deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen

    seine boesen Anschlaege gesichert sei.

     Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum

    siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,

    sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers

    deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.


    -


    Zwischen Lille und Arras.

    Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus

    der Landeinwohner stark vlaemischen Einschlag, ja, 

    viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;

    ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-

    voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein

    vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches

    Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-

    sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders

    unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der

    aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen

    mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach

    gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-

    ­schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein

    scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung

    aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von

    jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen

    Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50

    Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter

    der Fahne. Geradezu verblueffend ist die Ergiebigkeit

    des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-

    stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,

    die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,

    und Immer noch in ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-

    ­lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu 

    bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung

    freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden

    beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-

    ­serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art

    sind auf dem Felde und in Scheuern noch massenhaft

    vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht

    herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung

    von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise

    industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-

    keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende

    Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-

    und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel­-

    felder beweisen.


     Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von

    der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir

    dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions­-

    ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der

    vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-

    ­lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin

    und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,

    der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die

    Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in

    einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-

    den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und

    hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter

    H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder

    liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-

    ­meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem

    Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der

    Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen

    Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und

    dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-

    ­digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das

    heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes

    kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer­-

    den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge­-

    sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein

    sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-

    ­genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen 

    unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-

    ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man

    brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht

    sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.


    Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen

    wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab

    der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch

    einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-

    graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig

    herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-­

    men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-

    ­legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem 

    hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum

    Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und

    das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille

    durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.


    Alle wollten wir dabei sein, keiner wollte zurueck-

    bleiben. Schleunigst wurden die naechsten besten

    Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn

    Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle

    waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr

    nachts unter meiner Fuehrung ab. Scharf schlug das

    rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in

    regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die

    Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem

    Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-

    ­ausgang die Strasse nach M. in noerdlicher Richtung

    abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere

    Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame

    Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir

    mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die

    Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte

    Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant

    B. mit dem Reitertrupp. So ging es mit gespanntem

    Revolver und gespannten Sinnen in die dunkle Nacht

    hinein auf unser Ziel los, dessen Kirchturm sich un-

    gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und

    Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbstuendigem Ritt

    hatten wir den Suedostrand von M. erreicht. Als wir

    vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit

    Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den

    Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-

    ­zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns

    vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-

    ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso-

    nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der

    im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht­-

    signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes

    hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.

    Wir besetzten den Haupteingang der Kirche und den

    Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die

    Durchsuchung der Kirche leitete, uebernahm ich es,

    zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden

    Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der

    Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:

    "Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-

    ­niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und

    lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den

    "Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,

    zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-

    willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus

    ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen

    mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und

    zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,

    die etwa in Frage kamen. Nichts war zu finden; hier

    war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,

    und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-

    ­wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.

    Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus

    von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung

    der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.

    Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf

    den Kirchturm bis in den Glockenstuhl zu steigen, und

    von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-

    raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das

    war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des

    Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an

    irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten

    Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-

    erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer


    -


    nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be­-

    wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-

    ­fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon

    gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden

    sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser

    Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-

    waerts lagen?


    Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum

    gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen, 

    und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an

    ihnen Schmach und Scham in die Haende des 

    Feindes zu fallen.


    Darueber brach der Abend herein. Mit seinen

    Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches

    der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber

    jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist

    getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi­-

    ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.

    Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-

    licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-

    leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan abstrich,

    unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen

    des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder

    ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt

    trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,

    auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind

    zu Feind.


    So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent­-

    schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver­-

    rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich

    nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-

    fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen

    lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen

    gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der

    sie vor Unbilden des Wetters behuetete, ging ihre

    Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen

    Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-

    ­mat fast.

    Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm

    huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder

    das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-

    ­fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen

    in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-

    ­lich aber sanken auch die letzten in erloesenden

    Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der

    Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-

    rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.


    Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die

    wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei­-

    den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-

    nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten

    den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,

    richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen

    klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward

    ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten

    den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-

    wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im

    Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille

    stehen.

    Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-

    fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-

    der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe

    Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"

     Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur

    der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist

    nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich

    sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust

    die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der

    Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,

    dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch

    nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang, 

    kein Pochen, kein Ruf.

     Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-

    den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er

    drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-

    ­wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung 

    schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,


  • June 28, 2017 22:53:07 Beate Jochem

    Weihnachten im Feld.


     Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden

    Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?

    Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer

    der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick

    ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,

    wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die 

    Arme um euch schlang, wie Kinderhaendchen zu 

    den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-

    den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch

    leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren 

    Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,

    denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-

    gangen?

     Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im 

    engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-

    scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr

    fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-

    wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen 

    und wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt

    euch dessen nicht!

     Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-

    nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen

    Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen

    gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid

    Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein 

    frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende

    Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden

    lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danken

    wir dafuer Gott!

     Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-

    freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an

    einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon

    geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.

    Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer

    Heimatfluren!

     Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.

    Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-

    list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. Noch 

    ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.

     Darum heisst es Durchhalten bis der Feind voellig 

    zu Boden geworfen ist, damit die Zukunft unserer

    deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen

    seine boesen Anschlaege gesichert sei.

     Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum

    siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,

    sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers

    deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.


    -


    Zwischen Lille und Arras.

    Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus

    der Landeinwohner stark vlaemischen Einschlag, ja, 

    viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;

    ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-

    voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein

    vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches

    Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-

    sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders

    unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der

    aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen

    mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach

    gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-

    ­schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein

    scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung

    aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von

    jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen

    Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50

    Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter

    der Fahne. Geradezu verblueffend ist die Ergiebigkeit

    des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-

    stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,

    die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,

    und Immer noch in ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-

    ­lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu 

    bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung

    freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden

    beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-

    ­serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art

    sind auf dem Felde und in Scheuern noch massenhaft

    vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht

    herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung

    von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise

    industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-

    keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende

    Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-

    und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel­-

    felder beweisen.


     Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von

    der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir

    dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions­-

    ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der

    vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-

    ­lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin

    und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,

    der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die

    Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in

    einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-

    den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und

    hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter

    H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder

    liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-

    ­meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem

    Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der

    Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen

    Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und

    dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-

    ­digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das

    heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes

    kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer­-

    den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge­-

    sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein

    sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-

    ­genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen 

    unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-

    ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man

    brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht

    sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.


    Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen

    wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab

    der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch

    einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-

    graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig

    herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-­

    men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-

    ­legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem 

    hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum

    Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und

    das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille

    durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.


    Alle wollten wir dabei sein, keiner wollte zurueck-

    bleiben. Schleunigst wurden die naechsten besten

    Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn

    Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle

    waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr

    nachts unter meiner Fuehrung ab. Scharf schlug das

    rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in

    regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die

    Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem

    Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-

    ­ausgang die Strasse nach M. in noerdlicher Richtung

    abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere

    Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame

    Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir

    mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die

    Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte

    Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant

    B. mit dem Reitertrupp. So ging es mit gespanntem

    Revolver und gespannten Sinnen in die dunkle Nacht

    hinein auf unser Ziel los, dessen Kirchturm sich un-

    gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und

    Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbstuendigem Ritt

    hatten wir den Suedostrand von M. erreicht. Als wir

    vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit

    Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den

    Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-

    ­zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns

    vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-

    ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso-

    nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der

    im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht­-

    signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes

    hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.

    Wir besetzten den Haupteingang der Kirche und den

    Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die

    Durchsuchung der Kirche leitete, uebernahm ich es,

    zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden

    Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der

    Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:

    "Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-

    ­niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und

    lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den

    "Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,

    zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-

    willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus

    ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen

    mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und

    zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,

    die etwa in Frage kamen. Nichts war zu finden; hier

    war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,

    und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-

    ­wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.

    Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus

    von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung

    der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.

    Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf

    den Kirchturm bis in den Glockenstuhl zu steigen, und

    von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-

    raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das

    war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des

    Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an

    irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten

    Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-

    erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer


    -


    nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be­-

    wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-

    ­fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon

    gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden

    sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser

    Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-

    waerts lagen?


    Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum

    gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen, 

    und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an

    ihnen Schmach und Scham in die Haende des 

    Feindes zu fallen.


    Darueber brach der Abend herein. Mit seinen

    Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches

    der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber

    jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist

    getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi­-

    ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.

    Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-

    licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-

    leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan abstrich,

    unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen

    des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder

    ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt

    trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,

    auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind

    zu Feind.


    So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent­-

    schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver­-

    rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich

    nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-

    fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen

    lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen

    gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der

    sie vor Unbilden des Wetters bebuetete, ging ihre

    Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen

    Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-

    ­mat fast.

    Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm

    huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder

    das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-

    ­fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen

    in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-

    ­lich aber sanken auch die letzten in erloesenden

    Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der

    Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-

    rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.


    Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die

    wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei­-

    den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-

    nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten

    den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,

    richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen

    klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward

    ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten

    den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-

    wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im

    Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille

    stehen.

    Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-

    fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-

    der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe

    Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"

     Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur

    der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist

    nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich

    sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust

    die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der

    Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,

    dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch

    nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang, 

    kein Pochen, kein Ruf.

     Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-

    den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er

    drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-

    ­wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung 

    schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,



  • June 28, 2017 22:51:31 Beate Jochem

    Weihnachten im Feld.


     Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden

    Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?

    Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer

    der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick

    ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,

    wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die 

    Arme um euch schlang, wie Kinderhaendchen zu 

    den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-

    den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch

    leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren 

    Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,

    denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-

    gangen?

     Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im 

    engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-

    scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr

    fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-

    wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen 

    und wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt

    euch dessen nicht!

     Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-

    nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen

    Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen

    gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid

    Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein 

    frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende

    Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden

    lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danken

    wir dafuer Gott!

     Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-

    freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an

    einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon

    geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.

    Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer

    Heimatfluren!

     Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.

    Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-

    list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. Noch 

    ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.

     Darum heisst es Durchhalten bis der Feind voellig 

    zu Boden geworfen ist, damit die Zukunft unserer

    deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen

    seine boesen Anschlaege gesichert sei.

     Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum

    siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,

    sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers

    deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.


    -


    Zwischen Lille und Arras.

    Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus

    der Landeinwohner stark vlaemischen Einschlag, ja, 

    viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;

    ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-

    voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein

    vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches

    Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-

    sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders

    unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der

    aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen

    mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach

    gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-

    ­schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein

    scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung

    aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von

    jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen

    Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50

    Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter

    der Fahne. Geradezu verblueffend ist die Ergiebigkeit

    des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-

    stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,

    die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,

    und Immer noch in ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-

    ­lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu 

    bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung

    freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden

    beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-

    ­serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art

    sind auf dem Felde und in Scheuern noch massenhaft

    vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht

    herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung

    von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise

    industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-

    keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende

    Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-

    und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel­-

    felder beweisen.


     Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von

    der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir

    dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions­-

    ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der

    vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-

    ­lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin

    und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,

    der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die

    Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in

    einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-

    den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und

    hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter

    H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder

    liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-

    ­meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem

    Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der

    Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen

    Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und

    dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-

    ­digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das

    heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes

    kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer­-

    den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge­-

    sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein

    sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-

    ­genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen 

    unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-

    ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man

    brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht

    sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.


    Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen

    wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab

    der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch

    einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-

    graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig

    herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-­

    men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-

    ­legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem 

    hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum

    Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und

    das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille

    durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.


    Alle wollten wir dabei sein, keiner wollte zurueck-

    bleiben. Schleunigst wurden die naechsten besten

    Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn

    Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle

    waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr

    nachts unter meiner Fuehrung ab. Scharf schlug das

    rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in

    regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die

    Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem

    Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-

    ­ausgang die Strasse nach M. in noerdlicher Richtung

    abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere

    Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame

    Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir

    mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die

    Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte

    Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant

    B. mit dem Reitertrupp. So ging es mit gespanntem

    Revolver und gespannten Sinnen in die dunkle Nacht

    hinein auf unser Ziel los, dessen Kirchturm sich un-

    gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und

    Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbstuendigem Ritt

    hatten wir den Suedostrand von M. erreicht. Als wir

    vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit

    Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den

    Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-

    ­zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns

    vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-

    ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso-

    nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der

    im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht­-

    signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes

    hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.

    Wir besetzten den Haupteingang der Kirche und den

    Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die

    Durchsuchung der Kirche leitete, uebernahm ich es,

    zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden

    Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der

    Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:

    "Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-

    ­niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und

    lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den

    "Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,

    zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-

    willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus

    ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen

    mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und

    zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,

    die etwa in Frage kamen. Nichts war zu finden; hier

    war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,

    und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-

    ­wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.

    Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus

    von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung

    der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.

    Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf

    den Kirchturm bis in den Glockenstuhl zu steigen, und

    von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-

    raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das

    war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des

    Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an

    irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten

    Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-

    erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer


    -


    nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be­-

    wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-

    ­fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon

    gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden

    sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser

    Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-

    waerts lagen?


    Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum

    gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen, 

    und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an

    ihnen Schmach und Scham in die Haende des 

    Feindes zu fallen.


    Darueber brach der Abend herein. Mit seinen

    Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches

    der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber

    jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist

    getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi­-

    ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.

    Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-

    licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-

    leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan Abstrich,

    unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen

    des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder

    ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt

    trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,

    auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind

    zu Feind.


    So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent­-

    schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver­-

    rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich

    nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-

    fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen

    lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen

    gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der

    sie vor Unbilden des Wetters bebuetete, ging ihre

    Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen

    Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-

    ­mat fast.

    Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm

    huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder

    das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-

    ­fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen

    in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-

    ­lich aber sanken auch die letzten in erloesenden

    Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der

    Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-

    rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.


    Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die

    wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei­-

    den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-

    nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten

    den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,

    richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen

    klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward

    ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten

    den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-

    wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im

    Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille

    stehen.

    Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-

    fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-

    der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe

    Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"

     Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur

    der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist

    nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich

    sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust

    die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der

    Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,

    dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch

    nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang, 

    kein Pochen, kein Ruf.

     Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-

    den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er

    drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-

    ­wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung 

    schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,



  • June 28, 2017 22:50:42 Beate Jochem

    Weihnachten im Feld.


     Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden

    Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?

    Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer

    der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick

    ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,

    wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die 

    Arme um euch schlang, wie Kinderhaendchen zu 

    den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-

    den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch

    leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren 

    Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,

    denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-

    gangen?

     Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im 

    engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-

    scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr

    fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-

    wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen 

    und wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt

    euch dessen nicht!

     Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-

    nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen

    Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen

    gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid

    Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein 

    frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende

    Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden

    lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danken

    wir dafuer Gott!

     Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-

    freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an

    einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon

    geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.

    Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer

    Heimatfluren!

     Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.

    Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-

    list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. Noch 

    ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.

     Darum heisst es Durchhalten bis der Feind voellig 

    zu Boden geworfen ist, damit die Zukunft unserer

    deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen

    seine boesen Anschlaege gesichert sei.

     Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum

    siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,

    sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers

    deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.


    -


    Zwischen Lille und Arras.

    Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus

    der Landeinwohner stark vlaemischen Einschlag, ja, 

    viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;

    ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-

    voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein

    vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches

    Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-

    sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders

    unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der

    aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen

    mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach

    gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-

    ­schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein

    scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung

    aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von

    jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen

    Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50

    Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter

    der Fahne. Geradezu verblueffend ist die Ergiebigkeit

    des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-

    stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,

    die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,

    und Immer noch in ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-

    ­lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu 

    bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung

    freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden

    beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-

    ­serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art

    sind auf dem Felde und in Scheuern noch massenhaft

    vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht

    herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung

    von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise

    industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-

    keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende

    Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-

    und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel­-

    felder beweisen.


     Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von

    der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir

    dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions­-

    ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der

    vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-

    ­lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin

    und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,

    der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die

    Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in

    einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-

    den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und

    hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter

    H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder

    liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-

    ­meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem

    Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der

    Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen

    Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und

    dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-

    ­digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das

    heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes

    kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer­-

    den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge­-

    sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein

    sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-

    ­genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen 

    unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-

    ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man

    brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht

    sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.


    Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen

    wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab

    der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch

    einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-

    graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig

    herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-­

    men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-

    ­legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem 

    hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum

    Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und

    das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille

    durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.


    Alle wollten wir dabei sein, keiner wollte zurueck-

    bleiben. Schleunigst wurden die naechsten besten

    Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn

    Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle

    waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr

    nachts unter meiner Fuehrung ab. Scharf schlug das

    rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in

    regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die

    Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem

    Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-

    ­ausgang die Strasse nach M. in noerdlicher Richtung

    abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere

    Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame

    Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir

    mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die

    Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte

    Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant

    B. mit dem Reitertrupp. So ging es mit gespanntem

    Revolver und gespannten Sinnen in die dunkle Nacht

    hinein auf unser Ziel los, dessen Kirchturm sich un-

    gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und

    Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbstuendigem Ritt

    hatten wir den Suedostrand von M. erreicht. Als wir

    vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit

    Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den

    Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-

    ­zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns

    vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-

    ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso-

    nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der

    im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht­-

    signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes

    hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.

    Wir besetzten den Haupteingang der Kirche und den

    Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die

    Durchsuchung der Kirche leitete, uebernahm ich es,

    zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden

    Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der

    Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:

    "Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-

    ­niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und

    lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den

    "Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,

    zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-

    willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus

    ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen

    mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und

    zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,

    die etwa in Frage kamen. Nichts war zu finden; hier

    war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,

    und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-

    ­wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.

    Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus

    von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung

    der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.

    Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf

    den Kirchturm bis ln den Glockenstuhl zu steigen, und

    von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-

    raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das

    war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des

    Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an

    irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten

    Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-

    erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer


    -


    nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be­-

    wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-

    ­fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon

    gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden

    sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser

    Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-

    waerts lagen?


    Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum

    gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen, 

    und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an

    ihnen Schmach und Scham in die Haende des 

    Feindes zu fallen.


    Darueber brach der Abend herein. Mit seinen

    Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches

    der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber

    jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist

    getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi­-

    ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.

    Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-

    licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-

    leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan Abstrich,

    unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen

    des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder

    ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt

    trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,

    auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind

    zu Feind.


    So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent­-

    schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver­-

    rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich

    nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-

    fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen

    lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen

    gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der

    sie vor Unbilden des Wetters bebuetete, ging ihre

    Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen

    Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-

    ­mat fast.

    Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm

    huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder

    das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-

    ­fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen

    in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-

    ­lich aber sanken auch die letzten in erloesenden

    Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der

    Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-

    rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.


    Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die

    wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei­-

    den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-

    nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten

    den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,

    richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen

    klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward

    ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten

    den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-

    wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im

    Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille

    stehen.

    Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-

    fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-

    der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe

    Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"

     Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur

    der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist

    nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich

    sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust

    die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der

    Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,

    dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch

    nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang, 

    kein Pochen, kein Ruf.

     Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-

    den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er

    drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-

    ­wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung 

    schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,



  • June 28, 2017 22:41:50 Beate Jochem

    Weihnachten im Feld.


     Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden

    Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?

    Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer

    der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick

    ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,

    wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die 

    Arme um euch schlang, wie Kinderhaendchen zu 

    den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-

    den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch

    leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren 

    Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,

    denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-

    gangen?

     Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im 

    engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-

    scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr

    fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-

    wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen 

    und wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt

    euch dessen nicht!

     Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-

    nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen

    Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen

    gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid

    Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein 

    frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende

    Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden

    lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danken

    wir dafuer Gott!

     Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-

    freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an

    einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon

    geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.

    Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer

    Heimatfluren!

     Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.

    Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-

    list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. Noch 

    ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.

     Darum heisst es Durchhalten bis der Feind voellig 

    zu Boden geworfen ist, damit die Zukunft unserer

    deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen

    seine boesen Anschlaege gesichert sei.

     Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum

    siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,

    sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers

    deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.


    -


    Zwischen Lille und Arras.

    Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus

    der Landeinwohner stark vlaemisehen Einschlag, ja, 

    viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;

    ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-

    voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein

    vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches

    Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-

    sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders

    unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der

    aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen

    mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach

    gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-

    ­schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein

    scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung

    aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von

    jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen

    Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50

    Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter

    der Fahne. Geradzu verblueffend ist die Ergiebigkeit

    des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-

    stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,

    die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,

    und Immer noch in Ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-

    ­lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu 

    bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung

    freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden

    beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-

    ­serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art

    sind auf dem Felde und In Scheuern noch massenhaft

    vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht

    herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung

    von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise

    industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-

    keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende

    Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-

    und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel­-

    felder beweisen.


     Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von

    der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir

    dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions­-

    ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der

    vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-

    ­lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin

    und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,

    der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die

    Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in

    einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-

    den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und

    hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter

    H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder

    liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-

    ­meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem

    Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der

    Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen

    Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und

    dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-

    ­digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das

    heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes

    kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer­-

    den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge­-

    sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein

    sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-

    ­genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen 

    unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-

    ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man

    brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht

    sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.


    Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen

    wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab

    der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch

    einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-

    graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig

    herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-­

    men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-

    ­legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem 

    hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum

    Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und

    das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille

    durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.


    Alle wollten wir dabei sein, keienr wollte zurueck-

    bleiben. Schleunigst wurden die naechstan besten

    Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn

    Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle

    waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr

    nachtsunter meiner Foehrung ab. Scharf schlug das

    rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in

    regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die

    Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem

    Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-

    ­ausgang die Strasse noch M. in noerdlicher Richtung

    abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere

    Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame

    Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir

    mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die

    Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte

    Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant

    B. mit dem Reitertupp. So ging ee mit gespanntem

    Revolver und gespannten Sinnen in die dunkel Nacht

    hinein auf unser Ziel los, dessen Kichturm sich un-

    gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und

    Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbetuendigem Ritt

    hatten wir den Suedoetrand von M. erreicht. Als wir

    vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit

    Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den

    Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-

    ­zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns

    vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-

    ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso

    nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der

    im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht­-

    signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes

    hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.

    Wir besetzten den Hauptelngang der Kirche und den

    Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die

    Durchsuchung der Kirche leitete, uebemahm ich es,

    zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden

    Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der

    Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:

    "Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-

    ­niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und

    lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den

    "Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,

    zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-

    willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus

    ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen

    mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und

    zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,

    die etwa In Frage kamen. Nichts war zu finden; hier

    war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,

    und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-

    ­wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.

    Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus

    von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung

    der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.

    Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf

    den Kirchturm bis ln den Glockenstuhl zu steigen, und

    von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-

    raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das

    war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des

    Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an

    irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten

    Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-

    erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer


    -


    nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be­-

    wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-

    ­fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon

    gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden

    sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser

    Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-

    waerts lagen?


    Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum

    gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen, 

    und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an

    ihnen Schmach und Scham in die Haende des 

    Feindes zu fallen.


    Darueber brach der Abend herein. Mit seinen

    Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches

    der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber

    jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist

    getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi­-

    ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.

    Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-

    licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-

    leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan Abstrich,

    unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen

    des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder

    ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt

    trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,

    auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind

    zu Feind.


    So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent­-

    schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver­-

    rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich

    nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-

    fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen

    lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen

    gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der

    sie vor Unbilden des Wetters bebuetete, ging ihre

    Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen

    Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-

    ­mat fast.

    Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm

    huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder

    das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-

    ­fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen

    in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-

    ­lich aber sanken auch die letzten in erloesenden

    Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der

    Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-

    rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.


    Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die

    wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei­-

    den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-

    nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten

    den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,

    richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen

    klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward

    ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten

    den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-

    wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im

    Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille

    stehen.

    Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-

    fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-

    der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe

    Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"

     Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur

    der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist

    nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich

    sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust

    die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der

    Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,

    dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch

    nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang, 

    kein Pochen, kein Ruf.

     Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-

    den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er

    drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-

    ­wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung 

    schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,



  • Weihnachten im Feld.


     Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden

    Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?

    Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer

    der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick

    ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,

    wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die 

    Arme um euch schlagn, wie Kinderhaendchen zu 

    den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-

    den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch

    leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren 

    Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,

    denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-

    gangen?

     Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im 

    engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-

    scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr

    fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-

    wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen 

    un wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt

    euch dessen nicht!

     Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-

    nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen

    Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen

    gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid

    Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein 

    frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende

    Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden

    lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danke

    wir dafuer Gott!

     Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-

    freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an

    einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon

    geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.

    Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer

    Heimatfluren!

     Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.

    Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-

    list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. NOch 

    ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.

     Darum heisst es Durchhalten bsi der Fein voellig 

    zu Boden geworden ist, damit die Zukunft unserer

    deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen

    seine boesen Anschlaege gesichert sei.

     Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum

    siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,

    sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers

    deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.


    -


    Zwischen Lille und Arras.

    Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus

    der Landeinwohner stark vlaemisehen Einschlag, ja, 

    viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;

    ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-

    voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein

    vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches

    Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-

    sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders

    unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der

    aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen

    mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach

    gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-

    ­schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein

    scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung

    aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von

    jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen

    Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50

    Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter

    der Fahne. Geradzu verblueffend ist die Ergiebigkeit

    des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-

    stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,

    die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,

    und Immer noch in Ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-

    ­lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu 

    bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung

    freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden

    beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-

    ­serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art

    sind auf dem Felde und In Scheuern noch massenhaft

    vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht

    herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung

    von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise

    industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-

    keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende

    Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-

    und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel­-

    felder beweisen.


     Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von

    der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir

    dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions­-

    ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der

    vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-

    ­lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin

    und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,

    der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die

    Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in

    einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-

    den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und

    hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter

    H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder

    liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-

    ­meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem

    Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der

    Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen

    Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und

    dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-

    ­digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das

    heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes

    kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer­-

    den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge­-

    sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein

    sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-

    ­genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen 

    unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-

    ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man

    brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht

    sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.


    Ein heiteres Bild aus unserem Kriegsleben: Sitzen

    wir da vor 8 Tagen heiter und vergnuegt beim Stab

    der Gefechtsstaffel ln V. Da wird unser Idyll durch

    einen haenderingenden Meldereiter aus den Schuetzen-

    graeben, aus denen es etwa 2—3 km westlich lustig

    herausknattert, gestoert. Man will dort wahrgenom-­

    men haben, dass aus dem etwa 3 km nordoestlich ge-

    ­legenen Dorf M. vom Kirchturm her oder einem 

    hohen Haus 250 m suedlich davon Lichtsignale zum

    Feinde hinueber gegeben werden. Der Kirchturm und

    das Haus sollen sofort durch eine fliegende Patrouille

    durchsucht, das Ergebnis nach vorn gemeldet werden.


    Alle wollten wir dabei sein, keienr wollte zurueck-

    bleiben. Schleunigst wurden die naechstan besten

    Pferde gesattelt und zu vier Offizieren und etwa zehn

    Unteroffizieren, die am schnellsten fertig und zur Stelle

    waren, rueckte unsere kleine Schar etwa um 11 Uhr

    nachtsunter meiner Foehrung ab. Scharf schlug das

    rollende Schuetzenfeuer im Westen an unser Ohr, in

    regelmaessigen Abstaenden unterbrochen durch die

    Schlaege unserer schweren Geschuetze. In schlankem

    Trab ging es ueber den Kanal nach P., wo am Ost-

    ­ausgang die Strasse noch M. in noerdlicher Richtung

    abzweigte. Da wir nicht wussten, ob M. durch unsere

    Truppen besetzt sei und immerhin auf unliebsame

    Ueberraschungen gefasst sein mussten, so ritten wir

    mit Sicherung, und ich liess es mir nicht nehmen, die

    Spitze zu uebernehmen, 2—300 Schritt hinter mir folgte

    Rittmeister M., und in demselben Abstand Oberleutnant

    B. mit dem Reitertupp. So ging ee mit gespanntem

    Revolver und gespannten Sinnen in die dunkel Nacht

    hinein auf unser Ziel los, dessen Kichturm sich un-

    gewiss aus dem nebligen Dunst, der ueber Feld und

    Wiese lagerte, hervorhob. Nach halbetuendigem Ritt

    hatten wir den Suedoetrand von M. erreicht. Als wir

    vorsichtig in die Strasse einbogen, schallte es uns mit

    Stentorstimme, sodass wir sozusagen beinahe von den

    Pferden fielen, entgegen: "Halt. Wer da?" — Gleich-

    ­zeitig liess sich das verdaechtige Knacken eines Hahns

    vernehmen. — Also eigene Truppen im Dorf. Wir be-

    ruhigten den wackeren Posten wegen unserer Perso

    nalien und hatten alsbald den Kirchturm erreicht, der

    im tiefsten Dunkel herzlich harmlos da lag. Von Licht­-

    signalen keine Spur! Auch waehrend unseres Rittes

    hatten wir nicht das Geringste davon wahrgenommen.

    Wir besetzten den Hauptelngang der Kirche und den

    Zugang zur Sakristei; waehrend Rittmeister M. die

    Durchsuchung der Kirche leitete, uebemahm ich es,

    zusammen mit Leutnant W., die in Frage kommenden

    Häuser zu durchsuchen. Aus zwei Haeusern in der

    Naehe fiel durch die Fenster schwacher Lichtschein:

    "Ouvrez s'il vous plait!", und etwas deutlicher und we-

    ­niger hoeflich: "Ouvrez tout de suite!" Wir standen und

    lauschten; nichts regte sich drinnen. Erst als wir den

    "Bayrischen Hausschluessel", vulgo Revolverkolben,

    zu Hilfe nahmen, oeffnete sich ein Fenster wie wider-

    willig, und bald darauf auch die Tuer. In einem Haus

    ein alter, klappriger Mann, im anderen zwei Frauen

    mit grossem Kindersegen. Sie zitterten vor Angst und

    zeigten uns bereitwillig alle Zimmer und Schlupfwinkel,

    die etwa In Frage kamen. Nichts war zu finden; hier

    war unser Suchen umsonst, unsere Aufgabe erfuellt,

    und zur grossen Erleichterung der veraengstigten Be-

    ­wohner verliessen wir unverrichteter Sache die Haeuser.

    Ich durchsuchte dann noch das unbewohnte Pfarrhaus

    von oben bis unten. Nichts! Auch die Durchsuchung

    der Kirche und des Turms war ergebnislos geblieben.

    Ich liess es mir indessen nicht nehmen, nochmals auf

    den Kirchturm bis ln den Glockenstuhl zu steigen, und

    von oben bemerkte ich in ungleichmaessigen Zwischen-

    raeumen ein leichtes Aufleuchten am Himmel. Das

    war des Raetsels Loesung: es war der Widerschein des

    Muendungsfeuers unserer schweren Geschuetze, die an

    irgend einer anderen Stelle des weitausgedehnten

    Kampfplatzes im Nachtgefecht standen, und diese Licht-

    erscheinungen hatte man in den Schuetzengraben fuer


    -


    nug zu werden vermeinten, um die Totenstille zu be­-

    wahren, wie sie hier einzig Rettung vor der Ge-

    ­fangenschaft schien. Aber waren sie nicht schon

    gefangen? Wie haetten sie zurueckgesollt? Wuerden

    sie je die Kameraden wiedersehen, die just an dieser

    Ecke in ihren neugegrabenen Stellungen weit rueck-

    waerts lagen?


    Schweigend ruhten, hockten sie auf engem Raum

    gepfercht, von Ungewissheit hin und hergeworfen, 

    und mehr noch vielleicht als ihre Wunden frass an

    ihnen Schmach und Scham in die Haende des 

    Feindes zu fallen.


    Darueber brach der Abend herein. Mit seinen

    Schatten schloss milder Schlaf die Augen manches

    der stillen Dulder, aber Unruhe kam auch ueber

    jene, denen Schmerz und Leid noch nicht den Geist

    getruebt. Licht zu machen verboten streng die Offi­-

    ziere. Ein kurzer Zufallsstrahl haette sie verraten.

    Und nun im Dunkel der Nacht mussten sie aengst-

    licher noch schweigen als am Tage, wo doch viel-

    leicht einmal ein aufgescheuchter Fasan Abstrich,

    unter Tritten Zweige krachten, auch das Rollen

    des Geschuetzdonners gnaedig Leute begrub, oder

    ein Schuss, irgendwo geweckt, neue wachrief. Jetzt

    trug die schweigende, die alles verstaerkende Nacht,

    auf ihren dunkeln Schwingen jeden Laut von Feind

    zu Feind.


    So starrten denn fiebrig glaenzende und hart ent­-

    schlossene Mannesaugen in das Dunkel der ver­-

    rammelten Stube, scharfe Ohren lauschten, ob sich

    nichts rege, und vieler Seele wanderte von dem Ge-

    fängnis, darin die Verschollenen eingeschlossen

    lagen, in die Freiheit, die den Kameraden draussen

    gnaedig lachte. Trotz des gedeckten Raumes, der

    sie vor Unbilden des Wetters bebuetete, ging ihre

    Sehnsucht in die nassen, die kalten, die dachlosen

    Schuetzengraeben, ihnen nun vertraut wie eine Hei-

    ­mat fast.

    Manch einer, der notduerftig verbunden, den Arm

    huetete, dass keiner im Finsteren daran stiesse, oder

    das zerschossene Bein, liess seine Gedanken schwei-

    ­fen zu Eltern, Weib und Kind, oder gar verstohlen

    in heimlicher Brust zu jener, die ihm gut war. End-

    ­lich aber sanken auch die letzten in erloesenden

    Schlaf. Als einer zu schnarchen anhob, musste der

    Adjutant ihn mit schwerem Herzen ruetteln. ihn zu-

    rueckzufuehren zum harten Lager der Wirklichkeit.


    Kaum war es geschehen, als ein Laut durch die

    wieder gebannte naechtliche Stille klang. Die bei­-

    den Offiziere, dicht nebeneinander, mit angezoge-

    nen Knien auf dem Boden hockend, denn sie hatten

    den Verwundeten den Platz gelassen sich zu strecken,

    richteten sich auf und spannten das Ohr. Draussen

    klang ein unsicherer Laut. Immer deutlicher ward

    ein Klopfen an der Tuer vernehmbar. Sie hielten

    den Atem an, die drinnen, und wie einer der Ver-

    wundeten stoehnte, sei es vor Schmerz, sei es im

    Traum, war es als sollte ihnen allen das Herz stille

    stehen.

    Draussen vernahm man ein Schluerfen, ein Stap-

    fen rund ums Haus. Am Laden klang es wie-

    der das eigene Klopfen. Dann toente eine tiefe

    Stimme, weich, zuredend, bittend fast: "Camerads!"

     Drinnen hielten sie abermals den Atem an. Nur

    der schwerverwundete Hauptmann, dessen Geist

    nicht mehr licht sein mochte, versuchte ploetzlich

    sich zu erheben und fiel, da seine zerschossene Brust

    die Kraft nicht fand, schwer zurueck. Der

    Schaedel schlug auf und es gab einen dumpfen Ton,

    dass alle meinten, nun seien sie verraten. Doch

    nichts regte sich draussen. Kein Tritt klang, 

    kein Pochen, kein Ruf.

     Der Adjutant beugte sich lautlos zu dem irre reden-

    den Hauptmann. Er streichelte ihm die Wange, er

    drueckte seine Hand, wie er nie so bange zaertlich ge-

    ­wesen war in seinem Leben. Seine Liebkosung 

    schien zu sagen: Wir Kameraden opfern fuer dich,



  • Weihnachten im Feld.


     Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden

    Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?

    Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer

    der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick

    ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,

    wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die 

    Arme um euch schlagn, wie Kinderhaendchen zu 

    den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-

    den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch

    leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren 

    Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,

    denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-

    gangen?

     Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im 

    engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-

    scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr

    fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-

    wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen 

    un wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt

    euch dessen nicht!

     Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-

    nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen

    Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen

    gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid

    Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein 

    frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende

    Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden

    lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danke

    wir dafuer Gott!

     Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-

    freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an

    einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon

    geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.

    Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer

    Heimatfluren!

     Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.

    Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-

    list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. NOch 

    ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.

     Darum heisst es Durchhalten bsi der Fein voellig 

    zu Boden geworden ist, damit die Zukunft unserer

    deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen

    seine boesen Anschlaege gesichert sei.

     Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum

    siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,

    sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers

    deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.


    -


    Zwischen Lille und Arras.

    Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus

    der Landeinwohner stark vlaemisehen Einschlag, ja, 

    viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;

    ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-

    voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein

    vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches

    Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-

    sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders

    unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der

    aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen

    mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach

    gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-

    ­schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein

    scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung

    aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von

    jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen

    Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50

    Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter

    der Fahne. Geradzu verblueffend ist die Ergiebigkeit

    des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-

    stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,

    die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,

    und Immer noch in Ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-

    ­lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu 

    bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung

    freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden

    beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-

    ­serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art

    sind auf dem Felde und In Scheuern noch massenhaft

    vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht

    herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung

    von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise

    industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-

    keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende

    Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-

    und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel­-

    felder beweisen.


     Doch nun zum Krieg, d. h. so viel wir Leute von

    der Munitionskolonne vom Krieg erleben. Was wir

    dazu tun, ist, dass wir rechtzeitig fuer Munitions­-

    ersatz sorgen, und so pendeln wir immer zwischen der

    vorderen Linie der verschiedenen Standorte der Ko-

    ­lonnen und den beiden Gefechtsstaffeln des Korps hin

    und her. Einmal liegen wir bei einem Weinhaendler,

    der aber ortsabwesend ist, im Quartier, lassen uns die

    Vorraete seines Weinkellers gut schmecken, sitzen in

    einem bildhuebsch ausgestatteten, chinesisch anmuten-

    den Sommerpavillon am knisternden Kaminfeuer und

    hoeren den Klaengen eines vom Offizier-Stellvertreter

    H. gemeisterten vorzueglichen Klaviers zu, dann wieder

    liegen wir im Massenquartier, zusammen mit Wacht-

    ­meister, Bureaupersonal und Burschen auf faulendem

    Stroh im ausgeraeumten Schulzimmer von H., wo der

    Wind durch die von Granaten und Schrapnels gerissenen

    Fugen und Loecher durch Dach und Waende pfeift, und

    dann wieder, lebhaft beunruhigt, auf einem sehr "leben-

    ­digen" Strohsack im sog. Bett eines "Estaminets", das

    heisst der ortsueblichen Bergmannskneipe, wie sie jedes

    kleine Nest schockweise vorzuzeigen hat. Nachts wer­-

    den wir vom Donner der Geschuetze In den Schlaf ge­-

    sungen; hin und wieder schreckt man auf, wenn ein

    sogenannter Ausreisser, das heisst ein zu weit gegan-

    ­genes Geschoss aus den feindlichen Linien uns einen 

    unerwarteten Besuch abstattet und irgendwo in naech-

    ster Naehe mit fuerchterlichem Getoese platzt. Man

    brummt unwillig ueber die unliebsame Stoerung, dreht

    sich auf die andere Seite und — schlaeft weiter.



  • Weihnachten im Feld.


     Denkt ihr daran, wie ihr als Kinder klopfenden

    Herzens die Bescherungsstunde erwartet habt?

    Denkt ihr daran, wie zum ersten male im Schimmer

    der Weihnachtskerzen euerem traeumenden Blick

    ein lieber Maedchenkopf erschien? Denkt ihr daran,

    wie unterm Weihnachtsbaum ein treues Weib die 

    Arme um euch schlagn, wie Kinderhaendchen zu 

    den Lichtern sich emporstreckten, wie aus strahlen-

    den Kinderaugen reinstes Weihnachtsglueck euch

    leuchtete? Denkt ihr an die fernen Lieben, deren 

    Fuehlen jetzt in Sorge und Sehnsucht um euch ist,

    denkt ihr an jene, die für immer von euch ge-

    gangen?

     Ihr draussen im lehmigen Schuetzgraben, im 

    engen Unterschlupf, ihr, die ihr an der Schiess-

    scharte und am Geschuetz wachet, ihr alle, die ihr

    fern der Heimat in Waffen die Weihnachtsstunde er-

    wartet, lasst den Weihnachtszauber in eure Herzen 

    un wenn euere Augen sich feuchten, so schaemt

    euch dessen nicht!

     Denkt aber auch daran: Wohl verbringt ihr Weih-

    nachten fern von euerer Familie, aber mit Millionen

    Waffen tragenden deutschen Maennern zusammen

    gehoert ihr einer grossen, stolzen Familie an, seid

    Kinder einer behrenden Mutter: Deutschland. Kein 

    frueheres Weihnachten hat uns dieses erhebende

    Gefuehl der Zusammengehoerigkeit so empfinden

    lassen, wie dies Weihnachten im Feld. Danke

    wir dafuer Gott!

     Schenken koennen ist die schoenste Weihnachts-

    freunde. Ihr alle koennt schenken, mehr als an

    einem Weihnachten je zuvor. Viel habt ihr schon

    geschenkt und geopfert fuer unsere grosse Familie.

    Kein fremder Eroberer stoert den Frieden euerer

    Heimatfluren!

     Viel ist schon erreicht, aber noch nicht alles getan.

    Noch ist der Bund, den Hass und Neid und Hinter-

    list gegen uns gesponnen, nicht zersprengt. NOch 

    ist unser Hauptfeind nicht unschaedlich gemacht.

     Darum heisst es Durchhalten bsi der Fein voellig 

    zu Boden geworden ist, damit die Zukunft unserer

    deutschen Familie, unserer deutschen Jugend gegen

    seine boesen Anschlaege gesichert sei.

     Das Geloebnis: "Treue Pflichterfuellung bis zum

    siegreichen Ende" sei daher des deutschen Heeres,

    sei jedes einzelnen Soldaten Weihnachtsgabe fuers

    deutsche Vaterland, fuer unsere deutsche Jugend.


    -


    Zwischen Lille und Arras.

    Hier, im französischen Minengebiet, zeigt der Typus

    der Landeinwohner stark vlaemisehen Einschlag, ja, 

    viele Personen- und Ortsnamen sind rein vlaemisch;

    ebenso weist ein nicht unbetraechtlicher Teil der Be-

    voelkerung in Aussehen, Haltung und Benehmen rein

    vlaemisch-germanische Eigenart auf. Niederdeutsches

    Flachshaar bei den zahlreichen Kindern, hochgewach-

    sene, blonde und lichtaeugige Erscheinungen, besonders

    unter den Frauen, sind keine Seltenheit. Trotz der

    aufreibenden Taetigkeit, die die Arbeit in den Minen

    mit sich bringt, sehen die Leute und Kinder vielfach

    gesund und kraeftig aus, was mir auch auf den Ein-

    ­schlag germanischen Blutes zurueckzufuehren zu sein

    scheint. Wie es mit der maennlichen Bevoelkerung

    aussieht, kann ich nicht angeben; denn, abgesehen von

    jungen Leuten, die den Stempel aller moeglichen

    Krankheiten auf der Stirn tragen und alten, ueber 50

    Jahre alten Krippensetzern, ist alles eingezogen, unter

    der Fahne. Geradzu verblueffend ist die Ergiebigkeit

    des Bodens und damit zusammenhaengend der Wohl-

    stand der Bevoelkerung. Trotz der vielen Truppen,

    die, Freund und Feind, die Gegend durchzogen haben,

    und Immer noch in Ihr dauernd festsitzen, ist ein Nach-

    ­lassen der Ernaehrungsmoeglichkeiten noch kaum zu 

    bemerken. Im Besitz von Vieh Ist die Bevoelkerung

    freilich nicht mehr, da alles von unseren Behoerden

    beigetrieben ist, um in erster Linie die Ernaehrung un-

    ­serer Truppen sicher zu stellen, aber Vorraete aller Art

    sind auf dem Felde und In Scheuern noch massenhaft

    vorhanden und Mangel wird an uns sobald noch nicht

    herantreten. Merkwuerdig ist die enge Verbindung

    von Industrie und Ackerbau. Trotz der vorzugsweise

    industriellen und bergbaulichen Anlagen und Taetig-

    keit der Bevoelkerung findet man ueberall bluehende

    Landwirtschaft, was eine Unmasse Weizen-, Hafer-

    und Roggenmieten, ausgedehnte Rueben- und Kartoffel­-

    felder beweisen.


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  • 50.6293465||3.05707689999997||

    Lille, Frankreich

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  • Story location Lille, Frankreich
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ID
12998 / 199719
Source
http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Uta Hentschel
License
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/


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