Zeitungen aus der Kriegszeit 1914, item 28
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item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
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1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
_____________________________________________________________________________
Gerichtssaal.
Königliches Schöffengericht.
Der Japaner als Boxer. Der aus der Provinz Jakushima stam-
mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-
nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-
fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in
Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-
siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt
war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine
Magenverletzung davontrug. Die P. hatte einem Käufer einen kleinen
Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-
chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der
Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug
wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß
ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber
wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon
angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-
setzte. Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im
Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen
zu einem Arzt, der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August
kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-
stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute noch nicht
ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er
die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur
mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen
habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit
aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-
klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"
geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen
gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach
den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie
gar nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen
Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit
andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-
verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte
Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.
__________________________
ck. Der Kugelsegen. Aus München wird uns gemeldet: Sofort
nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker
einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage
von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an
Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die
Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-
gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-
segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest
überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-
ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.
_________________________________________________________________________
Aus der Geschäftswelt.
Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen. Um unseren Soldaten
im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,
ist folgende Einrichtung getroffen worden: Vom Roten Kreuz liegen in den
sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in
Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,
dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-
kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-
selben Sorte kostenlos dazuzugeben.
_________________________________________________________________________________
Unterricht.
Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag
4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-
meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und
Freitag von 4-5 Uhr im "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der
Turnhalle des Christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-
zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.
__________________________
Einen Abendkursus in Damenschneiderei und Wäsche veranstaltet die
Deutsche Schneider-Lehranstalt in Leipzig, Petersteinweg 10.
In dem Abendkursus wird die moderne Zuschneidekunst der gesamten Damen-
schneiderei und Weißnähen gelehrt für mäßiges Honorar. Die Leistungen dieser
Anstalt sind im ganzen deutschen Reiche bekannt. Ebenso ist die ständig wachsende
Schülerzahl und der gute Besuch selbst während der Kriegszeit der beste Be-
weis für eine gründliche Ausbildung und gute Behandlung der Teilnehmer. Der
Kursus beginnt am 1. Oktober. Rechtzeitige Anmeldung ist erforderlich. Aus-
kunft wird wochentags von 8 bis 6 Uhr unentgeltlich erteilt. Ebenso werden
Prospekte umsonst versandt.
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Wetterbericht nicht transkribiert.
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Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
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Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
_____________________________________________________________________________
Gerichtssaal.
Königliches Schöffengericht.
Der Japaner als Boxer. Der aus der Provinz Jakushima stam-
mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-
nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-
fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in
Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-
siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt
war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine
Magenverletzung davontrug. Die P. hatte einem Käufer einen kleinen
Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-
chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der
Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug
wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß
ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber
wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon
angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-
setzte. Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im
Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen
zu einem Arzt, der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August
kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-
stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute noch nicht
ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er
die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur
mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen
habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit
aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-
klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"
geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen
gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach
den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie
gar nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen
Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit
andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-
verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte
Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.
__________________________
ck. Der Kugelsegen. Aus München wird uns gemeldet: Sofort
nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker
einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage
von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an
Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die
Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-
gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-
segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest
überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-
ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.
_________________________________________________________________________
Aus der Geschäftswelt.
Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen. Um unseren Soldaten
im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,
ist folgende Einrichtung getroffen worden: Vom Roten Kreuz liegen in den
sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in
Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,
dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-
kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-
selben Sorte kostenlos dazuzugeben.
_________________________________________________________________________________
Unterricht.
Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag
4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-
meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und
Freitag von 4-5 Uhr im "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der
Turnhalle des Christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-
zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.
__________________________
Einen Abendkursus in Damenschneiderei und Wäsche veranstaltet die
Deutsche Schneider-Lehranstalt in Leipzig, Petersteinweg 10.
In dem Abendkursus wird die moderne Zuschneidekunst der gesamten Damen-
schneiderei und Weißnähen gelehrt für mäßiges Honorar. Die Leistungen dieser
Anstalt sind im ganzen deutschen Reiche bekannt. Ebenso ist die ständig wachsende
Schülerzahl und der gute Besuch selbst während der Kriegszeit der beste Be-
weis für eine gründliche Ausbildung und gute Behandlung der Teilnehmer. Der
Kursus beginnt am 1. Oktober. Rechtzeitige Anmeldung ist erforderlich. Aus-
kunft wird wochentags von 8 bis 6 Uhr unentgeltlich erteilt. Ebenso werden
Prospekte umsonst versandt.
____________________________________________________________________________________
Wetterbericht nicht transkribiert.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
_____________________________________________________________________________
Gerichtssaal.
Königliches Schöffengericht.
Der Japaner als Boxer. Der aus der Provinz Jakushima stam-
mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-
nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-
fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in
Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-
siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt
war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine
Magenverletzung davontrug. Die P. hatte einem Käufer einen kleinen
Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-
chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der
Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug
wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß
ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber
wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon
angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-
setzte. Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im
Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen
zu einem Arzt, der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August
kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-
stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute noch nicht
ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er
die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur
mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen
habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit
aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-
klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"
geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen
gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach
den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie
gar nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen
Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit
andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-
verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte
Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.
__________________________
ck. Der Kugelsegen. Aus München wird uns gemeldet: Sofort
nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker
einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage
von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an
Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die
Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-
gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-
segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest
überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-
ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.
_________________________________________________________________________
Aus der Geschäftswelt.
Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen. Um unseren Soldaten
im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,
ist folgende Einrichtung getroffen worden: Vom Roten Kreuz liegen in den
sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in
Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,
dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-
kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-
selben Sorte kostenlos dazuzugeben.
_________________________________________________________________________________
Unterricht.
Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag
4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-
meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und
Freitag von 4-5 Uhr im "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der
Turnhalle des Christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-
zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.
__________________________
Einen Abendkursus in Damenschneiderei und Wäsche veranstaltet die
Deutsche Schneider-Lehranstalt in Leipzig, Petersteinweg 10.
In dem Abendkursus wird die moderne Zuschneidekunst der gesamten Damen-
schneiderei und Weißnähen gelehrt für mäßiges Honorar. Die Leistungen dieser
Anstalt sind im ganzen deutschen Reiche bekannt. Ebenso ist die ständig wachsende
Schülerzahl und der gute Besuch selbst während der Kriegszeit der beste Be-
weis für eine gründliche Ausbildung und gute Behandlung der Teilnehmer. Der
Kursus beginnt am 1. Oktober. Rechtzeitige Anmeldung ist erforderlich. Aus-
kunft wird wochentags von 8 bis 6 Uhr unentgeltlich erteilt. Ebenso werden
Prospekte umsonst versandt.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
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Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
_____________________________________________________________________________
Gerichtssaal.
Königliches Schöffengericht.
Der Japaner als Boxer. Der aus der Provinz Jakushima stam-
mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-
nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-
fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in
Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-
siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt
war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine
Magenverletzung davontrug. Die P. hatte einem Käufer einen kleinen
Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-
chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der
Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug
wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß
ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber
wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon
angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-
setzte. Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im
Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen
zu einem Arzt, der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August
kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-
stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute noch nicht
ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er
die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur
mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen
habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit
aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-
klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"
geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen
gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach
den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie
gar nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen
Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit
andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-
verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte
Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.
__________________________
ck. Der Kugelsegen. Aus München wird uns gemeldet: Sofort
nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker
einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage
von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an
Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die
Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-
gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-
segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest
überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-
ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.
_________________________________________________________________________
Aus der Geschäftswelt.
Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen. Um unseren Soldaten
im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,
ist folgende Einrichtung getroffen worden: Vom Roten Kreuz liegen in den
sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in
Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,
dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-
kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-
selben Sorte kostenlos dazuzugeben.
_________________________________________________________________________________
Unterricht.
Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag
4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-
meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und
Freitag von 4-5 Uhr im "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der
Turnhalle des Christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-
zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.
__________________________
Einen Abendkursus in Damenschneiderei und Wäsche veranstaltet die
Deutsche Schneider-Lehranstalt in Leipzig, Petersteinweg 10.
In dem Abendkursus wird die moderne Zuschneidekunst der gesamten Damen-
schneiderei und Weißnähen gelehrt für mäßiges Honorar. Die Leistungen dieser
Anstalt sind im ganzen deutschen Reiche bekannt. Ebenso ist die ständig wachsende
Schülerzahl und der gute Besuch selbst während der Kriegszeit der beste Be-
weis für eine gründliche Ausbildung und gute Behandlung der Teulnehmer. Der
Kursus beginnt am 1. Oktober. Rechtzeitige Anmeldung ist erforderlich. Aus-
kunft wird wochentags von 8 bis 6 Uhr unentgeltlich erteilt. Ebenso werden
Prospekte umsonst versandt.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
_____________________________________________________________________________
Gerichtssaal.
Königliches Schöffengericht.
Der Japaner als Boxer. Der aus der Provinz Jakushima stam-
mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-
nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-
fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in
Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-
siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt
war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine
Magenverletzung davontrug. Die P. hatte einem Käufer einen kleinen
Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-
chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der
Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug
wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß
ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber
wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon
angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-
setzte. Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im
Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen
zu einem Arzt, der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August
kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-
stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute noch nicht
ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er
die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur
mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen
habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit
aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-
klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"
geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen
gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach
den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie
gar nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen
Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit
andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-
verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte
Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.
__________________________
ck. Der Kugelsegen. Aus München wird uns gemeldet: Sofort
nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker
einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage
von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an
Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die
Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-
gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-
segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest
überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-
ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.
_________________________________________________________________________
Aus der Geschäftswelt.
Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen. Um unseren Soldaten
im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,
ist folgende Einrichtung getroffen worden: Vom Roten Kreuz liegen in den
sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in
Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,
dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-
kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-
selben Sorte kostenlos dazuzugeben.
_________________________________________________________________________________
Unterricht.
Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag
4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-
meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und
Freitag von 4-5 Uhr im "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der
Turnhalle des Christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-
zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
_____________________________________________________________________________
Gerichtssaal.
Königliches Schöffengericht.
Der Japaner als Boxer. Der aus der Provinz Jakushima stam-
mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-
nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-
fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in
Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-
siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt
war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine
Magenverletzung davontrug. Die P. hatte einem Käufer einen kleinen
Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-
chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der
Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug
wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß
ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber
wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon
angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-
setzte. Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im
Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen
zu einem Arzt, der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August
kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-
stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute noch nicht
ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er
die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur
mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen
habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit
aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-
klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"
geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen
gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach
den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie
gar nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen
Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit
andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-
verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte
Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.
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ck. Der Kugelsegen. Aus München wird uns gemeldet: Sofort
nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker
einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage
von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an
Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die
Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-
gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-
segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest
überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-
ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.
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Aus der Geschäftswelt.
Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen. Um unseren Soldaten
im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,
ist folgende Einrichtung getroffen worden: Vom Roten Kreuz liegen in den
sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in
Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,
dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-
kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-
selben Sorte kostenlos dazuzugeben.
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Unterricht.
Die Exerzierschule von Wilh. Zörnitz, 1871 gegründet, hält heute nachmittag
4 Uhr ihre Michaelis-Prüfung im großen Saale des Buchhändlerhauses ab.An-
meldungen neuer Schüler für den Winter-Kursus diese Woche Mittwoch und
Freitag von 4-5 Uhr im "Bonerand" , ferner Sonnabend von 4-5 Uhr in der
Turnhalle des christlichen Vereins junger Männer, Johannisplatz 3, oder jeder-
zeit in de Wohnung Breitkopfstraße 20, I.
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item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
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1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
_____________________________________________________________________________
Gerichtssaal.
Königliches Schöffengericht.
Der Japaner als Boxer. Der aus der Provinz Jakushima stam-
mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-
nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-
fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in
Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-
siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt
war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine
Magenverletzung davontrug. Die P. hatte einem Käufer einen kleinen
Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-
chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der
Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug
wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß
ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber
wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon
angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-
setzte. Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im
Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen
zu einem Arzt, der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August
kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-
stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute noch nicht
ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er
die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur
mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen
habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit
aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-
klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"
geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen
gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach
den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie
gar nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen
Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit
andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-
verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte
Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.
__________________________
ck. Der Kugelsegen. Aus München wird uns gemeldet: Sofort
nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker
einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage
von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an
Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die
Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-
gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-
segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest
überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-
ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.
_________________________________________________________________________
Aus der Geschäftswelt.
Billige Beschaffung von Zigarren für unsere Truppen. Um unseren Soldaten
im Felde Zigarren auf vorteilhafte Weise in größeren Posten zukommen zu lassen,
ist folgende Einrichtung getroffen worden: Vom Roten Kreuz liegen in den
sämtlichen 12 Filialen der Zigarrenfabrik Gebrüder Felder in
Leipzig Geld-Sammellisten aus. Die Fa. Gebr. Felder hat sich verpflichtet,
dem Roten Kreuz bei der Lieferung der für die eingegangenen Beträge anzu-
kaufenden Zigarren auf jeden Posten von tausend Stück je 200 Stück der-
selben Sorte kostenlos dazuzugeben.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
_____________________________________________________________________________
Gerichtssaal.
Königliches Schöffengericht.
Der Japaner als Boxer. Der aus der Provinz Jakushima stam-
mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-
nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-
fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in
Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-
siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt
war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine
Magenverletzung davontrug. Die P. hatte einem Käufer einen kleinen
Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-
chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der
Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug
wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß
ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber
wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon
angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-
setzte. Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im
Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen
zu einem Arzt, der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August
kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-
stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute noch nicht
ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er
die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur
mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen
habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit
aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-
klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"
geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen
gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach
den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie
gar nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen
Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit
andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-
verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte
Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.
__________________________
ck. Der Kugelsegen. Aus München wird uns gemeldet: Sofort
nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker
einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage
von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an
Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die
Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-
gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-
segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest
überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-
ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.
_________________________________________________________________________
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
_____________________________________________________________________________
Gerichtssaal.
Königliches Schöffengericht.
Der Japaner als Boxer. Der aus der Provinz Jakushima stam-
mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-
nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-
fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in
Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-
siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt
war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine
Magenverletzung davontrug. Die P. hatte einem Käufer einen kleinen
Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-
chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der
Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug
wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß
ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber
wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon
angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-
setzte. Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im
Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen
zu einem Arzt, der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August
kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-
stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute noch nicht
ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er
die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur
mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen
habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit
aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-
klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"
geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen
gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach
den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie
gar nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen
Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit
andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-
verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte
Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.
__________________________
ck. Der Kugelsegen. Aus München wird uns gemeldet: Sofort
nach der Mobilmachung ließ der Münchener Naturheilkundige Stocker
einen "Kugelsegen" voll der verworrensten Sprüche in einer Auflage
von 1000 Stück herstellen, die er einzeln für 50 Pfennige und an
Wiederverkäufer für 30 Pfennige abgab. Der Polizei gelang es, die
Exemplare bis auf wenige zu beschlagnahmen. Vor dem Schöffen-
gericht behauptete Stocker, er sei von der Wirkung seines Kugel-
segens, den er aus einem alten Buche herausgeschrieben habe, fest
überzeugt. Das Gericht erkannte gegen Stocker wegen Verübung gro-
ben Unfugs auf eine Geldstrafe von 70 Mark.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
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Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
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Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
_____________________________________________________________________________
Gerichtssaal.
Königliches Schöffengericht.
Der Japaner als Boxer. Der aus der Provinz Jakushima stam-
mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-
nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-
fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in
Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-
siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt
war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine
Magenverletzung davontrug. Die P. hatte einem Käufer einen kleinen
Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-
chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der
Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug
wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß
ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber
wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon
angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-
setzte. Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im
Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen
zu einem Arzt, der sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August
kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-
stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute noch nicht
ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er
die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur
mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen
habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit
aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-
klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"
geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen
gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach
den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie
gar nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen
Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit
andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-
verletzung im Sinne von § 223 des Strafgesetzbuches, da die Verletzte
Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
_____________________________________________________________________________
Gerichtssaal.
Königliches Schöffengericht.
Der Japaner als Boxer. Der aus der Provinz Jakushima stam-
mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-
nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-
fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in
Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-
siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt
war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine
Magenverletzung davontrug. Die P. hatte einem Käufer einen kleinen
Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-
chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der
Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug
wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß
ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber
wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon
angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-
setzte. Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im
Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen
zu einem Arzt, er sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August
kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-
stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute noch nicht
ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er
die P. mit Faustschlägen traktiert habe, und behauptete, daß er sie nur
mit den beiden Händen von sich abgewährt [sic] habe, als sie ihm [sic] angestoßen
habe. Das als Zeugin vernommene Frl. B. [sic] versicherte aber mit
aller Bestimmtheit, daß der Japaner, der durch den Dolmetscher hatte er-
klären lassen, nicht Deutsch sprechen zu können, sie zunächst "Saukopf"
geschimpft habe und sie dann dreimal heftig mit den Fäusten vor den Magen
gestoßen habe. Sie sei vorher schon etwas magenleidend gewesen. Nach
den Schlägen das Angeklagten sei ihr ganz übel geworden, so daß sie
gar nichts habe essen können. Das Gericht verurteilte den brutalen
Japaner, der nach der Kriegserklärung Japans am 19. August mit
andern Landsleuten in Schutzhaft genommen worden ist, wegen Körper-
verletzung im Sinne von § 223 des Strafgestzbuches, da die Verletzte
Strafantrag gestellt hatte, zu zwei Monaten Gefängnis.
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item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
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1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
_____________________________________________________________________________
Gerichtssaal.
Königliches Schöffengericht.
Der Japaner als Boxer. Der aus der Provinz Jakushima stam-
mende 34jährige Massashigo Miura, der auf der "Bugra" im Japa-
nischen Dörfchen als Verkäufer tätig war, hatte sich jetzt wegen ge-
fährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht in
Leipzig zu verantworten. Er hatte am Abend des 22. Juli der Kas-
siererin P. , die ebenfalls in der Buchgewerbe-Ausstellung angestellt
war, drei so heftige Boxerstöße vor den Magen versetzt, daß sie eine
Magenverletzung davontrug. Die P. hatte einem Käufer einen kleinen
Aeroplan, ein Spielzeug, das in einem Stande des Japanischen Dörf-
chens zu haben war, zeigen wollen. Bei der Vorführung war der
Aeroplan zu Boden gefallen. Als die P. sich bückte, um das Spielzeug
wieder aufzuheben, stieß sie versehentlich den Angeklagten an, so daß
ihm die Zigarre aus dem Munde fiel und er darauf trat. Hierüber
wurde der Japaner so erbost, daß er dem jungen Mädchen, wie schon
angegeben, drei Boxerstöße mit der Faust in die Magengegend ver-
setzte. Die P. rechnete, da sie arge Schmerzen im
Magen verspürte, sofort ab und begab sich am nächsten Morgen
zu einem Arzt, er sie auf acht Tage krank schrieb. Am 11. August
kam die Kassiererin, da sich wiederum Magenschmerzen bei ihr ein-
stellten, aufs neue in ärztliche Behandlung. Sie ist heute noch nicht
ganz wieder hergestellt. Miura stellte vor Gericht in Abrede, daß er
die P. mit Faustschlägen traktiert habe,
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
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Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
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Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Königreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Linie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
Liebesgaben-Sammlung des deutschen Flotten-Vereins
Wie uns der Landesausschuß des Deutschen Flotten-Vereins für
das Könogreich Sachsen mitteilt, ist in Kiel eine Sammelstelle für Lie-
besgaben, die für die Kaiserliche Marine bestimmt sind, eingerichtet
worden. In erster Liie werden Spenden an Nahrungs-, Genuß- und
Stärkungsmitteln, ferner von Büchern und Zeitschriften erbeten. Die
Ortsverbände des Flotten-Vereins nehmen Gaben an und sorgen für
deren Weitersendung, auch können solche unter der Bezeichnung "Ma-
rine" direkt an die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Kiel, Düstern-
brooker Weg 70/90, abgeliefert werden.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie uns aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800 Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
Die Stadtverordneten von Landsberg (Warthe) bewilligten für die
Fleischversorgung der Stadt 70,000 Mark, für Familienunterstützung
außer den bereits bewilligten 20,000 weitere 30,000 Mark. - Die Hilfs-
vereinigung für die Angehörigen der zur Fahne Einberufenen des
Plauenschen Grundes hat, wie ums aus Dresden gemeldet wird,
die Unterstützung von 2200 Frauen mit rund 4000 Kindern übernom-
men, deren Ernährer im Feld stehen. Zahlreiche Industrielle und
wohlhabende Familien des Plauenschen Grundes haben Mittel und Na-
turalien hierfür zur Verfügung gestellt. - Der Fußballklub "Kickers"
in Stuttgart hat dem Roten Kreuz die Summe von 800Mark
überwiesen. - Wie aus Allenstein berichtet wird,hat die kaiser-
liche Gutsverwaltung Cadinen ein großes Automobil mit
Liebesgaben für die Ostarmee abgeschickt. - Eine für unsere wackeren
Krieger hochwillkommene Spende wurde dem Zentralkomitee vom
Roten Kreuz von der Neuapostolischen Gemeinde, Bezirk Berlin,
überwiesen. Von den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde sind 3000
Paar Strümpfe, 2000 Paar Pulswärmer und eine Reihe anderer nütz-
licher Gegenstände gesammelt.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
Gegen Not und Teuerung. -
Fürs Rote Kreuz.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
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Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
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Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
* *
*
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
"Der deutsche Infanterist hat zwei Hauptfehler: er ist zu
plump und bemüht, zu viel auf dem Buckel zu schleppen mit dem Er-
folg, daß er weder weit noch schnell marschieren kann.
3. Spalte
Dazu kommt auch noch der weitere Nachteil,wie bei unseren eigenen
Leuten nämlich, daß er reichlichen Proviant braucht, um überhaupt ge-
brauchsfähig zu sein. Der deutsche Soldat mangelt des Schmisses
der Franzosen, der Zähigkeit der Russen, des Fatalismus
der Türken oder der praktischen Anwendbarkeit
seines britischen Rivalen."
"Ein geringer Unterschied im Dienstalter berechtigt den Inhaber
irgendeines Ranges zum knechtischen Gehorsam aller Jün-
geren, und wehe dem Subalternoffizier, der nicht seinen Hauptmann
als Halbgott behandelt. Die Offiziere leben nicht am Offizierstisch
zusammen, und es gibt weder jene Kameradschaft und noch gutkamerad-
schaftliche Vertraulichkeit, welche ein britisches Regiment in eine glück-
liche Familie verwandelt. In Deutschland herrscht zwischen Offizieren
und Mannschaften stets nur Paradeton."
"Ich habe die deutsche Armee verglichen mit einer Maschine. Es
ist jedoch eine, in welcher alle Teile sich in einem immerwähren-
den Zustand gegenseitig ungeölter Reibung befinden."
"Deutschland mag fortfahren, sich so viel Dreadnoughts zu bauen,
als es sich leisten kann, Matrosen bilden kann es nicht."
Wenn man ein solches Urteil aus dem Munde eines Mannes hört,
der offenbar englischer Offizier ist und siebenmal deutsche Manöver
mitgemacht haben will, dann kann man sich freilich nicht mehr darüber
wundern, wie es in den Köpfen seiner Landsleute aussieht, die Deutsch-
land nie betreten haben.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen."
"Vollsaftige Statistiken und einige gut ausgewähltte
Höflichkeitskritiken haben genügt, Europa glauben zu machen,
daß die deutsche Armee die schönste, größte und prächtigste Kampf-
maschine der Welt sei."
"Die ganze Ausbildung des deutschen Soldaten ist bestimmt, die
Individualität auszurotten und die Soldatenbataillons und Brigaden
auf den Status des eisernen Automatismus herabzusetzen."
"Um nun auf unsere deutschen Legionen zurückzukommen. Sieben-
mal in den vergangenen zehn Jahren war ich bei ihren Manövern zu-
gegen. Die ungeheuren Truppenmassen und all das Gepränge und der
Umstand des Scheinkriegslebens machten großen Eindruck auf mich.
Aber nirgends habe ich je Manöver ausgeführt gesehen mit so wenig
Hinsicht auf die Möglichkeit modernen Kämpfens."
"Die deutsche Kavallerie erinnert mich immer an die Blei-
soldaten, mit welchen ich oft in meiner Kindheit spielte. Sie sehen
einfach prächtig aus und geben ihr Bestes, wenn sie einen unmög-
lichen Angriff liefern. Denn der Deutsche ist weder Reitersmann noch
Rittmeister. Wie ein Spötter steht er in der Verachtung."
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
Wie sich im Kopf eines Engländers
das deutsche Heer malt.
Als ein Zeichen der völligen Verblendung und Hilflosigkeit des
englischen Urteils über die deutschen Verhältnisse, besonders die mili-
tärischen, kann man einen Aufsatz betrachten, der noch nach dem Kriegs-
ausbruch, nämlich am 6. August, in der illustrierten Londoner Zeit-
schrift "The London" erschienen ist. Wir geben im folgenden die
einzelnen hervorstechendsten Stellen im Auszuge wieder:
"Es kann kein Zweifel sein, daß in militärischen Geschäften ebenso
kluge Reklame gemacht wird, wie in jedem Handel und Gewerbe.
Der Haupterfolg muß sein, einen guten Ruf zu bekommen und ihn
später durch sorgfältige Reklame erhalten zu suchen.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
FELDPOSTBRIEFE.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
* *
*
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
FELDPOSTBRIEFE.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
Am Abend hörte de Regen auf, da setzten sich die Dorfbewohner
vor ihre Häuser und freuten sich, wenn sie von unseren Soldaten ge-
grüßt wurden und die Kinder spielten. Zwei kleine Mädchen in eurem
Alter stolzierten mit ihren Sonnenschirmen umher und boten sie sogar
einem Soldaten an. Wir wollen hoffen, daß die armen Leute nun
endlich wieder zur Ruhe kommen, daß sie ihr Getreide einfahren und
ihre Wohnungen wieder in Ordnung bringen können.
Meine lieben Kinder, ich will Euch nichts weiter vom Kriege
schreiben, denn von so schrecklichen Sachen schweig man lieber. Ich
habe nur noch eine Bitte an Euch: Scheibt mir recht genau, was Ihr
jetzt in der Schule treibt. - - - -
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
FELDPOSTBRIEFE.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sich Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von ½ Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
FELDPOSTBRIEFE.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
Gestern zogen wir von Osten her in ein Dorf, das auch leer
war, ein, und von der anderen Seite kamen auf Leiterwagen oder
kleinen Karren die Dorfbewohner zurück. Ich stand gerade in einem
Hause mit etwa 10 Soldaten, die sic Kaffee kochten. Da hielt vor der
Tür ein Leiterwagen, auf dem Großvater, Großmutter, Vater, Mutter
und zwei Kinder von 2 und von 1/2 Jahre saßen. Sie fragen, ob sie
eintreten dürften, es sei ihr Haus. Da haben wir die Großmutter
gleich vom Wagen heruntergehoben und haben ihr Kaffee gegeben,
das tat ihr aber wohl; denn die Leute waren den ganzen Nachmittag
im strömenden Regen gefahren. Dann sagte uns der Großvater, er
wolle mit seiner Familie in die Schule ziehen, damit unsere Soldaten
Platz hätten, ich habe ihm aber geantwortet, sie sollten dableiben, die
Soldaten würden in der Scheine schlafen. Da hättet ihr mal die
Freude sehen sollen. Die Leute sagten, sie möchten auch Deutsche wer-
den, denn die Franzosen seien so schlecht mit ihnen gewesen: sie haben
alles zerschlagen, zerrissen, verbrannt, was ihnen in den Weg gekom-
men ist, haben die Leute gequält, ihnen das letzte Stück Brot und
Butter weggenommen. Und nun kamen unsere Soldaten und waren
ganz anders. Keiner nahm den Leuten etwas weg, sondern jeder be-
zahlte, was er brauchte. Wir haben sogar für Butter und Speck immer
mehr gegeben, als die Leute haben wollten.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
FELDPOSTBRIEFE.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. Die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schrecklich das sein muß für die Kleinsten
und für die ganz Alten.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
FELDPOSTBRIEFE.
Ein Leipziger Lehrer an seine Schülerinnen.
L., den 29. 8. 14.
Zur Veröffentlichung zugelassen von der Presseabteilung des
stellvertretenden Generalkommandos des 19. Armeekorps.
Meine lieben

Oft habe ich
an Euch gedacht und be-sonders lebhaft
nämlich in einem Dorfe inQuartser, in dem Kinder zu
waren, sogar Kinder beim Ball-spiele. Da habe ich an Debra
und unsere schönen Spielnachmittagedenken müssen und habe mich gefreut, daß unsere deutschen Kinder
nichts von dem schrecklichen Kriege merken, daß sie wie immer spielen
können. Das ist hier anders: Wir sind seit 10 Tagen immer durch
Dörfer gekommen, wo viele oder gar alle Häuser verbrannt, zer-
schossen oder irgendwie zerstört waren. die Leute waren natürlich mit
ihren Kindern geflohen. Wohin? In andere Dörfer oder gar in die
Wälder. Denkt Euch, wie schecklich das sein muß für die Kleinsen
und für die ganz Alten.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet.
Chalons, 3. Sept.
"Lieber Vater!
Ich habe soeben die Feuertaufe erhalten. Die Division ist bei-
nahe vernichtet. Wir kämpfen auf dem Rückzuge gegen Paris.
Ich habe alle Hoffnung für Frankreich verloren. Ich
befinde mich in guter Gesundheit und hoffe, daß mein Brief Dich
erreicht. Ich habe keine Nachrichten erhalten. Jean."
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Briefe darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Briefe sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
Division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. Einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet:
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
Chalons, . . . . .
". . . . . wir waren auf dem Truppenübungsplatz bei Chalons
("Camp de Chalons") angelangt und machten einige Stunden Halt. Da
brach ich einen an der Straße angebrachten Briefkasten auf und fand
eine ganze Anzahl von französischen Soldaten an ihre Verwandten
gerichtete Brief darin vor. Die Briefe trugen ganz neues Datum,
30. August, 1., 2. und 3. September; denn die vor uns fliehenden Fran-
zosen waren in der Tat erst einen oder zwei Tage vor uns hier durch-
gekommen. Etwa sechs dieser Brief sind nun sehr beredte Dokumente.
Sie zeigen, wie gründlich wir den Gegner bearbeitet haben. Von einer
division von ursprünglich 3250 Mann, schreibt ein Soldat, sind nur
noch etwa 250 Mann übrig, von einer Kompagnie von ursprünglich 250
Mann waren nach der neuesten Zählung noch 17 Mann vorhanden!
Die übrigen gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Unser
Feuer, Artillerie, wie Infanterie, soll ungeheure Wirkung gehabt haben.
Der eine schreibt, es sei schlimmer wie in einem Schlachthof
gewesen, der andere, daß die Kugeln wie ein Hagelwetter hereingeplatzt
wären, so daß sie mehrere Stunden im Feuer lagen, ohne selbst einen
einzigen Schuß abgeben zu können, da sie den Kopf nicht herauszustecken
wagten usw. einen von diesen Briefen habe ich abgeschrieben. Er
lautet:
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
Französische Feldpostbriefe.
Ein Leipziger Leser unseres Blattes hat von
einem Freunde, der mit seinem Regiment in
Chalons eingetroffen war, einen Feldpost-
brief erhalten, dem wir folgende interessante
Einzelheiten entnehmen:
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
* *
*
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten Tage kommen wir nach Elbing. Auf der ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
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item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
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1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten -tage kommen wir nach Elbing. Auf de ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche zusammen. Nach 7 Stun-
den kam ich bis Danzig.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
Am dritten -tage kommen wir nach Elbing. Auf de ganzen Fahrt sind
wir, bis auf kurze Unterbrechungen, an langen Flüchtlingskarawanen
vorübergefahren, die alle der Weichsel zustrebten. Von Elbing ver-
suchte ich einen Tag über vergebens mit der Bahn weiter zu gelangen.
Abends endlich kam ein bereits vollgepferchter Zug von Königsberg
nach Berlin durch. Auf dem Bahnsteig tausende von Wartenden! Ein
furchtbarer Kampf entspann sich an den Wagentüren; doch glückte es
mir noch hineinzukommen. Ein alter Herr wurde in meinem Abteil
ohnmächtig und starb, bevor der Zug abging. Seine alte Frau brach
in verzweifeltem Schmerz an seiner Leiche
nach Berlin durch.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach der Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
2. Spalte
einer für das Gepäck und eine Kutsche und wieder geht es um 3 Uhr
nachts in den grauenden Morgen hinaus, quer durch Ostpreußen. In
der ersten Nacht schlafen wir in einer Scheune der Grafschaft G. Um
3 Uhr früh weiter über Heilsberg und Wormditt, wo wir in einem
von dem Besitzer eben verlassenen Gut übernachten.
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item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
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1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden Morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach er Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
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1. Spalte
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
Die ganze Chaussee eine einzige Karawane von
Flüchtenden zu Fuß und zu Wagen. Dazwischen kilometerlang
Militär, meistens Artillerie.Auf den Feldern Biwakfeuer und hier
und da Evolutionen für das Gefecht am kommenden morgen. We-
nige Stunden nach uns wird hier die Schlacht wüten. In Gumbinnen
trennen wir uns. Ich benutze einen Rollwagen und erreiche auf einer
Kiste sitzend nach vielen Schwierigkeiten und Umwegen, da die Chaussee
auch hier dicht voll Fuhrwerken und Truppen ist, abends Insterburg.
Von da benutze ich die Bahn bis nach einem Gut hinter Gerdauen,
wo ich mich völlig sicher glaube. Nachdem sich dort in dem stillen
Schloßpark und dem Garten meine Nerven erholt haben, laufen be-
reits die beunruhigendsten Nachrichten ein und am nächsten Sonntag
müssen wir ebenfalls fliehen. Das Gut mit seinem rie-
sigen Viehbestand und seinen Erntevorräten muß verlassen werden, wie
es ist. Wir bleiben die Nacht über auf und legen uns die kürzeste
Route nach er Weichsel zurecht; dann werden zwei Wagen bespannt,
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
Wir hören der Stab und das Militär verließe die Stadt - also
es wird wohl zu Ende sein. - Nach einer halben Stunde tritt eine
Ordonnanz ins Lokal und sagt: "Meine Herren, machen Sie sich bereit,
die Stadt muß bis morgens geräumt werden!"
Nebenan liegt der Schwerverwundete - allein. Als wir ihm die
Nachricht bringen, hebt er sich röchelnd aus den Kissen: "Ach Gott,
nicht allein lassen - mitnehmen - ich lasse mich - nicht - von den
Hunde - umbringen!" Wohl jedem von uns preßte in diesem
Augenblick der Schmerz die Kehle zusammen. Wir versuchen ihn zu
beruhigen. Draußen werden zwei große Lastwagen bespannt, auf
denen wir und das Hotelpersonal nebst den notwendigsten Sachen
untergebracht werden. Auf den einen werden die Betten des Ver-
wundeten geworfen, der taumelnd vor Schwäche in eine Bettdecke ge-
hüllt herauskommt und röchelnd jammert: "Mitnehmen, mit-
nehmen!" - Der Augenblick wird mir immer vor den Blicken blei-
ben. - Als unser Fuhrwerk abfährt, saust ein Sanitätswagen vor-
über, den wir anhalten und anweisen, den Kranken mitzunehmen. -
Durch den grauenden Morgen fahren wir nach Gumbinnen.
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item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
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Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
Abends verbreitete sich die Nachricht, daß die Russen siegreich
zurückgewiesen seien und unsere Truppen über 3000 Gefangene gemacht
hätten. Dennoch beschloß ich mit mehreren Bekannten, die Nacht nicht
zur Ruhe zu gehen, da uns die Situation bedenklich erschien. Das
Straßenbild machte nach Einbruch der Dunkelheit einen schaurig ernsten
Eindruck. Auf dem Markt die Haufen der eingebrachten Russen, da-
zwischen Geschütze, umhersprengende Kavallerie, durcheinanderlaufende
Menschen; Kriegsautos sausten hin und her und warfen ihr grelles
Licht in das wilde Gewühl. Auf den Bürgersteigen lagen die aus
dem Gefecht gekommenen Soldaten neben- und übereinander in völliger
Erschöpfung. Ziemlich schweigsam saßen wir im Hotel bei einem
Glas Grog, wo wir so manchen Abend froh und sorglos gesessen. Wie
anders heute. Die Zimmer voll Militär, das müde, hungrig und
durstig war. Bier und Selter gab es nicht mehr, also wurde Wein
getrunken, nur den Durst wollte man löschen und die Nerven auf-
frischen. Auf einer Tragbahre brachte man einen durch einen Brust-
schuß verwundeten Oberleutnant ins Lokal, der bei jeder Bewegung
ächzte. - Die Wirtin schaffte Betten ins Nebenzimmer und ließ ihn
hineinlegen.
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Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
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Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittags erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
___________________________________________________________________________________________________________________________
Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
Am Sonntag, den 10. August, nachmittag erfreute uns eine Regi-
mentskapelle auf dem Marktplatze durch ein Promenadenkonzert - es
sollte das letzte gewesen sein. Am Montag früh entwickelte sich längs
der ganzen Grenze von Schirwindt bis Goldap, etwa 70 Kilometer,
eine heftige Schlacht. Ich beobachtete mit dem Fernglas an der ganzen
Front entlang das Platzen der Schrapnells, sah das Aufqualmen der
einschlagenden feindlichen Granaten, den Rauch der brennenden Ort-
schaften und hörte andauernden heftigen Kanonendonner. Der Kampf
hatte sich am Nachmittag bis auf etwa 3 Kilometer vor der Stadt aus-
gedehnt und die meisten Einwohner standen vor dem Tor und verfolgten
das Wüten der Schlacht. Dicht vor uns brannten bereits mehrere
Häuser und alles befand sich in bangster Erwartung. Als ich etwa um
3 Uhr vor der Tür unserer Buchhandlung stand, sah ich plötzlich die
Menschen in wildem Durcheinander jammernd in die
Stadt flüchten. Die ersten Granaten waren am Bahn-
hofe eingeschlagen. Auch jetzt glaubte ich noch nicht an das
Schlimmste. Für den äußersten Fall holte ich meinen Mantel und
meinen Rucksack mit einem Anzug und etwas Wäsche aus der Wohnung.
Eben sauste da wieder eine Granate quer über die Stadt. Ich blieb
ruhig und wollte den letzten Augenblick abwarten. Nach einer Stunde
hörte das Geschützfeuer bis auf vereinzelte Schüsse dicht vor der Stadt
auf. Als wir durch den Garten nach der Feldseite hinaus-
gingen um das Terrain nach der Grenze zu übersehen, fanden wir dort
zwei Mann mit einem Schwerverwundeten, dem wir Wasser ein-
flößten. Von den fünf Granaten, die, wie ich hörte, in die Stadt ge-
flogen waren, war keine krepiert. Sie waren sämtlich von
jenen berühmte, die mit Sand, statt Sprengstoff gefüllt
sind. Ich hatte dieses anfänglich für ein Märchen gehalten, mich aber
selbst von der Wahrheit überzeugt, als man die auf den Feldern liegen-
den Geschosse hereinbrachte und untersuchte.
-
item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
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Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
Wir beruhigten uns im Vertrauen auf die Tapferkeit unserer
Truppen, doch jeder Morgen brachte uns neue Schreckenskunden. Die
unaufhörlich durch unseren Ort flüchtenden Landbewohner gaben uns
grauenerregende Schilderungen. Die Russen kämen herüber, zün-
deten die Geschäfte an und schössen teilweise die Bewohner
ohne Gnade nieder. Als ich einen jungen Menschen, der neben
seinem Wagen stand, fragte, ob dies wahr sei, starrte er apatisch [sic] vor sich
hin, und erwiderte: ""Ja, auch meine beiden Brüder haben sie vor
meinen Augen erschossen!" - Kibarty war niedergebrannt, Eydtkuhnen
zur Hälfte. Nachts war der östliche Himmel rot von den brennenden
Ortschaften, tags stiegen die dunklen Rauchwolken längs der ganzen
Grenze empor. Das Bild unserer Stadt war bunt und unruhig. Die
Straßen voll Militär, der Marktplatz voll Artillerie und Feldküchen.
Fortwährend zogen Truppen durch oder kamen aus den Gefechten
zurück; die Einwohner eilten mit Wasser, Obst, Brot und Zigaretten aus
denn Häusern, die tapferen müden Jungen zu erfrischen.
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item 28
Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
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Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
Bereits am 1. August hören wir nachmittags, daß russische
Patrouillen die Grenze an verschiedenen Stellen unseres Kreises
überschritten hatten. Dank der Bravour unserer wackerer Ulanen wur-
den sie jedoch überall zurückgetrieben. Unsere Patrouillen waren
bald hier, bald dort und die Russen wurden dadurch anscheinend
über die Stärke unserer Kräfte getäuscht. Nun rückte
viel neues Militär heran; täglich zogen Truppenmassen durch unser
Städtchen und wurden freudig von uns begrüßt. In den ersten Tagen
kam es zu kleinen Patrouillenplänkeleien. Hier hatte ein Ulan zwei
Russen gespießt, die versuchten, die Telegraphenleitungen zu zerstören,
dort hatte einer sechs Kosaken erschossen usw. Von Eydtkuhnen hatten
die Russen bereits Besitz ergriffen, die Bewohner waren Hals über
Kopf geflüchtet, meistens nur die Kleider rettend, die sie anhatten. Noch
am Sonntag vorher hatte dort ein großes Sportfest stattgefunden, zu
dem auch viele Russen als Gäste anwesend waren. Wie schnell sich die
Lage verändert hatte! - Alle die großen zahlreichen Speditions-
firmen hatten - vielleicht für immer - aufgehört zu existieren.
Den Inhaber einer dieser großen Firmen, mit dem auch wir in lebhafter
Geschäftsverbindung gestanden hatten, faßte man bei Trakehnen mit
zwei Spionen - einem russischen und einem französi-
schen Offizier - in einem Auto ab. Sie sollen bald darauf stand-
rechtlich erschossen worden sein. Am Mittwoch kam es in Eydtkuhnen
und Karbaty zu einem größeren Gefecht. Darauf machten die Russen
über Goerithen einen Vorstoß gegen unsere Stadt. Wir hörten den
Donner des Gefechts, sahen den Rauch der in Brand geschossenen Ge-
höfte, das Explodieren der Schrapnells und das Aufblitzen der feind-
lichen Geschütze auf den Höhenzügen jenseits der Grenze. Durch das
Eingreifen unserer Artillerie wurde der Angriff zurückgewiesen.
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Nr. 261. 6. Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten. Sonntag, 20. September 1914.
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Fortsetzung aus der politischen Beilage.
Unsere letzten Tage in Stallupönen
und auf der Flucht vor den Russen.
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:
Wenn ich daran denke, daß wir vor drei Monaten in unserem
Städtchen völlig sorglos lebten und jetzt heimatlos in die Welt zerstreut
sind, daß unsere Heimstätte, von der ich seither auf keinem Wege mehr
irgend etwas erfahren konnte, nun wahrscheinlich verwüstet und geplün-
dert ist, erscheinen mir die letzten Wochen noch immer wie ein Traum,
an dessen furchtbare Wirklichkeit zu glauben, mir schwer wird. Wir
lebten in Stallupönen seit dem Tage der Mobilmachung in unausge-
setzter aufgeregter Spannung. Stallupönen liegt elf Kilometer von dem
Grenzort Eydtkuhnen, das nur durch die Zollgrenze von dem russischen
Kibarty getrennt ist. Es war uns sehr wohl bekannt, daß die Russ-
sen schon seit geraumer Zeit an der Grenze starke
Verschanzungen aufgeführt hatten und andauernd mehr
Truppen heranzogen. Bis zur Mobilmachung lag bei uns außer der
ständigen Garnison von zwei Schwadronen Ulanen kein Militär.
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- 15725 / 166540
- Contributor
- Karl Döbling
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