Kriegszeitungen aus dem Besitz von Carl Popp, item 36

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Beilage zur Champagne-Kriegszeitung Nr. 145


Feldgraue Fahrt.


Von Untffz. Paul D a h m s.


 . . . Und so stand der große Tag der Ablösung

 aus vorderster Linie bevor.

 Solch ein Tag gilt bei uns auch als großer Tag,

nicht, weil die Truppen kamp­-

fesmüde sind, sondern weil

höheren Orts die Entschei-

­dung getroffen: die Leute

bedürfen der Ruhe, denn

auch sie haben Nerven, die

ihre höchste Spannkraft her­-

gegeben. Hätte der Befehl

gelautet: "Regiment bleibt

in Stellung", d. h. auf dem

todumbrausten Felde vor

Verdun, dann wäre jeder

nach wie vor still und ruhig

auf seinem Platz geblieben,

um weiterhin die eiserne

Pflicht zu erfüllen.

 Seit Beginn der Kämpfe lag

das Regiment in schwe­-

rem Ringen. Jeder Einzelne

hat seinen Mann stellen und

alles hergeben müssen, was

ein Feldgrauer an körper-

­lichen und seelischen Stra-

­pazen nicht nur aushalten

soll, was von ihm ver-

­langt wird, sondern weit,

weit mehr.

 Dann geht doch wohl

ein leises Aufatmen

durch die lehmbedeckten grau-

­en Reihen.

 Mit einem stillen Auf­-

leuchten wird das Wort

"Ablösung" von einem

zum andern geflüstert.

 "Und du, paß auf,

wenn wir zurückkom-

­men, gibt's sicher wieder

Urlaub in die Heimat."

 Der erste Gedanke gilt

immer wieder der Heimat.

 Rücken da nicht ur­-

plötzlich die Gedanken

fort aus dieser vernich-

­teten Umgebung? Hu-

schen sie nicht über die

zersplitterten Wälder,

über zerschossene Ortschalten, über Leichen hinweg,

und hindurch durch die singenden und pfeifenden

Kugeln, heulenden und jeulenden Granaten über die

Grenze nach Deutschland hinein? Bleiben sie nicht

hängen irgendwo an einem Plätzchen im Vaterland, das

man die Heimat nennt? Leuchtet da nicht aus dem toten

Wirrwarr hier ringsumher ein Antlitz lieb lächelnd

heraus mit treuen Augen und blondem Haar?


 Heimat!

 Hier draußen lernt man sie lieben und schätzen.

Hier draußen ist's erst manchem zu rechtem Bewußt­-

sein gekommen, was ihm

die Heimat wert ist.

 Ist es nicht ein Stück Erde,

an das jeder mit Erinnerungen

geknüpft ist? Auf dem man

Freud und Leid erlebt hat?

Läßt uns das Wort Heimat

nicht zurückdenken an un­-

sere Kindheit, an die Jugend?

 Die Gedanken finden den

Weg über die Brücke, links

die Landstraße, zu beiden

Seiten die großen Pappeln.

Am Abhang das Dorf. Es

wird doch noch alles wie

früher sein, da noch nicht

Krieg war. — Dort die Mauer,

auf der man so oft mit gleich-

­altrigen Schulbuben geses-

­sen — die Schule — die

Kirche — das Haus, das

Elternhaus. Drüben das Ge-

­bäude, in dem sich die Spinn-

­stube befand. An langen

Winterabenden saßen die

jungen Mädchen in dieser

Stube, bewegten mit

ihren Füßen die Spinn­-

räder und sangen gar

lustige Lieder dazu. Ein

schönes Mädchen nahm

immer den Buben auf

den Schoß und spielte

mit ihm, sah lieb mit

ihren großen braunen

Augen zu ihm herab und

küßte ihn, er ließ sich

sehr gern von ihr küssen!

 Wie oft bauen die Ge-

­danken Brücken zur Hei-

­mat hinüber in mancher-

­lei Gestalt. Das sind

nicht sentimentale An­-

wandlungen, das sind

Erinnerungen, die das

Pflichtgefühl der Heimat

gegenüber stärken. —

 Von der Anhöhe hinunter an dem See vorbei

die Dorfstraße entlang. Die großen Erlen. Auf der

einen Seite der Chaussee fließt der kleine Dorfgraben.

Auf dem Wasser machten einst die Jungen mit einer

Bohle die ersten Kahnversuche, zum Verdruß der

Dorfbewohner, weil sie aus dem Graben ihr Trink-

wasser schöpften. — Der Gutshof! Ist es nicht, als

schallten von der Scheune lachende Stimmen herüber?


Brigade-Führer aus der Champagne-Schlacht


General Scholz


General Berger

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Beilage zur Champagne-Kriegszeitung Nr. 145


Feldgraue Fahrt.


Von Untffz. Paul D a h m s.


 . . . Und so stand der große Tag der Ablösung

 aus vorderster Linie bevor.

 Solch ein Tag gilt bei uns auch als großer Tag,

nicht, weil die Truppen kamp­-

fesmüde sind, sondern weil

höheren Orts die Entschei-

­dung getroffen: die Leute

bedürfen der Ruhe, denn

auch sie haben Nerven, die

ihre höchste Spannkraft her­-

gegeben. Hätte der Befehl

gelautet: "Regiment bleibt

in Stellung", d. h. auf dem

todumbrausten Felde vor

Verdun, dann wäre jeder

nach wie vor still und ruhig

auf seinem Platz geblieben,

um weiterhin die eiserne

Pflicht zu erfüllen.

 Seit Beginn der Kämpfe lag

das Regiment in schwe­-

rem Ringen. Jeder Einzelne

hat seinen Mann stellen und

alles hergeben müssen, was

ein Feldgrauer an körper-

­lichen und seelischen Stra-

­pazen nicht nur aushalten

soll, was von ihm ver-

­langt wird, sondern weit,

weit mehr.

 Dann geht doch wohl

ein leises Aufatmen

durch die lehmbedeckten grau-

­en Reihen.

 Mit einem stillen Auf­-

leuchten wird das Wort

"Ablösung" von einem

zum andern geflüstert.

 "Und du, paß auf,

wenn wir zurückkom-

­men, gibt's sicher wieder

Urlaub in die Heimat."

 Der erste Gedanke gilt

immer wieder der Heimat.

 Rücken da nicht ur­-

plötzlich die Gedanken

fort aus dieser vernich-

­teten Umgebung? Hu-

schen sie nicht über die

zersplitterten Wälder,

über zerschossene Ortschalten, über Leichen hinweg,

und hindurch durch die singenden und pfeifenden

Kugeln, heulenden und jeulenden Granaten über die

Grenze nach Deutschland hinein? Bleiben sie nicht

hängen irgendwo an einem Plätzchen im Vaterland, das

man die Heimat nennt? Leuchtet da nicht aus dem toten

Wirrwarr hier ringsumher ein Antlitz lieb lächelnd

heraus mit treuen Augen und blondem Haar?


 Heimat!

 Hier draußen lernt man sie lieben und schätzen.

Hier draußen ist's erst manchem zu rechtem Bewußt­-

sein gekommen, was ihm

die Heimat wert ist.

 Ist es nicht ein Stück Erde,

an das jeder mit Erinnerungen

geknüpft ist? Auf dem man

Freud und Leid erlebt hat?

Läßt uns das Wort Heimat

nicht zurückdenken an un­-

sere Kindheit, an die Jugend?

 Die Gedanken finden den

Weg über die Brücke, links

die Landstraße, zu beiden

Seiten die großen Pappeln.

Am Abhang das Dorf. Es

wird doch noch alles wie

früher sein, da noch nicht

Krieg war. — Dort die Mauer,

auf der man so oft mit gleich-

­altrigen Schulbuben geses-

­sen — die Schule — die

Kirche — das Haus, das

Elternhaus. Drüben das Ge-

­bäude, in dem sich die Spinn-

­stube befand. An langen

Winterabenden saßen die

jungen Mädchen in dieser

Stube, bewegten mit

ihren Füßen die Spinn­-

räder und sangen gar

lustige Lieder dazu. Ein

schönes Mädchen nahm

immer den Buben auf

den Schoß und spielte

mit ihm, sah lieb mit

ihren großen braunen

Augen zu ihm herab und

küßte ihn, er ließ sich

sehr gern von ihr küssen!

 Wie oft bauen die Ge-

­danken Brücken zur Hei-

­mat hinüber in mancher-

­lei Gestalt. Das sind

nicht sentimentale An­-

wandlungen, das sind

Erinnerungen, die das

Pflichtgefühl der Heimat

gegenüber stärken. —

 Von der Anhöhe hinunter an dem See vorbei

die Dorfstraße entlang. Die großen Erlen. Auf der

einen Seite der Chaussee fließt der kleine Dorfgraben.

Auf dem Wasser machten einst die Jungen mit einer

Bohle die ersten Kahnversuche, zum Verdruß der

Dorfbewohner, weil sie aus dem Graben ihr Trink-

wasser schöpften. — Der Gutshof! Ist es nicht, als

schallten von der Scheune lachende Stimmen herüber?


Brigade-Führer aus der Champagne-Schlacht


General Scholz


General Berger


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  • Beilage zur Champagne-Kriegszeitung Nr. 145


    Feldgraue Fahrt.


    Von Untffz. Paul D a h m s.


     . . . Und so stand der große Tag der Ablösung

     aus vorderster Linie bevor.

     Solch ein Tag gilt bei uns auch als großer Tag,

    nicht, weil die Truppen kamp­-

    fesmüde sind, sondern weil

    höheren Orts die Entschei-

    ­dung getroffen: die Leute

    bedürfen der Ruhe, denn

    auch sie haben Nerven, die

    ihre höchste Spannkraft her­-

    gegeben. Hätte der Befehl

    gelautet: "Regiment bleibt

    in Stellung", d. h. auf dem

    todumbrausten Felde vor

    Verdun, dann wäre jeder

    nach wie vor still und ruhig

    auf seinem Platz geblieben,

    um weiterhin die eiserne

    Pflicht zu erfüllen.

     Seit Beginn der Kämpfe lag

    das Regiment in schwe­-

    rem Ringen. Jeder Einzelne

    hat seinen Mann stellen und

    alles hergeben müssen, was

    ein Feldgrauer an körper-

    ­lichen und seelischen Stra-

    ­pazen nicht nur aushalten

    soll, was von ihm ver-

    ­langt wird, sondern weit,

    weit mehr.

     Dann geht doch wohl

    ein leises Aufatmen

    durch die lehmbedeckten grau-

    ­en Reihen.

     Mit einem stillen Auf­-

    leuchten wird das Wort

    "Ablösung" von einem

    zum andern geflüstert.

     "Und du, paß auf,

    wenn wir zurückkom-

    ­men, gibt's sicher wieder

    Urlaub in die Heimat."

     Der erste Gedanke gilt

    immer wieder der Heimat.

     Rücken da nicht ur­-

    plötzlich die Gedanken

    fort aus dieser vernich-

    ­teten Umgebung? Hu-

    schen sie nicht über die

    zersplitterten Wälder,

    über zerschossene Ortschalten, über Leichen hinweg,

    und hindurch durch die singenden und pfeifenden

    Kugeln, heulenden und jeulenden Granaten über die

    Grenze nach Deutschland hinein? Bleiben sie nicht

    hängen irgendwo an einem Plätzchen im Vaterland, das

    man die Heimat nennt? Leuchtet da nicht aus dem toten

    Wirrwarr hier ringsumher ein Antlitz lieb lächelnd

    heraus mit treuen Augen und blondem Haar?


     Heimat!

     Hier draußen lernt man sie lieben und schätzen.

    Hier draußen ist's erst manchem zu rechtem Bewußt­-

    sein gekommen, was ihm

    die Heimat wert ist.

     Ist es nicht ein Stück Erde,

    an das jeder mit Erinnerungen

    geknüpft ist? Auf dem man

    Freud und Leid erlebt hat?

    Läßt uns das Wort Heimat

    nicht zurückdenken an un­-

    sere Kindheit, an die Jugend?

     Die Gedanken finden den

    Weg über die Brücke, links

    die Landstraße, zu beiden

    Seiten die großen Pappeln.

    Am Abhang das Dorf. Es

    wird doch noch alles wie

    früher sein, da noch nicht

    Krieg war. — Dort die Mauer,

    auf der man so oft mit gleich-

    ­altrigen Schulbuben geses-

    ­sen — die Schule — die

    Kirche — das Haus, das

    Elternhaus. Drüben das Ge-

    ­bäude, in dem sich die Spinn-

    ­stube befand. An langen

    Winterabenden saßen die

    jungen Mädchen in dieser

    Stube, bewegten mit

    ihren Füßen die Spinn­-

    räder und sangen gar

    lustige Lieder dazu. Ein

    schönes Mädchen nahm

    immer den Buben auf

    den Schoß und spielte

    mit ihm, sah lieb mit

    ihren großen braunen

    Augen zu ihm herab und

    küßte ihn, er ließ sich

    sehr gern von ihr küssen!

     Wie oft bauen die Ge-

    ­danken Brücken zur Hei-

    ­mat hinüber in mancher-

    ­lei Gestalt. Das sind

    nicht sentimentale An­-

    wandlungen, das sind

    Erinnerungen, die das

    Pflichtgefühl der Heimat

    gegenüber stärken. —

     Von der Anhöhe hinunter an dem See vorbei

    die Dorfstraße entlang. Die großen Erlen. Auf der

    einen Seite der Chaussee fließt der kleine Dorfgraben.

    Auf dem Wasser machten einst die Jungen mit einer

    Bohle die ersten Kahnversuche, zum Verdruß der

    Dorfbewohner, weil sie aus dem Graben ihr Trink-

    wasser schöpften. — Der Gutshof! Ist es nicht, als

    schallten von der Scheune lachende Stimmen herüber?


    Brigade-Führer aus der Champagne-Schlacht


    General Scholz


    General Berger

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    Lille, Frankreich

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12998 / 199742
Source
http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Uta Hentschel
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http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/


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