Kriegsgefangenen-Zeitschrift aus Ripon / Yorkshire, item 17

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            Praktische Aesthetik für das Weihnachtsfest des nächsten

                                                   Jahres.

   Heute, 10 Tage vor dem Feste, da bringe ich's noch kühlen Mutes

fertig, die allernüchternsten Betrachtungen über es anzustellen - selbst

auf die Gefahr hin, den empfindsamen Leser zu kränken; ja, ich kann es

nicht leugnen, einstweilen bereitet mir dieses Beginnen sogar eine Art

hämischen Vergnügens - ist der heilige Abend erst einmal da, dann vielleicht

packt auch mich die alte Rührung, ich finde alles wunderschön, und

mit zu später Reue werde ich dem Leser Recht geben müssen, nämlich wenn

er meint, dass so etwas wie das Folgende nimmermehr in eine Weihnachtsfestschrift

hineingehört.

   Ganz gewiss ist es eine wunderschöne deutsche Sitte, Weihnachten unterm Tannenbaum

zu feiern und in seinem Lichterglanz die Gaben aufzubauen; und wenn

sie immer mehr auch im Ausland Anklang findet, so kann uns das wahrhaftig

nur freuen. Aber hoffentlich übernimmt es mit dem echten Kern nicht

zugleich die - ja, ich muss es deutlich sagen: die Geschmacksgreuel [sic], die sich bei

uns rund um den Weihnachtsbaum breit machen und in seinem Schutze

alljährlich ihre Auferstehung feiern.

   Öffnen wir doch, kurz entschlossen, heute schon diese grosse Kiste,

in der jede Familie den Weihnachtsputz aufbewahrt, und prüfen wir einmal

im Grau des Alltags ihren Inhalt, mag es auch ein Unrecht scheinen,

so an diese durch die Überlieferung geheiligten Dinge zu rühren. Unsere Mutter

hat sie wohl von den Tagen ihrer Kindheit her treu bewahrt; köstliche

Erinnerungen an selig-schöne Feste bei ihren Eltern knüpfen sich


 rechte Seite 

ihr an jeden einzelnen Gegenstand, und sie freut sich, dass die eigenen

Kinder mit gleicher Liebe daran hängen. Wir ehren im Stillen diese Gefühle,

sind aber gerad' heute nicht in der Stimmung, uns ihnen unterzuordnen.

   Also die Kiste! Obenauf liegt das "Transparent" - der Name so hässlich

wie das Ding selbst - so ein dunkelbuntes Bild der Geburt Christi, das

durch ein dahintergestelltes flackerndes Licht zu grellem Scheinleben erweckt

wird.

   Der deutsche Vater im 15. oder 16. Jahrhundert - das können wir uns

getrost, ohne allzuviel Phantasie aufzuwenden, vorstellen -, der mag Weihnachten

seine Kinder bei der Hand genommen und in die Kirche geführt haben, wo farbenglühende

Bilder vom Altar herniederleuchteten, - es braucht durchaus

kein Schongauer, Dürer oder Altdorfer gewesen zu sein und würde uns Heutigen

doch ein wundersames Meisterwerk altdeutscher Kunst dünken - und hier

hat dieser Vater die heiligen Geschichten in Bildern erklärt, und die Kinder

haben ernst aufgeschaut, und ein Hauch der grossen deutschen Seele

hat sie kräftig angeweht. - Unsern Kindern bringt die Beziehung zu dem

heiligen Geschehen das "Transparent" -! Wenn es wenigstens ein Abglanz jener

Kunst wäre, der die Darstellung der biblischen Geschichte nach innerstes Erlebnis

war, aber nicht einmal das; in der Regel bringt es eine süßlich-kitschige, ganz

und gar undeutsche Fassung der Geburt, die in [wirklicher 1.]  Deverdenz  von irgend

einem Nazarener abstammen mag. Reiche Leute halten sich ein plastisches Krippenbild,

eine von oben her künstlich beleuchtete Grotte mit vielen  Einzelfiguren 

aus gebranntem Ton, trotz allem phantastisch-bunten Aufputz eine

recht armselige Maskerade, die der deutschen Art, biblische Geschichte zu

erleben, noch fremder als das transparente Bild gegenübersteht und letzten

Endes eine hanebüchene Entartung der feinen Neapolitaner Krippenfiguren

des 18. Jahrhunderts darstellt, bei denen das Gefallen an der künstlerischen

Form über die äusserlich-spielerische Auffassung des heiligen

Mysteriums hinweghalf.

1. winkelzügiger


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            Praktische Aesthetik für das Weihnachtsfest des nächsten

                                                   Jahres.

   Heute, 10 Tage vor dem Feste, da bringe ich's noch kühlen Mutes

fertig, die allernüchternsten Betrachtungen über es anzustellen - selbst

auf die Gefahr hin, den empfindsamen Leser zu kränken; ja, ich kann es

nicht leugnen, einstweilen bereitet mir dieses Beginnen sogar eine Art

hämischen Vergnügens - ist der heilige Abend erst einmal da, dann vielleicht

packt auch mich die alte Rührung, ich finde alles wunderschön, und

mit zu später Reue werde ich dem Leser Recht geben müssen, nämlich wenn

er meint, dass so etwas wie das Folgende nimmermehr in eine Weihnachtsfestschrift

hineingehört.

   Ganz gewiss ist es eine wunderschöne deutsche Sitte, Weihnachten unterm Tannenbaum

zu feiern und in seinem Lichterglanz die Gaben aufzubauen; und wenn

sie immer mehr auch im Ausland Anklang findet, so kann uns das wahrhaftig

nur freuen. Aber hoffentlich übernimmt es mit dem echten Kern nicht

zugleich die - ja, ich muss es deutlich sagen: die Geschmacksgreuel [sic], die sich bei

uns rund um den Weihnachtsbaum breit machen und in seinem Schutze

alljährlich ihre Auferstehung feiern.

   Öffnen wir doch, kurz entschlossen, heute schon diese grosse Kiste,

in der jede Familie den Weihnachtsputz aufbewahrt, und prüfen wir einmal

im Grau des Alltags ihren Inhalt, mag es auch ein Unrecht scheinen,

so an diese durch die Überlieferung geheiligten Dinge zu rühren. Unsere Mutter

hat sie wohl von den Tagen ihrer Kindheit her treu bewahrt; köstliche

Erinnerungen an selig-schöne Feste bei ihren Eltern knüpfen sich


 rechte Seite 

ihr an jeden einzelnen Gegenstand, und sie freut sich, dass die eigenen

Kinder mit gleicher Liebe daran hängen. Wir ehren im Stillen diese Gefühle,

sind aber gerad' heute nicht in der Stimmung, uns ihnen unterzuordnen.

   Also die Kiste! Obenauf liegt das "Transparent" - der Name so hässlich

wie das Ding selbst - so ein dunkelbuntes Bild der Geburt Christi, das

durch ein dahintergestelltes flackerndes Licht zu grellem Scheinleben erweckt

wird.

   Der deutsche Vater im 15. oder 16. Jahrhundert - das können wir uns

getrost, ohne allzuviel Phantasie aufzuwenden, vorstellen -, der mag Weihnachten

seine Kinder bei der Hand genommen und in die Kirche geführt haben, wo farbenglühende

Bilder vom Altar herniederleuchteten, - es braucht durchaus

kein Schongauer, Dürer oder Altdorfer gewesen zu sein und würde uns Heutigen

doch ein wundersames Meisterwerk altdeutscher Kunst dünken - und hier

hat dieser Vater die heiligen Geschichten in Bildern erklärt, und die Kinder

haben ernst aufgeschaut, und ein Hauch der grossen deutschen Seele

hat sie kräftig angeweht. - Unsern Kindern bringt die Beziehung zu dem

heiligen Geschehen das "Transparent" -! Wenn es wenigstens ein Abglanz jener

Kunst wäre, der die Darstellung der biblischen Geschichte nach innerstes Erlebnis

war, aber nicht einmal das; in der Regel bringt es eine süßlich-kitschige, ganz

und gar undeutsche Fassung der Geburt, die in [wirklicher 1.]  Deverdenz  von irgend

einem Nazarener abstammen mag. Reiche Leute halten sich ein plastisches Krippenbild,

eine von oben her künstlich beleuchtete Grotte mit vielen  Einzelfiguren 

aus gebranntem Ton, trotz allem phantastisch-bunten Aufputz eine

recht armselige Maskerade, die der deutschen Art, biblische Geschichte zu

erleben, noch fremder als das transparente Bild gegenübersteht und letzten

Endes eine hanebüchene Entartung der feinen Neapolitaner Krippenfiguren

des 18. Jahrhunderts darstellt, bei denen das Gefallen an der künstlerischen

Form über die äusserlich-spielerische Auffassung des heiligen

Mysteriums hinweghalf.

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  • May 20, 2018 19:45:50 Beate Jochem

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                                                       Jahres.

       Heute, 10 Tage vor dem Feste, da bringe ich's noch kühlen Mutes

    fertig, die allernüchternsten Betrachtungen über es anzustellen - selbst

    auf die Gefahr hin, den empfindsamen Leser zu kränken; ja, ich kann es

    nicht leugnen, einstweilen bereitet mir dieses Beginnen sogar eine Art

    hämischen Vergnügens - ist der heilige Abend erst einmal da, dann vielleicht

    packt auch mich die alte Rührung, ich finde alles wunderschön, und

    mit zu später Reue werde ich dem Leser Recht geben müssen, nämlich wenn

    er meint, dass so etwas wie das Folgende nimmermehr in eine Weihnachtsfestschrift

    hineingehört.

       Ganz gewiss ist es eine wunderschöne deutsche Sitte, Weihnachten unterm Tannenbaum

    zu feiern und in seinem Lichterglanz die Gaben aufzubauen; und wenn

    sie immer mehr auch im Ausland Anklang findet, so kann uns das wahrhaftig

    nur freuen. Aber hoffentlich übernimmt es mit dem echten Kern nicht

    zugleich die - ja, ich muss es deutlich sagen: die Geschmacksgreuel [sic], die sich bei

    uns rund um den Weihnachtsbaum breit machen und in seinem Schutze

    alljährlich ihre Auferstehung feiern.

       Öffnen wir doch, kurz entschlossen, heute schon diese grosse Kiste,

    in der jede Familie den Weihnachtsputz aufbewahrt, und prüfen wir einmal

    im Grau des Alltags ihren Inhalt, mag es auch ein Unrecht scheinen,

    so an diese durch die Überlieferung geheiligten Dinge zu rühren. Unsere Mutter

    hat sie wohl von den Tagen ihrer Kindheit her treu bewahrt; köstliche

    Erinnerungen an selig-schöne Feste bei ihren Eltern knüpfen sich


     rechte Seite 

    ihr an jeden einzelnen Gegenstand, und sie freut sich, dass die eigenen

    Kinder mit gleicher Liebe daran hängen. Wir ehren im Stillen diese Gefühle,

    sind aber gerad' heute nicht in der Stimmung, uns ihnen unterzuordnen.

       Also die Kiste! Obenauf liegt das "Transparent" - der Name so hässlich

    wie das Ding selbst - so ein dunkelbuntes Bild der Geburt Christi, das

    durch ein dahintergestelltes flackerndes Licht zu grellem Scheinleben erweckt

    wird.

       Der deutsche Vater im 15. oder 16. Jahrhundert - das können wir uns

    getrost, ohne allzuviel Phantasie aufzuwenden, vorstellen -, der mag Weihnachten

    seine Kinder bei der Hand genommen und in die Kirche geführt haben, wo farbenglühende

    Bilder vom Altar herniederleuchteten, - es braucht durchaus

    kein Schongauer, Dürer oder Altdorfer gewesen zu sein und würde uns Heutigen

    doch ein wundersames Meisterwerk altdeutscher Kunst dünken - und hier

    hat dieser Vater die heiligen Geschichten in Bildern erklärt, und die Kinder

    haben ernst aufgeschaut, und ein Hauch der grossen deutschen Seele

    hat sie kräftig angeweht. - Unsern Kindern bringt die Beziehung zu dem

    heiligen Geschehen das "Transparent" -! Wenn es wenigstens ein Abglanz jener

    Kunst wäre, der die Darstellung der biblischen Geschichte nach innerstes Erlebnis

    war, aber nicht einmal das; in der Regel bringt es eine süßlich-kitschige, ganz

    und gar undeutsche Fassung der Geburt, die in [wirklicher 1.]  Deverdenz  von irgend

    einem Nazarener abstammen mag. Reiche Leute halten sich ein plastisches Krippenbild,

    eine von oben her künstlich beleuchtete Grotte mit vielen  Einzelfiguren 

    aus gebranntem Ton, trotz allem phantastisch-bunten Aufputz eine

    recht armselige Maskerade, die der deutschen Art, biblische Geschichte zu

    erleben, noch fremder als das transparente Bild gegenübersteht und letzten

    Endes eine hanebüchene Entartung der feinen Neapolitaner Krippenfiguren

    des 18. Jahrhunderts darstellt, bei denen das Gefallen an der künstlerischen

    Form über die äusserlich-spielerische Auffassung des heiligen

    Mysteriums hinweghalf.

    1. winkelzügiger


  • May 20, 2018 19:29:59 Beate Jochem

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                Praktische Aesthetik für das Weihnachtsfest des nächsten

                                                       Jahres.

       Heute, 10 Tage vor dem Feste, da bringe ich's noch kühlen Mutes

    fertig, die allernüchternsten Betrachtungen über es anzustellen - selbst

    auf die Gefahr hin, den empfindsamen Leser zu kränken; ja, ich kann es

    nicht leugnen, einstweilen bereitet mir dieses Beginnen sogar eine Art

    hämischen Vergnügens - ist der heilige Abend erst einmal da, dann vielleicht

    packt auch mich die alte Rührung, ich finde alles wunderschön, und

    mit zu später Reue werde ich dem Leser Recht geben müssen, nämlich wenn

    er meint, dass so etwas wie das Folgende nimmermehr in eine Weihnachtsfestschrift

    hineingehört.

       Ganz gewiss ist es eine wunderschöne deutsche Sitte, Weihnachten unterm Tannenbaum

    zu feiern und in seinem Lichterglanz die Gaben aufzubauen; und wenn

    sie immer mehr auch im Ausland Anklang findet, so kann uns das wahrhaftig

    nur freuen. Aber hoffentlich übernimmt es mit dem echten Kern nicht

    zugleich die - ja, ich muss es deutlich sagen: die Geschmacksgreuel [sic], die sich bei

    uns rund um den Weihnachtsbaum breit machen und in seinem Schutze

    alljährlich ihre Auferstehung feiern.

       Öffnen wir doch, kurz entschlossen, heute schon diese grosse Kiste,

    in der jede Familie den Weihnachtsputz aufbewahrt, und prüfen wir einmal

    im Grau des Alltags ihren Inhalt, mag es auch ein Unrecht scheinen,

    so an diese durch die Überlieferung geheiligten Dinge zu rühren. Unsere Mutter

    hat sie wohl von den Tagen ihrer Kindheit her treu bewahrt; köstliche

    Erinnerungen an selig-schöne Feste bei ihren Eltern knüpfen sich


     rechte Seite 

    ihr an jeden einzelnen Gegenstand, und sie freut sich, dass die eigenen

    Kinder mit gleicher Liebe daran hängen. Wir ehren im Stillen diese Gefühle,

    sind aber gerad' heute nicht in der Stimmung, uns ihnen unterzuordnen.

       Also die Kiste! Obenauf liegt das "Transparent" - der Mann so hässlich

    wie das Ding selbst - so ein dunkelbuntes Bild der Geburt Christi, das

    durch ein dahintergestelltes flackerndes Licht zu grellen Scheinleben erweckt

    wird.

       Der deutsche Vater im 15. oder 16. Jahrhundert - das können wir uns

    getrost, ohne allzuviel Phantasie aufzuwenden, vorstellen -, der mag Weihnachten

    seine Kinder bei der Hand genommen und in die Kirche geführt haben, wo farbenglühende

    Bilder vom Altar herniederleuchteten, - es braucht durchaus

    kein Schongauer, Dürer oder Alterdorfer gewesen zu sein und würde uns Heutigen

    doch ein wundersames Meisterwerk altdeutscher Kunst dünken - und hier

    hat dieser Vater die heiligen Geschichten in Bildern erklärt, und die Kinder

    haben ernst aufgeschaut, und ein Hauch der grossen deutschen Seele

    hat sie kräftig angeweht. - Unsern Kindern bringt die Beziehung zu dem

    heiligen Geschehen das "Transparent" -! Wenn es wenigstens ein Abglanz jener

    Kunst wäre, der die Darstellung der biblischen Geschichte nach innerstes Erlebnis

    war, aber nicht einmal das; in der Regel bringt es eine süßlich-kitzelige, ganz

    und gar undeutsche Fassung der Geburt, die in [wirklicher 1.]  Besandenz  von irgend

    einem Nazarener abstammen mag. Reiche Sinte halten sich ein plastischs Krippenbild,

    eine von oben her künstlich behuchtete Grotte mit vielen  Einzelfiguren 

    aus gebranntem Ton, trotz allem phanastisch-bunten Aufputz eine

    recht armselige Maskerade, die der deutschen Art, biblische Geschichte zu

    erleben, noch freuder als das transparents Bild gegenübersteht und letzten

    Endes eine hanebüchene Entartung der feinen Neapolitaner Krippenfiguren

    des 18. Jahrhunderts darstellt, bei denen das Gefallen an der künstlerischen

    Form über die äusserlich-spielerische Auffassung des heiligen

    Mysteriums hinweghalf.

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  • April 3, 2018 14:12:20 Chrissie Lutze

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    Praktische Aesthetik für das Weihnachtsfest des nächsten

    Jahres.

       Heute, 10 Tage vor dem Feste, da bringe ich's noch kühlen Mutes

    fertig, die aller nüchtensten Betrachtungen über es anzustellen - selbst

    auf die Gefahr hin, den empfindsamen Leser zu kränken; ja, ich kann es

    nicht leugnen, einstweilen bereitet mir dieses Beginnen sogar eine Art

    hämischen Vergnügens - ist der heilige Abend erst einmal da, dann vielleicht

    packt auch mich die alte Rührung, ich finde alles wunderschön, und

    mit zu später Reue werde ich dem Leser Recht geben müssen, nämlich wenn

    er meint, dass so etwas wie das Folgende nimmermehr in eine Weihnachtsfestschrift

    hineingehört.

       Ganz gewiss ist es eine wunderschöne deutsche Sitte, Weihnacten unterm Tannenbaum

    zu feiern und in seinem Lichterglanz die Gaben aufzubauen; und wenn

    sie immer mehr auch im Ausland Anklang findet, so kann uns das wahrhaftig

    nur freuen. Aber hoffentlich übernimmt es mit dem echten Kern nicht

    zugleich die - ja, ich muss es deutlich sagen: die Geschmacks geuel , die sich bei

    uns rund um den Weihnachtsbaum breit machen und in seinem Schutze

    alljährlich ihre Auferstehung feiern.

       Öffnen wir doch, kurz entschlossen, heute schon diese grosse Kiste,

    in der jede Familie den Weihnachtsputz aufbewahrt, und prüfen wir einmal

    im Grau des Alltags ihren Inhalt, mag es auch ein Unrecht scheinen,

    so an diese durch die Überlieferung geheiligten Dinge zu rühren. Unsere Mutter

    hat sie wohl von den Tagen ihrer Kindheit her treu bewahrt; köstliche

    Erinnerungen an selig-schöne Feste bei ihren Eltern knüpfen sich


     rechte Seite 

    ihr an jeden einzelnen Gegenstand, und sie freut sich, dass die eigenen

    Kinder mit gleicher Liebe daran hängen. Wir ehren im Stillen diese Gefühle,

    sind aber gerad' heute nicht in der Stimmung, uns ihnen unterzuordnen.

       Also die Kiste! Obenauf liegt das "Transparent" - der Mann so hässlich

    wie das Ding selbst - so ein dunkelbuntes Bild der Geburt Christi, das

    durch ein dahintergestelltes flackerndes Licht zu grellen Scheinleben erweckt

    wird.

       Der deutsche Vater im 15. oder 16. Jahrhundert - das können wir uns

    getrost, ohne allzuviel Phantasie aufzuwenden, vorstellen -, der mag Weihnachten

    seine Kinder bei der Hand genommen und in die Kirche geführt haben, wo farbenglühende

    Bilder vom Altar herniederleuchteten, - es braucht durchaus

    kein Schongauer, Dürer oder Alterdorfer gewesen zu sein und würde uns Heutigen

    doch ein wundersames Meisterwerk altdeutscher Kunst dünken - und hier

    hat dieser Vater die heiligen Geschichten in Bildern erklärt, und die Kinder

    haben ernst aufgeschaut, und ein Hauch der grossen deutschen Seele

    hat sie kräftig angeweht. - Unsern Kindern bringt die Beziehung zu dem

    heiligen Geschehen das "Transparent" -! Wenn es wenigstens ein Abglanz jener

    Kunst wäre, der die Darstellung der biblischen Geschichte nach innerstes Erlebnis

    war, aber nicht einmal das; in der Regel bringt es eine süßlich-kitzelige, ganz

    und gar undeutsche Fassung der Geburt, die in [wirklicher 1.]  Besandenz  von irgend

    einem Nazarener abstammen mag. Reiche Sinte halten sich ein plastischs Krippenbild,

    eine von oben her künstlich behuchtete Grotte mit vielen  Einzelfiguren 

    aus gebranntem Ton, trotz allem phanastisch-bunten Aufputz eine

    recht armselige Maskerade, die der deutschen Art, biblische Geschichte zu

    erleben, noch freuder als das transparents Bild gegenübersteht und letzten

    Endes eine hanebüchene Entartung der feinen Neapolitaner Krippenfiguren

    des 18. Jahrhunderts darstellt, bei denen das Gefallen an der künstlerischen

    Form über die äusserlich-spielerische Auffassung des heiligen

    Mysteriums hinweghalf.

    1. winkelzügiger



  • April 3, 2018 14:11:23 Chrissie Lutze

     linke Seite 

    Praktische Aesthetik für das Weihnachtsfest des nächsten

    Jahres.

    Heute, 10 Tage vor dem Feste, da bringe ich's noch kühlen Mutes

    fertig, die aller nüchtensten Betrachtungen über es anzustellen - selbst

    auf die Gefahr hin, den empfindsamen Leser zu kränken; ja, ich kann es

    nicht leugnen, einstweilen bereitet mir dieses Beginnen sogar eine Art

    hämischen Vergnügens - ist der heilige Abend erst einmal da, dann vielleicht

    packt auch mich die alte Rührung, ich finde alles wunderschön, und

    mit zu später Reue werde ich dem Leser Recht geben müssen, nämlich wenn

    er meint, dass so etwas wie das Folgende nimmermehr in eine Weihnachtsfestschrift

    hineingehört.

    Ganz gewiss ist es eine wunderschöne deutsche Sitte, Weihnacten unterm Tannenbaum

    zu feiern und in seinem Lichterglanz die Gaben aufzubauen; und wenn

    sie immer mehr auch im Ausland Anklang findet, so kann uns das wahrhaftig

    nur freuen. Aber hoffentlich übernimmt es mit dem echten Kern nicht

    zugleich die - ja, ich muss es deutlich sagen: die Geschmacks geuel , die sich bei

    uns rund um den Weihnachtsbaum breit machen und in seinem Schutze

    alljährlich ihre Auferstehung feiern.

    Öffnen wir doch, kurz entschlossen, heute schon diese grosse Kiste,

    in der jede Familie den Weihnachtsputz aufbewahrt, und prüfen wir einmal

    im Grau des Alltags ihren Inhalt, mag es auch ein Unrecht scheinen,

    so an diese durch die Überlieferung geheiligten Dinge zu rühren. Unsere Mutter

    hat sie wohl von den Tagen ihrer Kindheit her treu bewahrt; köstliche

    Erinnerungen an selig-schöne Feste bei ihren Eltern knüpfen sich


     rechte Seite 

    ihr an jeden einzelnen Gegenstand, und sie freut sich, dass die eigenen

    Kinder mit gleicher Liebe daran hängen. Wir ehren im Stillen diese Gefühle,

    sind aber gerad' heute nicht in der Stimmung, uns ihnen unterzuordnen.

    Also die Kiste! Obenauf liegt das "Transparent" - der Mann so hässlich

    wie das Ding selbst - so ein dunkelbuntes Bild der Geburt Christi, das

    durch ein dahintergestelltes flackerndes Licht zu grellen Scheinleben erweckt

    wird.

    Der deutsche Vater im 15. oder 16. Jahrhundert - das können wir uns

    getrost, ohne allzuviel Phantasie aufzuwenden, vorstellen -, der mag Weihnachten

    seine Kinder bei der Hand genommen und in die Kirche geführt haben, wo farbenglühende

    Bilder vom Altar herniederleuchteten, - es braucht durchaus

    kein Schongauer, Dürer oder Alterdorfer gewesen zu sein und würde uns  Henligen 

    doch ein wundersames Meisterwerk altdeutscher Kunst dünken - und hier

    hat dieser Vater die heiligen Geschichten in Bildern erklärt, und die Kinder

    haben ernst aufgeschaut, und ein Hauch der grossen deutschen Seele

    hat sie kräftig angeweht. - Unsern Kindern bringt die Beziehung zu dem

    heiligen Geschehen das "Transparent" -! Wenn es wenigstens ein Abglanz jener

    Kunst wäre, der die Darstellung der biblischen Geschichte nach innerstes Erlebnis

    war, aber nicht einmal das; in der Regel bringt es eine süßlich-kitzelige, ganz

    und gar undeutsche Fassung der Geburt, die in [wirklicher 1.]  Besandenz  von irgend

    einem Nazarener abstammen mag. Reiche Sinte halten sich ein plastischs Krippenbild,

    eine von oben her künstlich behuchtete Grotte mit vielen  Einzelfiguren 

    aus gebranntem Ton, trotz allem phanastisch-bunten Aufputz eine

    recht armselige Maskerade, die der deutschen Art, biblische Geschichte zu

    erleben, noch freuder als das transparents Bild gegenübersteht und letzten

    Endes eine hanebüchene Entartung der feinen Neapolitaner Krippenfiguren

    des 18. Jahrhunderts darstellt, bei denen das Gefallen an der künstlerischen

    Form über die äusserlich-spielerische Auffassung des heiligen

    Mysteriums hinweghalf.

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  • April 3, 2018 14:10:38 Chrissie Lutze

     linke Seite 

    Praktische Aesthetik für das Weihnachtsfest des nächsten

    Jahres.

    Heute, 10 Tage vor dem Feste, da bringe ich's noch kühlen Mutes

    fertig, die aller nüchtensten Betrachtungen über es anzustellen - selbst

    auf die Gefahr hin, den empfindsamen Leser zu kränken; ja, ich kann es

    nicht leugnen, einstweilen bereitet mir dieses Beginnen sogar eine Art

    hämischen Vergnügens - ist der heilige Abend erst einmal da, dann vielleicht

    packt auch mich die alte Rührung, ich finde alles wunderschön, und

    mit zu später Reue werde ich dem Leser Recht geben müssen, nämlich wenn

    er meint, dass so etwas wie das Folgende nimmermehr in eine Weihnachtsfestschrift

    hineingehört.

    Ganz gewiss ist es eine wunderschöne deutsche Sitte, Weihnacten unterm Tannenbaum

    zu feiern und in seinem Lichterglanz die Gaben aufzubauen; und wenn

    sie immer mehr auch im Ausland Anklang findet, so kann uns das wahrhaftig

    nur freuen. Aber hoffentlich übernimmt es mit dem echten Kern nicht

    zugleich die - ja, ich muss es deutlich sagen: die Geschmacks geuel , die sich bei

    uns rund um den Weihnachtsbaum breit machen und in seinem Schutze

    alljährlich ihre Auferstehung feiern.

    Öffnen wir doch, kurz entschlossen, heute schon diese grosse Kiste,

    in der jede Familie den Weihnachtsputz aufbewahrt, und prüfen wir einmal

    im Grau des Alltags ihren Inhalt, mag es auch ein Unrecht scheinen,

    so an diese durch die Überlieferung geheiligten Dinge zu rühren. Unsere Mutter

    hat sie wohl von den Tagen ihrer Kindheit her treu bewahrt; köstliche

    Erinnerungen an selig-schöne Feste bei ihren Eltern knüpfen sich


     rechte Seite 

    ihr an jeden einzelnen Gegenstand, und sie freut sich, dass die eigenen

    Kinder mit gleicher Liebe daran hängen. Wir ehren im Stillen diese Gefühle,

    sind aber gerad' heute nicht in der Stimmung, uns ihnen unterzuordnen.

    Also die Kiste! Obenauf liegt das "Transparent" - der Mann so hässlich

    wie das Ding selbst - so ein dunkelbuntes Bild der Geburt Christi, das

    durch ein dahintergestelltes flackerndes Licht zu grellen Scheinleben erweckt

    wird.

    Der deutsche Vater im 15. oder 16. Jahrhundert - das können wir uns

    getrost, ohne allzuviel Phantasie aufzuwenden, vorstellen -, der mag Weihnachten

    seine Kinder bei der Hand genommen und in die Kirche geführt haben, wo farbenglühende

    Bilder vom Altar herniederleuchteten, - es braucht durchaus

    kein Schongauer, Dürer oder Alterdorfer gewesen zu sein und würde uns  Henligen 

    doch ein wundersames Meisterwerk altdeutscher Kunst dünken - und hier

    hat dieser Vater die heiligen Geschichten in Bildern erklärt, und die Kinder

    haben ernst aufgeschaut, und ein Hauch der grossen deutschen Seele

    hat sie kräftig angeweht. - Unsern Kindern bringt die Beziehung zu dem

    heiligen Geschehen das "Transparent" -! Wenn es wenigstens ein Abglanz jener

    Kunst wäre, der die Darstellung der biblischen Geschichte nach innerstes Erlebnis

    war, aber nicht einmal das; in der Regel bringt es eine süßlich-kitzelige, ganz

    und gar undeutsche Fassung der Geburt, die in [wirklicher 1.]  Besandenz  von irgend

    einem  Nazauner  abstammen mag. Reiche Sinte halten sich ein plastischs Krippenbild,

    eine von oben her künstlich behuchtete Grotte mit vielen  Einzelfiguren 

    aus gebranntem Ton, trotz allem phanastisch-bunten Aufputz eine

    recht armselige Maskerade, die der deutschen Art, biblische Geschichte zu

    erleben, noch freuder als das transparents Bild gegenübersteht und letzten

    Endes eine hanebüchene Entartung der feinen Neapolitaner Krippenfiguren

    des 18. Jahrhunderts darstellt, bei denen das Gefallen an der künstlerischen

    Form über die äusserlich-spielerische Auffassung des heiligen

    Mysteriums hinweghalf.

    1. winkelzügiger



  • April 3, 2018 14:08:11 Chrissie Lutze

     linke Seite 

    Praktische Aesthetik für das Weihnachtsfest des nächsten

    Jahres.

    Heute, 10 Tage vor dem Feste, da bringe ich's noch kühlen Mutes

    fertig, die aller nüchtensten Betrachtungen über es anzustellen - selbst

    auf die Gefahr hin, den empfindsamen Leser zu kränken; ja, ich kann es

    nicht leugnen, einstweilen bereitet mir dieses Beginnen sogar eine Art

    hämischen Vergnügens - ist der heilige Abend erst einmal da, dann vielleicht

    packt auch mich die alte Rührung, ich finde alles wunderschön, und

    mit zu später Reue werde ich dem Leser Recht geben müssen, nämlich wenn

    er meint, dass so etwas wie das Folgende nimmermehr in eine Weihnachtsfestschrift

    hineingehört.

    Ganz gewiss ist es eine wunderschöne deutsche Sitte, Weihnacten unterm Tannenbaum

    zu feiern und in seinem Lichterglanz die Gaben aufzubauen; und wenn

    sie immer mehr auch im Ausland Anklang findet, so kann uns das wahrhaftig

    nur freuen. Aber hoffentlich übernimmt es mit dem echten Kern nicht

    zugleich die - ja, ich muss es deutlich sagen: die Geschmacks geuel , die sich bei

    uns rund um den Weihnachtsbaum breit machen und in seinem Schutze

    alljährlich ihre Auferstehung feiern.

    Öffnen wir doch, kurz entschlossen, heute schon diese grosse Kiste,

    in der jede Familie den Weihnachtsputz aufbewahrt, und prüfen wir einmal

    im Grau des Alltags ihren Inhalt, mag es auch ein Unrecht scheinen,

    so an diese durch die Überlieferung geheiligten Dinge zu rühren. Unsere Mutter

    hat sie wohl von den Tagen ihrer Kindheit her treu bewahrt; köstliche

    Erinnerungen an selig-schöne Feste bei ihren Eltern knüpfen sich


     rechte Seite 

    ihr an jeden einzelnen Gegenstand, und sie freut sich, dass die eigenen

    Kinder mit gleicher Liebe daran hängen. Wir ehren im Stillen diese Gefühle,

    sind aber gerad' heute nicht in der Stimmung, uns ihnen unterzuordnen.

    Also die Kiste! Obenauf liegt das "Transparent" - der Mann so hässlich

    wie das Ding selbst - so ein dunkelbuntes Bild der Geburt Christi, das

    durch ein dahintergestelltes flackerndes Licht zu grellen Scheinleben erweckt

    wird.

    Der deutsche Vater im 15. oder 16. Jahrhundert - das können wir uns

    getrost, ohne allzuviel Phantasie aufzuwenden, vorstellen -, der mag Weihnachten

    seine Kinder bei der Hand genommen und in die Kirche geführt haben, wo farbenglühende

    Bilder vom Altar herniederleuchteten, - es braucht durchaus

    kein Schongauer, Dürer oder Alterdorfer gewesen zu sein und würde uns  Henligen 

    doch ein wundersames Meisterwerk altdeutscher Kunst dünken - und hier

    hat dieser Vater die heiligen Geschichten in Bildern erklärt, und die Kinder

    haben ernst aufgeschaut, und ein Hauch der grossen deutschen Seele

    hat sie kräftig angeweht. - Unsern Kindern bringt die Beziehung zu dem

    heiligen Geschehen das "Transparent" -! Wenn es wenigstens ein Abglanz jener

    Kunst wäre, der die Darstellung der biblischen Geschichte nach innerstes Erlebnis

    war, aber nicht einmal das; in der Regel bringt es eine süßlich-kitzelige, ganz

    und gar undeutsche Fassung der Geburt, die in [wirklicher]  Besemdenz  von irgend

    einem  Nazauner  abstammen mag. Reiche Sinte halten sich ein plastischs Krippenbild,

    eine von oben her künstlich behuchtete Grotte mit vielen  Einzelfiguren 

    aus gebranntem Ton, trotz allem phanastisch-bunten Aufputz eine

    recht armselige Maskerade, die der deutschen Art, biblische Geschichte zu

    erleben, noch freuder als das transparents Bild gegenübersteht und letzten

    Endes eine hanebüchene Entartung der feinen Neapolitaner Krippenfiguren

    des 18. Jahrhunderts darstellt, bei denen das Gefallen an der künstlerischen

    Form über die äusserlich-spielerische Auffassung des heiligen

    Mysteriums hinweghalf.

    1. winkelzügiger



  • April 3, 2018 14:08:07 Chrissie Lutze

     linke Seite 

    Praktische Aesthetik für das Weihnachtsfest des nächsten

    Jahres.

    Heute, 10 Tage vor dem Feste, da bringe ich's noch kühlen Mutes

    fertig, die aller nüchtensten Betrachtungen über es anzustellen - selbst

    auf die Gefahr hin, den empfindsamen Leser zu kränken; ja, ich kann es

    nicht leugnen, einstweilen bereitet mir dieses Beginnen sogar eine Art

    hämischen Vergnügens - ist der heilige Abend erst einmal da, dann vielleicht

    packt auch mich die alte Rührung, ich finde alles wunderschön, und

    mit zu später Reue werde ich dem Leser Recht geben müssen, nämlich wenn

    er meint, dass so etwas wie das Folgende nimmermehr in eine Weihnachtsfestschrift

    hineingehört.

    Ganz gewiss ist es eine wunderschöne deutsche Sitte, Weihnacten unterm Tannenbaum

    zu feiern und in seinem Lichterglanz die Gaben aufzubauen; und wenn

    sie immer mehr auch im Ausland Anklang findet, so kann uns das wahrhaftig

    nur freuen. Aber hoffentlich übernimmt es mit dem echten Kern nicht

    zugleich die - ja, ich muss es deutlich sagen: die Geschmacks geuel , die sich bei

    uns rund um den Weihnachtsbaum breit machen und in seinem Schutze

    alljährlich ihre Auferstehung feiern.

    Öffnen wir doch, kurz entschlossen, heute schon diese grosse Kiste,

    in der jede Familie den Weihnachtsputz aufbewahrt, und prüfen wir einmal

    im Grau des Alltags ihren Inhalt, mag es auch ein Unrecht scheinen,

    so an diese durch die Überlieferung geheiligten Dinge zu rühren. Unsere Mutter

    hat sie wohl von den Tagen ihrer Kindheit her treu bewahrt; köstliche

    Erinnerungen an selig-schöne Feste bei ihren Eltern knüpfen sich


     rechte Seite 

    ihr an jeden einzelnen Gegenstand, und sie freut sich, dass die eigenen

    Kinder mit gleicher Liebe daran hängen. Wir ehren im Stillen diese Gefühle,

    sind aber gerad' heute nicht in der Stimmung, uns ihnen unterzuordnen.

    Also die Kiste! Obenauf liegt das "Transparent" - der Mann so hässlich

    wie das Ding selbst - so ein dunkelbuntes Bild der Geburt Christi, das

    durch ein dahintergestelltes flackerndes Licht zu grellen Scheinleben erweckt

    wird.

    Der deutsche Vater im 15. oder 16. Jahrhundert - das können wir uns

    getrost, ohne allzuviel Phantasie aufzuwenden, vorstellen -, der mag Weihnachten

    seine Kinder bei der Hand genommen und in die Kirche geführt haben, wo farbenglühende

    Bilder vom Altar herniederleuchteten, - es braucht durchaus

    kein Schongauer, Dürer oder Alterdorfer gewesen zu sein und würde uns  Henligen 

    doch ein wundersames Meisterwerk altdeutscher Kunst dünken - und hier

    hat dieser Vater die heiligen Geschichten in Bildern erklärt, und die Kinder

    haben ernst aufgeschaut, und ein Hauch der grossen deutschen Seele

    hat sie kräftig angeweht. - Unsern Kindern bringt die Beziehung zu dem

    heiligen Geschehen das "Transparent" -! Wenn es wenigstens ein Abglanz jener

    Kunst wäre, der die Darstellung der biblischen Geschichte nach innerstes Erlebnis

    war, aber nicht einmal das; in der Regel bringt es eine süßlich-kitzelige, ganz

    und gar undeutsche Fassung der Geburt, die in [wirklicher]  Besemdenz  von irgend

    einem  Nazauner  abstammen mag. Reiche Sinte halten sich ein plastischs Krippenbild,

    eine von oben her künstlich behuchtete Grotte mit vielen  Einzelfiguren 

    aus gebranntem Ton, trotz allem phanastisch-bunten Aufputz eine

    recht armselige Maskerade, die der deutschen Art, biblische Geschichte zu

    erleben, noch freuder als das transparents Bild gegenübersteht und letzten

    Endes eine hanebüchene Entartung der feinen Neapolitaner Krippenfiguren

    des 18. Jahrhunderts darstellt, bei denen das Gefallen an der künstlerischen

    Form über die äusserlich-spielerische Auffassung des heiligen

    Mysteriums hinweghalf.

    1. winkelzügiger




  • April 3, 2018 14:02:06 Chrissie Lutze

     linke Seite 

    Praktische Aesthetik für das Weihnachtsfest des nächsten

    Jahres.

    Heute, 10 Tage vor dem Feste, da bringe ich's noch kühlen Mutes

    fertig, die aller nüchtensten Betrachtungen über es anzustellen - selbst

    auf die Gefahr hin, den empfindsamen Leser zu kränken; ja, ich kann es

    nicht leugnen, einstweilen bereitet mir dieses Beginnen sogar eine Art

    hämischen Vergnügens - ist der heilige Abend erst einmal da, dann vielleicht

    packt auch mich die alte Rührung, ich finde alles wunderschön, und

    mit zu später Reue werde ich dem Leser Recht geben müssen, nämlich wenn

    er meint, dass so etwas wie das Folgende nimmermehr in eine Weihnachtsfestschrift

    hineingehört.

    Ganz gewiss ist es eine wunderschöne deutsche Sitte, Weihnacten unterm Tannenbaum

    zu feiern und in seinem Lichterglanz die Gaben aufzubauen; und wenn

    sie immer mehr auch im Ausland Anklang findet, so kann uns das wahrhaftig

    nur freuen. Aber hoffentlich übernimmt es mit dem echten Kern nicht

    zugleich die - ja, ich muss es deutlich sagen: die Geschmacks geuel , die sich bei

    uns rund um den Weihnachtsbaum breit machen und in seinem Schutze

    alljährlich ihre Auferstehung feiern.

    Öffnen wir doch, kurz entschlossen, heute schon diese grosse Kiste,

    in der jede Familie den Weihnachtsputz aufbewahrt, und prüfen wir einmal

    im Grau des Alltags ihren Inhalt, mag es auch ein Unrecht scheinen,

    so an diese durch die Überlieferung geheiligten Dinge zu rühren. Unsere Mutter

    hat sie wohl von den Tagen ihrer Kindheit her treu bewahrt; köstliche

    Erinnerungen an selig-schöne Feste bei ihren Eltern knüpfen sich


     rechte Seite 

    ihr an jeden einzelnen Gegenstand, und sie freut sich, dass die eigenen

    Kinder mit gleicher Liebe daran hängen. Wir ehren im Stillen diese Gefühle,

    sind aber gerad' heute nicht in der Stimmung, uns ihnen unterzuordnen.

    Also die Kiste! Obenauf liegt das "Transparent" - der Mann so hässlich

    wie das Ding selbst - so ein dunkelbuntes Bild der Geburt Christi, das

    durch ein dahintergestelltes flackerndes Licht zu grellen Scheinleben erweckt

    wird.

    Der deutsche Vater im 15. oder 16. Jahrhundert - das können wir uns

    getrost, ohne allzuviel Phantasie aufzuwenden, vorstellen -, der mag Weihnachten

    seine Kinder bei der Hand genommen und in die Kirche geführt haben, wo farbenglühende

    Bilder vom Altar herniederleuchteten, - es braucht durchaus

    kein Schongauer, Dürer oder Alterdorfer gewesen zu sein und würde uns  Henligen 

    doch ein wundersames Meisterwerk altdeutscher Kunst dünken - und hier

    hat dieser Vater die heiligen Geschichten in Bildern erklärt, und die Kinder

    haben ernst aufgeschaut, und ein Hauch der grossen deutschen Seele

    hat sie kräftig angeweht. - Unsern Kindern bringt die Beziehung zu dem

    heiligen Geschehen das "Transparent" -! Wenn es wenigstens ein Abglanz jener

    Kunst wäre, der die Darstellung der biblischen Geschichte nach innerstes Erlebnis





  • April 3, 2018 13:58:01 Chrissie Lutze

     linke Seite 

    Praktische Aesthetik für das Weihnachtsfest des nächsten

    Jahres.

    Heute, 10 Tage vor dem Feste, da bringe ich's noch kühlen Mutes

    fertig, die aller nüchtensten Betrachtungen über es anzustellen - selbst

    auf die Gefahr hin, den empfindsamen Leser zu kränken; ja, ich kann es

    nicht leugnen, einstweilen bereitet mir dieses Beginnen sogar eine Art

    hämischen Vergnügens - ist der heilige Abend erst einmal da, dann vielleicht

    packt auch mich die alte Rührung, ich finde alles wunderschön, und

    mit zu später Reue werde ich dem Leser Recht geben müssen, nämlich wenn

    er meint, dass so etwas wie das Folgende nimmermehr in eine Weihnachtsfestschrift

    hineingehört.

    Ganz gewiss ist es eine wunderschöne deutsche Sitte, Weihnacten unterm Tannenbaum

    zu feiern und in seinem Lichterglanz die Gaben aufzubauen; und wenn

    sie immer mehr auch im Ausland Anklang findet, so kann uns das wahrhaftig

    nur freuen. Aber hoffentlich übernimmt es mit dem echten Kern nicht

    zugleich die - ja, ich muss es deutlich sagen: die Geschmacks geuel , die sich bei

    uns rund um den Weihnachtsbaum breit machen und in seinem Schutze

    alljährlich ihre Auferstehung feiern.

    Öffnen wir doch, kurz entschlossen, heute schon diese grosse Kiste,

    in der jede Familie den Weihnachtsputz aufbewahrt, und prüfen wir einmal

    im Grau des Alltags ihren Inhalt, mag es auch ein Unrecht scheinen,

    so an diese durch die Überlieferung geheiligten Dinge zu rühren. Unsere Mutter

    hat sie wohl von den Tagen ihrer Kindheit her treu bewahrt; köstliche

    Erinnerungen an selig-schöne Feste bei ihren Eltern knüpfen sich


     rechte Seite 

    ihr an jeden einzelnen Gegenstand, und sie freut sich, dass die eigenen

    Kinder mit gleicher Liebe daran hängen. Wir ehren im Stillen diese Gefühle,

    sind aber gerad' heute nicht in der Stimmung, uns ihnen unterzuordnen.

    Also die Kiste! Obenauf liegt das "Transparent" - der Mann so hässlich

    wie das Ding selbst - so ein dunkelbuntes Bild der Geburt Christi, das

    durch ein dahintergestelltes flackerndes Licht zu grellen Scheinleben erweckt

    wird.

    Der deutsche Vater im 15. oder 16. Jahrhundert - das können wir uns

    getrost, ohne allzuviel Phantasie aufzuwenden, vorstellen -, der mag Weihnachten

    seine Kinder bei der Hand genommen und in die Kirche geführt haben, wo farbenglühende

    Bilder vom Altar herniederleuchteten, - es braucht durchaus

    kein Schongauer, Dürer oder Alterdorfer gewesen zu sein und würde uns  Henligen 

    doch ein wundersames Meisterwerk altdeutscher Kunst dünken - und hier






  • April 3, 2018 13:55:02 Chrissie Lutze

     linke Seite 

    Praktische Aesthetik für das Weihnachtsfest des nächsten

    Jahres.

    Heute, 10 Tage vor dem Feste, da bringe ich's noch kühlen Mutes

    fertig, die aller nüchtensten Betrachtungen über es anzustellen - selbst

    auf die Gefahr hin, den empfindsamen Leser zu kränken; ja, ich kann es

    nicht leugnen, einstweilen bereitet mir dieses Beginnen sogar eine Art

    hämischen Vergnügens - ist der heilige Abend erst einmal da, dann vielleicht

    packt auch mich die alte Rührung, ich finde alles wunderschön, und

    mit zu später Reue werde ich dem Leser Recht geben müssen, nämlich wenn

    er meint, dass so etwas wie das Folgende nimmermehr in eine Weihnachtsfestschrift

    hineingehört.

    Ganz gewiss ist es eine wunderschöne deutsche Sitte, Weihnacten unterm Tannenbaum

    zu feiern und in seinem Lichterglanz die Gaben aufzubauen; und wenn

    sie immer mehr auch im Ausland Anklang findet, so kann uns das wahrhaftig

    nur freuen. Aber hoffentlich übernimmt es mit dem echten Kern nicht

    zugleich die - ja, ich muss es deutlich sagen: die Geschmacks geuel , die sich bei

    uns rund um den Weihnachtsbaum breit machen und in seinem Schutze

    alljährlich ihre Auferstehung feiern.

    Öffnen wir doch, kurz entschlossen, heute schon diese grosse Kiste,

    in der jede Familie den Weihnachtsputz aufbewahrt, und prüfen wir einmal

    im Grau des Alltags ihren Inhalt, mag es auch ein Unrecht scheinen,

    so an diese durch die Überlieferung geheiligten Dinge zu rühren. Unsere Mutter

    hat sie wohl von den Tagen ihrer Kindheit her treu bewahrt; köstliche

    Erinnerungen an selig-schöne Feste bei ihren Eltern knüpfen sich


     rechte Seite 

    ihr an jeden einzelnen Gegenstand, und sie freut sich, dass die eigenen

    Kinder mit gleicher Liebe daran hängen. Wir ehren im Stillen diese Gefühle,

    sind aber gerad' heute nicht in der Stimmung, uns ihnen unterzuordnen.

    Also die Kiste! Obenauf liegt das "Transparent" - der Mann so hässlich

    wie das Ding selbst - so ein dunkelbuntes Bild der Geburt Christi, das

    durch ein dahintergestelltes flackerndes Licht zu grellen Scheinleben erweckt

    wird.

    Der deutsche Vater






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  • 54.1387805||-1.5242118||

    Ripon / Yorkshire (Groß-Britannien)

    ||1
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  • Story location Ripon / Yorkshire (Groß-Britannien)
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ID
1342 / 12579
Source
http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Elke und Rainer Kruse
License
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/


Aug, 1919
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