Familientagebuch (1917-1922) von Gustav Braune (1870-1954), item 47

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 linke Seite 

der Kirche gegenüber dem Staat. In

Berlin weien Straßenkämüfe zwischen

der Spertakusgruppe (den verrückt

gewordenen Matrosen, die

von Liebknecht u. Rosa Luxenburg

aufgehetzt werden) und den Regierungstruppen.

Das k. Schloß u. der Marstall  [herrschaftlicher Stall]

wurden verheert und teilweise zerstrört.

Ein trauriger Jahresschluß:

Das deutsche Volk in tiefer Schmach

u. Selbsterniedrigung ohne Aussicht auf

Rettung. Die Sylvesternacht vergeht

in unserer Neutorstraße verhältnismäßig

ruhig, auf dem Markt

soll dagegen ein wüster Lärm gewesen

sein. In München gab es

förmliche Straßenschlachten mit Toten

u. Verletzten.  Anmerkung am Rand mit Bleistift: "?" 

Ende 1918.

 rechte Seite 

1919

I 1. - 4. Januar. Nichte Sophie in Augsburg

hat letzthin den Scherlach in

ziemlich schwerer Form gehabt, ist

aber jetzt so ziemlich wiedergenesen.

Wahrscheinlich hat sie im Lazarett,

wo sie immer noch als Pflegerin

wirkt, den Krankheitskeim geholt.

Unsere Dienstmagd Käthe Sauer von

Oberbessenbach b. Aschaffenburg hat uns

einen Streich gespielt, sie hat uns außer

vielen anderen Lügen, die sie uns, wie

wir jetzt merken, vorgemacht hat,

schließlich den Bären aufgebunden, daß

ihr Vater in München aus Gram über

ihren unbekannten Aufenthalt schwer

erkrankt sei, und ist am 2. abends

angeblich nach München abgereist, wozu

ich ihr gutmütig u. ahnungslos noch 20 M

für die Reise beigesteuert habe. Da sie aber

keine Nachricht mehr von sich gab,

merkten wir endlich, daß wir die

Gefoppten waren: nun ist der letzte

Zweifel beseitigt. Ein Schutzmann

teilt mit, daß unsere "Stütze" in Nürnberg

mittellos aufgegriffen worden

sei u. sich als Landgerichtsratstochter (!)

ausgegeben habe, sie wurde von ihrem

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 linke Seite 

der Kirche gegenüber dem Staat. In

Berlin weien Straßenkämüfe zwischen

der Spertakusgruppe (den verrückt

gewordenen Matrosen, die

von Liebknecht u. Rosa Luxenburg

aufgehetzt werden) und den Regierungstruppen.

Das k. Schloß u. der Marstall  [herrschaftlicher Stall]

wurden verheert und teilweise zerstrört.

Ein trauriger Jahresschluß:

Das deutsche Volk in tiefer Schmach

u. Selbsterniedrigung ohne Aussicht auf

Rettung. Die Sylvesternacht vergeht

in unserer Neutorstraße verhältnismäßig

ruhig, auf dem Markt

soll dagegen ein wüster Lärm gewesen

sein. In München gab es

förmliche Straßenschlachten mit Toten

u. Verletzten.  Anmerkung am Rand mit Bleistift: "?" 

Ende 1918.

 rechte Seite 

1919

I 1. - 4. Januar. Nichte Sophie in Augsburg

hat letzthin den Scherlach in

ziemlich schwerer Form gehabt, ist

aber jetzt so ziemlich wiedergenesen.

Wahrscheinlich hat sie im Lazarett,

wo sie immer noch als Pflegerin

wirkt, den Krankheitskeim geholt.

Unsere Dienstmagd Käthe Sauer von

Oberbessenbach b. Aschaffenburg hat uns

einen Streich gespielt, sie hat uns außer

vielen anderen Lügen, die sie uns, wie

wir jetzt merken, vorgemacht hat,

schließlich den Bären aufgebunden, daß

ihr Vater in München aus Gram über

ihren unbekannten Aufenthalt schwer

erkrankt sei, und ist am 2. abends

angeblich nach München abgereist, wozu

ich ihr gutmütig u. ahnungslos noch 20 M

für die Reise beigesteuert habe. Da sie aber

keine Nachricht mehr von sich gab,

merkten wir endlich, daß wir die

Gefoppten waren: nun ist der letzte

Zweifel beseitigt. Ein Schutzmann

teilt mit, daß unsere "Stütze" in Nürnberg

mittellos aufgegriffen worden

sei u. sich als Landgerichtsratstochter (!)

ausgegeben habe, sie wurde von ihrem


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  • October 12, 2017 16:15:30 Daniela Z

     linke Seite 

    der Kirche gegenüber dem Staat. In

    Berlin weien Straßenkämüfe zwischen

    der Spertakusgruppe (den verrückt

    gewordenen Matrosen, die

    von Liebknecht u. Rosa Luxenburg

    aufgehetzt werden) und den Regierungstruppen.

    Das k. Schloß u. der Marstall  [herrschaftlicher Stall]

    wurden verheert und teilweise zerstrört.

    Ein trauriger Jahresschluß:

    Das deutsche Volk in tiefer Schmach

    u. Selbsterniedrigung ohne Aussicht auf

    Rettung. Die Sylvesternacht vergeht

    in unserer Neutorstraße verhältnismäßig

    ruhig, auf dem Markt

    soll dagegen ein wüster Lärm gewesen

    sein. In München gab es

    förmliche Straßenschlachten mit Toten

    u. Verletzten.  Anmerkung am Rand mit Bleistift: "?" 

    Ende 1918.

     rechte Seite 

    1919

    I 1. - 4. Januar. Nichte Sophie in Augsburg

    hat letzthin den Scherlach in

    ziemlich schwerer Form gehabt, ist

    aber jetzt so ziemlich wiedergenesen.

    Wahrscheinlich hat sie im Lazarett,

    wo sie immer noch als Pflegerin

    wirkt, den Krankheitskeim geholt.

    Unsere Dienstmagd Käthe Sauer von

    Oberbessenbach b. Aschaffenburg hat uns

    einen Streich gespielt, sie hat uns außer

    vielen anderen Lügen, die sie uns, wie

    wir jetzt merken, vorgemacht hat,

    schließlich den Bären aufgebunden, daß

    ihr Vater in München aus Gram über

    ihren unbekannten Aufenthalt schwer

    erkrankt sei, und ist am 2. abends

    angeblich nach München abgereist, wozu

    ich ihr gutmütig u. ahnungslos noch 20 M

    für die Reise beigesteuert habe. Da sie aber

    keine Nachricht mehr von sich gab,

    merkten wir endlich, daß wir die

    Gefoppten waren: nun ist der letzte

    Zweifel beseitigt. Ein Schutzmann

    teilt mit, daß unsere "Stütze" in Nürnberg

    mittellos aufgegriffen worden

    sei u. sich als Landgerichtsratstochter (!)

    ausgegeben habe, sie wurde von ihrem

  • October 12, 2017 16:10:18 Daniela Z

     linke Seite 

    der Kirche gegenüber dem Staat. In

    Berlin weien Straßenkämüfe zwischen

    der Spertakusgruppe (den verrückt

    gewordenen Matrosen, die

    von Liebknecht u. Rosa Luxenburg

    aufgehetzt werden) und den Regierungstruppen.

    Das K. Schloß u. der Merstall 

    wurden verheert und teilweise zerstrört.

    Ein trauriger Jahresschluß:

    Das deutsche Volk in tiefer Schmach

    u. Selbsterniedrigung ohne Aussicht auf

    Rettung. Die Sylvesternacht vergeht

    in unserer Neutorstraße verhältnismäßig

    ruhig, auf dem Markt

    soll dagegen ein wüster Lärm gewesen

    sein. In München gab es

    förmliche Straßenschlachten mit Toten

    u. Verletzten.  Anmerkung am Rand mit Bleistift: "?" 

    Ende 1918.

     rechte Seite 

    1919

    I 1. - 4. Januar. Nichte Sophie in Augsburg

    hat letzthin den Scherlach in

    ziemlich schwerer Form gehabt, ist

    aber jetzt so ziemlich wiedergenesen.

    Wahrscheinlich hat sie im Lazarett,

    wo sie immer noch als Pflegerin

    wirkt, den Krankheitskeim geholt.

    Unsere Dienstmagd Käthe Sauer von

    Oberbessenbach b. Aschaffenburg hat uns

    einen Streich gespielt, sie hat uns außer

    vielen anderen Lügen, die sie uns, wie

    wir jetzt merken, vorgemacht hat,

    schließlich den Bären aufgebunden, daß

    ihr Vater in München aus Gram über

    ihren unbekannten Aufenthalt schwer

    erkrankt sei, und ist am 2. abends

    angeblich nach München abgereist, wozu

    ich ihr gutmütig u. ahnungslos noch 20 M

    für die Reise beigesteuert habe. Da sie aber

    keine Nachricht mehr von sich gab,

    merkten wir endlich, daß wir die

    Gefoppten waren: nun ist der letzte

    Zweifel beseitigt. Ein Schutzmann

    teilt mit, daß unsere "Stütze" in Nürnberg

    mittellos aufgegriffen worden

    sei u. sich als Landgerichtsratstochter (!)

    ausgegeben habe, sie wurde von ihrem


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1948 / 23397
Source
http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Vera Braune
License
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/


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