Zeitungen aus der Kriegszeit 1914, item 28

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 item 28


Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


___________________________________________________________________________________________________________________________

 1. Spalte 

Fortsetzung aus der politischen Beilage.


      Unsere letzten Tage in Stallupönen

      und auf der Flucht vor den Russen.

    Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

    Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

    Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

    Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

    Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

    Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

hineinlegen.

    Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

    Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


 2. Spalte 

einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

    Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

den kam ich bis Danzig.

                                                *    *

                                                   *

                          Französische Feldpostbriefe.

                                            Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                            einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                            Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                            brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                            Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                    Chalons, . . . . .

     ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

lautet.                                                                               

                                                                                   Chalons, 3. Sept.

                                              "Lieber Vater!

    Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                     Feldpostbriefe.

          Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                       L., den 29. 8.  14.

        Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

          stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                   Meine lieben missing

    Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

und für die ganz Alten.

    Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

    Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

    Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                        *     *

                                                           *

                           Wie sich im Kopf eines Engländers

                                   das deutsche Heer malt.

    Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

    "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

    "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

maschine der Welt sei."

    "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

    "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

    "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

    "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


 3. Spalte 

Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

seines britischen Rivalen."

    "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

und Mannschaften stets nur Paradeton."

    "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

    "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

    Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

land nie betreten haben.

                                                   *     *

                                                       *

                               Gegen Not und Teuerung. -

                                          Fürs Rote Kreuz.

    Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

licher Gegenstände gesammelt.

       Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

   Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

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                                       Gerichtssaal.

                        Königliches Schöffengericht.

    Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

zu einem Arzt,  der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur

mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen

habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit

aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-

klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"

geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen

gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach

den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie

gar  nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen

Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit

andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-

verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte

Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.

                                  __________________________

    ck. Der Kugelsegen.  Aus München wird uns gemeldet: Sofort

nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker

einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage

von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an

Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die

Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-

gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-

segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest

überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-

ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.

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                                   Aus der Geschäftswelt.

    Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen.  Um unseren Soldaten

im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,

ist folgende Einrichtung getroffen worden:  Vom Roten Kreuz liegen in den

sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in

Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,

dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-

kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-

selben Sorte kostenlos dazuzugeben.

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                                               Unterricht.

    Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag

4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-

meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und

Freitag von 4-5 Uhr im  "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der

Turnhalle des Christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-

zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.

                                       __________________________

    Einen Abendkursus in Damenschneiderei und Wäsche veranstaltet die

Deutsche Schneider-Lehranstalt in Leipzig, Petersteinweg 10.

In dem Abendkursus wird die moderne Zuschneidekunst der gesamten Damen-

schneiderei und Weißnähen gelehrt für mäßiges Honorar. Die Leistungen dieser

Anstalt sind im ganzen deutschen Reiche bekannt. Ebenso ist die ständig wachsende

Schülerzahl und der gute Besuch selbst während der Kriegszeit der beste Be-

weis für eine gründliche Ausbildung und gute Behandlung der Teilnehmer. Der

Kursus beginnt am 1. Oktober. Rechtzeitige Anmeldung ist erforderlich. Aus-

kunft wird wochentags von 8 bis 6 Uhr unentgeltlich erteilt. Ebenso werden

Prospekte umsonst versandt.

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 Wetterbericht nicht transkribiert. 


      


    

 




    






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Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


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 1. Spalte 

Fortsetzung aus der politischen Beilage.


      Unsere letzten Tage in Stallupönen

      und auf der Flucht vor den Russen.

    Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

    Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

    Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

    Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

    Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

    Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

hineinlegen.

    Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

    Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


 2. Spalte 

einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

    Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

den kam ich bis Danzig.

                                                *    *

                                                   *

                          Französische Feldpostbriefe.

                                            Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                            einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                            Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                            brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                            Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                    Chalons, . . . . .

     ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

lautet.                                                                               

                                                                                   Chalons, 3. Sept.

                                              "Lieber Vater!

    Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                     Feldpostbriefe.

          Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                       L., den 29. 8.  14.

        Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

          stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                   Meine lieben missing

    Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

und für die ganz Alten.

    Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

    Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

    Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                        *     *

                                                           *

                           Wie sich im Kopf eines Engländers

                                   das deutsche Heer malt.

    Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

    "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

    "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

maschine der Welt sei."

    "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

    "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

    "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

    "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


 3. Spalte 

Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

seines britischen Rivalen."

    "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

und Mannschaften stets nur Paradeton."

    "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

    "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

    Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

land nie betreten haben.

                                                   *     *

                                                       *

                               Gegen Not und Teuerung. -

                                          Fürs Rote Kreuz.

    Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

licher Gegenstände gesammelt.

       Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

   Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

_____________________________________________________________________________


                                       Gerichtssaal.

                        Königliches Schöffengericht.

    Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

zu einem Arzt,  der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur

mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen

habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit

aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-

klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"

geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen

gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach

den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie

gar  nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen

Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit

andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-

verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte

Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.

                                  __________________________

    ck. Der Kugelsegen.  Aus München wird uns gemeldet: Sofort

nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker

einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage

von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an

Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die

Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-

gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-

segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest

überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-

ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.

_________________________________________________________________________

                                   Aus der Geschäftswelt.

    Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen.  Um unseren Soldaten

im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,

ist folgende Einrichtung getroffen worden:  Vom Roten Kreuz liegen in den

sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in

Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,

dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-

kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-

selben Sorte kostenlos dazuzugeben.

_________________________________________________________________________________

                                               Unterricht.

    Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag

4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-

meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und

Freitag von 4-5 Uhr im  "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der

Turnhalle des Christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-

zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.

                                       __________________________

    Einen Abendkursus in Damenschneiderei und Wäsche veranstaltet die

Deutsche Schneider-Lehranstalt in Leipzig, Petersteinweg 10.

In dem Abendkursus wird die moderne Zuschneidekunst der gesamten Damen-

schneiderei und Weißnähen gelehrt für mäßiges Honorar. Die Leistungen dieser

Anstalt sind im ganzen deutschen Reiche bekannt. Ebenso ist die ständig wachsende

Schülerzahl und der gute Besuch selbst während der Kriegszeit der beste Be-

weis für eine gründliche Ausbildung und gute Behandlung der Teilnehmer. Der

Kursus beginnt am 1. Oktober. Rechtzeitige Anmeldung ist erforderlich. Aus-

kunft wird wochentags von 8 bis 6 Uhr unentgeltlich erteilt. Ebenso werden

Prospekte umsonst versandt.

____________________________________________________________________________________


 Wetterbericht nicht transkribiert. 


      


    

 




    







Transcription history
  • December 31, 2017 19:37:52 Beate Jochem

     item 28


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

    _____________________________________________________________________________


                                           Gerichtssaal.

                            Königliches Schöffengericht.

        Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

    mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

    nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

    fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

    Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

    siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

    war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

    Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

    Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

    chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

    Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

    wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

    ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

    wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

    angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

    setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

    Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

    zu einem Arzt,  der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

    kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

    stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

    ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

    die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur

    mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen

    habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit

    aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-

    klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"

    geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen

    gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach

    den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie

    gar  nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen

    Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit

    andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-

    verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte

    Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.

                                      __________________________

        ck. Der Kugelsegen.  Aus München wird uns gemeldet: Sofort

    nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker

    einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage

    von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an

    Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die

    Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-

    gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-

    segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest

    überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-

    ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.

    _________________________________________________________________________

                                       Aus der Geschäftswelt.

        Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen.  Um unseren Soldaten

    im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,

    ist folgende Einrichtung getroffen worden:  Vom Roten Kreuz liegen in den

    sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in

    Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,

    dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-

    kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-

    selben Sorte kostenlos dazuzugeben.

    _________________________________________________________________________________

                                                   Unterricht.

        Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag

    4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-

    meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und

    Freitag von 4-5 Uhr im  "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der

    Turnhalle des Christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-

    zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.

                                           __________________________

        Einen Abendkursus in Damenschneiderei und Wäsche veranstaltet die

    Deutsche Schneider-Lehranstalt in Leipzig, Petersteinweg 10.

    In dem Abendkursus wird die moderne Zuschneidekunst der gesamten Damen-

    schneiderei und Weißnähen gelehrt für mäßiges Honorar. Die Leistungen dieser

    Anstalt sind im ganzen deutschen Reiche bekannt. Ebenso ist die ständig wachsende

    Schülerzahl und der gute Besuch selbst während der Kriegszeit der beste Be-

    weis für eine gründliche Ausbildung und gute Behandlung der Teilnehmer. Der

    Kursus beginnt am 1. Oktober. Rechtzeitige Anmeldung ist erforderlich. Aus-

    kunft wird wochentags von 8 bis 6 Uhr unentgeltlich erteilt. Ebenso werden

    Prospekte umsonst versandt.

    ____________________________________________________________________________________


     Wetterbericht nicht transkribiert. 


          


        

     




        







  • December 31, 2017 19:37:01 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


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     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

    _____________________________________________________________________________


                                           Gerichtssaal.

                            Königliches Schöffengericht.

        Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

    mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

    nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

    fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

    Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

    siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

    war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

    Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

    Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

    chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

    Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

    wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

    ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

    wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

    angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

    setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

    Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

    zu einem Arzt,  der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

    kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

    stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

    ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

    die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur

    mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen

    habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit

    aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-

    klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"

    geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen

    gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach

    den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie

    gar  nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen

    Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit

    andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-

    verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte

    Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.

                                      __________________________

        ck. Der Kugelsegen.  Aus München wird uns gemeldet: Sofort

    nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker

    einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage

    von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an

    Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die

    Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-

    gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-

    segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest

    überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-

    ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.

    _________________________________________________________________________

                                       Aus der Geschäftswelt.

        Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen.  Um unseren Soldaten

    im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,

    ist folgende Einrichtung getroffen worden:  Vom Roten Kreuz liegen in den

    sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in

    Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,

    dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-

    kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-

    selben Sorte kostenlos dazuzugeben.

    _________________________________________________________________________________

                                                   Unterricht.

        Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag

    4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-

    meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und

    Freitag von 4-5 Uhr im  "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der

    Turnhalle des Christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-

    zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.

                                           __________________________

        Einen Abendkursus in Damenschneiderei und Wäsche veranstaltet die

    Deutsche Schneider-Lehranstalt in Leipzig, Petersteinweg 10.

    In dem Abendkursus wird die moderne Zuschneidekunst der gesamten Damen-

    schneiderei und Weißnähen gelehrt für mäßiges Honorar. Die Leistungen dieser

    Anstalt sind im ganzen deutschen Reiche bekannt. Ebenso ist die ständig wachsende

    Schülerzahl und der gute Besuch selbst während der Kriegszeit der beste Be-

    weis für eine gründliche Ausbildung und gute Behandlung der Teilnehmer. Der

    Kursus beginnt am 1. Oktober. Rechtzeitige Anmeldung ist erforderlich. Aus-

    kunft wird wochentags von 8 bis 6 Uhr unentgeltlich erteilt. Ebenso werden

    Prospekte umsonst versandt.

    ____________________________________________________________________________________


    Wetterbericht nicht transkribiert.


          


        

     




        







  • December 31, 2017 19:35:27 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

    _____________________________________________________________________________


                                           Gerichtssaal.

                            Königliches Schöffengericht.

        Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

    mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

    nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

    fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

    Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

    siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

    war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

    Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

    Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

    chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

    Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

    wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

    ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

    wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

    angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

    setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

    Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

    zu einem Arzt,  der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

    kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

    stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

    ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

    die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur

    mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen

    habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit

    aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-

    klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"

    geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen

    gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach

    den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie

    gar  nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen

    Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit

    andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-

    verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte

    Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.

                                      __________________________

        ck. Der Kugelsegen.  Aus München wird uns gemeldet: Sofort

    nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker

    einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage

    von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an

    Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die

    Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-

    gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-

    segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest

    überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-

    ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.

    _________________________________________________________________________

                                       Aus der Geschäftswelt.

        Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen.  Um unseren Soldaten

    im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,

    ist folgende Einrichtung getroffen worden:  Vom Roten Kreuz liegen in den

    sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in

    Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,

    dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-

    kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-

    selben Sorte kostenlos dazuzugeben.

    _________________________________________________________________________________

                                                   Unterricht.

        Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag

    4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-

    meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und

    Freitag von 4-5 Uhr im  "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der

    Turnhalle des Christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-

    zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.

                                           __________________________

        Einen Abendkursus in Damenschneiderei und Wäsche veranstaltet die

    Deutsche Schneider-Lehranstalt in Leipzig, Petersteinweg 10.

    In dem Abendkursus wird die moderne Zuschneidekunst der gesamten Damen-

    schneiderei und Weißnähen gelehrt für mäßiges Honorar. Die Leistungen dieser

    Anstalt sind im ganzen deutschen Reiche bekannt. Ebenso ist die ständig wachsende

    Schülerzahl und der gute Besuch selbst während der Kriegszeit der beste Be-

    weis für eine gründliche Ausbildung und gute Behandlung der Teilnehmer. Der

    Kursus beginnt am 1. Oktober. Rechtzeitige Anmeldung ist erforderlich. Aus-

    kunft wird wochentags von 8 bis 6 Uhr unentgeltlich erteilt. Ebenso werden

    Prospekte umsonst versandt.


          


        

     




        







  • December 31, 2017 19:34:54 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

    _____________________________________________________________________________


                                           Gerichtssaal.

                            Königliches Schöffengericht.

        Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

    mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

    nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

    fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

    Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

    siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

    war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

    Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

    Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

    chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

    Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

    wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

    ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

    wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

    angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

    setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

    Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

    zu einem Arzt,  der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

    kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

    stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

    ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

    die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur

    mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen

    habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit

    aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-

    klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"

    geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen

    gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach

    den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie

    gar  nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen

    Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit

    andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-

    verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte

    Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.

                                      __________________________

        ck. Der Kugelsegen.  Aus München wird uns gemeldet: Sofort

    nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker

    einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage

    von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an

    Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die

    Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-

    gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-

    segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest

    überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-

    ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.

    _________________________________________________________________________

                                       Aus der Geschäftswelt.

        Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen.  Um unseren Soldaten

    im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,

    ist folgende Einrichtung getroffen worden:  Vom Roten Kreuz liegen in den

    sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in

    Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,

    dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-

    kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-

    selben Sorte kostenlos dazuzugeben.

    _________________________________________________________________________________

                                                   Unterricht.

        Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag

    4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-

    meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und

    Freitag von 4-5 Uhr im  "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der

    Turnhalle des Christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-

    zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.

                                           __________________________

        Einen Abendkursus in Damenschneiderei und Wäsche veranstaltet die

    Deutsche Schneider-Lehranstalt in Leipzig, Petersteinweg 10.

    In dem Abendkursus wird die moderne Zuschneidekunst der gesamten Damen-

    schneiderei und Weißnähen gelehrt für mäßiges Honorar. Die Leistungen dieser

    Anstalt sind im ganzen deutschen Reiche bekannt. Ebenso ist die ständig wachsende

    Schülerzahl und der gute Besuch selbst während der Kriegszeit der beste Be-

    weis für eine gründliche Ausbildung und gute Behandlung der Teulnehmer. Der

    Kursus beginnt am 1. Oktober. Rechtzeitige Anmeldung ist erforderlich. Aus-

    kunft wird wochentags von 8 bis 6 Uhr unentgeltlich erteilt. Ebenso werden

    Prospekte umsonst versandt.


          


        

     




        







  • December 31, 2017 19:27:28 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


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     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

    _____________________________________________________________________________


                                           Gerichtssaal.

                            Königliches Schöffengericht.

        Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

    mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

    nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

    fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

    Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

    siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

    war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

    Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

    Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

    chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

    Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

    wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

    ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

    wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

    angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

    setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

    Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

    zu einem Arzt,  der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

    kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

    stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

    ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

    die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur

    mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen

    habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit

    aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-

    klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"

    geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen

    gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach

    den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie

    gar  nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen

    Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit

    andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-

    verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte

    Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.

                                      __________________________

        ck. Der Kugelsegen.  Aus München wird uns gemeldet: Sofort

    nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker

    einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage

    von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an

    Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die

    Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-

    gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-

    segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest

    überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-

    ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.

    _________________________________________________________________________

                                       Aus der Geschäftswelt.

        Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen.  Um unseren Soldaten

    im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,

    ist folgende Einrichtung getroffen worden:  Vom Roten Kreuz liegen in den

    sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in

    Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,

    dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-

    kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-

    selben Sorte kostenlos dazuzugeben.

    _________________________________________________________________________________

                                                   Unterricht.

        Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag

    4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-

    meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und

    Freitag von 4-5 Uhr im  "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der

    Turnhalle des Christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-

    zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.


          


        

     




        







  • December 31, 2017 19:26:50 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

    _____________________________________________________________________________


                                           Gerichtssaal.

                            Königliches Schöffengericht.

        Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

    mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

    nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

    fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

    Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

    siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

    war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

    Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

    Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

    chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

    Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

    wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

    ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

    wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

    angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

    setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

    Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

    zu einem Arzt,  der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

    kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

    stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

    ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

    die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur

    mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen

    habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit

    aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-

    klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"

    geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen

    gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach

    den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie

    gar  nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen

    Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit

    andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-

    verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte

    Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.

                                      __________________________

        ck. Der Kugelsegen.  Aus München wird uns gemeldet: Sofort

    nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker

    einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage

    von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an

    Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die

    Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-

    gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-

    segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest

    überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-

    ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.

    _________________________________________________________________________

                                       Aus der Geschäftswelt.

        Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen.  Um unseren Soldaten

    im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,

    ist folgende Einrichtung getroffen worden:  Vom Roten Kreuz liegen in den

    sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in

    Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,

    dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-

    kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-

    selben Sorte kostenlos dazuzugeben.

    _________________________________________________________________________________

                                                   Unterricht.

        Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag

    4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-

    meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und

    Freitag von 4-5 Uhr im  "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der

    Turnhalle des christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-

    zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.


          


        

     




        







  • December 31, 2017 19:20:40 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

    _____________________________________________________________________________


                                           Gerichtssaal.

                            Königliches Schöffengericht.

        Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

    mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

    nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

    fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

    Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

    siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

    war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

    Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

    Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

    chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

    Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

    wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

    ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

    wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

    angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

    setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

    Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

    zu einem Arzt,  der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

    kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

    stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

    ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

    die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur

    mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen

    habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit

    aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-

    klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"

    geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen

    gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach

    den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie

    gar  nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen

    Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit

    andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-

    verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte

    Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.

                                      __________________________

        ck. Der Kugelsegen.  Aus München wird uns gemeldet: Sofort

    nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker

    einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage

    von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an

    Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die

    Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-

    gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-

    segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest

    überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-

    ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.

    _________________________________________________________________________

                                       Aus der Geschäftswelt.

        Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen.  Um unseren Soldaten

    im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,

    ist folgende Einrichtung getroffen worden:  Vom Roten Kreuz liegen in den

    sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in

    Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,

    dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-

    kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-

    selben Sorte kostenlos dazuzugeben.


          


        

     




        







  • December 31, 2017 19:14:13 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

    _____________________________________________________________________________


                                           Gerichtssaal.

                            Königliches Schöffengericht.

        Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

    mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

    nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

    fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

    Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

    siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

    war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

    Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

    Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

    chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

    Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

    wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

    ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

    wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

    angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

    setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

    Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

    zu einem Arzt,  der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

    kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

    stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

    ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

    die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur

    mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen

    habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit

    aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-

    klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"

    geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen

    gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach

    den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie

    gar  nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen

    Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit

    andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-

    verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte

    Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.

                                      __________________________

        ck. Der Kugelsegen.  Aus München wird uns gemeldet: Sofort

    nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker

    einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage

    von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an

    Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die

    Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-

    gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-

    segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest

    überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-

    ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.

    _________________________________________________________________________


          


        

     




        







  • December 31, 2017 19:13:25 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

    _____________________________________________________________________________


                                           Gerichtssaal.

                            Königliches Schöffengericht.

        Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

    mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

    nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

    fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

    Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

    siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

    war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

    Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

    Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

    chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

    Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

    wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

    ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

    wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

    angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

    setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

    Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

    zu einem Arzt,  der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

    kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

    stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

    ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

    die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur

    mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen

    habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit

    aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-

    klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"

    geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen

    gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach

    den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie

    gar  nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen

    Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit

    andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-

    verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte

    Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.

                                      __________________________

        ck. Der Kugelsegen.  Aus München wird uns gemeldet: Sofort

    nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker

    einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage

    von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an

    Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die

    Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-

    gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-

    segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest

    überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-

    ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.


          


        

     




        







  • December 31, 2017 19:07:00 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

    _____________________________________________________________________________


                                           Gerichtssaal.

                            Königliches Schöffengericht.

        Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

    mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

    nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

    fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

    Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

    siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

    war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

    Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

    Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

    chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

    Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

    wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

    ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

    wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

    angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

    setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

    Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

    zu einem Arzt,  der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

    kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

    stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

    ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

    die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur

    mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen

    habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit

    aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-

    klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"

    geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen

    gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach

    den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie

    gar  nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen

    Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit

    andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-

    verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte

    Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.


          


        

     




        







  • December 31, 2017 19:04:51 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

    _____________________________________________________________________________


                                           Gerichtssaal.

                            Königliches Schöffengericht.

        Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

    mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

    nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

    fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

    Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

    siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

    war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

    Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

    Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

    chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

    Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

    wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

    ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

    wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

    angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

    setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

    Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

    zu einem Arzt,  er sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

    kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

    stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

    ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

    die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur

    mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen

    habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit

    aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-

    klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"

    geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen

    gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach

    den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie

    gar  nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen

    Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit

    andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-

    verletzung im Sinne von § 223 des Strafgestzbuches, da die Verletzte

    Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.


          


        

     




        







  • December 31, 2017 18:54:30 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.

    _____________________________________________________________________________


                                           Gerichtssaal.

                            Königliches Schöffengericht.

        Der Japaner als Boxer.  Der aus der Provinz Jakushima stam-

    mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-

    nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-

    fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in

    Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-

    siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt

    war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine

    Magenverletzung davontrug.  Die P. hatte einem Käufer einen kleinen

    Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-

    chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der

    Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug

    wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß

    ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber

    wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon

    angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-

    setzte.  Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im

    Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen

    zu einem Arzt,  er sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August

    kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-

    stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute  noch nicht  

    ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er

    die P. mit Faustschlägen traktiert habe, 


          


        

     




        







  • December 31, 2017 18:34:03 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.





        





        







  • December 31, 2017 18:33:25 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.

           Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins

       Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für

    das Könogreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-

    besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet

    worden. In erster Liie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und

    Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die

    Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für

    deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-

    rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-

    brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.





        





        







  • December 31, 2017 18:27:49 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.





        





        







  • December 31, 2017 18:26:50 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die

    Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung

    außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark.  -  Die Hilfs-

    vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des

    Plauenschen Grundes hat, wie ums aus Dresden gemeldet wird,   

    die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-

    men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und

    wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-

    turalien hierfür zur Verfügung gestellt.  -  Der Fußballklub "Kickers"

    in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800Mark

    überwiesen.  -  Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-

    liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit

    Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt.  -  Eine für unsere wackeren

    Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom

    Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,

    überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000

    Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-

    licher Gegenstände gesammelt.





        





        







  • December 31, 2017 18:13:59 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

                                   Gegen Not und Teuerung. -

                                              Fürs Rote Kreuz.

        




        





        







  • December 31, 2017 18:12:52 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


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     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

                                                       *     *

                                                           *

        




        





        







  • December 30, 2017 21:54:30 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

    *     *

       *

        




        





        







  • December 30, 2017 21:53:47 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        "Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu

    plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-

    folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.


     3. Spalte 

    Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen

    Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-

    brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses

    der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus 

    der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit

    seines britischen Rivalen."

        "Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber

    irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-

    geren, und wehe dem Subalternoffizier, der  nicht seinen Hauptmann

    als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch

    zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-

    schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-

    liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren

    und Mannschaften stets nur Paradeton."

        "Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es

    ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-

    den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."

        "Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,

    als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."

        Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,

    der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver

    mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber

    wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-

    land nie betreten haben.

        




        





        







  • December 30, 2017 21:36:57 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."

        "Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte

    Höflichkeitskritiken  haben genügt, Europa glauben zu machen,

    daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-

    maschine der Welt sei."

        "Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die

    Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden

    auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."

        "Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-

    mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-

    gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der

    Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.

    Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig

    Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."

        "Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-

    soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen

    einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-

    lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch

    Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."

        




        





        







  • December 30, 2017 21:24:46 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         Feldpostbriefe.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

                               Wie sich im Kopf eines Engländers

                                       das deutsche Heer malt.

        Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des

    englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-

    tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-

    ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-

    schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die

    einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:

        "Es kann  kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso

    kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.

    Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn

    später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen.




        





        







  • December 30, 2017 21:15:32 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         FELDPOSTBRIEFE.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

                                                            *     *

                                                               *

        





        







  • December 30, 2017 21:14:09 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         FELDPOSTBRIEFE.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner

    vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-

    grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem

    Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar

    einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun

    endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und

    ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.

        Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege

    schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich

    habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr

    jetzt in der Schule treibt. - - - -

        





        







  • December 30, 2017 21:08:59 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         FELDPOSTBRIEFE.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.

        





        







  • December 30, 2017 21:06:19 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         FELDPOSTBRIEFE.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.

        Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer

    war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder

    kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem

    Hause mit etwa 10 Soldaten, die sic Kaffee kochten. Da hielt vor der

    Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter

    und zwei Kinder von 2 und von 1/2 Jahre saßen. Sie fragen, ob sie

    eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter

    gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,

    das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag

    im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er

    wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten

    Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die

    Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die

    Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-

    den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben

    alles zerschlagen, zerrissen,  verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-

    men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und

    Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren

    ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-

    zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer 

    mehr gegeben, als die Leute haben wollten.





        







  • December 30, 2017 20:55:14 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         FELDPOSTBRIEFE.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten

    und für die ganz Alten.







        







  • December 30, 2017 20:54:01 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



                                         FELDPOSTBRIEFE.

              Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.

                                                                           L., den 29. 8.  14.

            Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des

              stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.

                                       Meine lieben missing

        Oft habe ich missing an Euch gedacht und be-

    sonders lebhaftmissing nämlich in einem Dorfe in

    Quartser, in dem Kinder zu missing waren, sogar Kinder beim Ball-

    spiele. Da habe ich an Debramissing und unsere schönen Spielnachmittage

    denken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder

    nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen

    können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch

    Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-

    schossen oder irgendwie zerstört waren. die Leute waren natürlich mit

    ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die

    Wälder. Denkt Euch, wie schecklich das sein muß für die Kleinsen

    und für die ganz Alten.







        







  • December 30, 2017 20:36:43 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet.                                                                               

                                                                                       Chalons, 3. Sept.

                                                  "Lieber Vater!

        Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-

    nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.

    Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich

    befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich

    erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten.               Jean."



        







  • December 30, 2017 20:31:24 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet:




        







  • December 30, 2017 20:30:01 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:

                                                                                                        Chalons, . . . . .

         ". . . . .  wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons

    ("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da

    brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand

    eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten

    gerichtete Brief darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum, 

    30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-

    zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-

    gekommen. Etwa sechs dieser Brief sind nun sehr beredte Dokumente.

    Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer

    division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur

    noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250

    Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!

    Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser

    Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.

    Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof

    gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt

    wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen

    einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken

    wagten usw. einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er

    lautet:




        







  • December 30, 2017 20:16:49 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *

                              Französische Feldpostbriefe.

                                                Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von

                                                einem Freunde, der mit seinem Regiment in

                                                Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-

                                                brief erhalten, dem wir folgende interessante

                                                Einzelheiten entnehmen:





        







  • December 30, 2017 20:13:07 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.

                                                    *    *

                                                       *





        







  • December 30, 2017 20:12:14 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.



        







  • December 30, 2017 20:11:16 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten -tage kommen wir nach Elbing. Auf de ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-

    den kam ich bis Danzig.



        







  • December 30, 2017 20:10:42 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        Am dritten -tage kommen wir nach Elbing. Auf de ganzen Fahrt sind

    wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen

    vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-

    suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.

    Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg

    nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein

    furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es

    mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil

    ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach

    in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche

    nach Berlin durch.


        







  • December 30, 2017 20:05:22 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  


     2. Spalte 

    einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr

    nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In

    der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G.  Um

    3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem

    von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.

        







  • December 30, 2017 20:01:52 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach er Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  

        







  • December 30, 2017 20:01:01 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.


    ___________________________________________________________________________________________________________________________

     1. Spalte 

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von

    Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang

    Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier

    und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden morgen. We-

    nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen

    trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer

    Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee

    auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.

    Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,

    wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen

    Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-

    reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag

    müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-

    sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie

    es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste

    Route nach er Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,  

        







  • December 30, 2017 19:49:05 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.

    ___________________________________________________________________________________________________________________________

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        Wir hören der Stab und das Militär  verließe die Stadt - also

    es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine

    Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,

    die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"

    Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die

    Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,

    nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den

    Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem

    Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu

    beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf

    denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen

    untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-

    wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-

    hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-

    nehmen!" -  Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-

    ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-

    über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -

    Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.

        







  • December 30, 2017 19:37:41 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.

    ___________________________________________________________________________________________________________________________

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich

    zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht

    hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht

    zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das

    Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten

    Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-

    zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende

    Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles

    Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus

    dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger

    Erschöpfung. Ziemlich schweigsam  saßen wir im Hotel bei einem

    Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie

    anders heute.  Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und

    durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein

    getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-

    frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-

    schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung

    ächzte.  -  Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn

    hineinlegen.

        







  • December 30, 2017 18:56:10 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.

    ___________________________________________________________________________________________________________________________

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        







  • December 30, 2017 18:53:37 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.

    ___________________________________________________________________________________________________________________________

    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        Am Sonntag, den 10. August, nachmittag erfreute uns eine Regi-

    mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es

    sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs

    der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,

    eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen

    Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der

    einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-

    schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf

    hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-

    gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten

    das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere

    Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um

    3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich  die

    Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die

    Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-

    hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das

    Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und

    meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.

    Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb

    ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde

    hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt

    auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-

    gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort

    zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-

    flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-

    flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von

    jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt  

    sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber

    selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-

    den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.

        







  • December 30, 2017 18:32:42 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.

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    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer

    Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die

    unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns

    grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-

    deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner

    ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben 

    seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich

    hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor

    meinen Augen erschossen!"  - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen

    zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden

    Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen

    Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die

    Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.

    Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten

    zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus

    denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.

        







  • December 30, 2017 18:21:40 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.

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    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

        Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische

    Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises

    überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-

    den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren 

    bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend

    über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte 

    viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser

    Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen

    kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei

    Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,

    dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten

    die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über

    Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch

    am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu

    dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die

    Lage verändert hatte!  -  Alle die großen zahlreichen Speditions-

    firmen hatten - vielleicht für immer -  aufgehört zu existieren.

    Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter

    Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit

    zwei Spionen - einem russischen  und einem französi-

    schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-

    rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen

    und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen

    über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den

    Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-

    höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-

    lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das

    Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.

        







  • December 30, 2017 18:02:27 Beate Jochem

     item 28 


    Nr. 261.               6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten.            Sonntag, 20. September      1914.

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    Fortsetzung aus der politischen Beilage.


          Unsere letzten Tage in Stallupönen

          und auf der Flucht vor den Russen.

        Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

        Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem

    Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut

    sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr

    irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-

    dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum, 

    an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir

    lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-

    setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem

    Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen

    Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-

    sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke

    Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr

    Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der

    ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.

     


        







  • December 30, 2017 17:43:57 Beate Jochem

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  • 52.5201126||13.404510699999946||

    Berlin, Saalfeld, Leipzig

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  • Story location Berlin, Saalfeld, Leipzig
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ID
15725 / 166540
Source
http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Karl Döbling
License
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/


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