Kriegszeitungen aus dem Besitz von Carl Popp, item 35

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Seite 930 Champagne-Kriegszeitung Nr. 145

-

Innern Afrikas, wiederholt eine wahre Hungersnot geherrscht

habe. Unsere Heeresverwaltung hat dafür Sorge getragen, daß

trotz der Knappheit in der Heimat für das Heer jederzeit eine

auskömmliche Menge von Lebensmitteln bereit gestellt war und

daß sie durch die Feldküchen, wiederum eine kostspielige Neu­-

heit dieses Krieges, möglichst bequem und schmackhaft zu­-

bereitet wurde. Auch die Einrichtungen unseres Sanitätsdienstes,

bei welchem ohne Rücksicht auf Kosten alle Errungenschaften

der Wissenschaft verwertet werden, sind denjenigen der feind­-

lichen Heere überlegen, wie der hohe Prozentsatz der Geheilten

beweist und von unparteiischen Sachverständigen allgemein an­-

erkannt wird. Außerordentlich große Beträge erfordern die

Fürsorge für die Familien der Kriegsteilnehmer, die Kriegsver-

­letzten und die Hinterbliebenen, welche weit über die Leistungen

anläßlich des Krieges 1870/71 hinausgehen.

 Neben dieser Fürsorge im großen, sind im Stellungskriege

vonseiten der Heeresleitung Veranstaltungen zur Pflege des

leiblichen und geistigen Wohles der Mannschaften getroffen, wie

Badeeinrichtungen, Lesezimmer, Kinotheater, Sportplätze u. dergl.

 Zu den Ausgaben, welche aus der Kriegsanleihe bestritten

werden müssen, gehören aber nicht nur die Kosten des Land­-

heeres, sondern auch die unserer Marine. Es ist das erste

Mal in der deutschen Geschichte, daß wir einen Seekrieg führen,

dazu noch gleichzeitig einen Krieg zu Lande; unserer Marine

ist es gelungen, nicht nur die heimischen Küsten vor den An­-

griffen eines übermächtigen Feindes zu beschützen, sondern

auch in glorreichen Taten den "Beherrschern aller Meere", den

Engländern, empfindliche Schläge zu versetzen. Hierzu war

erforderlich, daß während Kriegsdauer fortgesetzt neue Schiffe

gebaut, und mit dem besten Material, Panzer, Geschütze usw.

ausgerüstet wurden, dessen Überlegenheit in der Schlacht vor dem

Skagerrak sich so glanzvoll erwiesen hat. Eine besondere Bedeu­-

tung haben die U-Boote erlangt, deren Zahl während des Krieges

sich um ein Vielfaches erhöht hat; während die Zahl der deutschen

U-Boote auf 28 vor dem Kriege angegeben ist, war bereits Anfang

1916 im amtlichen deutschen Bericht ein U-Boot 150 erwähnt.

 Der vorstehende kurze Überblick ruft in Erinnerung, wie

gewaltig die Ansprüche sind, die an die Finanzkraft des deut-

­schen Reiches im Kriege gestellt werden. Alle aufgezählten

Aufwendungen sind, wie keiner Ausführung bedarf, unbedingt

notwendig, um Armee und Marine schlagfertig zu erhalten und

sie in den Stand zu setzen, weitere Siege und damit den er-

­sehnten Frieden zu erringen. Je stärker die finanzielle Kraft

eingesetzt wird, desto kräftiger und schneller fallen die Schläge,

welche uns zu diesem Ziele hinführen. Umgekehrt würde jede

Ermüdung in der finanziellen Unterstützung unserer Heeres­-

leitung einen Triumph der Feinde bedeuten, welche uns durch

finanzielle und wirtschaftliche Erschöpfung niederringen zu

können glauben, da sie uns militärisch nicht zu besiegen vermögen.

Deshalb trägt jeder, der Kriegsanleihe zeichnet, und damit zu

seinem Teile einen neuen Beweis der ungeschwächten und

unerschöpfbaren wirtschaftlichen Kraft des deutschen Volkes

gibt, nicht zur Verlängerung, sondern zur Abkürzung des

Krieges bei. Es erscheint nicht überflüssig, diesen Gesichts-

punkt besonders hervorzuheben, nachdem merkwürdiger Weise

hierüber falsche Vorstellungen zu Tage getreten sind. Da kein

Deutscher daran denkt, die Waffen niederzulegen, bevor unsere

Gegner zu einem annehmbaren Frieden bereit sind, müssen

notwendiger Weise auch die zur Fortsetzung des Krieges er-

­forderlichen Geldmittel beschafft werden, am besten, wie später

noch dargelegt werden soll, durch Zeichnung der Kriegsanleihe.

Nur ein völlig Gedankenloser kann deshalb annehmen, daß er

zur Abkürzung des Krieges beiträgt, wenn er sich an der

Zeichnung der Kriegsanleihe nicht beteiligt.

-

Der hohe Kragen.

 Mein Kamerad Wohlleben ist eitel. Selbst im feldgrauen

Rock kann er seine Eitelkeit nicht vergessen. Er muß immer

etwas besonderes haben. "Einen Angelhaken", wie er selber sagt.

Als wir noch zusammen vorne lagen, schlecht und recht

wie jeder Muskote, schippten und schanzten und Posten standen,

da waren "Wohllebens Angelhaken" ein paar braune Glacéhand­-

schuhe. "Wohlleben schanzt in Glacanten" ulkten die Kameraden,

"das ist feiner". Aber das focht ihn nicht weiter an. "Einen

Rest von Eleganz kann ich nicht entbehren" sagte er einfach,

und schleppte weiter in Glacéhandschuhen Sandsäcke. — Dann

trug Wohlleben eine Zeit lang Lackschuhe und schneuzte sich

in seidenen Tüchern. Die Tücher wurden mit der Zeit "schützen­-

grabenmäßig", daß sie fast nicht mehr wie Seide aussahen, 

sondern wie alte, verknüllte Lumpen. Aber es blieb immer-

­hin Seide.

 Unlängst wurde Wohlleben als Schreiber abkommandiert.

Er dachte: "Ich werde Wert auf meinen äußeren Menschen

legen müssen; ich werde einen neuen Angelhaken finden!"

Dem Entschluß folgte die Tat. Wohlleben ließ sich einen hohen

Kragen auf den Rock nähen! Der Erfolg war fabelhaft. Wohl-

­leben schwelgte, nichts mehr und nichts weniger. Er war ent­-

zückt, bezaubert von sich selbst. Er war fast in sich verliebt.

Wenn er durch den Graben ging, so schlug jedermann die

Hacken zusammen. Selbst Unteroffiziere verkannten ihn und

grüßten ihn als Offizier. "Gott noch mal, wenn man so chic

ist," dachte Wohlleben und besah seine allerdings mitgenommenen

Lackschuhe, sein seidenes Sacktuch und den höchsten Stolz:

den hohen Kragen. Na, und überhaupt, wer weiß, in ein paar

Wochen, es ist doch Krieg und man ist tüchtig ...

 Der erste Tag im hohen Kragen verlief äußerst befriedigend,

ehrenvoll mit Hackenschlagen, Strammstehen und korrekten

Ehrenbezeugungen. Aber einmal hatte er doch ganz deutlich

hinter sich gehört: "So'n Lackel!" Das gab zu denken!

 Am nächsten Tag ging er nicht mehr so selbstbewußt wie 

am ersten. Ja, als wieder einmal ein Kamerad dem "Offizier"

eine besonders schneidige Ehrenbezeugung gemacht, fühlte er

sich verpflichtet zu sagen: "Danke, laß nur, wir sind Kameraden."

Der aber schrie: "Nee, dank’ schön, so'n Pinsel als Kamerad

is nich'." Wohlleben sagte bei sich: "Welch ein Flegel! Ich

werde korrekter sein." Er ließ grüßen, was grüßte. Hinterher

hörte er oft dann verdächtige Worte reden und schreien. Aber

ein grober Mensch, an dem er vorbeigegangen und der die

Hacken zusammengeschlagen und dem er nicht gedankt hatte, kam

hinter ihm hergerannt und versetzte ihm wortlos eine mächtige

Maulschelle. — Die brannte! — Wohlleben traten die Augen

fast vor den Kopf. Er war völlig verändert. Dazu schwoll die

Backe wie ein roter Pilz. Er fraß eimerweise Wut in sich hinein.

Am Abend ließ er sich beim Schneider den hohen Kragen ab-

­nehmen. Dem erstaunten Mann antwortete er: "Ich habe Zahn-

schmerzen!" — Der aber verstand ihn nicht! —

Gefr. O.  F.  Elverfeld.

-

Ein edles Paar.

Bei Beginn des dritten Kriegsjahres haben es sich auch

Joffre und Asquith nicht nehmen lassen, der Welt zu ver­-

künden, was sie von der Kriegslage halten. Was sie gesagt

haben, kennzeichnet zwar nicht die wahre Lage, wohl aber

wieder einmal die Persönlichkeit der Redenden und ergänzt

das Bild, das man schon aus früheren Äußerungen von ihnen

gewonnen hat. Diese beiden erbitterten und hartnäckigen Feinde

kann man grob, aber kurz, so kennzeichnen: Joffre lügt, Asquith

schimpft. Joffre hat schon in seinem diesjährigen Neujahrs-

­erlaß an seine Truppen sich in dieser Richtung ausgezeichnet,

wo er den französischen Soldaten erzählte, durch die Schlachten

in der Champagne hätten sie dem Feind "gewaltige Niederlagen"

beigebracht, während er in seinem bekannten Armeebefehl vom

September 1915 gesagt hatte, daß das unbedingt zu erreichende

Ziel des bevorstehenden Angriffs sei "sowohl unsere seit 12 Monaten

unterjochten Volksgenossen zu befreien, als auch dem Feind den

wertvollen Besitz unserer besetzten Gebiete zu entreißen." Und jetzt

sagt er neben anderen Unwahrheiten, die französische Heeresleitung

habe zuverlässige Nachrichten, daß Deutschlands Reserven

völlig erschöpft seien. Das ist nicht nur eine Unwahrheit, denn

entweder hat Joffre k e i n e zuverlässige Nachrichten, oder, wenn

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Seite 930 Champagne-Kriegszeitung Nr. 145

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Innern Afrikas, wiederholt eine wahre Hungersnot geherrscht

habe. Unsere Heeresverwaltung hat dafür Sorge getragen, daß

trotz der Knappheit in der Heimat für das Heer jederzeit eine

auskömmliche Menge von Lebensmitteln bereit gestellt war und

daß sie durch die Feldküchen, wiederum eine kostspielige Neu­-

heit dieses Krieges, möglichst bequem und schmackhaft zu­-

bereitet wurde. Auch die Einrichtungen unseres Sanitätsdienstes,

bei welchem ohne Rücksicht auf Kosten alle Errungenschaften

der Wissenschaft verwertet werden, sind denjenigen der feind­-

lichen Heere überlegen, wie der hohe Prozentsatz der Geheilten

beweist und von unparteiischen Sachverständigen allgemein an­-

erkannt wird. Außerordentlich große Beträge erfordern die

Fürsorge für die Familien der Kriegsteilnehmer, die Kriegsver-

­letzten und die Hinterbliebenen, welche weit über die Leistungen

anläßlich des Krieges 1870/71 hinausgehen.

 Neben dieser Fürsorge im großen, sind im Stellungskriege

vonseiten der Heeresleitung Veranstaltungen zur Pflege des

leiblichen und geistigen Wohles der Mannschaften getroffen, wie

Badeeinrichtungen, Lesezimmer, Kinotheater, Sportplätze u. dergl.

 Zu den Ausgaben, welche aus der Kriegsanleihe bestritten

werden müssen, gehören aber nicht nur die Kosten des Land­-

heeres, sondern auch die unserer Marine. Es ist das erste

Mal in der deutschen Geschichte, daß wir einen Seekrieg führen,

dazu noch gleichzeitig einen Krieg zu Lande; unserer Marine

ist es gelungen, nicht nur die heimischen Küsten vor den An­-

griffen eines übermächtigen Feindes zu beschützen, sondern

auch in glorreichen Taten den "Beherrschern aller Meere", den

Engländern, empfindliche Schläge zu versetzen. Hierzu war

erforderlich, daß während Kriegsdauer fortgesetzt neue Schiffe

gebaut, und mit dem besten Material, Panzer, Geschütze usw.

ausgerüstet wurden, dessen Überlegenheit in der Schlacht vor dem

Skagerrak sich so glanzvoll erwiesen hat. Eine besondere Bedeu­-

tung haben die U-Boote erlangt, deren Zahl während des Krieges

sich um ein Vielfaches erhöht hat; während die Zahl der deutschen

U-Boote auf 28 vor dem Kriege angegeben ist, war bereits Anfang

1916 im amtlichen deutschen Bericht ein U-Boot 150 erwähnt.

 Der vorstehende kurze Überblick ruft in Erinnerung, wie

gewaltig die Ansprüche sind, die an die Finanzkraft des deut-

­schen Reiches im Kriege gestellt werden. Alle aufgezählten

Aufwendungen sind, wie keiner Ausführung bedarf, unbedingt

notwendig, um Armee und Marine schlagfertig zu erhalten und

sie in den Stand zu setzen, weitere Siege und damit den er-

­sehnten Frieden zu erringen. Je stärker die finanzielle Kraft

eingesetzt wird, desto kräftiger und schneller fallen die Schläge,

welche uns zu diesem Ziele hinführen. Umgekehrt würde jede

Ermüdung in der finanziellen Unterstützung unserer Heeres­-

leitung einen Triumph der Feinde bedeuten, welche uns durch

finanzielle und wirtschaftliche Erschöpfung niederringen zu

können glauben, da sie uns militärisch nicht zu besiegen vermögen.

Deshalb trägt jeder, der Kriegsanleihe zeichnet, und damit zu

seinem Teile einen neuen Beweis der ungeschwächten und

unerschöpfbaren wirtschaftlichen Kraft des deutschen Volkes

gibt, nicht zur Verlängerung, sondern zur Abkürzung des

Krieges bei. Es erscheint nicht überflüssig, diesen Gesichts-

punkt besonders hervorzuheben, nachdem merkwürdiger Weise

hierüber falsche Vorstellungen zu Tage getreten sind. Da kein

Deutscher daran denkt, die Waffen niederzulegen, bevor unsere

Gegner zu einem annehmbaren Frieden bereit sind, müssen

notwendiger Weise auch die zur Fortsetzung des Krieges er-

­forderlichen Geldmittel beschafft werden, am besten, wie später

noch dargelegt werden soll, durch Zeichnung der Kriegsanleihe.

Nur ein völlig Gedankenloser kann deshalb annehmen, daß er

zur Abkürzung des Krieges beiträgt, wenn er sich an der

Zeichnung der Kriegsanleihe nicht beteiligt.

-

Der hohe Kragen.

 Mein Kamerad Wohlleben ist eitel. Selbst im feldgrauen

Rock kann er seine Eitelkeit nicht vergessen. Er muß immer

etwas besonderes haben. "Einen Angelhaken", wie er selber sagt.

Als wir noch zusammen vorne lagen, schlecht und recht

wie jeder Muskote, schippten und schanzten und Posten standen,

da waren "Wohllebens Angelhaken" ein paar braune Glacéhand­-

schuhe. "Wohlleben schanzt in Glacanten" ulkten die Kameraden,

"das ist feiner". Aber das focht ihn nicht weiter an. "Einen

Rest von Eleganz kann ich nicht entbehren" sagte er einfach,

und schleppte weiter in Glacéhandschuhen Sandsäcke. — Dann

trug Wohlleben eine Zeit lang Lackschuhe und schneuzte sich

in seidenen Tüchern. Die Tücher wurden mit der Zeit "schützen­-

grabenmäßig", daß sie fast nicht mehr wie Seide aussahen, 

sondern wie alte, verknüllte Lumpen. Aber es blieb immer-

­hin Seide.

 Unlängst wurde Wohlleben als Schreiber abkommandiert.

Er dachte: "Ich werde Wert auf meinen äußeren Menschen

legen müssen; ich werde einen neuen Angelhaken finden!"

Dem Entschluß folgte die Tat. Wohlleben ließ sich einen hohen

Kragen auf den Rock nähen! Der Erfolg war fabelhaft. Wohl-

­leben schwelgte, nichts mehr und nichts weniger. Er war ent­-

zückt, bezaubert von sich selbst. Er war fast in sich verliebt.

Wenn er durch den Graben ging, so schlug jedermann die

Hacken zusammen. Selbst Unteroffiziere verkannten ihn und

grüßten ihn als Offizier. "Gott noch mal, wenn man so chic

ist," dachte Wohlleben und besah seine allerdings mitgenommenen

Lackschuhe, sein seidenes Sacktuch und den höchsten Stolz:

den hohen Kragen. Na, und überhaupt, wer weiß, in ein paar

Wochen, es ist doch Krieg und man ist tüchtig ...

 Der erste Tag im hohen Kragen verlief äußerst befriedigend,

ehrenvoll mit Hackenschlagen, Strammstehen und korrekten

Ehrenbezeugungen. Aber einmal hatte er doch ganz deutlich

hinter sich gehört: "So'n Lackel!" Das gab zu denken!

 Am nächsten Tag ging er nicht mehr so selbstbewußt wie 

am ersten. Ja, als wieder einmal ein Kamerad dem "Offizier"

eine besonders schneidige Ehrenbezeugung gemacht, fühlte er

sich verpflichtet zu sagen: "Danke, laß nur, wir sind Kameraden."

Der aber schrie: "Nee, dank’ schön, so'n Pinsel als Kamerad

is nich'." Wohlleben sagte bei sich: "Welch ein Flegel! Ich

werde korrekter sein." Er ließ grüßen, was grüßte. Hinterher

hörte er oft dann verdächtige Worte reden und schreien. Aber

ein grober Mensch, an dem er vorbeigegangen und der die

Hacken zusammengeschlagen und dem er nicht gedankt hatte, kam

hinter ihm hergerannt und versetzte ihm wortlos eine mächtige

Maulschelle. — Die brannte! — Wohlleben traten die Augen

fast vor den Kopf. Er war völlig verändert. Dazu schwoll die

Backe wie ein roter Pilz. Er fraß eimerweise Wut in sich hinein.

Am Abend ließ er sich beim Schneider den hohen Kragen ab-

­nehmen. Dem erstaunten Mann antwortete er: "Ich habe Zahn-

schmerzen!" — Der aber verstand ihn nicht! —

Gefr. O.  F.  Elverfeld.

-

Ein edles Paar.

Bei Beginn des dritten Kriegsjahres haben es sich auch

Joffre und Asquith nicht nehmen lassen, der Welt zu ver­-

künden, was sie von der Kriegslage halten. Was sie gesagt

haben, kennzeichnet zwar nicht die wahre Lage, wohl aber

wieder einmal die Persönlichkeit der Redenden und ergänzt

das Bild, das man schon aus früheren Äußerungen von ihnen

gewonnen hat. Diese beiden erbitterten und hartnäckigen Feinde

kann man grob, aber kurz, so kennzeichnen: Joffre lügt, Asquith

schimpft. Joffre hat schon in seinem diesjährigen Neujahrs-

­erlaß an seine Truppen sich in dieser Richtung ausgezeichnet,

wo er den französischen Soldaten erzählte, durch die Schlachten

in der Champagne hätten sie dem Feind "gewaltige Niederlagen"

beigebracht, während er in seinem bekannten Armeebefehl vom

September 1915 gesagt hatte, daß das unbedingt zu erreichende

Ziel des bevorstehenden Angriffs sei "sowohl unsere seit 12 Monaten

unterjochten Volksgenossen zu befreien, als auch dem Feind den

wertvollen Besitz unserer besetzten Gebiete zu entreißen." Und jetzt

sagt er neben anderen Unwahrheiten, die französische Heeresleitung

habe zuverlässige Nachrichten, daß Deutschlands Reserven

völlig erschöpft seien. Das ist nicht nur eine Unwahrheit, denn

entweder hat Joffre k e i n e zuverlässige Nachrichten, oder, wenn


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  • June 28, 2017 21:42:38 Beate Jochem

    Seite 930 Champagne-Kriegszeitung Nr. 145

    -

    Innern Afrikas, wiederholt eine wahre Hungersnot geherrscht

    habe. Unsere Heeresverwaltung hat dafür Sorge getragen, daß

    trotz der Knappheit in der Heimat für das Heer jederzeit eine

    auskömmliche Menge von Lebensmitteln bereit gestellt war und

    daß sie durch die Feldküchen, wiederum eine kostspielige Neu­-

    heit dieses Krieges, möglichst bequem und schmackhaft zu­-

    bereitet wurde. Auch die Einrichtungen unseres Sanitätsdienstes,

    bei welchem ohne Rücksicht auf Kosten alle Errungenschaften

    der Wissenschaft verwertet werden, sind denjenigen der feind­-

    lichen Heere überlegen, wie der hohe Prozentsatz der Geheilten

    beweist und von unparteiischen Sachverständigen allgemein an­-

    erkannt wird. Außerordentlich große Beträge erfordern die

    Fürsorge für die Familien der Kriegsteilnehmer, die Kriegsver-

    ­letzten und die Hinterbliebenen, welche weit über die Leistungen

    anläßlich des Krieges 1870/71 hinausgehen.

     Neben dieser Fürsorge im großen, sind im Stellungskriege

    vonseiten der Heeresleitung Veranstaltungen zur Pflege des

    leiblichen und geistigen Wohles der Mannschaften getroffen, wie

    Badeeinrichtungen, Lesezimmer, Kinotheater, Sportplätze u. dergl.

     Zu den Ausgaben, welche aus der Kriegsanleihe bestritten

    werden müssen, gehören aber nicht nur die Kosten des Land­-

    heeres, sondern auch die unserer Marine. Es ist das erste

    Mal in der deutschen Geschichte, daß wir einen Seekrieg führen,

    dazu noch gleichzeitig einen Krieg zu Lande; unserer Marine

    ist es gelungen, nicht nur die heimischen Küsten vor den An­-

    griffen eines übermächtigen Feindes zu beschützen, sondern

    auch in glorreichen Taten den "Beherrschern aller Meere", den

    Engländern, empfindliche Schläge zu versetzen. Hierzu war

    erforderlich, daß während Kriegsdauer fortgesetzt neue Schiffe

    gebaut, und mit dem besten Material, Panzer, Geschütze usw.

    ausgerüstet wurden, dessen Überlegenheit in der Schlacht vor dem

    Skagerrak sich so glanzvoll erwiesen hat. Eine besondere Bedeu­-

    tung haben die U-Boote erlangt, deren Zahl während des Krieges

    sich um ein Vielfaches erhöht hat; während die Zahl der deutschen

    U-Boote auf 28 vor dem Kriege angegeben ist, war bereits Anfang

    1916 im amtlichen deutschen Bericht ein U-Boot 150 erwähnt.

     Der vorstehende kurze Überblick ruft in Erinnerung, wie

    gewaltig die Ansprüche sind, die an die Finanzkraft des deut-

    ­schen Reiches im Kriege gestellt werden. Alle aufgezählten

    Aufwendungen sind, wie keiner Ausführung bedarf, unbedingt

    notwendig, um Armee und Marine schlagfertig zu erhalten und

    sie in den Stand zu setzen, weitere Siege und damit den er-

    ­sehnten Frieden zu erringen. Je stärker die finanzielle Kraft

    eingesetzt wird, desto kräftiger und schneller fallen die Schläge,

    welche uns zu diesem Ziele hinführen. Umgekehrt würde jede

    Ermüdung in der finanziellen Unterstützung unserer Heeres­-

    leitung einen Triumph der Feinde bedeuten, welche uns durch

    finanzielle und wirtschaftliche Erschöpfung niederringen zu

    können glauben, da sie uns militärisch nicht zu besiegen vermögen.

    Deshalb trägt jeder, der Kriegsanleihe zeichnet, und damit zu

    seinem Teile einen neuen Beweis der ungeschwächten und

    unerschöpfbaren wirtschaftlichen Kraft des deutschen Volkes

    gibt, nicht zur Verlängerung, sondern zur Abkürzung des

    Krieges bei. Es erscheint nicht überflüssig, diesen Gesichts-

    punkt besonders hervorzuheben, nachdem merkwürdiger Weise

    hierüber falsche Vorstellungen zu Tage getreten sind. Da kein

    Deutscher daran denkt, die Waffen niederzulegen, bevor unsere

    Gegner zu einem annehmbaren Frieden bereit sind, müssen

    notwendiger Weise auch die zur Fortsetzung des Krieges er-

    ­forderlichen Geldmittel beschafft werden, am besten, wie später

    noch dargelegt werden soll, durch Zeichnung der Kriegsanleihe.

    Nur ein völlig Gedankenloser kann deshalb annehmen, daß er

    zur Abkürzung des Krieges beiträgt, wenn er sich an der

    Zeichnung der Kriegsanleihe nicht beteiligt.

    -

    Der hohe Kragen.

     Mein Kamerad Wohlleben ist eitel. Selbst im feldgrauen

    Rock kann er seine Eitelkeit nicht vergessen. Er muß immer

    etwas besonderes haben. "Einen Angelhaken", wie er selber sagt.

    Als wir noch zusammen vorne lagen, schlecht und recht

    wie jeder Muskote, schippten und schanzten und Posten standen,

    da waren "Wohllebens Angelhaken" ein paar braune Glacéhand­-

    schuhe. "Wohlleben schanzt in Glacanten" ulkten die Kameraden,

    "das ist feiner". Aber das focht ihn nicht weiter an. "Einen

    Rest von Eleganz kann ich nicht entbehren" sagte er einfach,

    und schleppte weiter in Glacéhandschuhen Sandsäcke. — Dann

    trug Wohlleben eine Zeit lang Lackschuhe und schneuzte sich

    in seidenen Tüchern. Die Tücher wurden mit der Zeit "schützen­-

    grabenmäßig", daß sie fast nicht mehr wie Seide aussahen, 

    sondern wie alte, verknüllte Lumpen. Aber es blieb immer-

    ­hin Seide.

     Unlängst wurde Wohlleben als Schreiber abkommandiert.

    Er dachte: "Ich werde Wert auf meinen äußeren Menschen

    legen müssen; ich werde einen neuen Angelhaken finden!"

    Dem Entschluß folgte die Tat. Wohlleben ließ sich einen hohen

    Kragen auf den Rock nähen! Der Erfolg war fabelhaft. Wohl-

    ­leben schwelgte, nichts mehr und nichts weniger. Er war ent­-

    zückt, bezaubert von sich selbst. Er war fast in sich verliebt.

    Wenn er durch den Graben ging, so schlug jedermann die

    Hacken zusammen. Selbst Unteroffiziere verkannten ihn und

    grüßten ihn als Offizier. "Gott noch mal, wenn man so chic

    ist," dachte Wohlleben und besah seine allerdings mitgenommenen

    Lackschuhe, sein seidenes Sacktuch und den höchsten Stolz:

    den hohen Kragen. Na, und überhaupt, wer weiß, in ein paar

    Wochen, es ist doch Krieg und man ist tüchtig ...

     Der erste Tag im hohen Kragen verlief äußerst befriedigend,

    ehrenvoll mit Hackenschlagen, Strammstehen und korrekten

    Ehrenbezeugungen. Aber einmal hatte er doch ganz deutlich

    hinter sich gehört: "So'n Lackel!" Das gab zu denken!

     Am nächsten Tag ging er nicht mehr so selbstbewußt wie 

    am ersten. Ja, als wieder einmal ein Kamerad dem "Offizier"

    eine besonders schneidige Ehrenbezeugung gemacht, fühlte er

    sich verpflichtet zu sagen: "Danke, laß nur, wir sind Kameraden."

    Der aber schrie: "Nee, dank’ schön, so'n Pinsel als Kamerad

    is nich'." Wohlleben sagte bei sich: "Welch ein Flegel! Ich

    werde korrekter sein." Er ließ grüßen, was grüßte. Hinterher

    hörte er oft dann verdächtige Worte reden und schreien. Aber

    ein grober Mensch, an dem er vorbeigegangen und der die

    Hacken zusammengeschlagen und dem er nicht gedankt hatte, kam

    hinter ihm hergerannt und versetzte ihm wortlos eine mächtige

    Maulschelle. — Die brannte! — Wohlleben traten die Augen

    fast vor den Kopf. Er war völlig verändert. Dazu schwoll die

    Backe wie ein roter Pilz. Er fraß eimerweise Wut in sich hinein.

    Am Abend ließ er sich beim Schneider den hohen Kragen ab-

    ­nehmen. Dem erstaunten Mann antwortete er: "Ich habe Zahn-

    schmerzen!" — Der aber verstand ihn nicht! —

    Gefr. O.  F.  Elverfeld.

    -

    Ein edles Paar.

    Bei Beginn des dritten Kriegsjahres haben es sich auch

    Joffre und Asquith nicht nehmen lassen, der Welt zu ver­-

    künden, was sie von der Kriegslage halten. Was sie gesagt

    haben, kennzeichnet zwar nicht die wahre Lage, wohl aber

    wieder einmal die Persönlichkeit der Redenden und ergänzt

    das Bild, das man schon aus früheren Äußerungen von ihnen

    gewonnen hat. Diese beiden erbitterten und hartnäckigen Feinde

    kann man grob, aber kurz, so kennzeichnen: Joffre lügt, Asquith

    schimpft. Joffre hat schon in seinem diesjährigen Neujahrs-

    ­erlaß an seine Truppen sich in dieser Richtung ausgezeichnet,

    wo er den französischen Soldaten erzählte, durch die Schlachten

    in der Champagne hätten sie dem Feind "gewaltige Niederlagen"

    beigebracht, während er in seinem bekannten Armeebefehl vom

    September 1915 gesagt hatte, daß das unbedingt zu erreichende

    Ziel des bevorstehenden Angriffs sei "sowohl unsere seit 12 Monaten

    unterjochten Volksgenossen zu befreien, als auch dem Feind den

    wertvollen Besitz unserer besetzten Gebiete zu entreißen." Und jetzt

    sagt er neben anderen Unwahrheiten, die französische Heeresleitung

    habe zuverlässige Nachrichten, daß Deutschlands Reserven

    völlig erschöpft seien. Das ist nicht nur eine Unwahrheit, denn

    entweder hat Joffre k e i n e zuverlässige Nachrichten, oder, wenn

  • Seite 930 Champagne-Kriegszeitung Nr. 145

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    Innern Afrikas, wiederholt eine wahre Hungersnot geherrscht

    habe. Unsere Heeresverwaltung hat dafür Sorge getragen, daß

    trotz der Knappheit in der Heimat für das Heer jederzeit eine

    auskömmliche Menge von Lebensmitteln bereit gestellt war und

    daß sie durch die Feldküchen, wiederum eine kostspielige Neu­-

    heit dieses Krieges, möglichst bequem und schmackhaft zu­-

    bereitet wurde. Auch die Einrichtungen unseres Sanitätsdienstes,

    bei welchem ohne Rücksicht auf Kosten alle Errungenschaften

    der Wissenschaft verwertet werden, sind denjenigen der feind­-

    lichen Heere überlegen, wie der hohe Prozentsatz der Geheilten

    beweist und von unparteiischen Sachverständigen allgemein an­-

    erkannt wird. Außerordentlich große Beträge erfordern die

    Fürsorge für die Familien der Kriegsteilnehmer, die Kriegsver-

    ­letzten und die Hinterbliebenen, welche weit über die Leistungen

    anläßlich des Krieges 1870/71 hinausgehen.

     Neben dieser Fürsorge im großen, sind im Stellungskriege

    vonseiten der Heeresleitung Veranstaltungen zur Pflege des

    leiblichen und geistigen Wohles der Mannschaften getroffen, wie

    Badeeinrichtungen, Lesezimmer, Kinotheater, Sportplätze u. dergl.

     Zu den Ausgaben, welche aus der Kriegsanleihe bestritten

    werden müssen, gehören aber nicht nur die Kosten des Land­-

    heeres, sondern auch die unserer Marine. Es ist das erste

    Mal in der deutschen Geschichte, daß wir einen Seekrieg führen,

    dazu noch gleichzeitig einen Krieg zu Lande; unserer Marine

    ist es gelungen, nicht nur die heimischen Küsten vor den An­-

    griffen eines übermächtigen Feindes zu beschützen, sondern

    auch in glorreichen Taten den "Beherrschern aller Meere", den

    Engländern, empfindliche Schläge zu versetzen. Hierzu war

    erforderlich, daß während Kriegsdauer fortgesetzt neue Schiffe

    gebaut, und mit dem besten Material, Panzer, Geschütze usw.

    ausgerüstet wurden, dessen Überlegenheit in der Schlacht vor dem

    Skagerrak sich so glanzvoll erwiesen hat. Eine besondere Bedeu­

    tung haben die U-Boote erlangt, deren Zahl während des Krieges

    sich um ein Vielfaches erhöht hat; während die Zahl der deutschen

    U-Boote auf 28 vor dem Kriege angegeben ist, war bereits Anfang

    1916 im amtlichen deutschen Bericht ein U-Boot 150 erwähnt.

     Der vorstehende kurze Überblick ruft in Erinnerung, wie

    gewaltig die Ansprüche sind, die an die Finanzkraft des deut-

    ­schen Reiches im Kriege gestellt werden. Alle aufgezählten

    Aufwendungen sind, wie keiner Ausführung bedarf, unbedingt

    notwendig, um Armee und Marine schlagfertig zu erhalten und

    sie in den Stand zu setzen, weitere Siege und damit den er-

    ­sehnten Frieden zu erringen. Je stärker die finanzielle Kraft

    eingesetzt wird, desto kräftiger und schneller fallen die Schläge,

    welche uns zu diesem Ziele hinführen. Umgekehrt würde jede

    Ermüdung in der finanziellen Unterstützung unserer Heeres­-

    leitung einen Triumph der Feinde bedeuten, welche uns durch

    finanzielle und wirtschaftliche Erschöpfung niederringen zu

    können glauben, da sie uns militärisch nicht zu besiegen vermögen.

    Deshalb trägt jeder, der Kriegsanleihe zeichnet, und damit zu

    seinem Teile einen neuen Beweis der ungeschwächten und

    unerschöpfbaren wirtschaftlichen Kraft des deutschen Volkes

    gibt, nicht zur Verlängerung, sondern zur Abkürzung des

    Krieges bei. Es erscheint nicht überflüssig, diesen Gesichts-

    punkt besonders hervorzuheben, nachdem merkwürdiger Weise

    hierüber falsche Vorstellungen zu Tage getreten sind. Da kein

    Deutscher daran denkt, die Waffen niederzulegen, bevor unsere

    Gegner zu einem annehmbaren Frieden bereit sind, müssen

    notwendiger Weise auch die zur Fortsetzung des Krieges er-

    ­forderlichen Geldmittel beschafft werden, am besten, wie später

    noch dargelegt werden soll, durch Zeichnung der Kriegsanleihe.

    Nur ein völlig Gedankenloser kann deshalb annehmen, daß er

    zur Abkürzung des Krieges beiträgt, wenn er sich an der

    Zeichnung der Kriegsanleihe nicht beteiligt.

    -

    Der hohe Kragen.

     Mein Kamerad Wohlleben ist eitel. Selbst im feldgrauen

    Rock kann er seine Eitelkeit nicht vergessen. Er muß immer

    etwas besonderes haben. "Einen Angelhaken", wie er selber sagt.

    Als wir noch zusammen vorne lagen, schlecht und recht

    wie jeder Muskote, schippten und schanzten und Posten standen,

    da waren "Wohllebens Angelhaken" ein paar braune Glacéhand­-

    schuhe. "Wohlleben schanzt in Glacanten" ulkten die Kameraden,

    "das ist feiner". Aber das focht ihn nicht weiter an. "Einen

    Rest von Eleganz kann ich nicht entbehren" sagte er einfach,

    und schleppte weiter in Glacéhandschuhen Sandsäcke. — Dann

    trug Wohlleben eine Zeit lang Lackschuhe und schneuzte sich

    in seidenen Tüchern. Die Tücher wurden mit der Zeit "schützen­-

    grabenmäßig", daß sie fast nicht mehr wie Seide aussahen, 

    sondern wie alte, verknüllte Lumpen. Aber es blieb immer-

    ­hin Seide.

     Unlängst wurde Wohlleben als Schreiber abkommandiert.

    Er dachte: "Ich werde Wert auf meinen äußeren Menschen

    legen müssen; ich werde einen neuen Angelhaken finden!"

    Dem Entschluß folgte die Tat. Wohlleben ließ sich einen hohen

    Kragen auf den Rock nähen! Der Erfolg war fabelhaft. Wohl-

    ­leben schwelgte, nichts mehr und nichts weniger. Er war ent­-

    zückt, bezaubert von sich selbst. Er war fast in sich verliebt.

    Wenn er durch den Graben ging, so schlug jedermann die

    Hacken zusammen. Selbst Unteroffiziere verkannten ihn und

    grüßten ihn als Offizier. "Gott noch mal, wenn man so chic

    ist," dachte Wohlleben und besah seine allerdings mitgenommenen

    Lackschuhe, sein seidenes Sacktuch und den höchsten Stolz:

    den hohen Kragen. Na, und überhaupt, wer weiß, in ein paar

    Wochen, es ist doch Krieg und man ist tüchtig ...

     Der erste Tag im hohen Kragen verlief äußerst befriedigend,

    ehrenvoll mit Hackenschlagen, Strammstehen und korrekten

    Ehrenbezeugungen. Aber einmal hatte er doch ganz deutlich

    hinter sich gehört: "So'n Lackel!" Das gab zu denken!

     Am nächsten Tag ging er nicht mehr so selbstbewußt wie 

    am ersten. Ja, als wieder einmal ein Kamerad dem "Offizier"

    eine besonders schneidige Ehrenbezeugung gemacht, fühlte er

    sich verpflichtet zu sagen: "Danke, laß nur, wir sind Kameraden."

    Der aber schrie: "Nee, dank’ schön, so'n Pinsel als Kamerad

    is nich'." Wohlleben sagte bei sich: "Welch ein Flegel! Ich

    werde korrekter sein." Er ließ grüßen, was grüßte. Hinterher

    hörte er oft dann verdächtige Worte reden und schreien. Aber

    ein grober Mensch, an dem er vorbeigegangen und der die

    Hacken zusammengeschlagen und dem er nicht gedankt hatte, kam

    hinter ihm hergerannt und versetzte ihm wortlos eine mächtige

    Maulschelle. — Die brannte! — Wohlleben traten die Augen

    fast vor den Kopf. Er war völlig verändert. Dazu schwoll die

    Backe wie ein roter Pilz. Er fraß eimerweise Wut in sich hinein.

    Am Abend ließ er sich beim Schneider den hohen Kragen ab-

    ­nehmen. Dem erstaunten Mann antwortete er: "Ich habe Zahn-

    schmerzen!" — Der aber verstand ihn nicht! —

    Gefr. O.  F.lverfeld.

    -

    Ein edles Paar.

    Bei Beginn des dritten Kriegsjahres haben es sich auch

    Joffre und Asquith nicht nehmen lassen, der Welt zu ver­-

    künden, was sie von der Kriegslage halten. Was sie gesagt

    haben, kennzeichnet zwar nicht die wahre Lage, wohl aber

    wieder einmal die Persönlichkeit der Redenden und ergänzt

    das Bild, das man schon aus früheren Äußerungen von ihnen

    gewonnen hat. Diese beiden erbitterten und hartnäckigen Feinde

    kann man grob, aber kurz, so kennzeichnen: Joffre lügt, Asquith

    schimpft. Joffre hat schon in seinem diesjährigen Neujahrs-

    ­erlaß an seine Truppen sich in dieser Richtung ausgezeichnet,

    wo er den französischen Soldaten erzählte, durch die Schlachten

    in der Champagne hätten sie dem Feind "gewaltige Niederlagen"

    beigebracht, während er in seinem bekannten Armeebefehl vom

    September 1915 gesagt hatte, daß das unbedingt zu erreichende

    Ziel des bevorstehenden Angriffs sei "sowohl unsere seit 12 Monaten

    unterjochten Volksgenossen zu befreien, als auch dem Feind den

    wertvollen Besitz unserer besetzten Gebiete zu entreißen." Und jetzt

    sagt er neben anderen Unwahrheiten, die französische Heeresleitung

    habe zuverlässige Nachrichten, daß Deutschlands Reserven

    völlig erschöpft seien. Das ist nicht nur eine Unwahrheit, denn

    entweder hat Joffre k e i n e zuverlässige Nachrichten, oder, wenn


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    Lille, Frankreich

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12998 / 199741
Source
http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Uta Hentschel
License
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/


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