"Mein Lebensbericht" von Kurt Wilhelm Keßler, item 11

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in die Tiefe. Vielleicht hatte mich das Schicksal aufgespart. So nahm ich denn sofort an, als mir von Bataillon mitgereilt wurde, daß ich mich am 1.3.1915 in Zeithein melden solle. Der Zufall wollte es aber wieder, daß der Ersatz für die Funker selbst, durch einen Transport am Vortage, vollzählig wurde und so reichte es nur "zum Fernsprecher" oder wie man damals sagte "zum Telegraphisten".

Es waren ausnahmsweise kalte Märztage, als ich die Kenntnisse im Reiten erhielt. Es hatte mich zu den Pferden verschlagen. Mein feuriger Renner, der mir zugeteilt wurde, war der größte im Stall, ein dickleibiger, uralter Rotschimmel. "Napoleon" war sein stolzer Name. Ein Kunststück für sich, auf das steigbügellose Pferd hinaufzukommen. Die schweren Reitstiefel hingen wie Blei an den Füßen. Ich war doch sonst körperlich gar nicht so ungewandt, aber trotzdem war ich froh, als ich mit gütiger Unterstützung des Herrn Unteroffiziers endlich im Sattel saß. Um ein Haar wäre ich auf der anderen Seite gelandet. Einen stolzen Anblick mag ich damals wahrscheinlich nicht geboten haben. Aber im Schritt ging es noch leidlich. Bei dem Kommando "im Arbeitstempo trab", behagte aber meinem Renner die Schrittgeschwindigkeit seiner Artgenossen wenig und bald hing ich meterweit hinterher. Der neckische Zuruf des Reitlehrers : "Kerl, ich schmeiße Dir eine Handvoll Reitbahn in die Fresse" und die nachfolgende Ausführung dieser Ankündigung, erschreckten Roß und Reiter. Ein paar Galoppsprünge und ich baumelte, festgeklammert an den Pferdehals, zwischen den Vorderbeinen meiner Rosinante. Aber später lernte ich doch noch kennen, daß das höchste Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde zu finden sei, immer vorausgesetzt, daß man sie nicht selbst zu füttern und zu putzen braucht. Morgens um 1/2 4 Uhr Tagwacht und dann im Stall Striche auf die Stallgasse mit dem Strigel zu klopfen, bringt wenig Begeisterung für den Reitsport. Freude bereitete uns die Verlegung vom Truppenübungsplatz in die neuerbaute Kaserne nach Dresden-Übigau. Mit einem Handpferd an der Hand, bewältigten wir im ersten großen Ritt die 60 km lange Strecke.

Dann kamen die ersten Verlegungen ins Feld. Wir waren 6 Wochen ausgebildet worden, dünkten uns als "alte Knochen" und sahen mit Geringschätzung auf die "patschnassen" Rekruten der letzten Tage.

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in die Tiefe. Vielleicht hatte mich das Schicksal aufgespart. So nahm ich denn sofort an, als mir von Bataillon mitgereilt wurde, daß ich mich am 1.3.1915 in Zeithein melden solle. Der Zufall wollte es aber wieder, daß der Ersatz für die Funker selbst, durch einen Transport am Vortage, vollzählig wurde und so reichte es nur "zum Fernsprecher" oder wie man damals sagte "zum Telegraphisten".

Es waren ausnahmsweise kalte Märztage, als ich die Kenntnisse im Reiten erhielt. Es hatte mich zu den Pferden verschlagen. Mein feuriger Renner, der mir zugeteilt wurde, war der größte im Stall, ein dickleibiger, uralter Rotschimmel. "Napoleon" war sein stolzer Name. Ein Kunststück für sich, auf das steigbügellose Pferd hinaufzukommen. Die schweren Reitstiefel hingen wie Blei an den Füßen. Ich war doch sonst körperlich gar nicht so ungewandt, aber trotzdem war ich froh, als ich mit gütiger Unterstützung des Herrn Unteroffiziers endlich im Sattel saß. Um ein Haar wäre ich auf der anderen Seite gelandet. Einen stolzen Anblick mag ich damals wahrscheinlich nicht geboten haben. Aber im Schritt ging es noch leidlich. Bei dem Kommando "im Arbeitstempo trab", behagte aber meinem Renner die Schrittgeschwindigkeit seiner Artgenossen wenig und bald hing ich meterweit hinterher. Der neckische Zuruf des Reitlehrers : "Kerl, ich schmeiße Dir eine Handvoll Reitbahn in die Fresse" und die nachfolgende Ausführung dieser Ankündigung, erschreckten Roß und Reiter. Ein paar Galoppsprünge und ich baumelte, festgeklammert an den Pferdehals, zwischen den Vorderbeinen meiner Rosinante. Aber später lernte ich doch noch kennen, daß das höchste Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde zu finden sei, immer vorausgesetzt, daß man sie nicht selbst zu füttern und zu putzen braucht. Morgens um 1/2 4 Uhr Tagwacht und dann im Stall Striche auf die Stallgasse mit dem Strigel zu klopfen, bringt wenig Begeisterung für den Reitsport. Freude bereitete uns die Verlegung vom Truppenübungsplatz in die neuerbaute Kaserne nach Dresden-Übigau. Mit einem Handpferd an der Hand, bewältigten wir im ersten großen Ritt die 60 km lange Strecke.

Dann kamen die ersten Verlegungen ins Feld. Wir waren 6 Wochen ausgebildet worden, dünkten uns als "alte Knochen" und sahen mit Geringschätzung auf die "patschnassen" Rekruten der letzten Tage.


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  • September 27, 2017 21:02:14 Roberta Toscano

    in die Tiefe. Vielleicht hatte mich das Schicksal aufgespart. So nahm ich denn sofort an, als mir von Bataillon mitgereilt wurde, daß ich mich am 1.3.1915 in Zeithein melden solle. Der Zufall wollte es aber wieder, daß der Ersatz für die Funker selbst, durch einen Transport am Vortage, vollzählig wurde und so reichte es nur "zum Fernsprecher" oder wie man damals sagte "zum Telegraphisten".

    Es waren ausnahmsweise kalte Märztage, als ich die Kenntnisse im Reiten erhielt. Es hatte mich zu den Pferden verschlagen. Mein feuriger Renner, der mir zugeteilt wurde, war der größte im Stall, ein dickleibiger, uralter Rotschimmel. "Napoleon" war sein stolzer Name. Ein Kunststück für sich, auf das steigbügellose Pferd hinaufzukommen. Die schweren Reitstiefel hingen wie Blei an den Füßen. Ich war doch sonst körperlich gar nicht so ungewandt, aber trotzdem war ich froh, als ich mit gütiger Unterstützung des Herrn Unteroffiziers endlich im Sattel saß. Um ein Haar wäre ich auf der anderen Seite gelandet. Einen stolzen Anblick mag ich damals wahrscheinlich nicht geboten haben. Aber im Schritt ging es noch leidlich. Bei dem Kommando "im Arbeitstempo trab", behagte aber meinem Renner die Schrittgeschwindigkeit seiner Artgenossen wenig und bald hing ich meterweit hinterher. Der neckische Zuruf des Reitlehrers : "Kerl, ich schmeiße Dir eine Handvoll Reitbahn in die Fresse" und die nachfolgende Ausführung dieser Ankündigung, erschreckten Roß und Reiter. Ein paar Galoppsprünge und ich baumelte, festgeklammert an den Pferdehals, zwischen den Vorderbeinen meiner Rosinante. Aber später lernte ich doch noch kennen, daß das höchste Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde zu finden sei, immer vorausgesetzt, daß man sie nicht selbst zu füttern und zu putzen braucht. Morgens um 1/2 4 Uhr Tagwacht und dann im Stall Striche auf die Stallgasse mit dem Strigel zu klopfen, bringt wenig Begeisterung für den Reitsport. Freude bereitete uns die Verlegung vom Truppenübungsplatz in die neuerbaute Kaserne nach Dresden-Übigau. Mit einem Handpferd an der Hand, bewältigten wir im ersten großen Ritt die 60 km lange Strecke.

    Dann kamen die ersten Verlegungen ins Feld. Wir waren 6 Wochen ausgebildet worden, dünkten uns als "alte Knochen" und sahen mit Geringschätzung auf die "patschnassen" Rekruten der letzten Tage.


  • September 27, 2017 20:53:43 Roberta Toscano

    in die Tiefe. Vielleicht hatte mich das Schicksal aufgespart. So nahm ich denn sofort an, als mir von Bataillon mitgereilt wurde, daß ich mich am 1.3.1915 in Zeithein melden solle. Der Zufall wollte es aber wieder, daß der Ersatz für die Funker selbst, durch einen Transport am Vortage, vollzählig wurde und so reichte es nur "zum Fernsprecher" oder wie man damals sagte "zum Telegraphisten".

    Es waren ausnahmsweise kalte Märztage, als ich die Kenntnisse im Reiten erhielt. Es hatte mich zu den Pferden verschlagen. Mein feuriger Renner, der mir zugeteilt wurde, war der größte im Stall, ein dickleibiger, uralter Rotschimmel. "Napoleon" war sein stolzer Name. Ein Kunststück für sich, auf das steigbügellose Pferd hinaufzukommen. Die schweren Reitstiefel hingen wie Blei an den Füßen. Ich war doch sonst körperlich gar nicht so ungewandt, aber trotzdem war ich froh, als ich mit gütiger Unterstützung des Herrn Unteroffiziers endlich im Sattel saß. Um ein Haar wäre ich auf der anderen Seite gelandet. Einen stolzen Anblick mag ich damals wahrscheinlich nicht geboten haben. Aber im Schritt ging es noch leidlich. Bei dem Kommando "im Arbeitstempo trab", behagte aber meinem Renner die Schrittgeschwindigkeit seiner Artgenossen wenig und bald hing ich meterweit hinterher.


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12545 / 171859
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http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Christine Sörje
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