Kriegszeitungen aus dem Besitz von Carl Popp, item 57

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 Spalte 1  

sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

kommenden Fraktionen.

       Die Vertreter der demokratischen Fraktion

haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

mer sein.

                     Die Parteien der Kammer

aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

           Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

   Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

Kammer besprochen werden könne.

   Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

ger Gegenstand

     die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

für die Beamten steht.

   Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

des Vaterlandes mit zu fördern.

   Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

    Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

den Tribünen.)

   Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

   Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

(Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

Beifall.)


 Spalte 2 

   Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

die Bewilligung der Zulagen gelten. 

   Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

   Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

   Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

   Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

lage an den Finanzausschuß A.

   Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

   Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                              * * *

          Zur Ergänzung des Gemeindewahlgesetzes 

ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

gangen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

die Gemeindevertreter teil."

                                 _______________________

Ermittelungsverfahren gegen Dr. Helfferich.

   Berlin, 6. Oktober. (W.T.B.)  Das Klagematerial

des Reichsfinanzministers Erzberger gegen den frühe-

ren Staatssekretär Dr. Helfferich ist am 29. September dem

Staatsanwalt zugestellt worden. Nach Eingang des Straf-

antrages wegen Beleidigung hat die Staatsanwaltschaft des

Landgerichts I das Ermittelungsverfahren sofort eingeleitet.

Die Bearbeitung der Sache liegt in den  Händen des Ober-

staatsanwaltes Krause persönlich.

    Der Vorsitz in der demokratischen Reichsfraktion, 

den infolge seiner Berufung als Stellvertreter des Reichs-

kanzlers und seiner Ernennung zum Reichsjustizminister

Abg. Schiffen niedergelegt hat, wird einstweilen vom Abg.

Dr. Petersen geführt. In den nächsten Tagen werden

die Wahlen zur Ergänzung des Fraktionsvorstandes erfol-

gen, auch für den verstorbenen Dr. Friedrich Naumann.


    Die Rechtsordnung in Elsaß-Lothringen.

   Paris, 6. Oktober. (W.T.B.) Havasmeldung: Die

Kammer stimmte Sonnabend morgen einem Gesetzent-

wurf über die vorläufige Regierungsform in Elsaß-Lothrin-

gen zu, der dieses Land unter den gegenwärtigen Re-

gierungsverhältnissen läßt und erklärt, daß die

französischen Gesetze erst angewendet werden sollen,

wenn die Vertreter Elsaß-Lothringens ihre Plätze im fran-

zösischen Parlament einnehmen werden.


Lettisch-estnische Angriffe im Baltikum.

   Mitau, 6. Oktober. (W.T.B.) Laut Meldung der Presse-

stelle beim Generalkommando des 6. Armeekorps hat in der

Nacht zum 29. September an der deutsch-russisch-lettischen

Demarkationslinie zwischen Mitau und

Riga zwischen russischen Vorposten, die die räumenden

Deutschen abgelöst haben, und lettischen Feldwachen ein

Feuergefecht stattgefunden. Lettisch-estnische Truppen

greifen die russischen Formationen seit Tagen

immer wieder an, die seit einiger Zeit an Stelle deutscher

im Abtransport nach Deutschland befindlicher Truppen die

Demarkationslinie zwischen Mitau und Riga besetzt halten.

Der lettischen Regierung wurde rechtzeitig von dieser Ab-

lösung deutscher Truppen durch russische

Formationen Mitteilung gemacht. Außerdem ist die

englische Mission in Riga in Person des Brigadegenerals

Burt durch den Grafen von der Goltz davon unterrichtet

worden, daß neuerdings russische Formationen die Be-

setzung des Olakerabschnitts der Demarkationslinie stellen. 


                    Ratifizierung durch Italien.

   Rom, 6. Oktober. (Eig. Drahtber.) Italien hat den

Versailler Friedensvertrag nach Zustimmung des Minister-

rates durch königliche Verfügung ratifiziert.

                                             * * * 

Guatemala hat den Friedensvertrag mit Deutsch-

land ratifiziert.

___________________________________________________________________

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 Spalte 1  

sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

kommenden Fraktionen.

       Die Vertreter der demokratischen Fraktion

haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

mer sein.

                     Die Parteien der Kammer

aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

           Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

   Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

Kammer besprochen werden könne.

   Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

ger Gegenstand

     die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

für die Beamten steht.

   Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

des Vaterlandes mit zu fördern.

   Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

    Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

den Tribünen.)

   Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

   Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

(Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

Beifall.)


 Spalte 2 

   Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

die Bewilligung der Zulagen gelten. 

   Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

   Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

   Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

   Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

lage an den Finanzausschuß A.

   Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

   Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                              * * *

          Zur Ergänzung des Gemeindewahlgesetzes 

ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

gangen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

die Gemeindevertreter teil."

                                 _______________________

Ermittelungsverfahren gegen Dr. Helfferich.

   Berlin, 6. Oktober. (W.T.B.)  Das Klagematerial

des Reichsfinanzministers Erzberger gegen den frühe-

ren Staatssekretär Dr. Helfferich ist am 29. September dem

Staatsanwalt zugestellt worden. Nach Eingang des Straf-

antrages wegen Beleidigung hat die Staatsanwaltschaft des

Landgerichts I das Ermittelungsverfahren sofort eingeleitet.

Die Bearbeitung der Sache liegt in den  Händen des Ober-

staatsanwaltes Krause persönlich.

    Der Vorsitz in der demokratischen Reichsfraktion, 

den infolge seiner Berufung als Stellvertreter des Reichs-

kanzlers und seiner Ernennung zum Reichsjustizminister

Abg. Schiffen niedergelegt hat, wird einstweilen vom Abg.

Dr. Petersen geführt. In den nächsten Tagen werden

die Wahlen zur Ergänzung des Fraktionsvorstandes erfol-

gen, auch für den verstorbenen Dr. Friedrich Naumann.


    Die Rechtsordnung in Elsaß-Lothringen.

   Paris, 6. Oktober. (W.T.B.) Havasmeldung: Die

Kammer stimmte Sonnabend morgen einem Gesetzent-

wurf über die vorläufige Regierungsform in Elsaß-Lothrin-

gen zu, der dieses Land unter den gegenwärtigen Re-

gierungsverhältnissen läßt und erklärt, daß die

französischen Gesetze erst angewendet werden sollen,

wenn die Vertreter Elsaß-Lothringens ihre Plätze im fran-

zösischen Parlament einnehmen werden.


Lettisch-estnische Angriffe im Baltikum.

   Mitau, 6. Oktober. (W.T.B.) Laut Meldung der Presse-

stelle beim Generalkommando des 6. Armeekorps hat in der

Nacht zum 29. September an der deutsch-russisch-lettischen

Demarkationslinie zwischen Mitau und

Riga zwischen russischen Vorposten, die die räumenden

Deutschen abgelöst haben, und lettischen Feldwachen ein

Feuergefecht stattgefunden. Lettisch-estnische Truppen

greifen die russischen Formationen seit Tagen

immer wieder an, die seit einiger Zeit an Stelle deutscher

im Abtransport nach Deutschland befindlicher Truppen die

Demarkationslinie zwischen Mitau und Riga besetzt halten.

Der lettischen Regierung wurde rechtzeitig von dieser Ab-

lösung deutscher Truppen durch russische

Formationen Mitteilung gemacht. Außerdem ist die

englische Mission in Riga in Person des Brigadegenerals

Burt durch den Grafen von der Goltz davon unterrichtet

worden, daß neuerdings russische Formationen die Be-

setzung des Olakerabschnitts der Demarkationslinie stellen. 


                    Ratifizierung durch Italien.

   Rom, 6. Oktober. (Eig. Drahtber.) Italien hat den

Versailler Friedensvertrag nach Zustimmung des Minister-

rates durch königliche Verfügung ratifiziert.

                                             * * * 

Guatemala hat den Friedensvertrag mit Deutsch-

land ratifiziert.

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  • July 25, 2017 21:45:13 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                                  * * *

              Zur Ergänzung des Gemeindewahlgesetzes 

    ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

    gangen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

    17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

    an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

    der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

    der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

    die Gemeindevertreter teil."

                                     _______________________

    Ermittelungsverfahren gegen Dr. Helfferich.

       Berlin, 6. Oktober. (W.T.B.)  Das Klagematerial

    des Reichsfinanzministers Erzberger gegen den frühe-

    ren Staatssekretär Dr. Helfferich ist am 29. September dem

    Staatsanwalt zugestellt worden. Nach Eingang des Straf-

    antrages wegen Beleidigung hat die Staatsanwaltschaft des

    Landgerichts I das Ermittelungsverfahren sofort eingeleitet.

    Die Bearbeitung der Sache liegt in den  Händen des Ober-

    staatsanwaltes Krause persönlich.

        Der Vorsitz in der demokratischen Reichsfraktion, 

    den infolge seiner Berufung als Stellvertreter des Reichs-

    kanzlers und seiner Ernennung zum Reichsjustizminister

    Abg. Schiffen niedergelegt hat, wird einstweilen vom Abg.

    Dr. Petersen geführt. In den nächsten Tagen werden

    die Wahlen zur Ergänzung des Fraktionsvorstandes erfol-

    gen, auch für den verstorbenen Dr. Friedrich Naumann.


        Die Rechtsordnung in Elsaß-Lothringen.

       Paris, 6. Oktober. (W.T.B.) Havasmeldung: Die

    Kammer stimmte Sonnabend morgen einem Gesetzent-

    wurf über die vorläufige Regierungsform in Elsaß-Lothrin-

    gen zu, der dieses Land unter den gegenwärtigen Re-

    gierungsverhältnissen läßt und erklärt, daß die

    französischen Gesetze erst angewendet werden sollen,

    wenn die Vertreter Elsaß-Lothringens ihre Plätze im fran-

    zösischen Parlament einnehmen werden.


    Lettisch-estnische Angriffe im Baltikum.

       Mitau, 6. Oktober. (W.T.B.) Laut Meldung der Presse-

    stelle beim Generalkommando des 6. Armeekorps hat in der

    Nacht zum 29. September an der deutsch-russisch-lettischen

    Demarkationslinie zwischen Mitau und

    Riga zwischen russischen Vorposten, die die räumenden

    Deutschen abgelöst haben, und lettischen Feldwachen ein

    Feuergefecht stattgefunden. Lettisch-estnische Truppen

    greifen die russischen Formationen seit Tagen

    immer wieder an, die seit einiger Zeit an Stelle deutscher

    im Abtransport nach Deutschland befindlicher Truppen die

    Demarkationslinie zwischen Mitau und Riga besetzt halten.

    Der lettischen Regierung wurde rechtzeitig von dieser Ab-

    lösung deutscher Truppen durch russische

    Formationen Mitteilung gemacht. Außerdem ist die

    englische Mission in Riga in Person des Brigadegenerals

    Burt durch den Grafen von der Goltz davon unterrichtet

    worden, daß neuerdings russische Formationen die Be-

    setzung des Olakerabschnitts der Demarkationslinie stellen. 


                        Ratifizierung durch Italien.

       Rom, 6. Oktober. (Eig. Drahtber.) Italien hat den

    Versailler Friedensvertrag nach Zustimmung des Minister-

    rates durch königliche Verfügung ratifiziert.

                                                 * * * 

    Guatemala hat den Friedensvertrag mit Deutsch-

    land ratifiziert.

    ___________________________________________________________________

     Anzeige  nicht transkribiert 






       


  • July 25, 2017 21:44:21 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                                  * * *

              Zur Ergänzung des Gemeindwahlgesetzes 

    ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

    gangen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

    17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

    an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

    der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

    der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

    die Gemeindevertreter teil."

                                     _______________________

    Ermittelungsverfahren gegen Dr. Helfferich.

       Berlin, 6. Oktober. (W.T.B.)  Das Klagematerial

    des Reichsfinanzministers Erzberger gegen den frühe-

    ren Staatssekretär Dr. Helfferich ist am 29. September dem

    Staatsanwalt zugestellt worden. Nach Eingang des Straf-

    antrages wegen Beleidigung hat die Staatsanwaltschaft des

    Landgerichts I das Ermittelungsverfahren sofort eingeleitet.

    Die Bearbeitung der Sache liegt in den  Händen des Ober-

    staatsanwaltes Krause persönlich.

        Der Vorsitz in der demokratischen Reichsfraktion, 

    den infolge seiner Berufung als Stellvertreter des Reichs-

    kanzlers und seiner Ernennung zum Reichsjustizminister

    Abg. Schiffen niedergelegt hat, wird einstweilen vom Abg.

    Dr. Petersen geführt. In den nächsten Tagen werden

    die Wahlen zur Ergänzung des Fraktionsvorstandes erfol-

    gen, auch für den verstorbenen Dr. Friedrich Naumann.


        Die Rechtsordnung in Elsaß-Lothringen.

       Paris, 6. Oktober. (W.T.B.) Havasmeldung: Die

    Kammer stimmte Sonnabend morgen einem Gesetzent-

    wurf über die vorläufige Regierungsform in Elsaß-Lothrin-

    gen zu, der dieses Land unter den gegenwärtigen Re-

    gierungsverhältnissen läßt und erklärt, daß die

    französischen Gesetze erst angewendet werden sollen,

    wenn die Vertreter Elsaß-Lothringens ihre Plätze im fran-

    zösischen Parlament einnehmen werden.


    Lettisch-estnische Angriffe im Baltikum.

       Mitau, 6. Oktober. (W.T.B.) Laut Meldung der Presse-

    stelle beim Generalkommando des 6. Armeekorps hat in der

    Nacht zum 29. September an der deutsch-russisch-lettischen

    Demarkationslinie zwischen Mitau und

    Riga zwischen russischen Vorposten, die die räumenden

    Deutschen abgelöst haben, und lettischen Feldwachen ein

    Feuergefecht stattgefunden. Lettisch-estnische Truppen

    greifen die russischen Formationen seit Tagen

    immer wieder an, die seit einiger Zeit an Stelle deutscher

    im Abtransport nach Deutschland befindlicher Truppen die

    Demarkationslinie zwischen Mitau und Riga besetzt halten.

    Der lettischen Regierung wurde rechtzeitig von dieser Ab-

    lösung deutscher Truppen durch russische

    Formationen Mitteilung gemacht. Außerdem ist die

    englische Mission in Riga in Person des Brigadegenerals

    Burt durch den Grafen von der Goltz davon unterrichtet

    worden, daß neuerdings russische Formationen die Be-

    setzung des Olakerabschnitts der Demarkationslinie stellen. 


                        Ratifizierung durch Italien.

       Rom, 6. Oktober. (Eig. Drahtber.) Italien hat den

    Versailler Friedensvertrag nach Zustimmung des Minister-

    rates durch königliche Verfügung ratifiziert.

                                                 * * * 

    Guatemala hat den Friedensvertrag mit Deutsch-

    land ratifiziert.

    ___________________________________________________________________

     Anzeige  nicht transkribiert 






       



  • July 25, 2017 21:43:56 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                                  * * *

              Zur Ergänzung des Gemeindwahlgesetzes 

    ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

    ganen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

    17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

    an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

    der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

    der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

    die Gemeindevertreter teil."

                                     _______________________

    Ermittelungsverfahren gegen Dr. Helfferich.

       Berlin, 6. Oktober. (W.T.B.)  Das Klagematerial

    des Reichsfinanzministers Erzberger gegen den frühe-

    ren Staatssekretär Dr. Helfferich ist am 29. September dem

    Staatsanwalt zugestellt worden. Nach Eingang des Straf-

    antrages wegen Beleidigung hat die Staatsanwaltschaft des

    Landgerichts I das Ermittelungsverfahren sofort eingeleitet.

    Die Bearbeitung der Sache liegt in den  Händen des Ober-

    staatsanwaltes Krause persönlich.

        Der Vorsitz in der demokratischen Reichsfraktion, 

    den infolge seiner Berufung als Stellvertreter des Reichs-

    kanzlers und seiner Ernennung zum Reichsjustizminister

    Abg. Schiffen niedergelegt hat, wird einstweilen vom Abg.

    Dr. Petersen geführt. In den nächsten Tagen werden

    die Wahlen zur Ergänzung des Fraktionsvorstandes erfol-

    gen, auch für den verstorbenen Dr. Friedrich Naumann.


        Die Rechtsordnung in Elsaß-Lothringen.

       Paris, 6. Oktober. (W.T.B.) Havasmeldung: Die

    Kammer stimmte Sonnabend morgen einem Gesetzent-

    wurf über die vorläufige Regierungsform in Elsaß-Lothrin-

    gen zu, der dieses Land unter den gegenwärtigen Re-

    gierungsverhältnissen läßt und erklärt, daß die

    französischen Gesetze erst angewendet werden sollen,

    wenn die Vertreter Elsaß-Lothringens ihre Plätze im fran-

    zösischen Parlament einnehmen werden.


    Lettisch-estnische Angriffe im Baltikum.

       Mitau, 6. Oktober. (W.T.B.) Laut Meldung der Presse-

    stelle beim Generalkommando des 6. Armeekorps hat in der

    Nacht zum 29. September an der deutsch-russisch-lettischen

    Demarkationslinie zwischen Mitau und

    Riga zwischen russischen Vorposten, die die räumenden

    Deutschen abgelöst haben, und lettischen Feldwachen ein

    Feuergefecht stattgefunden. Lettisch-estnische Truppen

    greifen die russischen Formationen seit Tagen

    immer wieder an, die seit einiger Zeit an Stelle deutscher

    im Abtransport nach Deutschland befindlicher Truppen die

    Demarkationslinie zwischen Mitau und Riga besetzt halten.

    Der lettischen Regierung wurde rechtzeitig von dieser Ab-

    lösung deutscher Truppen durch russische

    Formationen Mitteilung gemacht. Außerdem ist die

    englische Mission in Riga in Person des Brigadegenerals

    Burt durch den Grafen von der Goltz davon unterrichtet

    worden, daß neuerdings russische Formationen die Be-

    setzung des Olakerabschnitts der Demarkationslinie stellen. 


                        Ratifizierung durch Italien.

       Rom, 6. Oktober. (Eig. Drahtber.) Italien hat den

    Versailler Friedensvertrag nach Zustimmung des Minister-

    rates durch königliche Verfügung ratifiziert.

                                                 * * * 

    Guatemala hat den Friedensvertrag mit Deutsch-

    land ratifiziert.

    ___________________________________________________________________

     Anzeige  nicht transkribiert 






       



  • July 25, 2017 21:43:24 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                                  * * *

              Zur Ergänzung des Gemeindwahlgesetzes 

    ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

    ganen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

    17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

    an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

    der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

    der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

    die Gemeindevertreter teil."

                                     _______________________

    Ermittelungsverfahren gegen Dr. Helfferich.

       Berlin, 6. Oktober. (W.T.B.)  Das Klagematerial

    des Reichsfinanzministers Erzberger gegen den frühe-

    ren Staatssekretär Dr. Helfferich ist am 29. September dem

    Staatsanwalt zugestellt worden. Nach Eingang des Straf-

    antrages wegen Beleidigung hat die Staatsanwaltschaft des

    Landgerichts I das Ermittelungsverfahren sofort eingeleitet.

    Die Bearbeitung der Sache liegt in den  Händen des Ober-

    staatsanwaltes Krause persönlich.

        Der Vorsitz in der demokratischen Reichsfraktion, 

    den infolge seiner Berufung als Stellvertreter des Reichs-

    kanzlers und seiner Ernennung zum Reichsjustizminister

    Abg. Schiffen niedergelegt hat, wird einstweilen vom Abg.

    Dr. Petersen geführt. In den nächsten Tagen werden

    die Wahlen zur Ergänzung des Fraktionsvorstandes erfol-

    gen, auch für den verstorbenen Dr. Friedrich Naumann.


        Die Rechtsordnung in Elsaß-Lothringen.

       Paris, 6. Oktober. (W.T.B.) Havasmeldung: Die

    Kammer stimmte Sonnabend morgen einem Gesetzent-

    wurf über die vorläufige Regierungsform in Elsaß-Lothrin-

    gen zu, der dieses Land unter den gegenwärtigen Re-

    gierungsverhältnissen läßt und erklärt, daß die

    französischen Gesetze erst angewendet werden sollen,

    wenn die Vertreter Elsaß-Lothringens ihre Plätze im fran-

    zösischen Parlament einnehmen werden.


    Lettisch-estnische Angriffe im Baltikum.

       Mitau, 6. Oktober. (W.T.B.) Laut Meldung der Presse-

    stelle beim Generalkommando des 6. Armeekorps hat in der

    Nacht zum 29. September an der deutsch-russisch-lettischen

    Demarkationslinie zwischen Mitau und

    Riga zwischen russischen Vorposten, die die räumenden

    Deutschen abgelöst haben, und lettischen Feldwachen ein

    Feuergefecht stattgefunden. Lettisch-estnische Truppen

    greifen die russischen Formationen seit Tagen

    immer wieder an, die seit einiger Zeit an Stelle deutscher

    im Abtransport nach Deutschland befindlicher Truppen die

    Demarkationslinie zwischen Mitau und Riga besetzt halten.

    Der lettischen Regierung wurde rechtzeitig von dieser Ab-

    lösung deutscher Truppen durch russische

    Formationen Mitteilung gemacht. Außerdem ist die

    englische Mission in Riga in Person des Brigadegenerals

    Burt durch den Grafen von der Goltz davon unterrichtet

    worden, daß neuerdings russische Formationen die Be-

    setzung des Olakerabschnitts der Demarkationslinie stellen. 


                        Ratifizierung durch Italien.

       Rom, 6. Oktober. (Eig. Drahtber.) Italien hat den

    Versailler Friedensvertrag nach Zustimmung des Minister-

    rates durch königliche Verfügung ratifiziert.

                                                 * * * 

    Guatemala hat den Friedensvertrag mit Deutsch-

    land ratifiziert.






       



  • July 25, 2017 21:41:50 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                                  * * *

              Zur Ergänzung des Gemeindwahlgesetzes 

    ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

    ganen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

    17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

    an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

    der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

    der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

    die Gemeindevertreter teil."

                                     _______________________

    Ermittelungsverfahren gegen Dr. Helfferich.

       Berlin, 6. Oktober. (W.T.B.)  Das Klagematerial

    des Reichsfinanzministers Erzberger gegen den frühe-

    ren Staatssekretär Dr. Helfferich ist am 29. September dem

    Staatsanwalt zugestellt worden. Nach Eingang des Straf-

    antrages wegen Beleidigung hat die Staatsanwaltschaft des

    Landgerichts I das Ermittelungsverfahren sofort eingeleitet.

    Die Bearbeitung der Sache liegt in den  Händen des Ober-

    staatsanwaltes Krause persönlich.

        Der Vorsitz in der demokratischen Reichsfraktion, 

    den infolge seiner Berufung als Stellvertreter des Reichs-

    kanzlers und seiner Ernennung zum Reichsjustizminister

    Abg. Schiffen niedergelegt hat, wird einstweilen vom Abg.

    Dr. Petersen geführt. In den nächsten Tagen werden

    die Wahlen zur Ergänzung des Fraktionsvorstandes erfol-

    gen, auch für den verstorbenen Dr. Friedrich Naumann.


        Die Rechtsordnung in Elsaß-Lothringen.

       Paris, 6. Oktober. (W.T.B.) Havasmeldung: Die

    Kammer stimmte Sonnabend morgen einem Gesetzent-

    wurf über die vorläufige Regierungsform in Elsaß-Lothrin-

    gen zu, der dieses Land unter den gegenwärtigen Re-

    gierungsverhältnissen läßt und erklärt, daß die

    französischen Gesetze erst angewendet werden sollen,

    wenn die Vertreter Elsaß-Lothringens ihre Plätze im fran-

    zösischen Parlament einnehmen werden.


    Lettisch-estnische Angriffe im Baltikum.

       Mitau, 6. Oktober. (W.T.B.) Laut Meldung der Presse-

    stelle beim Generalkommando des 6. Armeekorps hat in der

    Nacht zum 29. September an der deutsch-russisch-lettischen

    Demarkationslinie zwischen Mitau und

    Riga zwischen russischen Vorposten, die die räumenden

    Deutschen abgelöst haben, und lettischen Feldwachen ein

    Feuergefecht stattgefunden. Lettisch-estnische Truppen

    greifen die russischen Formationen seit Tagen

    immer wieder an, die seit einiger Zeit an Stelle deutscher

    im Abtransport nach Deutschland befindlicher Truppen die

    Demarkationslinie zwischen Mitau und Riga besetzt halten.

    Der lettischen Regierung wurde rechtzeitig von dieser Ab-

    lösung deutscher Truppen durch russische

    Formationen Mitteilung gemacht. Außerdem ist die

    englische Mission in Riga in Person des Brigadegenerals

    Burt durch den Grafen von der Goltz davon unterrichtet

    worden, daß neuerdings russische Formationen die Be-

    setzung des Olakerabschnitts der Demarkationslinie stellen. 


                        Ratifizierung durch Italien.

       Rom, 6. Oktober. (Eig. Drahtber.) Italien hat den

    Versailler Friedensvertrag nach Zustimmung des Minister

    rates durch königliche Verfügung ratifiziert.






       



  • July 25, 2017 21:39:28 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                                  * * *

              Zur Ergänzung des Gemeindwahlgesetzes 

    ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

    ganen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

    17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

    an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

    der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

    der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

    die Gemeindevertreter teil."

                                     _______________________

    Ermittelungsverfahren gegen Dr. Helfferich.

       Berlin, 6. Oktober. (W.T.B.)  Das Klagematerial

    des Reichsfinanzministers Erzberger gegen den frühe-

    ren Staatssekretär Dr. Helfferich ist am 29. September dem

    Staatsanwalt zugestellt worden. Nach Eingang des Straf-

    antrages wegen Beleidigung hat die Staatsanwaltschaft des

    Landgerichts I das Ermittelungsverfahren sofort eingeleitet.

    Die Bearbeitung der Sache liegt in den  Händen des Ober-

    staatsanwaltes Krause persönlich.

        Der Vorsitz in der demokratischen Reichsfraktion, 

    den infolge seiner Berufung als Stellvertreter des Reichs-

    kanzlers und seiner Ernennung zum Reichsjustizminister

    Abg. Schiffen niedergelegt hat, wird einstweilen vom Abg.

    Dr. Petersen geführt. In den nächsten Tagen werden

    die Wahlen zur Ergänzung des Fraktionsvorstandes erfol-

    gen, auch für den verstorbenen Dr. Friedrich Naumann.


        Die Rechtsordnung in Elsaß-Lothringen.

       Paris, 6. Oktober. (W.T.B.) Havasmeldung: Die

    Kammer stimmte Sonnabend morgen einem Gesetzent-

    wurf über die vorläufige Regierungsform in Elsaß-Lothrin-

    gen zu, der dieses Land unter den gegenwärtigen Re-

    gierungsverhältnissen läßt und erklärt, daß die

    französischen Gesetze erst angewendet werden sollen,

    wenn die Vertreter Elsaß-Lothringens ihre Plätze im fran-

    zösischen Parlament einnehmen werden.


    Lettisch-estnische Angriffe im Baltikum.

       Mitau, 6. Oktober. (W.T.B.) Laut Meldung der Presse-

    stelle beim Generalkommando des 6. Armeekorps hat in der

    Nacht zum 29. September an der deutsch-russisch-lettischen

    Demarkationslinie zwischen Mitau und

    Riga zwischen russischen Vorposten, die die räumenden

    Deutschen abgelöst haben, und lettischen Feldwachen ein

    Feuergefecht stattgefunden. Lettisch-estnische Truppen

    greifen die russischen Formationen seit Tagen

    immer wieder an, die seit einiger Zeit an Stelle deutscher

    im Abtransport nach Deutschland befindlicher Truppen die

    Demarkationslinie zwischen Mitau und Riga besetzt halten.

    Der lettischen Regierung wurde rechtzeitig von dieser Ab-

    lösung deutscher Truppen durch russische

    Formationen Mitteilung gemacht. Außerdem ist die

    englische Mission in Riga in Person des Brigadegenerals

    Burt durch den Grafen von der Goltz davon unterrichtet

    worden, daß neuerdings russische Formationen die Be-

    setzung des Olakerabschnitts der Demarkationslinie stellen. 







       



  • July 25, 2017 21:37:22 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                                  * * *

              Zur Ergänzung des Gemeindwahlgesetzes 

    ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

    ganen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

    17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

    an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

    der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

    der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

    die Gemeindevertreter teil."

                                     _______________________

    Ermittelungsverfahren gegen Dr. Helfferich.

       Berlin, 6. Oktober. (W.T.B.)  Das Klagematerial

    des Reichsfinanzministers Erzberger gegen den frühe-

    ren Staatssekretär Dr. Helfferich ist am 29. September dem

    Staatsanwalt zugestellt worden. Nach Eingang des Straf-

    antrages wegen Beleidigung hat die Staatsanwaltschaft des

    Landgerichts I das Ermittelungsverfahren sofort eingeleitet.

    Die Bearbeitung der Sache liegt in den  Händen des Ober-

    staatsanwaltes Krause persönlich.

        Der Vorsitz in der demokratischen Reichsfraktion, 

    den infolge seiner Berufung als Stellvertreter des Reichs-

    kanzlers und seiner Ernennung zum Reichsjustizminister

    Abg. Schiffen niedergelegt hat, wird einstweilen vom Abg.

    Dr. Petersen geführt. In den nächsten Tagen werden

    die Wahlen zur Ergänzung des Fraktionsvorstandes erfol-

    gen, auch für den verstorbenen Dr. Friedrich Naumann.


        Die Rechtsordnung in Elsaß-Lothringen.

       Paris, 6. Oktober. (W.T.B.) Havasmeldung: Die

    Kammer stimmte Sonnabend morgen einem Gesetzent-

    wurf über die vorläufige Regierungsform in Elsaß-Lothrin-

    gen zu, der dieses Land unter den gegenwärtigen Re-

    gierungsverhältnissen läßt und erklärt, daß die

    französischen Gesetze erst angewendet werden sollen,

    wenn die Vertreter Elsaß-Lothringens ihre Plätze im fran-

    zösischen Parlament einnehmen werden.


    Lettisch-estnische Angriffe im Baltikum.

       Mitau, 6. Oktober. (W.T.B.) Laut Meldung der Presse-

    stelle beim Generalkommando des 6. Armeekorps hat in der

    Nacht zum 29. September an der deutsch-russisch-lettischen

    Demarkationslinie zwischen Mitau und

    Riga zwischen russischen Vorposten, die die räumenden

    Deutschen abgelöst haben, und lettischen Feldwachen ein

    Feuergefecht stattgefunden. Lettisch-estnische Truppen

    greifen die russischen Formationen seit Tagen

    immer wieder an, die seit einiger Zeit an Stelle deutscher

    im Abtransport nach Deutschland befindlicher Truppen die

    Demarkationslinie zwischen Mitau und Riga besetzt halten.

    Der lettischen Regierung wurde rechtzeitig von dieser Ab-

    lösung deutscher Truppen durch russische

    Formationen Mitteilung gemacht. Außerdem ist die

    englische Mission in Riga in Person des Brigadegenerals

    Burt durch den Grafen von der Goltz davon unterrichtet

    worden, daß neuerdings russische Formationen die Be-

    setzung des Olakerabschnitts der Demarkationslinie stellen. 







       



  • July 25, 2017 21:27:46 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                                  * * *

              Zur Ergänzung des Gemeindwahlgesetzes 

    ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

    ganen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

    17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

    an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

    der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

    der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

    die Gemeindevertreter teil."

                                     _______________________

    Ermittelungsverfahren gegen Dr. Helfferich.

       Berlin, 6. Oktober. (W.T.B.)  Das Klagematerial

    des Reichsfinanzministers Erzberger gegen den frühe-

    ren Staatssekretär Dr. Helfferich ist am 29. September dem

    Staatsanwalt zugestellt worden. Nach Eingang des Straf-

    antrages wegen Beleidigung hat die Staatsanwaltschaft des

    Landgerichts I das Ermittelungsverfahren sofort eingeleitet.

    Die Bearbeitung der Sache liegt in den  Händen des Ober-

    staatsanwaltes Krause persönlich.

        Der Vorsitz in der demokratischen Reichsfraktion, 

    den infolge seiner Berufung als Stellvertreter des Reichs-

    kanzlers und seiner Ernennung zum Reichsjustizminister

    Abg. Schiffen niedergelegt hat, wird einstweilen vom Abg.

    Dr. Petersen geführt. In den nächsten Tagen werden

    die Wahlen zur Ergänzung des Fraktionsvorstandes erfol-

    gen, auch für den verstorbenen Dr. Friedrich Naumann.


        Die Rechtsordnung in Elsaß-Lothringen.

       Paris, 6. Oktober. (W.T.B.) Havasmeldung: Die

    Kammer stimmte Sonnabend morgen einem Gesetzent-

    wurf über die vorläufige Regierungsform in Elsaß-Lothrin-

    gen zu, der dieses Land unter den gegenwärtigen Re-

    gierungsverhältnissen läßt und erklärt, daß die

    französischen Gesetze erst angewendet werden sollen,

    wenn die Vertreter Elsaß-Lothringens ihre Plätze im fran-

    zösischen Parlament einnehmen werden.







       



  • July 25, 2017 21:27:14 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                                  * * *

              Zur Ergänzung des Gemeindwahlgesetzes 

    ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

    ganen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

    17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

    an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

    der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

    der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

    die Gemeindevertreter teil."

                                     _______________________

    Ermittelungsverfahren gegen Dr. Helfferich.

       Berlin, 6. Oktober. (W.T.B.)  Das Klagematerial

    des Reichsfinanzministers Erzberger gegen den frühe-

    ren Staatssekretär Dr. Helfferich ist am 29. September dem

    Staatsanwalt zugestellt worden. Nach Eingang des Straf-

    antrages wegen Beleidigung hat die Staatsanwaltschaft des

    Landgerichts I das Ermittelungsverfahren sofort eingeleitet.

    Die Bearbeitung der Sache liegt in den  Händen des Ober-

    staatsanwaltes Krause persönlich.

        Der Vorsitz in der demokratischen Reichsfraktion, 

    den infolge seiner Berufung als Stellvertreter des Reichs-

    kanzlers und seiner Ernennung zum Reichsjustizminister

    Abg. Schiffen niedergelegt hat, wird einstweilen vom Abg.

    Dr. Petersen geführt. In den nächsten Tagen werden

    die Wahlen zur Ergänzung des Fraktionsvorstandes erfol-

    gen, auch für den verstorbenen Dr. Friedrich Naumann.


        Die Rechtsordnung in Elsaß-Lothringen.

       Paris, 6. Oktober. (W.T.B.) Havasmeldung: Die

    Kammer stimmte Sonnabend morgen einem Gesetzent-

    wurf über die vorläufige Regierungsform in Elsaß-Lothrin-

    gen zu, der dieses Land unter den gegenwärtigen Re-

    gierungsverhältnissen läßt und erklärt, daß die

    französischen Gesetze erst angewendet werden sollen,

    wenn die Vertreter Elsaß-Lothringens ihre Plätze im fran-

    zösischen Parlament einnehmen werden.







       



  • July 25, 2017 21:21:18 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                                  * * *

              Zur Ergänzung des Gemeindwahlgesetzes 

    ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

    ganen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

    17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

    an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

    der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

    der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

    die Gemeindevertreter teil."

                                     _______________________

    Ermittelungsverfahren gegen Dr. Helfferich.

       Berlin, 6. Oktober (W.T.B.)  Das Klagematerial

    des Reichsfinanzministers Erzberger gegen den frühe-

    ren Staatssekretär Dr. Helfferich ist am 29. September dem

    Staatsanwalt zugestellt worden. Nach Eingang des Straf-

    antrages wegen Beleidigung hat die Staatsanwaltschaft des

    Landgerichts I das Ermittelungsverfahren sofort eingeleitet.

    Die Bearbeitung der Sache liegt in den  Händen des Ober-

    staatsanwaltes Krause persönlich.

       Der Vorsitz in der demokratischen Reichsfraktion, 

    den infolge seiner Berufung als Stellvertreter des Reichs-

    kanzlers und seiner Ernennung zum Reichsjustizminister

    Abg. Schiffen niedergelegt hat, wird einstweilen vom Abg.

    Dr. Petersen geführt. In den nächsten Tagen werden

    die Wahlen zur Ergänzung des Fraktionsvorstandes erfol-

    gen, auch für den verstorbenen Dr. Friedrich Naumann.





       



  • July 25, 2017 21:17:12 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                                  * * *

              Zur Ergänzung des Gemeindwahlgesetzes 

    ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

    ganen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

    17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

    an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

    der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

    der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

    die Gemeindevertreter teil."

                                     _______________________

    Ermittelungsverfahren gegen Dr. Helfferich.

       Berlin, 6. Oktober (W.T.B.)  Das Klagematerial

    des Reichsfinanzministers Erzberger gegen den frühe-

    ren Staatssekretär Dr. Helfferich ist am 29. September dem

    Staatsanwalt zugestellt worden. Nach Eingang des Straf-

    antrages wegen Beleidigung hat die Staatsanwaltschaft des

    Landgerichts I das Ermittelungsverfahren sofort eingeleitet.

    Die Bearbeitung der Sache liegt in den  Händen des Ober-

    staatsanwaltes Krause persönlich.





       



  • July 25, 2017 21:10:57 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                                  * * *

              Zur Ergänzung des Gemeindwahlgesetzes 

    ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

    ganen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

    17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

    an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

    der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

    der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

    die Gemeindevertreter teil."

                                     _______________________





       



  • July 25, 2017 21:10:36 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.

                                                                  * * *

              Zur Ergänzung des Gemeindwahlgesetzes 

    ist der Kammer gestern (Montag) ein Gesetzentwurf zuge-

    ganen. Danach soll § 7 des Gemeindewahlgesetzes vom

    17. Juni 1919 folgende Fassung erhalten: "Künftig nehmen

    an der Wahl der unbesoldeten Ratsmitglie-

    der in allen Städten nur die Stadtverordneten und an

    der Wahl der nicht berufsmäßigen Gemeindeältesten nur

    die Gemeindevertreter teil."





       



  • July 25, 2017 21:05:26 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.

       Nächste Sitzung morgen Dienstag, nachmittags 1 Uhr.

    Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage 25, betreffend

    den Entwurf eines Gesetzes über die Ergänzung des Ein-

    kommensteuergesetzes und die Vorlage 27, betreffend den

    Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung eines Gesetzes

    über die Wahl von Mitgliedern der Einschätzungs- und Re-

    klamationskommissionen vom 5. Juni 1919.

       Schluß der Sitzung nach 7 Uhr.





       



  • July 25, 2017 21:01:27 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)

       Nach kurzen weiteren Bemerkungen der Abg. Fleiß-

    ner (Unabh. Soz.) und Fellisch (Soz.) geht die Vor-

    lage an den Finanzausschuß A.





       



  • July 25, 2017 20:59:05 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       Abg. Blüher (Deutsche Volksp.): Der neue Herr Fi-

    nanzminister möge seine Vorschläge über die Deckung der

    Ausgaben bekanntgeben. Hier bei dieser Vorlage ist wieder

    einmal die Schraube zu erkennen, die alle Viertel- oder

    halben Jahre um eine Windung weiter gedreht wird. Alle

    vorhanden Waren und Güter reichen nicht aus. Daher

    macht es gar nichts aus, ob jemand etwas mehr Geld er-

    hält. Man muß stark daran arbeiten, die Gütererzeugung

    zu heben. Was wir bisher von Sozialisierung gesehen

    haben, ermutigt nicht zum Weiterschreiten auf diesem Wege.

    So wie die Sache jetzt gehandhabt wird, geht es nicht. Es

    müßte Aufgabe der Sozialdemokratie sein, in Berlin gegen

    das Vorgehen des Reiches in dieser Zulagenfrage aufzu-

    treten. (Rufe: Ist schon geschehen!)





       



  • July 25, 2017 20:51:10 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.

       Abg. Lehnig (Deutschnat. Volksp.) wünscht einen eige-

    nen Kommissar für Ein- und Ausfuhr in Dresden, damit

    die sächsische Industrie nicht von Berlin aus geschädigt

    werde. Der Redner schweift so weit vom Thema ab, daß

    er vom Präsidenten ermahnt wird, sich an die Tagesord-

    nung zu halten. Er frägt dann: Haben wir denn überhaupt

    soviel Geld, um die Zulagen zu bezahlen? (Von der Tri-

    büne ertönt der Ruf: "Dann wirds gemacht!")

       





       



  • July 25, 2017 20:43:58 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 

       Abg. Fleißner (Unabh. Soz.) wendet sich aufs schärfste

    gegen die von der Regierung angeblich geplante Verletzung

    des Budgetrechtes der Kammer. Auf seine Veranlassung

    sei es in der Besprechung der Fraktionsführer abgelehnt

    worden, die Zulage ohne Zustimmung der Kammer zu be-

    willigen. Die Regierung möchte nicht noch einmal einen

    solchen Versuch machen. Beamte mit über 9000 bis 10 000

    Mark Gehalt brauchten keine Beihilfe. Auch solle nicht das

    Dienst-, sondern das Gesamteinkommen als Maßstab für

    die Bewilligung der Zulagen gelten. 

       Minister des Innern Uhlig wendet sich gegen den Abg.

    Fleißner und verteidigt die Regierung gegen den Vorwurf,

    beabsichtigt zu haben, das Budgetrecht der Kammer zu ver-

    letzten (sic). Daran habe kein Mensch gedacht. Die Regierung

    habe auch nie Maschinengewehre gegen Streikende ange-

    wendet. Die Regierung müsse für Ordnung sorgen, sonst

    triebe man dem Wirtschaftsbankrott zu.





       



  • July 24, 2017 21:35:42 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)


     Spalte 2 




       



  • July 24, 2017 21:34:48 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)






       



  • July 24, 2017 21:30:59 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werde die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist  ein

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das letzemal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)

       Vizepräsident Dr. Dietel macht darauf aufmerksam, daß

    Beifall auf den Tribünen unstatthaft ist.

       Abg. Menke-Glückert (Demokrat): Ich will nicht eine

    lange Rede halten und nicht auf die mitunter anfechtbaren

    Ausführungen des Vorredners eingehen. Wir empfinden

    die Vorlage als dringendes Bedürfnis. Sie ist keine

    Parteifrage. Wir halten die Vorlage für durchaus berech-

    tigt und haben für die Notlage der Beamten volles Ver-

    ständnis. Die Beamten haben sich in den  Kriegsjahren

    Entbehrungen auferlegt wie kaum ein anderer Stand.

    (Lebhafter Widerspruch bei den Soz. Rufe: "Auch

    die Arbeiter!")  Ja, gewiß, auch die Arbeiter haben ent-

    behrt. Wir sind für Verweisung der Vorlage an den

    Finanzausschuß A. Dort werden wir verschiedene Ver-

    besserungen beantragen und sonstige Wünsche vorlegen,

    vor allem wünschen wir eine organische Beamtenbesol-

    dungsreform. Auch darf die Staatsarbeiterschaft bei  Be-

    willigung von Zulagen nicht vergessen werden. Wie denkt

    sich die Regierung die Regelung der Verhältnisse der Ge-

    meindebeamten? Die Frage der Staatsbeihilfen an bedürf-

    tige Gemeinden muß geregelt werden.  die Altpensionäre

    müssen besser gestellt werden. Der Redner erörtert dann

    kurz die Deckungsfrage. Unsere Finanzlage zu bessern muß

    eine unserer dringendsten Aufgaben sein. (Lebhafter

    Beifall.)






       



  • July 24, 2017 21:08:44 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.

       Es geht ein Antrag sämtlicher Fraktionen ein, die Vor-

    lage dem Finanzausschuß A zu überweisen.

        Abg .Fellisch (Soz.): Wir stehen vor einer großen Ver-

    antwortung, eine Summe von über 100 Millionen Mark

    zu einem einzigen Zweck zu bewilligen. Wir müssen die

    Vorlage genau prüfen. Niemand kann bestreiten, daß die

    Beamten in einer Notlage sind. Das Reich hat aber eine

    Schablonisierung vorgenommen,  die nicht zu billigen ist.

    Beamte mit Gehältern über 13 000 M. sind keineswegs in

    einer Notlage. Redner wendet sich aufs schärfste gegen die

    bisherige Zusagenpolitik, die nicht so weitergehen könne.

    Man müsse dem Reiche gegenüber zum Ausdruck bringen,

    daß man sich nicht wieder vor vollendete Tatsachen stellen

    lassen wolle. Ausgaben dürften nicht bewilligt werden, ehe

    man sich über die Deckung klar sei. Man kann nicht alles

    auf Anleihen nehmen. Der jetzigen Generation werden die

    Schwierigkeiten erst bewußt werden, wenn sie den Steuer-

    zettel erhält.  Die beste Einkommensquelle war bisher die

    Staatseisenbahn, die bis zu 64 Millionen Mark

    Ueberschuß im Jahr brachte. In diesem Jahr aber ist 

    Fehlbetrag von 260 Millionen Mark zu erwarten.  Die

    Teuerung nimmt schon wieder zu. Dazu trägt die Wirt-

    schaftspolitik des Reiches mit bei. Allein die Verhältnisse

    auf dem Schuh- und Ledermarkt rechtfertigen die Gewäh-

    rung der Zulagen. Bei der jetzigen Politik erhöhen wir das

    Einkommen, aber wir verteuern die Waren. Es entsteht ein

    Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und der

    übrigen Staatsbürger. Wir wollen die Forderung be-

    willigen, aber zum Ausdruck bringen, daß es das diesmal

    sein muß, daß wir mit solchen Millionen-Forderungen an

    die  Kammer kommen. (Beifall in der Kammer und auf

    den Tribünen.)



       



  • July 24, 2017 20:50:35 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die Regierung gibt sich der

    Hoffnung hin, daß  alle Beteiligten die Größe dieses Opfers

    erkennen, um dann mit ernster Pflicht den Wiederaufbau

    des Vaterlandes mit zu fördern.



       



  • July 24, 2017 20:22:31 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.         

               Gegenseitige Hilfeleistung tut not,

    wenn wir uns aus dem Elend wieder erheben wollen. Meine

    Damen und Herren! Ich darf zuversichtlich erwarten, daß

    durch die jetzige Umbildung der Regierung eine Festigung

    der Verhältnisse in unserem Lande erzielt werden wird. 

    Auf einer so gefestigten Grundlage wird es gelingen, der

    außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die uns noch entgegen-

    stehen, Herr zu werden, den Wiederaufbau des Wirtschafts-

    lebens herbeizuführen und die frischen Errungenschaften

    der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu sichern

    und zu vollenden. (Beifall bei den Regierungsparteien. 

    die Unabhängigen rufen fortwährend: "Sozialisierung!")

       Präsident Fräßdorf teilt mit, daß die Rede später in der

    Kammer besprochen werden könne.

       Man tritt in die Tagesordnung ein, auf der als einzi-

    ger Gegenstand

         die Vorlage über die Beschaffungsbeihilfen

    für die Beamten steht.

       Minister des Inneren Uhlig begründet die Vorlage kurz.

    Die Kosten belaufen sich auf 130 Millionen Mark. Das ist

    eine schwere Belastung. Das Reich ist auf diesem Gebiet

    einseitig vorgegangen, ohne die Einzelstaaten zu fragen.

    Eine dauernde Abhilfe ist mit der Beihilfe nicht verbunden.

    Eine Hebung unserer Wirtschaftsverhältnisse ist erforderlich.

    Die Kaufkraft des Geldes muß gesteigert werden. Die Aus-

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. Es ist

    natürlich unmöglich, Sachsen von der Bewilligung der Zu-

    lagen auszuschließen, wenn Reich, Preußen und die anderen

    Einzelstaaten sie zahlen. Aber die 

    natürlcxh unmöglich, -

    zahlung wird wirken wie eine Schraube ohne Ende. 


       



  • July 24, 2017 20:01:02 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.

                         Die Parteien der Kammer

    aber ersuche ich um ihre willige Mitarbeit. Ich richte

    dieses Ersuchen auch an die Fraktionen, die nicht in der Re-

    gierung vertreten sind. Die Regierung, so sehr sie ihre

    eigene Politik durchzuführen bestrebt ist, ist nicht gewillt,

    andere Parteien an die Wand zu drücken. sie will vielmehr

    Anregungen und Beschwerden auch der Minder-

    heitsparteien gern entgegennehmen und mit Sorgfalt

    prüfen, denn in der gegenwärtigen Notzeit unseres Volkes

    kommt es fürwahr nicht darauf an, das Trennende mit

    übermächtiger Schärfe herauszuarbeiten.


       



  • July 24, 2017 19:42:21 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortlichkeit zu

    übernehmen. Ich möchte im Interesse der Allgemeinheit

    lebhaft wünschen, daß diese Einsicht bald einkehren möge.

    Auf Einzelfragen beabsichtige ich jetzt  nicht einzugehen. Da-

    zu wird Gelegenheit bei den weiteren Beratungen der Kam-

    mer sein.


       



  • July 24, 2017 19:39:23 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.

    Keine der beiden Fraktionen denkt daran, ihre Grundsätze 

    irgendwie aufzugeben. Jede behält ihre vollständige Selb-

    ständigkeit, aber beide finden sich zusammen, weil das demo-

    kratische Regierungsprinzip und weil das Wohl der Gesamt-

    heit es erfordern. Die Tür nach der Seite der Un-

    abhängigen ist geschlossen. Sie muß solange ver-

    schlossen bleiben, als die Fraktion nicht bereit ist, zu den

    Grundsätzen demokratischer Gerechtigkeit zurückzukehren

    und den ihr zustehenden Teil der Verantwortung zu

    übernehmen.


       



  • July 24, 2017 19:33:08 Beate Jochem

     Spalte 1  

    sichten bis zu einem gewissen Grade Berührungs-

    flächen haben. Das ist der Fall bei den hier in Betracht

    kommenden Fraktionen.

           Die Vertreter der demokratischen Fraktion

    haben die Erklärung abgegeben, daß die Richtlinien

    der Politik, wie ich sie am 20. März d. Js.  hier vor der

    Kammer ausgestellt habe, auch bei ihnen im wesentlichen

    Anerkennung finden. Ich bin vom Gesamtministerium

    beauftragt, die Erklärung abzugeben, daß jene Ministerien

    der bisherigen Regierung weiter in Geltung bleiben. So-

    weit bei der Behandlung einzelner politischer Probleme

    Gegensätze zwischen den beiden Kontrahenten vorhanden 

    sind oder sich in Zukunft herausbilden werden, kommt es 

    darauf an, einen verständigen Ausgleich zu finden.


       



  • July 24, 2017 19:17:32 Beate Jochem

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    Lille, Frankreich

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ID
12998 / 199763
Source
http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Uta Hentschel
License
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/


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