Kriegszeitungen aus dem Besitz von Carl Popp, item 24
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unserem Bestimmungsort In P. an, gerade rechtzeitig,
um an dem evangelischen Gottesdienst, der In der Kirche
stattfand, teilnehmen zu koennen. Noch ist katholischer
Gottesdienst, um 10.30 Uhr soll evangelischer sein, was
ich den Leuten mitteilte. Nachdem ich mich in meinem
Quartier, einem "Estaminet", (d. h. kleines Wirtshaus),
heimisch gemacht und etwas aufgefrischt habe, gehe
ich zur Kirche, die von Andaechtigen, Soldaten aller
Waffen, dicht gefuellt ist. Frueher war sie als Ver-
bandplatz benuetzt; von ihrem zerschossenen Turme
weht die Flagge des Roten Kreuzes. Die Lieder wur-
den begleitet von einer Regimentskapelle. Die Predigt
haelt ein noch junger Geistlicher. Darauf zwei Verse
"Befiehl du deine Wege", deren ersten mir mein Vater
eigenhaendig in das Gesangbuch schrieb, das er mir
seinerzeit mit nach dem fernen Osten auf den Weg gab,
und das mich auch jetzt wieder begleitet: Die folgende
Predigt knuepfte an das Kreuzeszeichen an, dessen
einer Arm hinabweist auf unsere Gefallenen, die bei-
den Querarme nach vorwaerts auf den Feind und auf
Pflichterfuellung bis zum Aeuessersten, endlich der
aufwaertsweisende Arm fuer alle, Gefallene, ihre trau-
ernden Angehoerigen und die noch Lebenden, nach
oben zu Gott. Auch den hohen katholischen Feiertag,
Allerheiligen, flocht der Geistliche in seine Betrachtung
ein: aus ihr klang ueberzeugend die hohe Zuversicht
hervor, dass wir siegen werden und muessen, weil ge-
rade das deutsche Volk noch zu grossen Dingen durch Gott
ausersehen sei. Die Predigt ging zu Herzen. Die
letzten beiden Verse des schoenen Kirchenliedes von
Paul Gerhardt folgten, dann das Gebet fuer Kaiser und
Reich, fuer den Sieg unserer Waffen, ausklingend in
das Vaterunser. Und zum Schluss, brausend zur Woel-
bung des Gotteshauses emporschlagend, von den mar-
kigen Toenen der Musik begleitet der erste Vers des
altevangelischen Kampf- und Trutzliedes "Ein' feste
Burg ist unser Gott!" Heller Sonnenschein flutet in
die buntbemalten Kirchenfenster hinein und vergoldete
die Heiligenbilder und funkelnden Kirchengeraete, und
als nach empfangenen Segen die deutsche Gemeinde
die franzoesische Kirche langsam leerte, da schmetterte
es sieghaft empor, von der Infanteriekapelle noch inner-
halb des Gotteshauses angestimmt: "Es braust ein Ruf
wie Donnerhall!" Still ging ich ins Quartier, um dort
Helm und Saebel abzulegen und mit der Feldmuetze zu
vertauschen. Dann ging es zur Parademusik auf den
Kirchplatz, wo sich alle Offiziere und Mannschaften
die im Dorfe im Quartier lagen, und ein grosser Teil
der zurueckgebliebenen Einwohner, versammelten. Pa-
rademusik, deutsche Platzmusik in einem nordfran-
zoesischen Dorf! Von fern her das Droehnen der Ka-
nonen! O, du wunderbare, grosse Zeit, da die kraft-
volle Einigkeit des deutschen Volks nicht nur die Ein-
fallsgelueste scheelsuechtiger Gegner abgewehrt, son-
dern den Krieg auf fremden Boden hinuebergetragen
hat! Und wo der Deutsche einmal steht, da weicht er
nicht wieder zurueck. Franzoesische Buben hielten
den deutschen Musikern die Noten. Auch ein Symbol:
Deutsche machen die Musik, franzoesische Buben hal-
ten die Noten und Franzosen, Englaender, Russen und
sonstiges Kruppzeug, weisses, schwarzes und gelbes,
tanzen dazu, wie unsere Musik pfeift! "Kultur-
nationen!" Ja wohl! Mal gewesen! Lang, lang ist's
her! Oder auch n i e gewesen! (K. Z.)
-
Was man in franzoesischen
Kasernen findet.
Indem Ich diese Uebershrift (sic) niederschreibe, faehrt
es mir durch den Sinn, dass mich im Augenblick
eigentlich das Kasernenthema gerade von dieser Seite
am wenigsten interessiert. Denn morgen Mittag soll
ich mit meiner Landsturm-Kompagnie gleich von der
Wache weg in so eine franzoesische Kaserne Einzug
halten, und da haben wir uns schon eine gute Woche
lang ueber all das geaergert, was man dort n i c h t
findet. Es ist recht, recht viel, aber es laesst sich
schliesslich kurz zusammenfassen: Sauberkeit und Ord-
nung und alles das, was aus diesen beiden erwaechst,
und was dazu dient, sie aufrecht zu erhalten — alles
das findet man dort nicht!
Was man aber findet, an dauernder Einrichtung
und zufaelliger Hinterlassenschaft, ist fuer uns alle
lehrreich genug, um etwas schaerfer ins Auge gefasst
zu werden. Wir begegnen ueberall den Zeugnissen
einer sehr ernsten patriotischen und militaerischen Ar-
beit, die ganz deutlich auf ein festes Ziel eingestellt ist.
Da finden wir eine ganze Reihe von Handbuechern:
vom Umfang weniger Bogen bis zu dickleibigen Werken
von 6—800 engbedruckten Seiten, in welchen die Vor-
bereitung der Jugend fuer die Soldatenzelt, die Aus-
bildung des Soldaten, die Fortbildung der Unteroffi-
ziere hoechst eindringlich behandelt wird. Dass das
Ziel dieser Ausbildung nicht einfach die militaerische
Ertuechtigung der vielfach zum Wohlleben neigenden
Nation, sondern d e r Krieg, ein ganz bestimmter Krieg
ist, tritt deutlich zu Tage: farbige Abbildungen aller
Waffengattungen der deutschen Armee, und nur diese
allein, weisen darauf hin, und dutzendfache Gelegenheits-
erguesse in Wort und Bild, mit Bleistift und Kreide
bezeugen, dass die Erziehung in dieser Richtung gut
eingeschlagen ist. Gestaerkt wird der Geist des
trotzigen Stolzes und der Zuversicht durch die Pflege
der kriegerischen Erinnerungen: die Republik von heute
ist im Kultus des kriegerischen Ruhms von Frankreich
allen vorausgegangenen Regierungsformen ueberlegen,
einerlei, ob es sich hier um die Feldherrn und um die
Siege des franzoesischen Heeres unter dem Koenigtum,
dem Kaisertum oder der Demokratie handelt. Boufflers
und Vauban in Turenne sind dem franzoesischen Sol-
daten ebenso vertraut, wie Kleber, der Strassburger,
oder Vandamme, der Sohn des franzoesischen Flan-
derns, oder Faidherbe und Chanzy. Auf der Ruhmes-
tafel des 43. Linienregiments auf der Zitadelle von
Lille, die als Geburtsjahr 1638 nennt, liest man als
die beiden ersten Oberst-Inhaber Cardinal Richelieu
und den Cardinal Mazarin — in der Wachtstube der
Kleber-Kaserne liegt als einzige Lektuere die praechtig
ausgestattete hundertjaehrige Geschichte des 19. Regi-
ments Jaeger zu Pferde (1792—1892) aus.
Ueberblickt man das gedruckte Verzeichnis der Vor-
traege, welche im Winter 1913 auf 1914 fuer die Offi-
ziere und passend abgestuft fuer die Unteroffiziere auf
der Zitadelle gehalten worden sind, so tritt die ebenso
bewusste wie gewissenhafte Vorbereitung auf den Krieg
mit Deutschland ueberall zu Tage: hier sind alle Stoffe
aktuell, die Kriegsgeschichte scheidet voll-
staendig aus. Gegenstaende wie das Zusammenwirken
von Artillerie und Infanterie, die Rolle der Feldbefesti-
gungen in der modernen Schlacht steht im Vorder-
grund. Kartenmaterial, besonders für Lothringen und
die Vogesen, fand sich ein ganzer Pack vor: er war
offenbar nicht zur Verteilung gelangt, da das erste
franzoesische Armeekorps (wenn es überhaupt jemals
fuer die Verteidigung der franzoesischen Westfront be-
stimmt gewesen sein sollte, worauf die Karten doch hin-
weisen), durch die Gestaltung des Kriegsbeginns andere
Aufgaben erhielt. Franzoesische Karten von Nord-
frankreich habe ich unter dem Wust, den man dort zu-
sammengestellt hatte, nicht gefunden, wohl aber wurde
auf einer Offizierstube eine solche Karte — mit Lille
als Mittelpunkt — gefunden, die in der Druckerei des
englischen Generalstabs "Southampton 1912" hergestellt,
und natuerlich "only for official use" ("nur fuer amt-
lichen Gebrauch") bestimmt war: ob fuer Franzosen
oder fuer Englaender, das war offenbar schon 1912
ganz gleichgueltig; die weniger beschäftigte topo-
graphische Abteilung des englischen Generalstabs un-
terstuetzte die mit dringender Arbeit ueberhaeufte fran-
zoesische Schriftanstalt!
An den Waenden der Kasernen, besonders der
Caserne Vandamme, haben sich Witzbolde der Kom-
pagnie, die zeichnerischen Talente — und die Schreier
und Prahlhaense vielfach betaetigt: vor dem Kriege und
nach seinem Ausbruch. Geschmacklose und gemeine
Karrikaturen unseres Kaisers, aus schlechten Witz-
blaettern kopierte Darstellungen, alles mit kindischen
Unterschriften, sind an der Tagesordnung — der saeu-
bernde Kalkbesen unserer Landsturmmaenner hat diese
Erzeugnisse eines frueh genug gebrochenen Ueber-
mutes vernichtet. Auch eines der bei unsern Gegnern
so beliebten Zukunftsbilder haben wir gefunden. In
breitem, flottem Wurf zierte "eine Karte Europas"
avant la guerre, und eine solche "après la guerre" die
beiden Wandhaelften: nach dem Kriege gibt es nur
noch ein ganz kleines, vom Meer abgeschnittenes
Deutschland im oberen Wesergebiet! Italien, auf das
dieser Prophet also fest gerechnet hatte, reicht bis
Boehmen und grenzt hier an den Grosstaat Serbien.
Belgien ist (wohl friedlich?) in Frankreich aufgegangen,
waehrend Holland eine nicht unbetraechtliche Aus-
dehnung in der Nordsee zugestanden wird. Durch
Sachsen und Franken hindurch aber drueckt Russland
kraeftig die Bruderhand dem franzoesischen Bundes-
genossen, der sich mit dem Westen und Suedwesten
Deutschlands begnuegt.
Es war gewiss kein Staatsmann und kein Feldherr,
der auf einer franzoesischen Mannschaftsstube vor dem
Beginn des Krieges dies Zukunftsbild entwarf: aber bis
zu welcher tollen Verwirrung man die Phantasie des
gemeinen Soldaten erhitzt hatte, dafuer darf dies
Kartenbild immerhin als Zeugnis gelten, an dem die
Offiziere der Kompagnie mit wohlgefaelligem Schmun-
zeln voruebergegangen sein moegen.
In deutschen Gefangenen-Lagern haben jetzt Fran-
zosen und Russen reichlich Gelegenheit, sich die
Bruderhand zu druecken - ich glaube nicht, dass sie
davon begeistert Gebrauch machen werden.
Hauptmann Schroeder
-
heimlich wanderten zu Freund und Kamerad? Ob
sie in dieser feierlichen Abendstunde, wo der
Schlachtentod einmal die Haende feiernd faltete,
zurueckdachten an ihre Lieben, ihre Heimat, fast
verschollen ueber all dem Krieg?
An einer Stelle, einer einzigen nur, blinkten
Lichter durch den Wald, und der leise Abendwind
trug ihnen wieder Duefte zu aus den englischen
Kochloechern. Das quaelte sie, alle Gaumennerven
peitschend, das liess den leeren Magen sich zu-
sammenziehen, denn sie hatten den Verwundeten
die spaerliche eiserne Portion allein gelassen. Als
wollten sie jenen lockenden Lueften entfliehen, die
den gequaelten Sinnen Bilder vorgaukelten von
dampfenden Kuechen und brodelnden Kesseln,
flohen sie die Treppe hinab in den untern Raum.
Schon deckte ihn naechtiges Dunkel.
Da, als Wunder klang ihnen aus der Finsternis
leises Singen entgegen. Erschreckt verbot der Ad-
jutant solch gefaehrliche Musik, doch die schweben-
den Toene zitterten weiter durch den Raum. Er
durfte die Stimme nicht erheben, so tastete er sich
hin ueber Fuesse und Arme, durch eng gelagerte
Dulder, denen deutsche Kameradschaft den Mund
verschloss, tastete sich bis zu jener Ecke, aus der
verraeterische Toene ihn erschreckten. Ein Soldat
lag auf dem Ruecken ausgestreckt, offen den Rock,
den Kopf auf dem Tornister. Bei der letzten Helle
durch den Spalt des Ladens, sah der Adjutant das
Weiss der Augen, deren Sterne emporgerichtet unter
den Lidern halb verschwanden. Aus der ver-
wundeten Brust klang die leise Musik. Eine Melodie,
die der Arme wohl einst in der Kompagnie sinnlos
mitgesungen und die nun erdenfern ertoente, als
sei es ein Marschlied auf einem Wege, der hoch
hinausfuehrte ueber das Steilfeuer der Geschuetze,
ueber die Bahn platzender Schrapnells von den Ab-
wehrkanonen, ja hoch noch ueber jene der
kuehnsten Flieger hinweg, empor in den Himmel
der Soldaten. Leise klang es:
"Denn dieser Feldzug ist bald vorueber,
Und wenn der Fruehling kommt, bin ich bei dir!"
Der Adjutant legte ihm die Hand auf den Mund.
Er fand nicht befehlende Worte fuer jenen, der
wohl schon des fremde Land verliess, darinnen sie,
die Lebenden noch gefangen sassen. Er bat, er
hielt dem Sterbenden die Hand, und jener schwieg.
Doch seltsam: aus der Finsternis rundum, der
allein das schwere Atmen waidwundgeschossener
Menschen sich entrungen und nun der Sterbe-
gesang eines, der langsam von der Erde stiess,
schwebte In weichem Kehlenton, dazu ein brum-
mender Bass die Begleitung gab, das Lied jener,
die dem Ende geweiht schienen, denn in der
englischen Seeraeuber Gewalt wollte auch der
Schwächste von ihnen nicht fallen. Durch das
Dunkel zitterte geheimnisvoll ergreifender Gesang:
"Denn dieser Feldzug ist bald vorueber.
Ich wisch' die Traene ab und wein' nicht mehr!«
In dem engen, dem schmaehlichen Gefaengnis
toente es gleich dem Gesänge abgeschiedener Seelen,
als seien diese schwerkeuchenden Menschen schon
abgeloest vom Dienste dieser Welt.
Einen Augenblick war das pflichteiserne Herz
der beiden Offiziere gleichsam gelaehmt, dann
fanden sie sich jaeh zur rauhen Wirklichkeit zu-
rueck und mit gedaempftem Kommandowort ge-
bot der Adjutant Ruhe, ging es doch um Ihrer alle
Ehre und Freiheit.
Der Gehorsam deutscher Soldaten liess sie jaeh
verstummen. Wieder hielten sie den Atem an, und
als muesse nach solchem Ausbruch ihres Fuehlens
schnelle Strafe folgen, griff im Dunkel jede Hand,
die sich noch regen konnte, zur Waffe.
Der Leutamt hatte sich ueber Koerper und
Koerper tretend an die Tuer geschlichen. Zwischen
-
unserem Bestimmungsort In P. an, gerade rechtzeitig,
um an dem evangelischen Gottesdienst, der In der Kirche
stattfand, teilnehmen zu koennen. Noch ist katholischer
Gottesdienst, um 10.30 Uhr soll evangelischer sein, was
ich den Leuten mitteilte. Nachdem ich mich in meinem
Quartier, einem "Estaminet", (d. h. kleines Wirtshaus),
heimisch gemacht und etwas aufgefrischt habe, gehe
ich zur Kirche, die von Andaechtigen, Soldaten aller
Waffen, dicht gefuellt ist. Frueher war sie als Ver-
bandplatz benuetzt; von ihrem zerschossenen Turme
weht die Flagge des Roten Kreuzes. Die Lieder wur-
den begleitet von einer Regimentskapelle. Die Predigt
haelt ein noch junger Geistlicher. Darauf zwei Verse
"Befiehl du deine Wege", deren ersten mir mein Vater
eigenhaendig in das Gesangbuch schrieb, das er mir
seinerzeit mit nach dem fernen Osten auf den Weg gab,
und das mich auch jetzt wieder begleitet: Die folgende
Predigt knuepfte an das Kreuzeszeichen an, dessen
einer Arm hinabweist auf unsere Gefallenen, die bei-
den Querarme nach vorwaerts auf den Feind und auf
Pflichterfuellung bis zum Aeuessersten, endlich der
aufwaertsweisende Arm fuer alle, Gefallene, ihre trau-
ernden Angehoerigen und die noch Lebenden, nach
oben zu Gott. Auch den hohen katholischen Feiertag,
Allerheiligen, flocht der Geistliche in seine Betrachtung
ein: aus ihr klang ueberzeugend die hohe Zuversicht
hervor, dass wir siegen werden und muessen, weil ge-
rade das deutsche Volk noch zu grossen Dingen durch Gott
ausersehen sei. Die Predigt ging zu Herzen. Die
letzten beiden Verse des schoenen Kirchenliedes von
Paul Gerhardt folgten, dann das Gebet fuer Kaiser und
Reich, fuer den Sieg unserer Waffen, ausklingend in
das Vaterunser. Und zum Schluss, brausend zur Woel-
bung des Gotteshauses emporschlagend, von den mar-
kigen Toenen der Musik begleitet der erste Vers des
altevangelischen Kampf- und Trutzliedes "Ein' feste
Burg ist unser Gott!" Heller Sonnenschein flutet in
die buntbemalten Kirchenfenster hinein und vergoldete
die Heiligenbilder und funkelnden Kirchengeraete, und
als nach empfangenen Segen die deutsche Gemeinde
die franzoesische Kirche langsam leerte, da schmetterte
es sieghaft empor, von der Infanteriekapelle noch inner-
halb des Gotteshauses angestimmt: "Es braust ein Ruf
wie Donnerhall!" Still ging ich ins Quartier, um dort
Helm und Saebel abzulegen und mit der Feldmuetze zu
vertauschen. Dann ging es zur Parademusik auf den
Kirchplatz, wo sich alle Offiziere und Mannschaften
die im Dorfe im Quartier lagen, und ein grosser Teil
der zurueckgebliebenen Einwohner, versammelten. Pa-
rademusik, deutsche Platzmusik in einem nordfran-
zoesischen Dorf! Von fern her das Droehnen der Ka-
nonen! O, du wunderbare, grosse Zeit, da die kraft-
volle Einigkeit des deutschen Volks nicht nur die Ein-
fallsgelueste scheelsuechtiger Gegner abgewehrt, son-
dern den Krieg auf fremden Boden hinuebergetragen
hat! Und wo der Deutsche einmal steht, da weicht er
nicht wieder zurueck. Franzoesische Buben hielten
den deutschen Musikern die Noten. Auch ein Symbol:
Deutsche machen die Musik, franzoesische Buben hal-
ten die Noten und Franzosen, Englaender, Russen und
sonstiges Kruppzeug, weisses, schwarzes und gelbes,
tanzen dazu, wie unsere Musik pfeift! "Kultur-
nationen!" Ja wohl! Mal gewesen! Lang, lang ist's
her! Oder auch n i e gewesen! (K. Z.)
-
Was man in franzoesischen
Kasernen findet.
Indem Ich diese Uebershrift (sic) niederschreibe, faehrt
es mir durch den Sinn, dass mich im Augenblick
eigentlich das Kasernenthema gerade von dieser Seite
am wenigsten interessiert. Denn morgen Mittag soll
ich mit meiner Landsturm-Kompagnie gleich von der
Wache weg in so eine franzoesische Kaserne Einzug
halten, und da haben wir uns schon eine gute Woche
lang ueber all das geaergert, was man dort n i c h t
findet. Es ist recht, recht viel, aber es laesst sich
schliesslich kurz zusammenfassen: Sauberkeit und Ord-
nung und alles das, was aus diesen beiden erwaechst,
und was dazu dient, sie aufrecht zu erhalten — alles
das findet man dort nicht!
Was man aber findet, an dauernder Einrichtung
und zufaelliger Hinterlassenschaft, ist fuer uns alle
lehrreich genug, um etwas schaerfer ins Auge gefasst
zu werden. Wir begegnen ueberall den Zeugnissen
einer sehr ernsten patriotischen und militaerischen Ar-
beit, die ganz deutlich auf ein festes Ziel eingestellt ist.
Da finden wir eine ganze Reihe von Handbuechern:
vom Umfang weniger Bogen bis zu dickleibigen Werken
von 6—800 engbedruckten Seiten, in welchen die Vor-
bereitung der Jugend fuer die Soldatenzelt, die Aus-
bildung des Soldaten, die Fortbildung der Unteroffi-
ziere hoechst eindringlich behandelt wird. Dass das
Ziel dieser Ausbildung nicht einfach die militaerische
Ertuechtigung der vielfach zum Wohlleben neigenden
Nation, sondern d e r Krieg, ein ganz bestimmter Krieg
ist, tritt deutlich zu Tage: farbige Abbildungen aller
Waffengattungen der deutschen Armee, und nur diese
allein, weisen darauf hin, und dutzendfache Gelegenheits-
erguesse in Wort und Bild, mit Bleistift und Kreide
bezeugen, dass die Erziehung in dieser Richtung gut
eingeschlagen ist. Gestaerkt wird der Geist des
trotzigen Stolzes und der Zuversicht durch die Pflege
der kriegerischen Erinnerungen: die Republik von heute
ist im Kultus des kriegerischen Ruhms von Frankreich
allen vorausgegangenen Regierungsformen ueberlegen,
einerlei, ob es sich hier um die Feldherrn und um die
Siege des franzoesischen Heeres unter dem Koenigtum,
dem Kaisertum oder der Demokratie handelt. Boufflers
und Vauban in Turenne sind dem franzoesischen Sol-
daten ebenso vertraut, wie Kleber, der Strassburger,
oder Vandamme, der Sohn des franzoesischen Flan-
derns, oder Faidherbe und Chanzy. Auf der Ruhmes-
tafel des 43. Linienregiments auf der Zitadelle von
Lille, die als Geburtsjahr 1638 nennt, liest man als
die beiden ersten Oberst-Inhaber Cardinal Richelieu
und den Cardinal Mazarin — in der Wachtstube der
Kleber-Kaserne liegt als einzige Lektuere die praechtig
ausgestattete hundertjaehrige Geschichte des 19. Regi-
ments Jaeger zu Pferde (1792—1892) aus.
Ueberblickt man das gedruckte Verzeichnis der Vor-
traege, welche im Winter 1913 auf 1914 fuer die Offi-
ziere und passend abgestuft fuer die Unteroffiziere auf
der Zitadelle gehalten worden sind, so tritt die ebenso
bewusste wie gewissenhafte Vorbereitung auf den Krieg
mit Deutschland ueberall zu Tage: hier sind alle Stoffe
aktuell, die Kriegsgeschichte scheidet voll-
staendig aus. Gegenstaende wie das Zusammenwirken
von Artillerie und Infanterie, die Rolle der Feldbefesti-
gungen in der modernen Schlacht steht im Vorder-
grund. Kartenmaterial, besonders für Lothringen und
die Vogesen, fand sich ein ganzer Pack vor: er war
offenbar nicht zur Verteilung gelangt, da das erste
franzoesische Armeekorps (wenn es überhaupt jemals
fuer die Verteidigung der franzoesischen Westfront be-
stimmt gewesen sein sollte, worauf die Karten doch hin-
weisen), durch die Gestaltung des Kriegsbeginns andere
Aufgaben erhielt. Franzoesische Karten von Nord-
frankkreich habe ich unter dem Wust, den man dort zu-
sammengestellt hatte, nicht gefunden, wohl aber wurde
auf auf einer Qffizierstube eine solche Karte — mit Lille
als Mittelpunkt — gefunden, die in der Druckerei des
englischan Generalsubs "Southampton 1912" hergestellt,
und natuerlich "only for official use" ("nur fuer amt-
lichen Gebrauch") bestimmt war: ob fuer Franzosen
oder fuer Englaender, das war offenbar schon 1912
ganz gleichgueltig; die weniger beschäftigte topo-
graphische Abteilung des englischen Generalstabs un-
terstuetzte die mit dringender Arbeit ueberhaeufte fran-
zoesische Schriftanstalt!
An den Waenden der Kasernen, besonders der
Caserne Vandamme, haben sich Witzbolde der Kom-
pagnie, die zeichnerischen Talente — und die Schreier
und Prahlhaense vielfach betaetigt: vor dem Kriege und
nach seinem Ausbruch. Geschmacklose und gemeine
Karrikaturen unseres Kaisers, aus schlechten Witz-
blaettern kopierte Darstellungen, alles mit kindischen
Unterschriften, sind an der Tagesordnung — der saeu-
bernde Kalkbesen unserer Landsturmmaenner hat diese
Erzeugnisse eines frueh genug gebrochenen Ueber-
mutes vernichtet. Auch eines der bei unsern Gegnern
so beliebten Zukunftsbilder haben wir gefunden. In
breitem, flottem Wurf zierte "eine Karte Europas"
avant la guerre, und eine solche "après la guerre" die
beiden Wandhaelften: nach dem Kriege gibt es nur
noch ein ganz kleines, vom Meer abgeschnittenes
Deutschland im oberen Wesergebiet! Italien, auf das
dieser Prophet also fest gerechnet hatte, reicht bis
Boehmen und grenzt hier an den Grosstaat Serbien.
Belgien ist (wohl friedlich?) in Frankreich aufgegangen,
waehrend Holland eine nicht unbetraechtlicbe Aus-
dehnung in der Nordsee zugestanden wird. Durch
Sachsen und Franken hindruch aber drueckt Russland
kraeftig die Bruderhand dem franzoesischen Bunden-
genossen, der sich mit dem Westen und Suedwesten
Deutschlands begnuegt.
Es war gewiss kein Staatsmann und kein Feldherr,
der auf einer franzoesischen Mannschaftsstube vor dem
Beginn des Krieges dies Zukunftsbild entwarf: aber bis
zu welcher tollen Verwirrung man die Phantasie des
gemeinen Soldaten erhitzt hatte, dafuer darf dies
Kartenbild immerhin als Zeugnis gelten, an dem die
Offiziere der Kompagnie mit wohlgefaelligem Schmun-
zeln voruebergegangen sein moegen.
In deutschen Gefangenen-Lagern haben jetzt Fanz-
osen und Russen reichlich Gelegenheit, sich die
Bruderhand zu druecken - ich glaube nicht, dass sie
davon begeistert Gebrauch machen werden.
Hauptmann Schroeder
-
heimlich wanderten zu Freund und Kamerad? Ob
sie in dieser feierlichen Abendstunde, wo der
Schlachtentod einmal die Haende feiernd faltete,
zurueckdachten an ihre Lieben, ihre Heimat, fast
verschollen ueber all dem Krieg?
An einer Stelle, einer einzigen nur, blinkten
Lichter durch den Wald, und der leise Abendwind
trug ihnen wieder Duefte zu aus den englischen
Kochloechern. Das quaelte sie, alle Gaumennerven
peitschend, das liess den leeren Magen sich zu-
sammenziehen, denn sie hatten den Verwundeten
die spaerliche eiserne Portion allein gelassen. Als
wollten sie jenen lockenden Lueften entfliehen, die
den gequaelten Sinnen Bilder vorgaukelten von
dampfenden Kuechen und brodelnden Kesseln,
flohen sie die Treppe hinab in den untern Raum.
Schon deckte ihn naechtiges Dunkel.
Da, als Wunder klang ihnen aus der Finsternis
leises Singen entgegen. Erschreckt verbot der Ad-
jutant solch gefaehrliche Musik, doch die schweben-
den Toene zitterten weiter durch den Raum. Er
durfte die Stimme nicht erheben, so tastete er sich
hin ueber Fuesse und Arme, durch eng gelagerte
Dulder, denen deutsche Kameradschaft den Mund
verschloss, tastete sich bis zu jener Ecke, aus der
verraeterische Toene ihn erschreckten. Ein Soldat
lag auf dem Ruecken ausgestreckt, offen den Rock,
den Kopf auf dem Tornister. Bei der letzten Helle
durch den Spalt des Ladens, sah der Adjutant das
Weiss der Augen, deren Sterne emporgerichlet unter
den Lidern halb verschwanden. Aus der ver-
wundeten Brust klang die leise Musik. Eine Melodie,
die der Arme wohl einst in der Kompagnie sinnlos
mitgesungen und die nun erdenfern ertoente, als
sei es ein Marschlied auf einem Wege, der hoch
hinausfuehrte ueber das Steilfeuer der Geschuetze,
ueber die Bahn platzender Schrapnells von den Ab-
wehrkanonen, ja hoch noch ueber jene der
kuehnsten Flieger hinweg, empor in den Himmel
der Soldaten. Leise klang es:
"Denn dieser Feldzug ist bald vorueber,
Und wenn der Fruehling kommt, bin ich bei dir!"
Der Adjutant legte ihm die Hand auf den Mund.
Er fand nicht befehlende Worte fuer jenen, der
wohl schon des fremde Land verliess, darinnen sie,
die Lebenden noch gefangen sassen. Er bat, er
hielt dem Sterbenden die Hand, und jener schwieg.
Doch seltsam: aus der Finsternis rundum, der
allein das schwere Atmen waidwundgeschossener
Menschen sich entrungen und nun der Sterbe-
gesang eines, der langsam von der Erde stiess,
schwebte In weichem Kehlenton, dazu ein brum-
mender Bass die Begleitung gab, das Lied jener,
die dem Ende geweiht schienen, denn in der
englischen Seeraeuber Gewalt wollte auch der
Schwächste von ihnen nicht fallen. Durch das
Dunkel zitterte geheimnisvoll ergreifender Gesang:
"Denn dieser Feldzug ist bald vorueber.
Ich wisch' die Traene ab und wein' nicht mehr!«
In dem engen, dem schmaehlichen Gefaengnis
toente es gleich dem Gesänge abgeschiedener Seelen,
als seien diese schwerkeuchenden Menschen schon
abgeloest vom Dienste dieser Welt.
Einen Augenblick war das pflichteiserne Herz
der beiden Offiziere gleichsam gelaehmt, dann
fanden sie sich jaeh zur rauhen Wirklichkeit zu-
rueck und mit gedaempftem Kommandowort ge-
bot der Adjutant Ruhe, ging es doch um Ihrer alle
Ehre und Freiheit.
Der Gehorsam deutscher Soldaten liess sie jaeh
verstummen. Wieder hielten sie den Atem an, und
als muesse nach solchem Ausbruch ihres Fuehlens
schnelle Strafe folgen, griff im Dunkel jede Hand,
die sich noch regen konnte, zur Waffe.
Der Leutamt hatte sich ueber Koerper und
Koerper tretend an die Tuer geschlichen. Zwischen
-
unserem Bestimmungsort In P. an, gerade rechtzeitig,
um an dem evangelischen Gottesdienst, der In der Kirche
stattfand, teilnehmen zu koennen. Noch ist katholischer
Gottesdienst, um 10.30 Uhr soll evangelischer sein, was
ich den Leuten mitteilte. Nachdem ich mich in meinem
Quartier, einem "Estaminet", (d. h. kleines Wirtshaus),
heimisch gemacht und etwas aufgefrischt habe, gehe
ich zur Kirche, die von Andaechtigen, Soldaten aller
Waffen, dicht gefuellt ist. Frueher war sie als Ver-
bandplatz benuetzt; von ihrem zerschossenen Turme
weht die Flagge des Roten Kreuzes. Die Lieder wur-
den begleitet von einer Regimentskapelle. Die Predigt
haelt ein noch junger Geistlicher. Darauf zwei Verse
"Befiehl du deine Wege", deren ersten mir mein Vater
eigenhaendig in das Gesangbuch schrieb, das er mir
seinerzeit mit nach dem fernen Osten auf den Weg gab,
und das mich auch jetzt wieder begleitet: Die folgende
Predigt knuepfte an das Kreuzeszeichen an, dessen
einer Arm hinabweist auf unsere Gefallenen, die bei-
den Querarme nach vorwaerts auf den Feind und auf
Pflichterfuellung bis zum Aeuessersten, endlich der
aufwaertsweisende Arm fuer alle, Gefallene, ihre trau-
ernden Angehoerigen und die noch Lebenden, nach
oben zu Gott. Auch den hohen katholischen Feiertag,
Allerheiligen, flocht der Geistliche in seine Betrachtung
ein: aus ihr klang ueberzeugend die hohe Zuversicht
hervor, dass wir siegen werden und muessen, weil ge-
rade das deutsche Volk noch zu grossen Dingen durch Gott
ausersehen sei. Die Predigt ging zu Herzen. Die
letzten beiden Verse des schoenen Kirchenliedes von
Paul Gerhardt folgten, dann das Gebet fuer Kaiser und
Reich, fuer den Sieg unserer Waffen, ausklingend in
das Vaterunser. Und zum Schluss, brausend zur Woel-
bung des Gotteshauses emporschlagend, von den mar-
kigen Toenen der Musik begleitet der erste Vers des
altevangelischen Kampf- und Trutzliedes "Ein' feste
Burg ist unser Gott!" Heller Sonnenschein flutet in
die buntbemalten Kirchenfenster hinein und vergoldete
die Heiligenbilder und funkelnden Kirchengeraete, und
als nach empfangenen Segen die deutsche Gemeinde
die franzoesische Kirche langsam leerte, da schmetterte
es sieghaft empor, von der Infanteriekapelle noch inner-
halb des Gotteshauses angestimmt: "Es braust ein Ruf
wie Donnerhall!" Still ging ich ins Quartier, um dort
Helm und Saebel abzulegen und mit der Feldmuetze zu
vertauschen. Dann ging es zur Parademusik auf den
Kirchplatz, wo sich alle Offiziere und Mannschaften
die im Dorfe im Quartier lagen, und ein grosser Teil
der zurueckgebliebenen Einwohner, versammelten. Pa-
rademusik, deutsche Platzmusik in einem nordfran-
zoesischen Dorf! Von fern her das Droehnen der Ka-
nonen! O, du wunderbare, grosse Zeit, da die kraft-
volle Einigkeit des deutschen Volks nicht nur die Ein-
fallsgelueste scheelsuechtiger Gegner abgewehrt, son-
dern den Krieg auf fremden Boden hinuebergetragen
hat! Und wo der Deutsche einmal steht, da weicht er
nicht wieder zurueck. Franzoesische Buben hielten
den deutschen Musikern die Noten. Auch ein Symbol:
Deutsche machen die Musik, franzoesische Buben hal-
ten die Noten und Franzosen, Englaender, Russen und
sonstiges Kruppzeug, weisses, schwarzes und gelbes,
tanzen dazu, wie unsere Musik pfeift! "Kultur-
nationen!" Ja wohl! Mal gewesen! Lang, lang ist's
her! Oder auch n i e gewesen! (K. Z.)
-
Was man in franzoesischen
Kasernen findet.
Indem Ich diese Ueberschrift niederschreibe, faehrt
es mir durch den Sinn, dass mich im Augenblick
eigentlich das Kasernenthema geande von dieser Seite
am wenigsten interessiert. Denn morgen Mittag soll
ich mit meiner Landsturm-Kompagnie gleich von der
Wache weg in so eine franzoesische Kaserne Einzug
halten, und da haben wir uns schon eine gute Woche
lang ueber all das geaergert, was man dort n i c h t
findet. Es ist recht, recht viel, aber es laesst sich
schliesslich kurz zusammenfassen: Sauberkeit und Ord-
nung und alles das, was aus diesen beiden erwaechst,
und was dazu dient, sie aufrecht zu erhalten — alles
das findet man dort nicht!
Was man aber findet, an dauernder Einrichtung
und zufaelliger Hinterlassenschaft, ist fuer uns alle
lehrreich genug, um etwas schaerfer ins Auge gefasst
zu werden. Wir begegnen ueberall den Zeugnissen
einer sehr ernsten patriotischen und militaerischen Ar-
beit, die ganz deutlich auf ein festes Ziel eingestellt ist.
Da finden wir eine ganze Reihe von Handbuechern:
vom Umfang weniger Bogen bis zu dickleibigen Werken
von 6—800 engbedruckten Seiten, in welchen die Vor-
bereitung der Jugend fuer die Soldatenzelt, die Aus-
bildung des Soldaten, die Fortbildung der Unteroffi-
ziere hoechst eindringlich behandelt wird. Dass das
Ziel dieser Ausbildung nicht einfach die militaerische
Ertuechtigung der vielfach zum Wohlleben neigenden
Nation, sondern d e r Krieg, ein ganz bestimmter Krieg
ist tritt deutlich zu Tage: farbige Abbildungen aller
Waffengattungen der deutschen Armee, und nur diese
allein, weisen darauf hin, und dutzendfache Gelegenheits-
erguesse in Wort und Bild, mit Bleistift und Kreide
bezeugen, dass die Erziehung in dieser Richtung gut
eingeschlagen ist. Gestaerkt wird der Geist des
trotzigen Stolzes und der Zuversicht durch die Pflege
der kriegerischen Erinnerungen: die Republik von heute
ist im Kultus des kriegerischen Ruhms von Frankreich
allen vorausgegangenen Regierungsformen ueberlegen,
einerlei, ob es sich hier um die Feldherrn und um die
Siege des franzoesischen Heeres unter dem Koenigtum,
dem Kaisertum oder der Demokratie handelt. Boufflers
und Vauban in Turenne sind dem franzoesischen Sol-
daten ebenso vertraut, wie Kleber, der Strassburger,
oder Vandamme, der Sohn des franzoesischen Flan-
derns, oder Faidherbe und Chanzy. Auf der Ruhmes-
tafel des 43. Linienregiments auf der Zitadelle von
Lille, die als Geburtsjahr 1638 nennt, liest man als
die beiden ersten Oberst-Inhaber Cardinal Richelieu
und den Cardinal Mozarin — in der Wachtstube der
Kleber-Kaserne liegt als einzige Lektuere die praechtig
ausgestattete hundertjaehrige Geschichte des 19. Regi-
ments Jaeger zu Pferde (1792—1892) aus.
Ueberblickt man das gedruckte Verzeichnis der Vor-
traege, welche im Winter 1913 auf 1914 fuer die Offi-
ziere und passend abgestuft fuer die Unteroffiziere auf
der Zitadelle gehalten worden sind, so tritt die ebenso
bewusste wie gewissenhafte Vorbereitung auf den Krieg
mit Deutschland ueberall zu Tage: hier sind alle Stoffe
aktuell, die Kriegsgeschichte scheidet voll-
staendig aus. Gegenstaende wie das Zusammenwirken
von Artillerie und Infanterie, die Rolle der Feldbefesti-
gungen in der modernen Schlacht steht im Vorder-
grund. Kartenmaterial, besonders für Lothringen und
die Vogesen, fand sich ein ganzer Pack vor: er war
offenbar nicht zur Verteilung gelangt, da das erste
franzoesische Armeekorps (wenn es überhaupt jemals
fuer die Verteidigung der franzoesischen Westfront be-
stimmt gewesen sein sollte, worauf die Karten doch hin-
weisen), durch die Gestaltung des Kriegsbeginns andere
Aufgaben erhielt. Franzoesische Karten von Nord-
frankkreich habe ich unter dem Wust, den man dort zu-
sammengestellt hatte, nicht gefunden, wohl aber wurde
auf auf einer Qffizierstube eine solche Karte — mit Lille
als Mittelpunkt — gefunden, die in der Druckerei des
englischan Generalsubs "Southampton 1912" hergestellt,
und natuerlich "only for official use" ("nur fuer amt-
lichen Gebrauch") bestimmt war: ob fuer Franzosen
oder fuer Englaender, das war offenbar schon 1912
ganz gleichgueltig; die weniger beschäftigte topo-
graphische Abteilung des englischen Generalstabs un-
terstuetzte die mit dringender Arbeit ueberhaeufte fran-
zoesische Schriftanstalt!
An den Waenden der Kasernen, besonders der
Caserne Vandamme, haben sich Witzbolde der Kom-
pagnie, die zeichnerischen Talente — und die Schreier
und Prahlhaense vielfach betaetigt: vor dem Kriege und
nach seinem Ausbruch. Geschmacklose und gemeine
Karrikaturen unseres Kaisers, aus schlechten Witz-
blaettern kopierte Darstellungen, alles mit kindischen
Unterschriften, sind an der Tagesordnung — der saeu-
bernde Kalkbesen unserer Landsturmmaenner hat diese
Erzeugnisse eines frueh genug gebrochenen Ueber-
mutes vernichtet. Auch eines der bei unsern Gegnern
so beliebten Zukunftsbilder haben wir gefunden. In
breitem, flottem Wurf zierte "eine Karte Europas"
avant la guerre, und eine solche "après la guerre" die
beiden Wandhaelften: nach dem Kriege gibt es nur
noch ein ganz kleines, vom Meer abgeschnittenes
Deutschland im oberen Wesergebiet! Italien, auf das
dieser Prophet also fest gerechnet hatte, reicht bis
Boehmen und grenzt hier an den Grosstaat Serbien.
Belgien ist (wohl friedlich?) in Frankreich aufgegangen,
waehrend Holland eine nicht unbetraechtlicbe Aus-
dehnung in der Nordsee zugestanden wird. Durch
Sachsen und Franken hindruch aber drueckt Russland
kraeftig die Bruderhand dem franzoesischen Bunden-
genossen, der sich mit dem Westen und Suedwesten
Deutschlands begnuegt.
Es war gewiss kein Staatsmann und kein Feldherr,
der auf einer franzoesischen Mannschaftsstube vor dem
Beginn des Krieges dies Zukunftsbild entwarf: aber bis
zu welcher tollen Verwirrung man die Phantasie des
gemeinen Soldaten erhitzt hatte, dafuer darf dies
Kartenbild immerhin als Zeugnis gelten, an dem die
Offiziere der Kompagnie mit wohlgefaelligem Schmun-
zeln voruebergegangen sein moegen.
In deutschen Gefangenen-Lagern haben jetzt Fanz-
osen und Russen reichlich Gelegenheit, sich die
Bruderhand zu druecken - ich glaube nicht, dass sie
davon begeistert Gebrauch machen werden.
Hauptmann Schroeder
-
heimlich wanderten zu Freund und Kamerad? Ob
sie in dieser feierlichen Abendstunde, wo der
Schlachtentod einmal die Haende feiernd faltete,
zurueckdachten an ihre Lieben, ihre Heimat, fast
verschollen ueber all dem Krieg?
An einer Stelle, einer einzigen nur, blinkten
Lichter durch den Wald, und der leise Abendwind
trug ihnen wieder Duefte zu aus den englischen
Kochloechern. Das quaelte sie, alle Gaumennerven
peitschend, das liess den leeren Magen sich zu-
sammenziehen, denn sie hatten den Verwundeten
die spaerliche eiserne Portion allein gelassen. Als
wollten sie jenen lockenden Lueften entfliehen, die
den gequaelten Sinnen Bilder vorgaukelten von
dampfenden Kuechen und brodelnden Kesseln,
flohen sie die Treppe hinab in den untern Raum.
Schon deckte ihn naechtiges Dunkel.
Da, als Wunder klang ihnen aus der Finsternis
leises Singen entgegen. Erschreckt verbot der Ad-
jutant solch gefaehrliche Musik, doch die schweben-
den Toene zitterten weiter durch den Raum. Er
durfte die Stimme nicht erheben, so tastete er sich
hin ueber Fuesse und Arme, durch eng gelagerte
Dulder, denen deutsche Kameradschaft den Mund
verschloss, tastete sich bis zu jener Ecke, aus der
verraeterische Toene ihn erschreckten. Ein Soldat
lag auf dem Ruecken ausgestreckt, offen den Rock,
den Kopf auf dem Tornister. Bei der letzten Helle
durch den Spalt des Ladens, sah der Adjutant das
Weiss der Augen, deren Sterne emporgerichlet unter
den Lidern halb verschwanden. Aus der ver-
wundeten Brust klang die leise Musik. Eine Melodie,
die der Arme wohl einst in der Kompagnie sinnlos
mitgesungen und die nun erdenfern ertoente, als
sei es ein Marschlied auf einem Wege, der hoch
hinausfuehrte ueber das Steilfeuer der Geschuetze,
ueber die Bahn platzender Schrapnells von den Ab-
wehrkanonen, ja hoch noch ueber jene der
kuehnsten Flieger hinweg, empor in den Himmel
der Soldaten. Leise klang es:
"Denn dieser Feldzug ist bald vorueber,
Und wenn der Fruehling kommt, bin ich bei dir!"
Der Adjutant legte ihm die Hand auf den Mund.
Er fand nicht befehlende Worte fuer jenen, der
wohl schon des fremde Land verliess, darinnen sie,
die Lebenden noch gefangen sassen. Er bat, er
hielt dem Sterbenden die Hand, und jener schwieg.
Doch seltsam: aus der Finsternis rundum, der
allein das schwere Atmen waidwundgeschossener
Menschen sich entrungen und nun der Sterbe-
gesang eines, der langsam von der Erde stiess,
schwebte In weichem Kehlenton, dazu ein brum-
mender Bass die Begleitung gab, das Lied jener,
die dem Ende geweiht schienen, denn in der
englischen Seeraeuber Gewalt wollte auch der
Schwächste von ihnen nicht fallen. Durch das
Dunkel zitterte geheimnisvoll ergreifender Gesang:
"Denn dieser Feldzug ist bald vorueber.
Ich wisch' die Traene ab und wein' nicht mehr!«
In dem engen, dem schmaehlichen Gefaengnis
toente es gleich dem Gesänge abgeschiedener Seelen,
als seien diese schwerkeuchenden Menschen schon
abgeloest vom Dienste dieser Welt.
Einen Augenblick war das pflichteiserne Herz
der beiden Offiziere gleichsam gelaehmt, dann
fanden sie sich jaeh zur rauhen Wirklichkeit zu-
rueck und mit gedaempftem Kommandowort ge-
bot der Adjutant Ruhe, ging es doch um Ihrer alle
Ehre und Freiheit.
Der Gehorsam deutscher Soldaten liess sie jaeh
verstummen. Wieder hielten sie den Atem an, und
als muesse nach solchem Ausbruch ihres Fuehlens
schnelle Strafe folgen, griff im Dunkel jede Hand,
die sich noch regen konnte, zur Waffe.
Der Leutamt hatte sich ueber Koerper und
Koerper tretend an die Tuer geschlichen. Zwischen
-
unserem Bestimmungsort In P. an, gerade rechtzeitig,
um an dem evangelischen Gottesdienst, der In der Kirche
stattfand, teilnehmen zu koennen. Noch ist katholischer
Gottesdienst, um 10.30 Uhr soll evangelischer sein, was
ich den Leuten mitteilte. Nachdem ich mich in meinem
Quartier, einem "Estaminet", (d. h. kleines Wirtshaus),
heimisch gemacht und etwas aufgefrischt habe, gehe
ich zur Kirche, die von Andeachtigen, Soldaten aller
Waffen, dicht gefuellt lal. Frueher war sie als Ver-
bandplatz benuetzt; von ihrem zerschossenen Turme
weht die Flagge des Roten Kreuzes. Die Lieder wur-
den begleitet von einer Regimentkapelle. Die Predigt
haelt ein noch junger Geistlicher. Darauf zwei Verse
"Befiehl du deine Wege", deren ersten mir mein Vater
eigenhaendig in das Gesangbuch schrieb, das er mir
seinerzeit mit nach dem fernen Osten auf den Weg gab,
und das mich auch jetzt wieder begleitet: Die folgende
Predigt knuepfte an das Kreuzeszeichen an, dessen
einer Arm hinabweist auf unsere Gefallenen, die bei-
den Querarme nach vorwaerts auf den Feind und auf
Pflichterfuellung bis zum Aeuesersten, endlich der
aufwaertsweisende Arm fuer alle, Gefallene, Ihre trau-
ernden Angehoerigen und die noch Lebenden, nach
oben zu Gott. Auch den hohen katholischen Feiertag,
Allerheiligen, flocht der Geistliche in seine Betrachtung
ein: aus ihr klang ueberzeugend die hohe Zuversicht
hervor, dass wir siegen werden und muessen, weil ge-
rade das deutsche Volk noch zu grossen Dingen durch Gott
ausersehen sei. Die Predigt ging zu Herzen. Die
letzten beiden Verse des schoenen Kirchenliedes von
Paul Gerhardt folgten, dann das Gebet fuer Kaiser und
Reich, fuer den Sieg unserer Waffen, ausklingend in
das Vaterunser. Und zum Schluss, brausend zur Woel-
bung des Gotteshauses emporschlagend, von den mar-
kigen Toenen der Musik begleitet der erste Vers des
altevangelischen Kampf- und Trutzliedes "Ein' feste
Burg ist unser Gott!" Heller Sonnenschein flutet in
die buntbemalten Kirchenfenster hinein und vergoldete
die Heiligenbilder und funkelnden Kirchengeraete, und
als nach empfangenen Segen die deutsche Gemeinde
die franzoesische Kirche langsam leerte, da schmetterte
es sieghaft empor, von der Infanteriekapelle noch inner-
halb des Gotteshauses angestimmt: "Es brauet ein Ruf
wie Donnerhall!" Still ging ich ins Qnartier, um dort
Helm und Saebel abzulegen und mit der Feldmuetze zu
vertauschen. Dann ging es zur Parademusik auf den
Kirchplatz, wo sich alle Offiziere und Mannschaften
die im Dorfe im Quartier lagen, und ein grosser Teil
der zurueckgebliebenen Einwohner, versammelten. Pa-
rademusik, deutsche Platzmusik in einem nordfran-
zoesischen Dorf! Von fern her das Droohnen der Ka-
nonen! O, du wunderbare, grosse Zeit, da die kraft-
volle Einigkeit des deutschen Volks nicht nur die Ein-
fallsgelueste scheelsuechtiger Gegner abgewehrt, son-
dern den Krieg auf fremden Boden hinuebergetragen
hat! Und wo der Deutsche einmal steht, da weicht er
nicht wieder zurueck. Franzoesische Buben hielten
den deutschen Musikern die Noten. Auch ein Symbol:
Deutsche machen die Musik, franzoesische Buben hal-
ten die Noten und Franzosen, Englaender, Russen nud
sonstiges Kruppzeug, weisses, schwarzes und gelbes,
tanzen dazu, wie unsere Musik pfeift! "Kultur-
nationen!" Ja wohl! Mal gewesen! Lang, lang ist's
her! Oder auch n i e gewesen! (K. Z.)
-
Was man in franzoesischen
Kasernen findet.
Indem Ich diese Uebershrift niederschreibe, faehrt
es mir durch den Sinn, dass mich im Augenblick
eigentlich das Kasernenthema geande von dieser Seite
am wenigsten interessiert. Denn morgen Mittag soll
ich mit meiner Landsturm-Kompagnie gleich von der
Wache weg in so eine franzoesische Kaserne Einzug
halten, und da haben wir uns schon eine gute Woche
lang ueber all das geaergert, was man dort n i c h t
findet. Es ist recht, recht viel, aber es laesst sich
schliesslich kurz zusammenfassen: Sauberkeit und Ord-
nung und alles das, was aus diesen beiden erwaechst,
und was dazu dient, sie aufrecht zu erhalten — alles
das findet man dort nicht!
Was man aber findet, an dauernder Einrichtung
und zufaelliger Hinterlassenschaft, ist fuer uns alle
lehrreich genug, um etwas schaerfer ins Auge gefasst
zu werden. Wir begegnen ueberall den Zeugnissen
einer sehr ernsten patriotischen und militaerischen Ar-
beit, die ganz deutlich auf ein festes Ziel eingestellt ist.
Da finden wir eine ganze Reihe von Handbuechern:
vom Umfang weniger Bogen bis zu dickleibigen Werken
von 6—800 engbedruckten Seiten, in welchen die Vor-
bereitung der Jugend fuer die Soldatenzelt, die Aus-
bildung des Soldaten, die Fortbildung der Unteroffi-
ziere hoechst eindringlich behandelt wird. Dass das
Ziel dieser Ausbildung nicht einfach die militaerische
Ertuechtigung der vielfach zum Wohlleben neigenden
Nation, sondern d e r Krieg, ein ganz bestimmter Krieg
ist tritt deutlich zu Tage: farbige Abbildungen aller
Waffengattungen der deutschen Armee, und nur diese
allein, weisen darauf hin, und dutzendfache Gelegenheits-
erguesse in Wort und Bild, mit Bleistift und Kreide
bezeugen, dass die Erziehung in dieser Richtung gut
eingeschlagen ist. Gestaerkt wird der Geist des
trotzigen Stolzes und der Zuversicht durch die Pflege
der kriegerischen Erinnerungen: die Republik von heute
ist im Kultus des kriegerischen Ruhms von Frankreich
allen vorausgegangenen Regierungsformen ueberlegen,
einerlei, ob es sich hier um die Feldherrn und um die
Siege des franzoesischen Heeres unter dem Koenigtum,
dem Kaisertum oder der Demokratie handelt. Boufflers
und Vauban in Turenne sind dem franzoesischen Sol-
daten ebenso vertraut, wie Kleber, der Strassburger,
oder Vandamme, der Sohn des franzoesischen Flan-
derns, oder Faidherbe und Chanzy. Auf der Ruhmes-
tafel des 43. Linienregiments auf der Zitadelle von
Lille, die als Geburtsjahr 1638 nennt, liest man als
die beiden ersten Oberst-Inhaber Cardinal Richelieu
und den Cardinal Mozarin — in der Wachtstube der
Kleber-Kaserne liegt als einzige Lektuere die praechtig
ausgestattete hundertjaehrige Geschichte des 19. Regi-
ments Jaeger zu Pferde (1792—1892) aus.
Ueberblickt man das gedruckte Verzeichnis der Vor-
traege, welche im Winter 1913 auf 1914 fuer die Offi-
ziere und passend abgestuft fuer die Unteroffiziere auf
der Zitadelle gehalten worden sind, so tritt die ebenso
bewusste wie gewissenhafte Vorbereitung auf den Krieg
mit Deutschland ueberall zu Tage: hier sind alle Stoffe
aktuell, die Kriegsgeschichte scheidet voll-
staendig aus. Gegenstaende wie das Zusammenwirken
von Artillerie und Infanterie, die Rolle der Feldbefesti-
gungen in der modernen Schlacht steht im Vorder-
grund. Kartenmaterial, besonders für Lothringen und
die Vogesen, fand sich ein ganzer Pack vor: er war
offenbar nicht zur Verteilung gelangt, da das erste
franzoesische Armeekorps (wenn es überhaupt jemals
fuer die Verteidigung der franzoesischen Westfront be-
stimmt gewesen sein sollte, worauf die Karten doch hin-
weisen), durch die Gestaltung des Kriegsbeginns andere
Aufgaben erhielt. Franzoesische Karten von Nord-
frankkreich habe ich unter dem Wust, den man dort zu-
sammengestellt hatte, nicht gefunden, wohl aber wurde
auf auf einer Qffizierstube eine solche Karte — mit Lille
als Mittelpunkt — gefunden, die in der Druckerei des
englischan Generalsubs "Southampton 1912" hergestellt,
und natuerlich "only for official use" ("nur fuer amt-
lichen Gebrauch") bestimmt war: ob fuer Franzosen
oder fuer Englaender, das war offenbar schon 1912
ganz gleichgueltig; die weniger beschäftigte topo-
graphische Abteilung des englischen Generalstabs un-
terstuetzte die mit dringender Arbeit ueberhaeufte fran-
zoesische Schriftanstalt!
An den Waenden der Kasernen, besonders der
Caserne Vandamme, haben sich Witzbolde der Kom-
pagnie, die zeichnerischen Talente — und die Schreier
und Prahlhaense vielfach betaetigt: vor dem Kriege und
nach seinem Ausbruch. Geschmacklose und gemeine
Karrikaturen unseres Kaisers, aus schlechten Witz-
blaettern kopierte Darstellungen, alles mit kindischen
Unterschriften, sind an der Tagesordnung — der saeu-
bernde Kalkbesen unserer Landsturmmaenner hat diese
Erzeugnisse eines frueh genug gebrochenen Ueber-
mutes vernichtet. Auch eines der bei unsern Gegnern
so beliebten Zukunftsbilder haben wir gefunden. In
breitem, flottem Wurf zierte "eine Karte Europas"
avant la guerre, und eine solche "après la guerre" die
beiden Wandhaelften: nach dem Kriege gibt es nur
noch ein ganz kleines, vom Meer abgeschnittenes
Deutschland im oberen Wesergebiet! Italien, auf das
dieser Prophet also fest gerechnet hatte, reicht bis
Boehmen und grenzt hier an den Grosstaat Serbien.
Belgien ist (wohl friedlich?) in Frankreich aufgegangen,
waehrend Holland eine nicht unbetraechtlicbe Aus-
dehnung in der Nordsee zugestanden wird. Durch
Sachsen und Franken hindruch aber drueckt Russland
kraeftig die Bruderhand dem franzoesischen Bunden-
genossen, der sich mit dem Westen und Suedwesten
Deutschlands begnuegt.
Es war gewiss kein Staatsmann und kein Feldherr,
der auf einer franzoesischen Mannschaftsstube vor dem
Beginn des Krieges dies Zukunftsbild entwarf: aber bis
zu welcher tollen Verwirrung man die Phantasie des
gemeinen Soldaten erhitzt hatte, dafuer darf dies
Kartenbild immerhin als Zeugnis gelten, an dem die
Offiziere der Kompagnie mit wohlgefaelligem Schmun-
zeln voruebergegangen sein moegen.
In deutschen Gefangenen-Lagern haben jetzt Fanz-
osen und Russen reichlich Gelegenheit, sich die
Bruderhand zu druecken - ich glaube nicht, dass sie
davon begeistert Gebrauch machen werden.
Hauptmann Schroeder
-
heimlich wanderten zu Freund und Kamerad? Ob
sie in dieser feierlichen Abendstunde, wo der
Schlachtentod einmal die Haende feiernd faltete,
zurueckdachten an ihre Lieben, ihre Heimat, fast
verschollen ueber all dem Krieg?
An einer Stelle, einer einzigen nur, blinkten
Lichter durch den Wald, und der leise Abendwind
trug ihnen wieder Duefte zu aus den englischen
Kochloechern. Das quaelte sie, alle Gaumennerven
peitschend, das liess den leeren Magen sich zu-
sammenziehen, denn sie hatten den Verwundeten
die spaerliche eiserne Portion allein gelassen. Als
wollten sie jenen lockenden Lueften entfliehen, die
den gequaelten Sinnen Bilder vorgaukelten von
dampfenden Kuechen und brodelnden Kesseln,
flohen sie die Treppe hinab in den untern Raum.
Schon deckte ihn naechtiges Dunkel.
Da, als Wunder klang ihnen aus der Finsternis
leises Singen entgegen. Erschreckt verbot der Ad-
jutant solch gefaehrliche Musik, doch die schweben-
den Toene zitterten weiter durch den Raum. Er
durfte die Stimme nicht erheben, so tastete er sich
hin ueber Fuesse und Arme, durch eng gelagerte
Dulder, denen deutsche Kameradschaft den Mund
verschloss, tastete sich bis zu jener Ecke, aus der
verraeterische Toene ihn erschreckten. Ein Soldat
lag auf dem Ruecken ausgestreckt, offen den Rock,
den Kopf auf dem Tornister. Bei der letzten Helle
durch den Spalt des Ladens, sah der Adjutant das
Weiss der Augen, deren Sterne emporgerichlet unter
den Lidern halb verschwanden. Aus der ver-
wundeten Brust klang die leise Musik. Eine Melodie,
die der Arme wohl einst in der Kompagnie sinnlos
mitgesungen und die nun erdenfern ertoente, als
sei es ein Marschlied auf einem Wege, der hoch
hinausfuehrte ueber das Steilfeuer der Geschuetze,
ueber die Bahn platzender Schrapnells von den Ab-
wehrkanonen, ja hoch noch ueber jene der
kuehnsten Flieger hinweg, empor in den Himmel
der Soldaten. Leise klang es:
"Denn dieser Feldzug ist bald vorueber,
Und wenn der Fruehling kommt, bin ich bei dir!"
Der Adjutant legte ihm die Hand auf den Mund.
Er fand nicht befehlende Worte fuer jenen, der
wohl schon des fremde Land verliess, darinnen sie,
die Lebenden noch gefangen sassen. Er bat, er
hielt dem Sterbenden die Hand, und jener schwieg.
Doch seltsam: aus der Finsternis rundum, der
allein das schwere Atmen waidwundgeschossener
Menschen sich entrungen und nun der Sterbe-
gesang eines, der langsam von der Erde stiess,
schwebte In weichem Kehlenton, dazu ein brum-
mender Bass die Begleitung gab, das Lied jener,
die dem Ende geweiht schienen, denn in der
englischen Seeraeuber Gewalt wollte auch der
Schwächste von ihnen nicht fallen. Durch das
Dunkel zitterte geheimnisvoll ergreifender Gesang:
"Denn dieser Feldzug ist bald vorueber.
Ich wisch' die Traene ab und wein' nicht mehr!«
In dem engen, dem schmaehlichen Gefaengnis
toente es gleich dem Gesänge abgeschiedener Seelen,
als seien diese schwerkeuchenden Menschen schon
abgeloest vom Dienste dieser Welt.
Einen Augenblick war das pflichteiserne Herz
der beiden Offiziere gleichsam gelaehmt, dann
fanden sie sich jaeh zur rauhen Wirklichkeit zu-
rueck und mit gedaempftem Kommandowort ge-
bot der Adjutant Ruhe, ging es doch um Ihrer alle
Ehre und Freiheit.
Der Gehorsam deutscher Soldaten liess sie jaeh
verstummen. Wieder hielten sie den Atem an, und
als muesse nach solchem Ausbruch ihres Fuehlens
schnelle Strafe folgen, griff im Dunkel jede Hand,
die sich noch regen konnte, zur Waffe.
Der Leutamt hatte sich ueber Koerper und
Koerper tretend an die Tuer geschlichen. Zwischen
Description
Save description- 50.6293465||3.05707689999997||||1
Lille, Frankreich
Location(s)
Story location Lille, Frankreich
- ID
- 12998 / 199730
- Contributor
- Uta Hentschel
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